Nach fast 50 Jahren stellt die feministische Zeitschrift Emma im Dezember 2026 ihr Erscheinen ein. Der Abschied von Alice Schwarzer und ihrem Magazin markiert das Ende einer Ära. Jan Feddersen und Till Randolf Amelung blicken auf Verdienste und Kontroversen, die Emma prägten.

Von Jan Feddersen und Till Randolf Amelung
Es war die Nachricht des Tages: „Nach 50 Jahren und 398 Ausgaben mit 36.584 Seiten verlässt Emma die Bühne.“ So verkündeten Alice Schwarzer und ihre Redaktion am Mittwoch, dass die feministische Zeitschrift Emma (Titelschöpfung nach dem Ziel der Emanzipation, auch nach dem Schmähwort gegen Frauenrechtlerinnen Emanze) nach fast 50 Jahren eingestellt wird. Am 8. Dezember 2026 soll Schluss sein, zu diesem Anlass wird eine besonders dicke Ausgabe erscheinen. In der veröffentlichten Erklärung heißt es zur Begründung:
„Wir gehen nicht aus ökonomischen Gründen. Sicher, auch unsere Auflage sinkt. Aber unsere Einnahmen decken immer noch die Ausgaben. Und ein finanzielles Polster schützt uns. Nein, wir gehen, weil wir meinen: Es reicht! EMMA hat über drei Feministinnen-Generationen die Stellung gehalten, hat allen Moden widerstanden und gegen so manchen Unsinn im Namen des Feminismus Stellung bezogen. Also gestattet: Jetzt sind wir ermattet.“
Streitbar am Puls der Zeit
Und wahrlich muss man sagen: Schwarzer und das von ihr gegründete Magazin haben in den vergangenen Jahrzehnten einiges geleistet. Durch die Emma wurden Themen und Missstände, die vor allem das Leben von Frauen betrafen, schließlich auch in der breiteren Gesellschaft wahrgenommen. Trotz im Vergleich zu anderen Magazinen geringerer Reichweite. Ins bundesdeutsche Gedächtnis eingegangen sind Emma-Kampagnen für straffreien Schwangerschaftsabbruch oder auch PorNo, womit sie sich gegen Pornografie richteten. Auch weitere notwendige Debatten haben sie angestoßen, darunter zu Prostitution, Kindesmissbrauch, zu den Gefahren von Islamismus oder auch zu Genitalverstümmelung.
Immer wieder waren Alice Schwarzer und ihre Emma am Puls der Zeit, erkannten früh gesellschaftlich relevante Problemstellungen. Doch das brachte ihnen auch viel Gegenwind ein, gegen den sie sich behaupten mussten. Dies gelang, weil man finanziell unabhängig war, wie Schwarzer immer wieder betont hat – das Magazin hatte keine Financiers wie etwa Medienkonzerne. Eine solche Unabhängigkeit ist gar nicht hoch genug zu schätzen, muss man doch anderenfalls nach der Pfeife von Sponsoren oder der politischen Fördermittelgeber tanzen.
Linke Feministinnen gegen Emma
Doch nicht nur Männer, die kein Interesse an Veränderungen zu Gunsten von Frauen hatten, überschütteten vor allem Schwarzer mit Beleidigungen, die sich an ihrem Äußeren abarbeiteten, selten an ihren Inhalten. Vor allem mit anderen Feministinnen hatten Schwarzer und Emma heftige Auseinandersetzungen. So rief die Frauenzeitschrift Courage noch vor Erscheinen der ersten Emma-Ausgabe zum Boykott auf. In einem Interview mit der Zeit erklärte Schwarzer, sie habe vor allem mit linken Feministinnen Konflikte gehabt, weil diese im Zweifel politisch linke Inhalte immer vor feministische stellen würden. Schwarzer selbst verortet ihren Feminismus als autonom, universalistisch und überparteilich.
