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Nicht nur in den USA: Profite mit Pubertätsblocker? 

  • Medizin

Die Trump-Regierung erhöht den Druck auf Kliniken, die Minderjährigen weiterhin Pubertätsblocker und gegengeschlechtliche Hormone verordnen. Ein neuer US-Report wirft Ärzten, Kliniken und der WPATH nicht nur fragwürdige medizinische Standards, sondern auch finanzielle Interessen und möglichen Abrechnungsbetrug vor.

Ein verstreuter Stapel verschiedener US‑Dollar‑Banknoten – darunter 1‑, 5‑, 10‑ und 20‑Dollar‑Scheine – liegt übereinander. Die Porträts von Lincoln, Hamilton und Jackson sind sichtbar, die Farben und Details der Geldscheine heben sich klar voneinander ab. Symbolbild für Artikel Nicht nur in den USA: Profite mit Pubertätsblocker?
Foto von Alexander Schimmeck auf Unsplash

Von Till Randolf Amelung

In den USA setzt die Trump-Regierung ihren restriktiven Kurs gegen gender-affirmative Behandlungen von Minderjährigen fort. Damit ist gemeint, dass Kinder und Jugendliche, die unter ihren biologischen Geschlechtsmerkmalen leiden, nicht mehr mit Pubertätsblockern und gegengeschlechtlichen Hormonen behandelt werden sollen. Geschlechtsangleichende Behandlungen im Sinne einer Transition sollen nur noch Erwachsenen vorbehalten sein.

Abrechnungsbetrug mit Pubertätsblockern

Nachdem das US-Gesundheitsministerium 2025 einen Bericht erstellen ließ, um zu ermitteln, wie verantwortungslos es um die Praxis gender-affirmativer Behandlungen im Land steht, ist in diesem Monat ein weiterer Report veröffentlicht worden. Im aktuellen Dokument mit dem Titel „Wolves in white coats“ geht es um Vorwürfe von Abrechnungsbetrug gegen Ärzte und Kliniken, die Minderjährigen trotz staatlicher Dekrete und gesetzlicher Verbote in einzelnen US-Bundesstaaten weiterhin Pubertätsblocker und gegengeschlechtliche Hormone auf Kosten staatlich finanzierter Gesundheitssysteme verordnen.

Zur Abrechnung seien Diagnoseschlüssel wie „Endokrine Störung, nicht weiter spezifiziert“ verwendet worden, anstatt der für Störungen der Geschlechtsidentität (ICD-10) oder Geschlechtsinkongruenz und Geschlechtsdysphorie (ICD-11). Die World Professional Association for Transgender Health (WPATH), die internationale Organisation für alle im Bereich Geschlechtsangleichung Tätigen, habe dies auf Fachvorträgen empfohlen – entsprechende Power-Point-Folien sind im Bericht dokumentiert.

Drei Präsentationsfolien einer WPATH‑Fortbildung von 2021, die sich mit Versicherungsabrechnung und Codierung in der geschlechtsaffirmativen medizinischen Versorgung befassen. Zwei Folien zeigen Titel und Referenten der Schulung aus der UCSF, die dritte listet verschiedene ICD‑10‑Diagnosecodes zu Hypogonadismus und endokrinen Störungen auf.
Aus dem neuen Report

Wie Politico berichtet, wurde der vorliegende Report zwei Tage nach der Beendigung der Medicaid-Finanzierung für Krankenhäuser, die geschlechtsangleichende Versorgung für Minderjährige anbieten, veröffentlicht. Bereits zu Beginn seiner Amtszeit erließ US-Präsident Donald Trump Dekrete, in denen die staatliche Unterstützung für solche Behandlungen bei Minderjährigen beendet wurde. Dazu gehört auch, dass staatliche Gesundheitsdienstleister wie Medicaid die Kosten für Pubertätsblocker, gegengeschlechtliche Hormone und geschlechtsangleichende Operationen nicht mehr übernehmen sollen.

