Boris Palmer und der Transaktivismus – sie werden nicht mehr miteinander warm. Ein Kommentar zu einem Shitstürmchen.

19. März 2026 | Jan Feddersen
Jetzt gibt es sogar eine Petition gegen ihn, den überaus populären, gelegentlich sprachausrutscherischen Oberbürgermeister von Tübingen, Boris Palmer. Gefordert wird: „Keine Ämter für Boris Palmer!“
Kontroverses Interview?
Hintergrund: Palmer als Nicht-mehr-Grünen-Mitglied schien im Gespräch, in der neuen, nun von Cem Özdemir, Grünen-Mitglied in jeder Hinsicht, angeführten Landesregierung Baden-Württembergs, ein Ministeramt zu übernehmen. Dann gab der Tübinger OB der offen queerkritischen Journalistin Judith Sevinç Basad ein Interview in Form eines Podcast-Gesprächs.
Auf die sachlich, keineswegs aggressiv gestellte Frage nach der Vielfalt der Geschlechter erklärte Palmer, „biologisch“ gäbe es nur zwei Geschlechter. Zudem sagte er: „Wenn Sie über Geschlechter im Sinne von sozialen Konstrukten reden, kann es unendlich viele geben, denn die Fantasie des Menschen ist quasi unbegrenzt.“ und sagte u.a. auf die Frage, ob er einverstanden sei mit dem Hinweis der früheren (grünen) Familienministerin Lisa Paus, dass Transfrauen Frauen seien.
Darauf sagte er:
„Trans* Frauen sind Menschen, die als Mann geboren wurden und dann auf welchem Weg auch immer entschieden haben, die Rolle einer Frau zu leben. Das ist legitim. Daran gibt’s nichts auszusetzen. Das ist auch nicht unmoralisch und auch nicht verwerflich und darf nicht mit Diskriminierung beantwortet werden. Aber es macht halt den Unterschied, als Frau geboren zu werden, nicht weg. Da bleibt ein Unterschied.“
Boris Palmer empört Queers
Die queere Medienlandschaft empörte sich erwartungsgemäß. Das Szenemedium queer.de schrieb:
„Zuletzt profilierte sich der Kommunalpolitiker auch vermehrt mit transfeindlichen Anspielungen und Äußerungen und sprach schon 2023 trans Frauen ab, Frauen zu sein.“
„Diese Äußerungen stießen in Politik und Zivilgesellschaft auf breite Ablehnung und verstärkten den Druck, Palmer keine Regierungsrolle zu übertragen. Die Grüne Jugend sowie zahlreiche LGBTIQ+-Aktivistinnen und -Aktivisten forderten öffentlich, Palmer solle in Baden-Württemberg kein Amt übernehmen.“
Wahr ist: Boris Palmer spricht das naturwissenschaftlich Zutreffende aus, er ist kein Geschlecht-ist-ein-Spektrum-Esoteriker, aber worauf es hier ankommt, ist folgender Punkt: Der Tübinger OB möchte nicht Transmenschen diskriminiert sehen, im Gegenteil, er ist für die Regenbogenflagge – und er vermutet (zurecht), dass identitäre Fragen von jedem Menschen unterschiedlich beantwortet werden.
Mehrheit gegen Geschlechteresoterik
Aber ist das, wie die Petition nahelegt, Hetze, transphob oder sonstwie menschenverachtend? Nein, nicht ein bisschen. Palmer selbst schreibt auf Facebook:
„In der Parallelwelt dieser Aktivisten ist es aber so: Die Aussage ‚Transfrauen sind keine echten Frauen‘ ist queerfeindlich. Diese Aussage stößt in Politik und Zivilgesellschaft auf breite Ablehnung und verstärkt den Druck, mir keine Regierungsrolle zu übertragen. Nichts davon ist auch nur entfernt mit der Realität verbunden. Ich habe Cem Özdemir gesagt, dass ich in Tübingen bleibe werde, bevor das Interview publiziert wurde, in dem ich die Frage beantworte, ob Transfrauen Frauen sind.
In Politik war das einfach gar keine Thema. Und wo das publiziert wurde, sind von 1000 Kommentaren 950 zustimmend zu meiner Position. Wer so sich realitätsfremd aufführt, darf sich nicht wundern, wenn andere einen nicht verstehen. Wie wäre es, den Versuch zu machen, die Realität erstmal zu betrachten und dann weiter zu debattieren?“
Ich hätte nicht gedacht, dass ich einem (grünen, ob Parteimitglied oder nicht) wie Boris Palmer mal in dieser Weise zustimmen würde, aber hat er nicht recht?
Jan Feddersen ist Gründungsvorstand der Initiative Queer Nations und Redakteur für besondere Aufgaben bei der taz.
Auf ein Wort in eigener Sache: Die 2005 gegründete Initiative Queer Nations versteht sich getreu des Mottos von Magnus Hirschfeld „Durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit“ als Debattenplattform. Im Blog gibt es Kommentare, Analysen, Berichte zu aktuellen Themen, die unsere Arbeitsschwerpunkte berühren. Neben der Herausgabe des „Jahrbuchs Sexualitäten“ seit 2016 und Veranstaltungen, etwa unseren Queer Lectures, erweitern wir damit unser Angebot. Wir sagen: Mainstream kann jeder – wir haben das nicht nötig! Wir arbeiten ehrenamtlich. Alle Texte in unserem Blog sind kostenfrei zugänglich. Damit das weiterhin möglich ist, freuen wir uns sehr, wenn Sie uns mit einer Spende oder Mitgliedschaft bei der IQN e.V. unterstützen.