Eine Podiumsdiskussion in Hamburg mit unserem Blogredakteur Till Randolf Amelung zur Frage „Was ist eine Frau?“ gerät unter Druck, noch ehe sie stattfindet. Der Fall ist ein weiterer Versuch, kontroverse Debatten über Geschlecht, Feminismus und Identität aus dem öffentlichen Raum zu verdrängen. Doch auf Dauer wird das nicht gelingen.

Von Till Randolf Amelung
Wieder mal wollen queere SittenwächterInnen bestimmen, worüber öffentlich diskutiert werden darf: Ich wurde als Diskutant zu einer Podiumsdiskussion mit dem Thema „Was ist eine Frau? Feminismus außer Rand und Band“ vom „Club Volantaire“ für den 29. Mai 2026 nach Hamburg eingeladen. Mit mir zusammen auf der Bühne würden drei Frauen sitzen, von denen sich zwei bereits bundesweit einen Namen bei diesem Thema gemacht haben: Medienunternehmerin und ehemalige Terre-des-Femmes-Vorständin Inge Bell, die Biologin Marie-Luise Vollbrecht und Ilse Jacobsen, Professorin für Mikrobielle Immunologie an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena.
Doch nun stehen wir ohne Veranstaltungsort da, weil der Inhaber der ursprünglich geplanten Location offenbar im Hintergrund bedrängt wurde, dass es für ihn erhebliche wirtschaftliche Nachteile hätte, wenn diese Veranstaltung bei ihm stattfände. Solche Umgangsweisen sind leider nichts Neues – erst recht nicht, wenn es um das Thema „Geschlecht“ geht und dabei Kritik an queeren sowie transaktivistischen Auffassungen droht, Gehör beim Publikum zu finden.
Geschlecht: Biologie oder Identität?
Im Kern geht es bei dem Konflikt um die Frage, was die Definitionsgrundlage von Geschlecht ist: die körperlichen- biologischen Gegebenheiten oder die selbst gegebene Identität. Hierzu erschien nun auch in der Welt eine sehr lesenswerte Rezension des neuen Buchs „Geschlechtsidentität. Die Karriere einer Kategorie“ von Rogers Brubaker.
Darin heißt es:
„Der Identitätsimperativ, so Brubaker mit merklichem Unterton nicht nur eines Bourdieu-, sondern auch Foucault-Lesers, ist ‚die soziale und kulturelle Verpflichtung für Menschen, eine Identität zu ‚haben‘, ihre Identität zu kennen, über ihre Identität nachzudenken und darüber zu sprechen.‘ Das Masterpiece dieses Imperativs ist die paradoxe Parole der sexuellen Selbstbestimmung. Doch wie konnte ein vom Aktivismus aus der Medizin entlehnter Begriff zur Norm in Recht, Medizin oder Pädagogik werden? Brubaker hat das vor allem für die USA und Großbritannien untersucht und kommt zu dem Schluss, dass der Siegeszug der Geschlechtsidentität nicht das Ergebnis einer großen öffentlichen Debatte war, sondern eines ‚Insider-Aktivismus‘, der gezielt auf die Bürokratie von Staat und Partei Einfluss genommen hat: eine ‚stille Revolution‘ durch die Hintertür.“
Ideologischer Dogmatismus
Auf der Podiumsdiskussion wollen wir darüber sprechen, was dies für Frauen bedeutet, wenn nicht mehr über das Biologische bestimmt werden darf, was eine Frau ausmacht. In der Pressemitteilung des Veranstalters „Club Volantaire“ zur gegenwärtigen Situation heißt es:
„Thematisch widmet sich die Veranstaltung der Frage, was queerpolitische Einflüsse im Feminismus bewirkt haben. Wie geriet die Frauenbewegung in die aktuelle Lage, welche Folgen haben jene Einflüsse und was passiert da eigentlich, wenn viele Menschen nicht mehr sagen können, was eine Frau ist? Solche Fragen sind zur Reflexion wichtig und notwendig, damit nicht ideologische Verhärtungen und Dogmatismus die Überhand gewinnen.“
Doch offenbar ist eine solche Debatte gerade von queeren Kreisen nicht gewollt. Allerdings lässt sich diese nicht ewig unterbinden – schon gar nicht, wenn man nach gesellschaftlicher Hegemonie strebt. Rezensent Jakob Hayner formuliert in der Welt:
