Eine Polizeirazzia im Berliner Gesundheitszentrum Casa Kuà sorgt für Proteste. Über mutmaßlich illegal abgegebene Hormonpräparate, DIY-Therapien, das transaktivistische Verständnis von medizinischer Selbstbestimmung und das geltende Recht.

Von Till Randolf Amelung
In der Berliner queeren Szene herrscht Aufregung: Am Sonntag wurde das queerfeministische Gesundheitszentrum Casa Kuà von der Polizei durchsucht – es besteht der Verdacht, dass in diesem Zentrum ein illegaler Handel mit verschreibungspflichtigen Medikamenten stattgefunden habe. Dabei geht es um Hormonpräparate, die von Transpersonen zum Zwecke einer Geschlechtsangleichung eingenommen werden.
Laut mehreren Medienberichten fand zeitgleich mit der Razzia die Veranstaltung eines Kollektivs von transfemininen Personen statt, die sich über Kryptowährung als Zahlungsmittel auf dem digitalen Hormonschwarzmarkt informieren wollten, um eine Hormontherapie ohne ärztliche Verordnung zu beginnen.
Razzia im Casa Kuà als Schikane?
Reaktionen folgten noch am selben Abend, als sich Transaktivistas und Alliierte, darunter laut taz auch eine frisch ins Berliner Abgeordnetenhaus gewählte Politikerin der Linkspartei, zu einem Protest vor dem Casa Kuà versammelten und „Hormone für alle“ forderten. In mehreren Kommentaren beklagten Transaktivistas in Sozialen Medien “Schikane“, „Willkür“, auch „1933“ wurde gewittert.
Der queerpolitische Sprecher der Linkspartei im Bundestag, Maik Brückner, beklagte am Montag:
„Die Bundesregierung kommt nicht damit voran, eine Regelungslücke zu schließen, die es trans Personen derzeit erschwert, Hormonpräparate für ihre Transition in Arztpraxen zu erhalten und die Kosten von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet zu bekommen. Und dann rückt auch noch das LKA in einem queeren Safe Space an, in dem sich Menschen über ihre Gesundheitsversorgung austauschen. Diese doppelte Diskriminierung ist absolut unverständlich in Zeiten wie diesen, in denen der Community der Anschlag auf den Berliner CSD noch in den Knochen steckt. Dass ausgerechnet in Kreuzberg eine Tradition von polizeilichen Repressionen auf queere Orte fortgesetzt wird, ist beschämend. Ich fordere Aufklärung über diesen Vorgang.“
Anonyme Strafanzeigen
Die Ende Oktober aus diesem Amt scheidende „Ansprechperson der Berliner Landesregierung für die Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt“, Alfonso Pantisano, wurde am Sonntag am Rande des Geschehens gesichtet. Auf Instagram veröffentlichte er am Montagabend, dass bereits Anfang dieses Jahres zwei anonyme Strafanzeigen gegen das Casa Kuà wegen Rezeptfälschungen und der Abgabe von Hormonpräparaten eingingen. Pantisano stellte klar, dass die Razzia nicht willkürlich erfolgt sei, sondern nach eingehenden Ermittlungen schließlich der richterliche Durchsuchungsbefehl erlassen wurde. Bei der Razzia seien dann „zahlreiche Medikamente und ein höherer vierstelliger Bargeldbetrag sichergestellt“ worden.
Hormone verschreibungspflichtig
Hormonpräparate wie Estradiol zu Feminisierung und Testosteron zur Maskulinisierung sind in Deutschland verschreibungspflichtig, dürfen also laut gesetzlichen Regelungen nur von MedizinerInnen verordnet und in Apotheken ausgegeben werden. Obwohl es in Deutschland Wege gibt, legal mit ärztlicher Verordnung Hormone für die eigene Geschlechtsangleichung zu erhalten, wird in transaktivistischen Kreisen immer offener eine Do-It-Yourself-Hormontherapie, also ohne ärztliche Verordnung, als seien Hormone Aspirin, geworben. Doch davon muss dringend abgeraten werden, denn falsche Dosierungen können zu schweren gesundheitlichen Schäden führen.