In jüngerer Zeit, so ebenfalls im benannten Interview, entzünden sich die Konfliktlinien mit anderen Feministinnen an Fragen, wie man mit Prostitution oder dem (auch islamistisch gebotenen) Kopftuch umgehen solle. Gerade wegen ihrer Kritik am Islamismus und seinen Symbolen, zu denen auch die Verhüllung der Frau zählt, sieht sich Schwarzer als Rassistin diffamiert:
„Mich beunruhigt vor allem die systematische Unterwanderung der akademischen Welt seit den Neunzigerjahren durch die Islamisten. Die markieren alle, die nicht auf ihrer islamistischen Linie sind, als rassistisch und islamophob. Das ist der Trick. Dabei sind das heute die wahren Gegner von Gleichberechtigung, Rechtsstaat und Demokratie. Der politisierte, radikale Islam hat einen Plan, und den hat er alarmierend weit umgesetzt. Ich halte den Islamismus für den Faschismus des 21. Jahrhunderts. Und wir haben es jetzt mit einer akademischen Jugend zu tun, die bei jeder Kritik am Islamismus aufschreit, das sei Rassismus. Es ist schwer, diesen manipulierten jungen Leuten das transparent zu machen. In diese Schlacht hat sich Emma seit Jahrzehnten geworfen und dafür einen hohen Preis bezahlt.“
Kontroverse um Trans
Ein weiteres Minenfeld der jüngeren Zeit ist das Thema „Trans“. Auch hier bewies die Emma ein Gespür für Entwicklungen von relevanter Tragweite, als sie Ende 2019 begann, kritisch nachzufragen, was es mit der steigenden Nachfrage von pubertierenden Mädchen nach Transitionen auf sich haben könnte. Oder welche Konsequenzen ein Selbstbestimmungsgesetz für Frauen hat. Die Emma ist in Deutschland bis heute eine der wenigen Zeitschriften, in denen kritischere Perspektiven überhaupt vorkommen. Neben den Rassismus-Vorwürfen, sind also auch solche wegen vermeintlicher Transfeindlichkeit hinzugekommen, die regelmäßig zu lautstark erhobenen Cancel-Forderungen führen, wenn Schwarzer irgendwo bei einer Veranstaltung auftritt. Dabei war Schwarzer in den 1980er Jahren eine der Feministinnen, die sich für Transpersonen einsetzte, wie sie in der Zeit erklärte:
„Schwarzer: Eigentlich kann ich das nur für mich persönlich sagen. Beim Thema Transsexualität war ich nicht aufmerksam genug. 1983 habe ich mich deshalb sogar mit der Frauenbewegung angelegt. Ich habe dafür plädiert, dass transsexuelle Männer, die Frauen geworden waren, auch in die Frauenzentren gehen können. Da hätte ich genauer nachdenken müssen. Aber damals wusste man noch nicht um die Ideologisierung dieses Problems.
ZEIT: Das ist eines der Themen, für die Sie hart angegriffen werden. Sie haben gegen das Selbstbestimmungsgesetz gekämpft und werden als »transphob« bezeichnet.
Schwarzer: Ja, solche verleumderischen Angriffe bin ich gewohnt. Aber bei dem Thema ist das besonders grotesk. Denn ich habe mich schon vor 44 Jahren für die Rechte von Transsexuellen eingesetzt. Da kannten die meisten noch nicht mal das Wort. Ich erinnere mich an einen Text, in dem ich geschrieben habe: Es wäre gut, die Geschlechtsidentität würde nicht im Ausweis stehen, sondern man wäre ganz neutral, einfach Mensch. Das habe ich zu einer Zeit geschrieben, in der man die Gefahr nicht erkennen konnte, dass dadurch der real existierende Unterschied zwischen Männern und Frauen geleugnet werden würde. Wir sind in erster Linie Menschen – das ist meine grundsätzliche Position. Aber noch ist es leider nicht so.“
Beton-Feminismus?
Doch eine differenzierte Betrachtung ist nicht gewünscht, schon gar nicht bei denen, die biologische Fakten im Geschlechterbegriff für obsolet erklärt haben. Einen guten Eindruck geben die unterschiedlichen Kommentare, die noch am Mittwoch zum Ende der Emma erschienen. Während die einen dieses Ende bedauern und die Verdienste in den Vordergrund stellen, nutzen andere den Moment, um nochmal zu demonstrieren, dass sie von solider feministischer Gesellschaftsanalyse nur wenig verstanden haben.
