Seit dem 7. Oktober 2023 gewinnt eine neue autoritäre Linke an Einfluss – auch in queeren Räumen. Ein neues Buch von Nicholas Potter zeigt, wie Antiimperialismus, Israelhass und Gewaltlegitimation in linken Aktivismus einsickern, Debatten vergiften und die demokratische Gesellschaft herausfordern.

3. April 2026 | Till Randolf Amelung
Besonders seit dem terroristischen Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 haben linke Gruppen Aufwind, die von antiimperialistischen Ideologien und autoritären Praktiken geprägt sind. Diese Gruppen beteiligen sich sowohl an Demos, aus denen mit dem Slogan „Free Gaza from the river to the sea“ Israel das Existenzrecht abgesprochen wird, als auch an diversen Camps oder Hörsaalbesetzungen an Hochschulen. Es ist eine enorme Aggressivität zu spüren, Andersdenkende werden auch mit Gewalt verdrängt. Eine kritische Presse wird ebenso wenig geschätzt. Journalisten werden gar bedroht, wie auch der taz-Journalist Nicholas Potter am eigenen Leib erfahren musste.
Potter hat seine Erfahrungen mit diesen linken Gruppen zum Anlass genommen, die Entwicklungen ihrer Radikalisierung nachzuzeichnen, wobei besonders die Agitation gegen Israel im Mittelpunkt steht. Doch seine Recherchen zeigen auch, dass es dort nicht aufhört und die linksautoritären Gruppen auch andere Themen wie LGBTIQ oder Feminismus nutzen, um sie mit ihrem ideologischen Spin zu infiltrieren. In den CSD-Saisons nach 2023 beispielsweise, drängte sich antisemitischer Palästina-Aktivismus in viele Paraden und führte zu massiven Konflikten.
Young Struggle – Queerer Stalinismus
Sehr umtriebig in der Hinsicht ist „Young Struggle“ (YS), die 2010 gegründete international agierende Jugendorganisation der türkischen Marxistisch-Leninistischen Kommunistischen Partei (MLKP), die in der Türkei verboten ist. In Deutschland werden ihre Gruppen vom Verfassungsschutz beobachtet. Potter schreibt in seinem Buch, dass YS „streng hierarchisch organisiert“ sei und sogar einen Stalin-Lesekreis veranstaltet habe, „um das autoritäre Gedankengut Stalins unter den jungen Teilnehmenden wachzuhalten“. Selbstredend glorifizierte YS das Hamas-Massaker von 7. Oktober als „Befreiungsschlag“.
YS agitiert nun auch verstärkt unter jungen Queers und hat dafür „Pride Rebellion“ gegründet. Gerade über „Pride Rebellion“ wurde antisemitischer Palästina-Aktivismus aggressiv in CSD-Paraden in ganz Deutschland hineingetragen. Zudem haben sie 2025 die Kampagne „CSD verteidigen“ aufgesetzt, mit dem sie sich als Schutztruppe vor Angriffen durch Rechtsextreme präsentieren wollen. Auch für die CSD-Saison 2026 machen sie wieder mobil.
Im schweizerischen Untergrund-Blättle gibt es eine ausführliche Kritik an „Pride Rebellion und ihrer CSD-Kampagne. Darin heißt es unter anderem, es würde von „Pride Rebellion“ im Vorfeld kein Kontakt, keine Abstimmung mit lokalen linken Strukturen sowie den CSD-Orgas selbst gesucht. Vielerorts war diese vermeintliche Schutztruppe sogar unerwünscht. Doch das hielt „Pride Rebellion“ nicht ab. Stattdessen wurde der CSD genutzt, um sich mit dem Hauptthema von „Young Struggle“ breit zu machen – der sogenannten „Palästinasolidarität“.