Allerdings hadern viele transaktivistisch Orientierte damit, dass sie eine psychotherapeutisch ausgestellte Indikation benötigen oder mit teils langen Wartezeiten auf einen Facharzttermin warten. Schnelle Abhilfe verspricht da die Bestellung im Internet. Zumal es für Transaktivistas unter dem Paradigma absoluter Selbstbestimmung nicht einzusehen ist, von ÄrztInnen abhängig zu sein.
Queere Gesundheitsgefährdung
Von so einem Ungeist war das 2020 gegründete Gesundheitszentrum Casa Kuà von Beginn an geprägt. So heißt es auf der Website des Hauses unter anderem in typischem Szene-Jargon:
„Das deutsche Gesundheitssystem ist nach weißen und cis-männlichen Normen gestaltet, was mit sexistischer, rassistischer, klassistischer, ableistischer und körpernegativer Diskriminierung einhergeht. Aus diesem Grund fallen viele inter*, abinäre, trans* Personen, Frauen, Menschen mit Behinderungen und dicke Menschen durch das reguläre Gesundheitssystem und leiden unter gesundheitsschädlichen Erkrankungen oder müssen sich mit einer unzureichenden Gesundheitsversorgung abfinden.“
Nun haben anonyme Anzeigen den mutmaßlichen Schwarzhandel in dieser Einrichtung vorerst beendet. Einer Einrichtung, die bereits mit Fördermitteln der öffentlichen Hand bedacht wurde, wie der Tagesspiegel berichtete – 2023 mit 250.000 Euro Es ist jedoch davon auszugehen, dass das Casa Kuà kein Einzelfall auf diesem Gebiet ist. Zumal bemerkenswert ist, wie offen die Informationsveranstaltung zu Kryptowährung und illegaler Beschaffung von Hormonpräparaten auf Instagram zu finden war – bis sie nun gelöscht wurde.

DIY-Hormontherapie auch anderswo
Auch in Hannover gab es schon Veranstaltungen, die für Hormontherapie ohne ärztliche Verordnung werben – so beispielsweise am 19. September unter dem Titel „Hormontherapie selbstgemacht“ inklusive Plüsch-Hai-Verlosung im „Andersraum“. Dieser Ort ist ein kommunal gefördertes queeres Zentrum. Ob solche Veranstaltungen zu einem verantwortungsbewussten Umgang mit der Gesundheit von Menschen und Steuergeldern gehören?
Eine Lobpreisung auf Do-It-Yourself-Hormontherapie findet man auch an Jüngere gerichtet. In der Winter-Ausgabe 2024 des Jugendmagazins Out, verantwortet vom queeren Bundesverband Lambda, findet sich ebenfalls ein solch unkritischer Umgang mit DIY-Hormontherapie. Lambda, die zuletzt den Verlust von grundständiger Bundesförderung beklagten, wäre gut beraten zu prüfen, ob vielleicht auch solche Verantwortungslosigkeiten mit zu diesem Verlust beigetragen haben könnten.
Generell sei Transaktivistas sehr ans Herz gelegt, sich zumindest ein bisschen für geltende Regeln zu interessieren. Hormonbeschaffung auf legalem Wege gehört dazu. Dann bekommt man keinen ungebetenen Besuch von der Polizei. Es ist in jedem Fall auch förderlicher für die eigene Gesundheit.
Till Randolf Amelung ist Redakteur des IQN-Blog und seit Juli 2024 auch Mitglied des IQN-Vorstand. Als freier Journalist veröffentlicht er mit Schwerpunkt auf geschlechterpolitischen Themen sowie in anderen Medien und in wissenschaftlichen Sammelbänden wie dem Jahrbuch Sexualitäten der IQN. Seit der Jahrbuch-Ausgabe für 2026 gehört er auch zu den Herausgebern.
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