Mehr Profit in der Pädiatrie

Der neue Report versucht zu zeigen, dass Profitgier wohl eine der wichtigen Triebfedern für viele Anbieter war, in die gender-affirmative Behandlungen einzusteigen. Die Pädiatrie gilt im Portfolio einer Klinik normalerweise nicht als das Gebiet, mit dem sich viel Gewinn machen ließe, da es kaum PatientInnen mit chronischem Behandlungsbedarf gebe. Die VerfasserInnen rechnen vor:

„Diese Dynamik des ‚gebundenen Patienten‘ steht in starkem Kontrast zu den Mustern der üblichen pädiatrischen Versorgung, die sich – wie Daten des National Center for Health Statistics belegen – vorwiegend auf akute oder selbstlimitierende Erkrankungen konzentriert. Beispiele hierfür sind etwa ein einzelner Arztbesuch zur Behandlung einer Ohrenentzündung oder ein einmaliger Krankenhausaufenthalt aufgrund einer akuten Rotavirus-Infektion.

Eine Studie zur ambulanten Versorgung, die Daten aus den Jahren 2008 bis 2013 auswertete, ergab, dass 82 % der pädiatrischen Patienten keine chronischen Erkrankungen aufwiesen; Patienten mit mehreren chronischen Leiden hatten zwar häufigere Arztkontakte, stellten jedoch eine Minderheit der in diesem Versorgungssetting behandelten Patienten dar.

Im Gegensatz zu typischen Einzelterminen wegen akuter Beschwerden oder Vorsorgeuntersuchungen begibt sich ein Kind oder Jugendlicher mit Geschlechtsdysphorie in einen Prozess, der regelmäßige endokrinologische Konsultationen, Laborkontrollen (Hormonspiegel, Überwachung auf Nebenwirkungen wie Knochendichte, Leberfunktion, Lipidprofile sowie Fruchtbarkeitsberatung), psychologische Nachbetreuung und möglicherweise schließlich irreversible chirurgische Eingriffe umfasst.“

Oder auch in Dollarsummen ausgedrückt:

„Schätzungen zu den Kosten verdeutlichen die Größenordnung dieser Einnahmen. Laut einer umfassenden Analyse aus dem Jahr 2022, die auf Abrechnungsdaten von privat versicherten Transgender-Patienten aus einem Zeitraum von fast drei Jahrzehnten basiert, entstehen durch eine gegengeschlechtliche Hormontherapie durchschnittliche jährliche Kosten für die Kostenträger in Höhe von 545 $ (Androgene), 735 $ (Östrogene) und 16.385 $ (für die kostspieligeren GnRH-Analoga zur Pubertätsblockade).

Die Gesamtkosten über die Lebenszeit für einen Patienten, der die Behandlung bereits als Minderjähriger beginnt, können sich – selbst ohne chirurgische Eingriffe – auf 25.000 $ bis 75.000 $ belaufen. Zum Vergleich: Die durchschnittlichen Gesundheitsausgaben für Kinder unter 18 Jahren liegen typischerweise bei etwa 3.000 $.

Diese Zahlen spiegeln die von der Krankenversicherung übernommenen Beträge wider und berücksichtigen nicht die Eigenanteile der Patienten, durch die sich die Gesamtkosten weiter erhöhen können. Auch wenn diese Ausgaben auf Jahresbasis moderat erscheinen, fallen sie während des gesamten Erwachsenenlebens des Patienten jährlich an und generieren so für das Gesundheitssystem kumulierende Einnahmen.

Chirurgische Eingriffe steigern das finanzielle Potenzial erheblich. Für eine ‚Top Surgery‘ (Mastektomie mit Maskulinisierung des Brustbereichs bei Frauen) fallen durchschnittliche Kosten von 12.680 $ an, die von der Krankenversicherung übernommen werden, zuzüglich Eigenanteilen in Höhe von 2.244 $. Ebenso verursacht eine Mammoplastik Kosten von 17.426 $ pro Patientin für den Versicherer sowie zusätzliche Eigenanteile von 1.223 $. „Bottom Surgery“ – Vaginoplastik bei Männern und Phalloplastik bei Frauen – sind komplexer und werden häufig in mehreren Phasen durchgeführt.

Die durchschnittlichen Gesamtkosten pro Person belaufen sich auf 53.645 $ für eine Vaginoplastik und 133.911 $ für eine Phalloplastik. Hierbei handelt es sich um die durchschnittlichen, von der Krankenversicherung übernommenen Beträge (Perspektive des Kostenträgers) ohne Berücksichtigung der Eigenanteile, die im Durchschnitt etwa 2.624 $ bei der Vaginoplastik und 3.982 $ bei der Phalloplastik betrugen.

