In der taz Kantine wurde das neue Jahrbuch Sexualitäten 2026 vorgestellt. Die Herausgeber Jan Feddersen und Rainer Nicolaysen führten durch die Beiträge, darunter zu Thomas Mann, §175, Bruno Balz, polnischer Gegenwartskunst und kontroversen Fragen rund um Geschlecht, Medizin und Aktivismus.

Von Redaktion
„Machen wir es doch einfach so, als ob wir in der Küche sprechen – morgens oder wann auch immer“, leitete Jan Feddersen als Moderator am Freitagabend die so gut wie besuchte Release-Party für das Ende Juni im Göttinger Wallstein-Verlag erschienene „Jahrbuch Sexualitäten“ 2026 in der taz Kantine ein. Rainer Nicolaysen, sein Co-Moderator, fügte hinzu:
„Wir beide, Jan und ich, haben letztes Jahr auch zusammen moderiert, und da habe ich gesagt, das ist das erste Mal, dass das Ehepaar zusammen auf der Bühne ist und moderiert. Und jetzt wollten wir es dies Jahr wieder machen und haben gesagt, also eigentlich müssen wir uns vorstellen, du hast das eben gesagt, wir sitzen bei uns in Neukölln in der Küche und reden miteinander so über die einzelnen Beiträge, über die Autoren, Autoren über das Jahrbuch, über das Werden dieses Jahrbuchs, so wie wir das von Anfang an gemacht haben.
Und so ist das Jahrbuch eigentlich entstanden auch, nämlich bei uns in Neukölln in der Küche vor 11 Jahren, als wir sagten, was wollen wir machen? Wir wollen eigentlich ein Jahrbuch machen, in dem die Texte stehen, die wir immer schon mal lesen wollten, die wir aber nirgendwo so richtig in den Periodik finden.“
Mit dieser charmanten Leichtigkeit führten die beiden Senior Editors durch die Themenvielfalt der neuen Jahrbuch-Ausgabe. Unterstützt wurden sie dabei durch die ErstleserInnen Thomas Sparr, Inge Bell, Kevin Clarke, Vojin Saša Vukadinović sowie Stephan Wackwitz, die jeweils einen Text aus dem Jahrbuch als PatInnen vorstellten.
Das Schwulsein von Thomas Mann
Den Anfang machte Thomas Sparr, lange Jahre als Lektor im Suhrkamp-Verlag tätig, der den Essay „Thomas Mann 2025. Anmerkungen zur aktuellen Wahrnehmung des Autors als Homosexueller“ des renommierten Thomas-Mann-Forschers Hans Rudolf Vaget vorstellte. Sehr knapp gesagt, wendet sich Vaget gegen eine Deutung, die Thomas Manns Leben aufgrund nicht offen gelebter Homosexualität als „verfehlt“ darstellt, was insbesondere – aber nicht nur – eine Replik auf die im vorigen Jahr erschienene Thomas-Mann-Biographie Tilmann Lahmes ist. Vagets Essay hat indes vergangene Woche auch Resonanz in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erfahren, in der Edo Reents Lahmes Arbeit verteidigte.
