Wenn „Fetisch“ zur Identität erklärt wird, verschwimmen Verantwortung und Grenzen. Ein Kommentar zur Debatte um Christian Ulmen, seinem Missbrauch von Deepfake‑Pornografie von seiner Ex-Frau Collien Fernandes und Fetisch als Ausrede.

Christian Ulmen moderiert den Webvideopreis 2015
Christian Ulmen moderiert den Webvideopreis 2015 (Foto: Wikimedia Commons).

22. März 2026 | Till Randolf Amelung

Seit Collien Fernandes den erfahrenen Missbrauch in Form von „Deep Fake“-Pornografie durch ihren Ex-Mann Christian Ulmen öffentlich machte, solidarisieren sich immer Prominente mit der Fernsehmoderatorin. Fernandes wirft Ulmen vor, pornografisches Material, was ohne ihr Einverständnis erstellt wurde, missbraucht und sich online in Chats als sie ausgegeben zu haben, um dieses Material an andere Männer zu schicken. Unklar ist, ob Ulmen auch die Pornos selbst erstellt hat.

„Leider Fetisch entwickelt“

Der Spiegel, der die Story zuerst an die Öffentlichkeit brachte, zitiert aus einer vertraulichen E-Mail Ulmens an einen Strafverteidiger:

„Er habe, schrieb er, in den vergangenen zehn Jahren ‚leider einen sexuellen Fetisch‘ entwickelt: Immer wieder habe er auf den Namen seiner Frau Fakeprofile auf sozialen Medien angemeldet, über die Accounts habe er mit Männern gechattet, geflirtet, ‚bis hin zum Sex-Talk‘.“

Ulmens geschädigte Ex-Frau hat in Spanien, wo das Paar zuletzt gemeinsam lebte, Strafanzeige erstattet. Dort wird mittlerweile generell schärfer gegen geschlechtsspezifische Gewalt gegen Frauen vorgegangen. Es obliegt nun den Ermittlungsbehörden, den Sachverhalt aufzuklären. Doch was bereits auffällt, ist der mutmaßliche Verweis Ulmens auf einen sexuellen Fetisch, den er „leider“ entwickelt habe. Dies erweckt den Eindruck, als wolle hier jemand suggerieren, er könne letztendlich keine Verantwortung für sein Verhalten übernehmen.

BDSM selbstverständlicher?

Wer sich in den vergangenen Jahren mit heterosexuellen Frauen über Dating ausgetauscht hat, konnte häufiger weibliche Frustration vernehmen, dass immer mehr Männer beim Sex Praktiken einfordern, die man früher noch als extremere Varianten aus dem Bereich BDSM einordnete. Dazu zählt beispielsweise Atemkontrolle oder auch Würgen.

Was lange als Nische galt, hat sich vor allem auch in der Pornografie weit verbreitet – d.h., es gibt viel mehr Filme mit Würgeszenen und sie werden auch stärker nachgefragt. In Großbritannien plant man deshalb, Pornografie mit Würgeszenen zu verbieten und dies in Gesetzesvorhaben zum Schutz von Frauen vor Gewalt zu integrieren. Demnach soll sich künftig strafbar machen, wer solche Pornos besitzt oder veröffentlicht. Meldungen über dieses Vorhaben stammen von November vergangenen Jahres, es ist bisher nicht bekannt, ob es umgesetzt wurde.

Angst statt Konsens

Man kann sich darüber streiten, ob ein Verbot das Problem löst. Doch dass es ein Problem gibt, was auf fragwürdiges Anspruchsdenken und Frauenfeindlichkeit hindeutet, ist offensichtlich. In einem Bericht des WDR zum britischen Verbot heißt es:

„Mehr als die Hälfte der unter 35-Jährigen hat laut einer jüngsten Umfrage Strangulation bereits erlebt, die knappe Mehrheit hatte Angst dabei und nur eingewilligt, um ihrem Partner einen Gefallen zu tun.“

Frauen haben zudem dem Autor dieses Artikels in persönlichen Gesprächen berichtet, dass sie mit Männern konfrontiert waren, die mit der hippen Vokabel „Kink“ Sexualpraktiken einfordern wollten und bei Ablehnung das zu einer Sache von Identität machten und zugleich noch die Frauen als „prüde“ hinstellen wollten. In Bezug auf Würgen beim Sex verwies das Magazin Glamour schon 2023 auf eine US-Studie, die zeigte, dass in Pornos vor allem Männer würgen und Frauen die Gewürgten sind. In Pornos ist diese Rollenverteilung ähnlich oft zu sehen.

Sexualität als Identität

Zugleich hat in den vergangenen Jahren ein Verständnis von Sexualität um sich gegriffen, was diese identitär auflädt. Damit verbunden werden oft auch Reflexion des Eingebundenseins in reale gesellschaftliche Machtverhältnisse und Grenzziehungen teils mit Empörung zurückgewiesen. Wobei Identität als Ausflucht vor Verantwortungsübernahme für das eigene Verhalten und vor Änderung desselben nicht nur im Kontext Fetisch/Kink auftritt.

Was sollte man also bereits jetzt für Schlüsse ziehen, unabhängig davon, wie das Verfahren gegen Christian Ulmen endet?

  1. Sexuelle Identität darf keine Rechtfertigung für grenzüberschreitendes Verhalten und auch keine Immunisierung vor Grenzsetzungen sein.
  2. Fetisch/Kink muss in seiner Ambivalenz zwischen sexueller Entfaltung, Selbstbestimmung und Verwobenheit mit gesellschaftlichen Verhältnissen kritisch betrachtet werden dürfen.

Till Randolf Amelung ist Redakteur des IQN-Blog und seit Juli 2024 auch Mitglied des IQN-Vorstand. Als freier Journalist veröffentlicht er mit Schwerpunkt auf geschlechterpolitischen Themen auch in anderen Medien und in wissenschaftlichen Sammelbänden wie dem Jahrbuch Sexualitäten der IQN.


Auf ein Wort in eigener Sache: Die 2005 gegründete Initiative Queer Nations versteht sich getreu des Mottos von Magnus Hirschfeld „Durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit“ als Debattenplattform. Im Blog gibt es Kommentare, Analysen, Berichte zu aktuellen Themen, die unsere Arbeitsschwerpunkte berühren. Neben der Herausgabe des „Jahrbuchs Sexualitäten“ seit 2016 und Veranstaltungen, etwa unseren Queer Lectures, erweitern wir damit unser Angebot. Wir sagen: Mainstream kann jeder – wir haben das nicht nötig!  Wir arbeiten ehrenamtlich. Alle Texte in unserem Blog sind kostenfrei zugänglich. Damit das weiterhin möglich ist, freuen wir uns sehr, wenn Sie uns mit einer Spende oder Mitgliedschaft bei der IQN e.V. unterstützen.