„Die große Debatte kommt nun nachträglich, konstatiert Brubaker mit Blick auf die inzwischen tobenden ‚Trans Wars‘. Die stille Revolution, so seine These, blieb so lange unbemerkt, wie die Öffentlichkeit glaubte, dass Geschlechtsidentität eine persönliche Angelegenheit sei. Soll man sich halt sein Geschlecht selbst aussuchen, was soll schon groß dabei sein?“
Dämonisierung Andersdenkender
Um die nun einsetzende gesellschaftliche Debatte um jeden Preis zu unterbinden, müssen die queeren IdeologInnen diejenigen dämonisieren und faktisch ökonomisch erpressen, die sie führen wollen, wie auch die Veranstalter kritisieren:
„Sie halten die Standpunkte dieser vier Menschen, die aus innerer Überzeugung und wissenschaftlicher Beschäftigung zu ihren Positionen gelangen, für so bösartig und verwerflich, dass sie auch andere Menschen in ihrem Umfeld nicht hören sollen. Die eigenen, inkonsistenten Überzeugungen, die man sich gebildet hat im Internet – unter dem Einfluss anderer Aktivisten oder Fernsehprediger –, brauchen einen Schutzschirm. So funktionieren Sekten. Und dafür dämonisiert man notfalls auch andersdenkende Feministinnen, als seien sie Björn Höcke.“
Ein Beispiel, wie von Transaktivistas Stimmung gemacht wird, lässt sich im Blog von Cornelia Kost nachlesen, die als Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Trans- und Intergeschlechtlichkeit e.V. (dgti) und des Fachverbandes für queere Menschen in der Psychologie e.V. (VLSP*) in Hamburg eine Rede anlässlich des Internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter-, Trans- und Asexuellenfeindlichkeit (IDAHOBITA) hielt:
„In Deutschland bekämpfen ‚Zweigeschlechter-Fundamentalisten‘ unsere Rechte. In Hamburg wollen sie sich noch im Mai treffen und unsere Existenz diskutieren. Anfang Juli kommt Hilary Cass (Autorin des ‚Cass Review‘) zum internationalen Kongress für Kinder- und Jugendpsychiatrie ins CCH nach Hamburg.“
Anstatt sich den offensichtlichen Interessenskonflikten zu stellen, die es zwischen einem Geschlechtsverständnis mit dem Fokus auf Biologie und einem identitätsbasierten gibt, wird jedweder Diskussionsversuch von Aktivistas wie Kost als „Existenz diskutieren“ abgewehrt. Niemand bestreitet die Existenz von Transpersonen. Vielmehr leugnen Transaktivistas, dass die biologische Zweigeschlechtlichkeit beim Menschen wissenschaftlich immer noch state of the art ist. So muss man sich nicht wundern, dass das Thema „Trans“ immer stärker polarisiert.
Wie es nun mit der geplanten Veranstaltung in Hamburg weitergeht, ist offen. Alle, inklusive meiner Wenigkeit, wollen aber an ihr festhalten und hoffen, dass sich ein alternativer Ort findet. Hinweise werden dankbar entgegengenommen. Sollte dies nicht funktionieren, werden wir die Diskussion eben ohne Publikum führen und aufzeichnen. So oder so lässt sich konstatieren: Fragwürdige Konzepte totalitär durchsetzen zu wollen, ist zum Scheitern verurteilt und wird sich für die Queeren noch bitter rächen. Spätestens dann, wenn die gesellschaftliche Stimmung sich vollends gegen sie dreht.

Über den autor
Till randolf amelung
Till Randolf Amelung ist Redakteur des IQN-Blog und seit Juli 2024 auch Mitglied des IQN-Vorstand. Als freier Journalist veröffentlicht er mit Schwerpunkt auf geschlechterpolitischen Themen sowie in anderen Medien und in wissenschaftlichen Sammelbänden wie dem Jahrbuch Sexualitäten der IQN. Seit der Jahrbuch-Ausgabe für 2026 gehört er auch zu den Herausgebern.