So tut beispielsweise Birgitta Stauber in der Berliner Morgenpost Schwarzers Auffassungen als „Beton-Feminismus“ ab:
„Im Namen der Frauenrechte schwang Schwarzer geradezu mit einer pauschalisierenden Keule um sich. Der Islam? Eine grundsätzliche Gefahr. Trans Frauen? Wollen mit missbräuchlichen Absichten in Frauenräume eindringen. Trans Männer? Nur eine Modeerscheinung für unzufriedene Mädchen. Das Leid von Menschen, die sich nicht eindeutig zuordnen können in der zweigeschlechtlichen Welt, spielt in ihren Kampagnen keine Rolle.“
Ähnlich äußerte sich Christian Knuth im Onlineportal männer*:
„Wir bei männer* verstehen uns als Feminist*innen, und zwar für alle Frauen. Das ist der kleine Unterschied. Das Archiv der Emma geht nach Marbach. Offen ist, ob der Feminismus nach ihr die Türen des Patriarchats weiter öffnet oder sie weiter bewacht, so wie sie es in puncto sexuelle und geschlechtliche Freiheit getan hat.“
Man müsste hier die Frage stellen, wer nun eigentlich die „Türen des Patriarchats“ bewacht. Diejenigen, die luzide aufzeigen, wo das, was sich als kulturelle Vielfalt oder sexuelle Selbstbestimmung präsentiert, in Wahrheit vor allem männlichen Interessen zuarbeitet und nicht der Emanzipation der Frau oder diejenigen, die auf alles Glitzer streuen und dekonstruieren wollen?
Spätes lesbisches Coming-out
Doch auch, wenn Schwarzer und Emma bei vielen wichtigen Themen den richtigen Riecher hatten und früh Mut bewiesen, ihre Positionen öffentlich gegen große Widerstände zu behaupten, umso unverständlicher ist ihre Position zum Ukraine-Krieg, der Russland als maßgeblichen Aggressor bis heute verkennt. Ungeklärt bleibt, ob Schwarzers Engagement – im Bunde mit der früheren Linkspartei-Politikerin Sahra Wagenknecht – gegen die auch waffenbewehrende Solidarität mit der Ukraine nicht ein entscheidender Faktor für den Verlust von abertausenden von Abonnements war und ist.
Last but not least: Ebenso fehlte Alice Schwarzer die Courage (!), sich früh offen zu ihrer lesbischen Partnerschaft mit der Fotografin Bettina Flitner zu bekennen, die sie erst 2018 publik machte. In den siebziger Jahren waren ja so gut wie alle Impulsistinnen und Treiberinnen des Feminismus auch Lesben – was nicht herauskommen sollte, denn das hätte, so hieß es unisono, die Chancen auf Diskreditierung des Feminismus erheblich erweitert.
Gegen Pädos und Ayatollahs
Was bleibt noch? Vieles. Und Gewichtiges. In den frühen Achtzigern waren es besonders Alice Schwarzer und ihre Emma (in Allianz mit dem DKP-nahen Sexualwissenschaftler Günter Amendt), die die grünalternativen und liberalen Allüren zur Legalisierung von Sexualitäten von Erwachsenen mit Kindern scharf kritisierten: Sie waren die ersten, die die Lauchigkeit dieser falschen Liberalisierung (wie sie seitens der Grünen und auch der FDP geplant war) verdammten: Pädo? No way!
Und: Als alle linke Welt noch dem in Iran etablierten islamistischen System der Ayatollahs huldigte, waren es Alice Schwarzer und die Emma, die die westlich-linke Verehrung geißelten – denn es war eine religiöse Revolution, die die Frauen unters Kopftuch zwang und bis heute dafür sorgt, dass unbotmäßige Frauen gezüchtigt und mit dem Tode bedroht werden.
So bleibt unterm Strich: Alice Schwarzer und Emma hatten ein intellektuelles Format, gepaart mit Rückgrat und publizistischer Professionalität, was nun schmerzlich vermisst werden wird.
Jan Feddersen, Jahrgang 1957, 2005 Gründungsmitglied der IQN e.V., Redakteur der taz in Berlin, außerdem Co-Host beim Podcast „Based“. Mitherausgeber des „Jahrbuch Sexualitäten“.
Till Randolf Amelung ist Redakteur des IQN-Blog und seit Juli 2024 auch Mitglied des IQN-Vorstand. Als freier Journalist veröffentlicht er mit Schwerpunkt auf geschlechterpolitischen Themen sowie in anderen Medien und in wissenschaftlichen Sammelbänden wie dem Jahrbuch Sexualitäten der IQN. Seit der Jahrbuch-Ausgabe für 2026 gehört er auch zu den Herausgebern.
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