Gegen den Westen und Israel
Potter skizziert das dichotome antiimperialistische Weltbild dieser AktivistInnen:
„Die neue autoritäre Linke kämpft ausschließlich gegen eine aus ihrer Sicht imperialistische Hegemonie des Westens, mit dem Ziel, diese aufzubrechen. Israel – ausgerechnet ein Land, das von Holocaust-Überlebenden mitgegründet wurde und in dem viele Juden leben, die aus arabischen Ländern gewaltvoll vertrieben worden oder geflohen sind – , aber auch Zionisten weltweit werden zur Speerspitze eines kapitalistischen Imperialismus umgedeutet, der zerstört werden müsse. Diejenigen, die selbst keinen Hehl aus ihren Großmachtfantasien machen, wie eben Russland, China und Iran, werden paradoxerweise als Verbündete in diesem Kampf gesehen.“
Dogmatische antiimperialistische Linke gibt es seit Jahrzehnten, doch wie Potter schreibt, ist dies hier eine neue Entwicklung:
„Der Antiimperialismus von gestern hat nicht nur ein neues Gesicht bekommen, er ist auch Mainstream geworden. Früher innerhalb geschlossener K-Gruppen der 1970er- und 1980er-Jahre gepredigt, gewinnt er heute viele junge Menschen auch abseits klassischer dogmatischer linker Bewegungen. Er erreicht ein Massenpublikum auf Festivalbühnen, Social-Media-Timelines und Großdemonstrationen.“
Autoritär gewendete Intersektionalität
Doch warum erreicht dieser Antiimperialismus mit stalinistischem Mief ausgerechnet die LGBTIQ-Community? Ein Schlüssel zum Verständnis mag die Verbreitung einer Auffassung von Intersektionalität sein, die auf die US-amerikanische Soziologin und ebenfalls antiimperialistisch geprägte Aktivistin Angela Y. Davis zurückgeht. Darin geht es nicht nur um Verschränkungen von Diskriminierungserfahrungen über Rasse, Klasse, Geschlecht. Vielmehr werden darauf basierende Analysen zum Ausgangspunkt genommen, auch im Aktivismus solidarisch zu sein. Was eben in dieser Lesart für LGBTIQ hieße, sich auch für die Forderungen der Palästinenser einzusetzen.
Zur Frage, warum dabei ausgerechnet Gewalt wie durch die Hamas glorifiziert wird, lässt Potter die israelische Soziologin Eva Illous zu Wort kommen:
„Die Faszination der Linken für Gewalt ist eine alte Geschichte, die fast immer sehr schlecht ausgegangen ist.“
Illouz attestiert außerdem einen „revolutionären Kitsch“. Gerade Letzteres sorgt wohl für einen Brückenschlag zu LGBTIQ. Denn jedes Jahr wird aufs Neue darüber gezankt, dass die CSD-Paraden nicht politisch genug seien. Der Slogan „Stonewall was a riot“ wird gern von denen hochgehalten, die anderen das Ankommen in einer bürgerlichen Gesellschaft übelnehmen.

Nicholas Potter: Die neue autoritäre Linke: Eine akute Bedrohung für die demokratische Gesellschaft. dtv 2026, 20 Euro, ISBN: 978-3423264488.
Gesellschaft muss Grenzen setzen
Potter fordert zu Recht:
„Gerade deshalb muss die demokratische Gesellschaft der neuen autoritären Linken klare Grenzen setzen – und gleichzeitig diejenigen stärken, die sich ihr trotz erheblichem Gegenwind entgegenstellen.“
Insgesamt lässt sich sagen, dass Nicholas Potter ein notwendiges Buch vorgelegt hat. Jedoch wurden die Entwicklungen seit dem 7. Oktober 2023 schon länger vorbereitet. Bereits mit dem Erscheinen des Sammelbandes „Beißreflexe“ 2017 wurden in linken und queeren Szenen autoritäre und dogmatische Praktiken dokumentiert.
Außerdem fokussiert sich Potter sehr auf den Israelhass. Dabei gibt es auch ein anderes Thema, wo es autoritär zugeht und vor Gewalt gegen Andersdenkende mitunter nicht zurückgeschreckt wird: Geschlecht und „Trans“ im Besonderen. Dieser Themenkomplex ist ebenfalls ein Spaltpilz in linken Kreisen und ein autoritärer Umgang damit eine Herausforderung für die demokratische Gesellschaft. Das sollte nicht übersehen werden.
Till Randolf Amelung ist Redakteur des IQN-Blog und seit Juli 2024 auch Mitglied des IQN-Vorstand. Als freier Journalist veröffentlicht er mit Schwerpunkt auf geschlechterpolitischen Themen auch in anderen Medien und in wissenschaftlichen Sammelbänden wie dem Jahrbuch Sexualitäten der IQN.
Auf ein Wort in eigener Sache: Die 2005 gegründete Initiative Queer Nations versteht sich getreu des Mottos von Magnus Hirschfeld „Durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit“ als Debattenplattform. Im Blog gibt es Kommentare, Analysen, Berichte zu aktuellen Themen, die unsere Arbeitsschwerpunkte berühren. Neben der Herausgabe des „Jahrbuchs Sexualitäten“ seit 2016 und Veranstaltungen, etwa unseren Queer Lectures, erweitern wir damit unser Angebot. Wir sagen: Mainstream kann jeder – wir haben das nicht nötig! Wir arbeiten ehrenamtlich. Alle Texte in unserem Blog sind kostenfrei zugänglich. Damit das weiterhin möglich ist, freuen wir uns sehr, wenn Sie uns mit einer Spende oder Mitgliedschaft bei der IQN e.V. unterstützen.