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Queer Lecture | Queer Screen: „Oriented“: Rückblick

Eine Nachbetrachtung unseres Queer Screenings von „Oriented“ am 20. Juni im taz Café.

Queer Screening von Jake Witzenfelds „Oriented“

Von Babette Reicherdt

Im Rahmen des Queer Screenings der IQN wurde am 20.06.2016 im taz-Café vor einem zahlreichen Publikum der Dokumentarfilm „Oriented“ gezeigt. Die Produktion des britischen Regisseurs Jake Witzenfeld aus dem Jahr 2015 zeigt das Leben dreier schwuler Palästinenser mit israelischem Pass aus Tel Aviv. Witzenfeld begleitet die drei Protagonisten über einen Zeitraum von 18 Monaten und filmt sie in ihren Wohnungen, im Haus ihrer jeweiligen Herkunftsfamilien, auf Familienfesten und in schwulen Clubs.

Schauplätze sind die Städte Tel Aviv, Amman und schließlich Berlin. Khader, Fadi und Naim sind drei schwule Mittzwanziger, die zu der aktivistischen Videoperformance-Gruppe „Qambuta Productions“ gehören. Die Dokumentation zeigt sie hauptsächlich in Gesprächen miteinander, mit Familie und Freunden und beleuchtet politische Debatten vor dem Hintergrund persönlicher schwuler Lebensgeschichten, ohne dabei eindeutige Standpunkte vorzugeben.

Coming out – eine universale Kategorie?

Als einen Schwerpunkt diskutiert der Film das in der Geschichte der Homosexualität_en zentrale Narrativ des Coming-out und wirft die Frage auf, ob es sich tatsächlich um eine universale menschliche Erfahrung handelt, sich vor seiner Herkunftsfamilie zu seiner Homosexualität und damit einer zentralen Differenz zu bekennen, unter dem Risiko des Ausgestoßenwerdens und Alleinbleibens.

An der Geschichte von Naim, dessen Familie im ländlichen Raum lebt, und der seinen Eltern schließlich in einem Brief von seinem Schwulsein erzählt, entwickelt sich eine vermeintlich klassische Coming-out-Geschichte. Im Gegensatz zu Naim sind Khader und Fadi mehr oder weniger als offen schwul in ihren Familien bekannt.

Identitäten – mehrfach relational

Die aufgeworfenen Fragen nach sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität sind aufs engste verknüpft mit ihren Vorstellungen von nationaler und ethnischer Zugehörigkeit: Wer darf sich wie identifizieren? Eine große Rolle spielt dabei die Familie, die maßgeblich die Zugehörigkeit zu einer Gruppe mitbestimmt. Diese Verflochtenheit kann nicht voneinander gelöst werden und ist mit dem modern-westlichen Konzept von individuellem Glück durch romantische Liebe nicht zu klären.

In einer Szene sehen wir einen Dialog Fadis mit einer Freundin, die auch in beinahe allen Situationen dabei ist, von der selbst wir jedoch nichts weiter erfahren. Als ihr Fadi, der zu Beginn seine Position verdeutlicht hat, niemals einen jüdischen Israeli daten zu können, von seiner frischen Affäre mit einem israelischen Soldaten – einem Zionisten, wie er sagt – erzählt und seine Konflikte schildert, in die ihn sein Verliebtsein bringe, übernimmt sie den Part derjenigen, die für ein „Love is love“ spricht. Wenn man verliebt ist, sei es egal, was andere denken. Dieses Plädoyer für ein Konzept romantischer Liebe und Lebensplanung wirkt merkwürdig unvermittelt in den ansonsten begegnenden Erzählungen von intersektional gedachter Identität.

Der im Raum stehende Verdacht, der Film könne sich in den Dienst eines „Pinkwashings“ stellen, also jenen Diskurs, der den Staat Israel und seine vermeintlich liberale Politik gegenüber LGBTI-Personen als Ablenkungs- und Normalisierungsstrategie der problematischen Siedlungspolitik beschreibt, wurde in die anschließende Diskussion getragen.

Obwohl das geplante Skype-Gespräch mit dem Regisseur leider nicht zustande kommen konnte, entfaltete sich eine lebhafte Diskussion um den Film, in der wiederholt festgestellt wurde, dass der Film – zweifellos aus einer politisch linken Perspektive entwickelt – sich um große Offenheit in dieser Debatte bemüht. Als schwuler Sehnsuchtsort wird gerade nicht Tel Aviv dargestellt. Gedreht wurde „Oriented“ aber auch im jordanischen Amman und in Berlin. Deutlich wurde, dass „das Politische“ nicht vom „Persönlichen“ trennbar ist und ein Coming-out zwar als Bestandteil homosexueller Lebenswelten verstanden werden kann, aber zu jeder Zeit in seiner je eigenen Kontextualisierung betrachtet werden muss.

ORIENTED | Dok | ISR/UK 2015 | 80′ | engl./arab./hebr. OV | Jakob Witzenfeld