Sparr resümiert:
„Ich muss sagen, das ist mehr als ein Essay. Das ist im Grunde ein Plädoyer für die Erforschung der Homosexualität im Werk von Thomas Mann und in seiner Biographie, aber eine schroffe Wendung gegen einen Biographismus, der dann auch noch unzulänglich und wie ich glaube, Tilmann Lahme möge mir das verzeihen, einfach schablonenhaft ist und gar nicht einem differenzierten Blick genügt, den Thomas Mann ohnehin verdient hat und den uns Hans Rudolf Vaget mit seinem wirklich exzellenten Beitrag schenkt.“
Das Lügengeflecht um Bruno Balz
Nach dem Essay folgte die Vorstellung der anderen Beiträge, darunter der von Judith Kessler, die in ihrem Jahrbuch-Text ihre Recherche zur Biographie über den prominenten schwulen Schlager-Texter Bruno Balz („Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n“ u.a.) nachzeichnete. Vorgestellt wurde ihr Beitrag von Kevin Clarke, der nicht nur Journalist, sondern als Musikwissenschaftler auch Experte für das Genre der Operette ist. Kesslers Beitrag entzaubert die Darstellung von Balz als NS-Opfer und wegen seiner Homosexualität Verfolgten – die Archivlage gibt es nicht her. Clarke hebt in seiner Rede hervor, wie wichtig Kesslers Text ist:
„Während die Literaturwissenschaft und auch die Filmforschung schon sehr früh angefangen haben, kritisch über die NS-Zeit und das Erbe zu arbeiten, gab es in Deutschland und in Österreich zum Thema Unterhaltungsbranche immer nur sehr zaghafte Versuche, bis gar keine, weil man meinte, Unterhaltungsindustrie ist halt seichte Kunst und lohnt sich nicht damit ernsthaft intellektuell auseinanderzusetzen. Also insofern ist das auch ein tolles Beispiel dafür, wie es anders geht. Und bis heute ist auch für viele immer noch Homosexualität eine Art Tabu, wo gesagt wird, ist ja Privatsache, muss man ja nicht offen behandeln.“
Paragraf 175 in der BRD
Vojin Saša Vukadinović, Historiker und Stammautor im Jahrbuch Sexualitäten, stellte als nächstes zwei Texte zum Paragrafen 175 in der Bundesrepublik Deutschland vor, geschrieben von Matthias Gemählich und Alexander Zinn, die jeweils unterschiedliche Akzente setzten. Gemählich wertete Gerichtsakten aus Frankfurt von nach Paragraf 175-Verurteilten aus und fragte, ob homosexuelle KZ-Überlebende angesichts ihrer individuellen Leidens- und Verfolgungsgeschichte bei einer erneuten Anklage wegen homosexueller Handlung auf Milde durch die Gerichte der neu gegründeten Bundesrepublik hoffen konnten oder ob dies nicht der Fall war. Zinn hingegen beschäftigte sich mit der Debatte um eine Reform des Paragrafen 175 in den 1950er Jahren der Bundesrepublik Deutschland, die durch eine Gleichzeitigkeit von Starrsinn und zunehmender Liberalisierung gekennzeichnet war.
Laudator Vukadinovic:
„Neben dem wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung des frühen bundesdeutschen Sozialrechts wie Mentalitätsgeschichte, alle drei Dimensionen sind in den beiden Aufsätzen selbsterklärend, gibt es noch einen darüberhinausgehenden Aspekt, der hier auffällt. Diese weitere gewinnbringende Ebene beider Artikel besteht darin und dies ist nicht explizit in ihnen angelegt, vor dem Hintergrund der politischen Debatten der Gegenwart aber sehr wohl präsent.
Eine weitere gewinnbringende Ebene beider Artikel besteht nun darin, dass sie an das gemahnen, was Geschichtswissenschaft zwingend zu sein hat, nämlich die Korrektur einfacher Gewissheiten, das heißt die Vergangenheit betreffender Pseudowissensformen oder eben rückwärtsgewandter Mythen des Alltags, zu denen bekanntlich die geflügelte und unsterbliche Annahme gehört, Geschichte würde sich wiederholen. Nein, das tut sie nicht.“
Transkinder in den USA
Schließlich stellte Inge Bell, Frauenrechtlerin und Medienunternehmerin, den Beitrag „Kinder als Sollbruchstelle. Wie der gender-affirmative Ansatz in den USA scheiterte“ vor, geschrieben von Jahrbuch-Mitherausgeber Till Randolf Amelung. Darin befasst sich der Autor mit einem medizinischen Behandlungsansatz für Kinder und Jugendliche, die unter den körperlichen Merkmalen ihres biologischen Geschlechts leiden, der weltweit zuerst als progressiv gefeiert wurde und nun wegen hoher Risiken für die Gesundheit zunehmend in der Kritik steht, gar wieder zurückgefahren wird. Ein besonderes Beispiel ist die USA, da sie im Umgang mit Trans lange Zeit als vorbildlich dargestellt wurde. Bell hebt lobend hervor:
„Till hat sehr viel und tolles und dichtes Material auf zwanzig Seiten versammelt. Das, was ich gesagt habe, ist nur so wenig. So. Und deutlich wird aber doch, dass es keine Sollbruchstelle ist, wie der Titel sagt. Ich persönlich möchte sagen, was hier deutlich wird, ist, dass Kinder nicht die Sollbruchstelle sind, sondern Kinder waren und sind noch Versuchskaninchen im medizinischen Feld und sie sind Spielball im politischen und ideologischen Feld. Wohin wir müssen, und das macht Till auch sehr klar, ist verantwortungsvolle Medizin, klare Berichterstattung, offene Forschung und Ärzte, Pädagogen, Eltern, die auch widersprechen.“
Fünf Freunde und polnische Gegenwartskunst
Vom „Transkind“ ging es danach zur Kunst über und damit zu zwei Beiträgen, die Erstleser und Schriftsteller Stephan Wackwitz vorstellte: Einer Rezension der Ausstellung „Fünf Freunde“ von Rainer Nicolaysen, die sich mit dem Wirken einer sehr bedeutenden New Yorker Künstlergeneration befasste, zu der Robert Rauschenberg, Cy Twombly, Jasper Jones, John Cage und Merce Cunningham gehörten – diese waren zusammen Ende vorigen Jahres in der vielgelobten Ausstellung im Kölner Museum „Ludwig“ zu sehen. Wackwitz hebt hervor:
„Die Ausstellung und Rainers Rezension weisen sehr deutlich und empathisch auf den Skandal hin, dass dieses Beziehungsgeflecht übrigens ähnlich wie das Beziehungsgeflecht, das nicht-schwule Beziehungsgeflecht der Romantiker jahrzehntelang totgeschwiegen wurde oder jedenfalls in der kunsthistorischen Literatur keine Rolle gespielt hat und ausgeblendet wurde.“
Der zweite Text ist von Vojin Saša Vukadinović und widmet sich dem Werk und dem Wirken dreier polnischer schwuler Gegenwartskünstler, namentlich Krzysztof Gil, Grzegorz Piniak und Juliusz Lewandowski. Wackwitz würdigt auch diesen Text und hebt Vukadinovićs Kritik hervor, was im deutschen Diskurs über Polen fehlt:
„Er weist erstens auf die erfreuliche Entwicklung hin, die diese Künstler reflektieren. Und weist zweitens auf den Skandal hin, dass in der deutschen Diskussion weitgehend ignoriert wird, wie große Fortschritte diese Emanzipation der gleichgeschlechtlichen Liebe in den letzten Jahrzehnten in Polen tatsächlich gemacht hat. Das ist ein eine der vielen in Deutschland weitgehend unbekannten Erfolgsgeschichten dieses Landes […].“
Faika El-Nagashi und ihr Aktivismus
Die letzte Rede wurde erneut von Inge Bell gehalten, die in Vertretung für die leider krankheitsbedingt abwesende Emily Lau das Gespräch von Jan Feddersen mit der österreichischen Aktivistin und Lesbe Faika El-Nagashi vorstellte. Wie Bell ausführte, besteht das Gespräch aus drei thematischen Strängen: Das Aufwachsen als Mädchen mit Migrationshintergrund in Österreich, das Coming-out als Lesbe und das politische Engagement für die Rechte von Frauen und Homosexuellen mit einem zweiten Coming-out als „gender-kritisch“, d.h. für das Beharren auf die Relevanz von biologischen Tatsachen bei Geschlecht. Durch Letzteres wurde die Österreicherin in ihren vormaligen Netzwerken plötzlich zur Aussätzigen. Kürzlich hat El-Nagashi die NGO „Athena Forum“ gegründet, mit der sie sich gegen die fortschreitende Etablierung entbiologisierter Geschlechterverständnisse in der Europäischen Union wendet. Inge Bell kommentiert:
„Faika El-Nagashi ist eine unglaublich mutige Frau, denn sie setzt durch ihr Engagement ihre gesamte berufliche, politische und auch private Existenz aufs Spiel. Und solche mutigen Menschen brauchen wir, wenn Ideologie gesunden Menschenverstand und wissenschaftliche Evidenz kapern will.“
Hiernach schloss sich ein geselliges Beisammensein mit anregenden Gesprächen an – bis in den späten Abend. Wir danken allen für diesen wirklich bezaubernden Abend!




