In einem Interview mit der Zeit Anfang April grenzt CDU-Politiker Jens Spahn „schwul“ von „queer“ ab – und begründet das mit Emanzipationsgeschichte, Identitätspolitik und aktuellen Streitfragen. Bis heute provozieren Spahns Äußerungen Reaktionen. Jan Feddersen ordnet seine Aussagen ein, dass der Begriff „queer“ heute nichts mehr mit Homosexuellen zu tun hat. Teil 1 einer Kritik am Queer-Begriff.

Jens Spahn, MdB, CDU, 2015 auf einer Konferenz der Heinrich-Böll-Stiftung.
Jens Spahn (MdB, CDU/CSU) 2015 auf einer Konferenz der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin (Foto: Stephan Röhl auf Wikimedia).

5. Mai 2026 | Jan Feddersen

Jens Spahn ist Fraktionschef der CDU/CSU-Abgeordneten im Bundestag und sowieso einer der einflussreichsten Politiker dieser Parteien im Lande – und er ist schwul. Das sagt er selbst, darauf beharrt er auch, wenn er gefragt wird, ob er „queer“ sei. So geschehen kürzlich in der Wochenzeitung Die Zeit im Gespräch mit seinem sozialdemokratischen Kollegen, Michael Miersch, ebenfalls „so“ – wie man früher, in Zeiten der Diskretion, das nichtheterosexuell Orientierte genannt hätte. Spahn also erläutert in der Passage, in der es nicht um Heizungsgesetze, Verschuldungsfragen usw. geht, zum Unterschied von „queer“ und „schwul“, erstens, dass er das Wort „homosexuell“ hasse, denn es atme den Geruch des Klinischen aus. Aber auch dieses alles egalisierende, besser: Differentes planierende „queer“ will er nicht:

„Wenn du alles zu einer Frage der Selbstdefinition erklärst, selbst das Geschlecht, stellst du damit die Emanzipationsgeschichte infrage. Dann verschwindet doch alles, was erreicht wurde, auch für die Emanzipation von Frauen. Wer sitzt eigentlich dann auf der Toilette – oder im Frauengefängnis? Auch Transsexuelle sagen übrigens, dass das ihre Situation nivelliert.“

Kein befreiender Sound

Das Wörtchen „queer“, das inzwischen in jedem Antrag um Förderung an staatliche Stellen stehen muss, um nicht von Anfang an chancenlos zu sein, enthalte nichts mehr vom befreienden Sound dessen, was eben „schwul“ (oder: „lesbisch“) bedeutet: Sagbares Begehren, Sexuelles. Schwul und Lesbisch, das sind grundsätzlich andere Begehrensformen – und haben nichts Selbstgewähltes, vielmehr unterliegen sie einem Triebschicksal, um ein immer noch treffendes Wort der Auffassungen Sigmund Freuds zu nehmen.

Könnte man fluide mit diesem umgehen, gäbe es keinen einzigen schwulen Mann und keine einzige lesbische Frau – denn gleichgeschlechtliche Begehrens- (und womöglich) Liebesformen sind nicht freiwillig in einer Gesellschaft gewählt, in der immer noch die heterosexuelle Paarbeziehung die höchste Anerkennung bringt, aus der Kinder hervorgehen. Weshalb sonst sollten Coming-Outs (nach wie vor) so schwer sein – nicht mehr so existenzbedrohlich empfunden wie einst, aber leicht ist es nach wie vor nicht.

Enthistorisierender Begriff

Das hat sich dank der Kämpfe von Schwulen und Lesben seit den frühen siebziger Jahren gründlich geändert. Darauf spielt Jens Spahn an, wenn er von „Emanzipationsgeschichte“ spricht. Dass nämlich unsereinem nichts geschenkt wurde, die Geschichte der Selbstbefreiung steht die der chronischen Homophobie gegenüber. „Queer“ hingegen ist ein für die Emanzipation homosexueller (Männer und Frauen) entpolitisierter und auch enthistorisierter Sammelbegriff, der inzwischen auch von heterosexuell orientierten Männern und Frauen genutzt wird, um an Fördergelder zu kommen. Bei diesen Jungs, vornehmlich aus den akademischen Nachwuchsschichten, drückt sich das in lackierten Fingernägeln und auch angeblich nonbinären Identitäten aus – sie halten sich dann für „queer“, als ob das nicht allein schon ein modisches Zeichen wäre.

Dass Spahn ein solch mächtiger Politiker im konservativen Bereich werden konnte, markiert den größten Emanzipationsschritt von gleichgeschlechtlich Begehrenden überhaupt. Es gab in der Union – wie überall – schon immer homosexuelle Männer, aber das durfte nicht ausgesprochen werden: Sie galten, falls sie es zur gewissen Prominenz gebracht hatten, als „eingefleischte Junggesellen“ – eine Chiffre für das Unaussprechliche.

Ideologisch aufgeladene Vokabel

Spahn mag auch deshalb das Wort „queer“ nicht, weil es ideologisch aufgeladen, weil die Vokabel längst für die Abschaffung homosexueller Begehrensformen steht, weil doch alle irgendwie „marginalisiert“ und/oder „vulnerabel“ seien, in der gesellschaftlichen Gosse, verletzlich durch und durch. Nein, das ist „queer“ faktisch nicht: Das Wort steht für ein Mittelschichtskonzept zur Abschaffung der Wahrnehmung von Sexuellem zugunsten fadenscheiniger Identitätskonzepte, etwa Inter, Trans oder Nonbinarität.

Der CDU-Mann ist im Übrigen mit seinen Hinweisen auf die von Emanzipationsgeschichten getilgte Queerpolitik auch deshalb glaubwürdig, weil er nirgendwo und niemals auch nur einen Zweifel an seinem schwulen Leben ließ. Er hatte kein spätes Coming-Out, er setzte sich in all seinen politischen Kontexten für Schwules ein – und ist außerdem ein eher beinharter Konservativer, ein Bürgerlicher durch und durch.

Er hat sich mit der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld für das leider um Geschlechtsidentität erweiterte Gesetz zum Verbot von sogenannten Konversionstherapien eingesetzt – und dies in seiner jetzigen fragwürdigen Form (faktisches Verbot der Hinterfragung von Transwünschen etwa von Minderjährigen) auch durchgewunken. Wenn das alles nicht die Durchdringung der Emanzipationsgehalte bis in ultrakonservative Kreise ist, was dann? Die Ehe für alle, finaler Höhepunkt bürgerlicher Emanzipation und die Vollendung der Idee, dass zwei Menschen staatlich beglaubigt füreinander Verantwortung übernehmen, ist ihm ein extrem wichtiges Anliegen gewesen.

Queer ist kein Fortschritt

„Queer“ hingegen ist kein Fortschritt, auch wenn dies ein Zeit-Autor glauben machen will. Manche in den Aktivista-Szenen propagieren gar, um nur ein herausstechend kurioses Beispiel zu nennen, geschichtsklitternd, es habe unter dem NS-Regime queere Verfolgung gegeben, also auch gegen trans- und lesbische Menschen gegeben. Unfug. Wer „queer“ sagt, will sein eigenes Schwulsein nicht so deutlich aussprechen, darin den Zugeknöpften und Spießern der sechziger Jahre nicht unähnlich. Wer sich die Nägel lackiert als biologischer Mann – der macht nichts anderes als: sich die Nägel lackieren. Hierfür würden sich Nailstudios – in jeder Metropole sehr häufig und mit günstigen Preisen vorhanden – empfehlen: Daraus Politisches zu backen – kommt einer Albernheit gleich.


Jan Feddersen ist Gründungsvorstand der Initiative Queer Nations und Redakteur für besondere Aufgaben bei der taz.


Auf ein Wort in eigener Sache: Die 2005 gegründete Initiative Queer Nations versteht sich getreu des Mottos von Magnus Hirschfeld „Durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit“ als Debattenplattform. Im Blog gibt es Kommentare, Analysen, Berichte zu aktuellen Themen, die unsere Arbeitsschwerpunkte berühren. Neben der Herausgabe des „Jahrbuchs Sexualitäten“ seit 2016 und Veranstaltungen, etwa unseren Queer Lectures, erweitern wir damit unser Angebot. Wir sagen: Mainstream kann jeder – wir haben das nicht nötig!  Wir arbeiten ehrenamtlich. Alle Texte in unserem Blog sind kostenfrei zugänglich. Damit das weiterhin möglich ist, freuen wir uns sehr, wenn Sie uns mit einer Spende oder Mitgliedschaft bei der IQN e.V. unterstützen.