Zudem können bei diesen Eingriffen aufgrund von Komplikationen (wie Harnröhrenstrikturen, Fisteln, Sensibilitätsverlust oder kosmetischen Korrekturen) Folgeeingriffe erforderlich werden, die jeweils zusätzlichen Zeitaufwand im Operationssaal, Krankenhausaufenthalte und Nachsorgebehandlungen nach sich ziehen.“

Gender-affirmativ ist menschenrechtskonform

All dies stand viele Jahre dahinter zurück, dass das gender-affirmative Modell von Transaktivisten, ihren Verbündeten im queeren Aktivismus sowie der Politik (vor allem in der Demokratischen Partei) und Verbänden wie der WPATH (die sich der Demokratischen Partei durchweg verbunden fühlen) als das einzige dargestellt, was menschenrechtskonform sei. Eine sorgfältige psychotherapeutische Exploration und das Ausloten von Alternativen zu einem medizinischen Pfad einer Transition wurden zunehmend verdrängt, als „Gatekeeping“ und „Konversionstherapie“ verpönt.

Trotzdem wuchs sowohl in den USA als auch weltweit die Zahl skeptischer Eltern und MedizinerInnen, ob diese Entwicklungen so ihre Richtigkeit haben. Nachdem es in Ländern wie Finnland, Schweden und Großbritannien ab 2019 zu systematischen Untersuchungen der Evidenz für die gender-affirmativen Behandlungen mit Pubertätsblockade kam, wurde offenbar, auf welch unsicherer und dürftiger Grundlage dieser Behandlungsansatz beruht. Seither mehren sich in Medizin und Psychologie die Stimmen, die eine Revision dieses Modells fordern.

FTC wirft WPATH Verbrauchertäuschung vor

Der neue Report ist nicht die einzige Maßnahme, die von der Trump-Regierung forciert wurde. Bereits im Juni dieses Jahres wurde bekannt, dass die Federal Trade Commission (FTC) gemeinsam mit mehreren US-Bundesstaaten Klage gegen die World Professional Association for Transgender Health (WPATH) erhebt. Der Vorwurf: Die gender-affirmativen Standards of Care der WPATH, die medizinisch weltweit als maßgebliche Referenz im Bereich Geschlechtsangleichungen gelten, hätten minderjährige Transitionswillige und ihre Eltern mit falschen Versprechungen über Sicherheit und Wirksamkeit der Behandlungen mit Pubertätsblocker und Co. böswillig getäuscht. Als US-Bundesbehörde ist die FTC zuständig für Verbraucherschutz sowie dafür, den US-Markt vor Monopolen und unfairem Wettbewerb zu schützen.

Fast zeitgleich mit dem Report des Gesundheitsministeriums wurde die Verteidigung der WPATH gegen die Klage der FTC bekannt. Darin weist die Beklagte die Vorwürfe zurück, denn ihre Behandlungsempfehlungen richteten sich nicht an EndverbraucherInnen, sondern an MedizinerInnen. Diese wiederum trügen die individuelle Verantwortung für ihre Entscheidungen. Zugleich räumte WPATH ein, dass ihre Standards of Care eine wissenschaftlich begründete Meinung der Befürworter gender-affirmativer Eingriffe darstellten, aber nicht den final letztbegründeten Stand.

Vielmehr sei die wissenschaftliche Debatte noch nicht abgeschlossen und Positionen, die einen vorsichtigeren Umgang mit Pubertätsblockade vorsehen, genauso legitim. Dies dürfte alle überraschen, die sich in den letzten Jahren deswegen vorwerfen lassen mussten, sie würden Transpersonen die Existenz verweigern oder würden Hass verbreiten, seien unwissenschaftlich, unethisch und dergleichen mehr.

Justizministerium soll Ermittlungen einleiten

Nach der Veröffentlichung des Reports „Wolves in white coats“ drängt nun Vizepräsident J.D. Vance das Justizministerium, Ermittlungen wegen Abrechnungsbetrugs gegen die betreffenden Kliniken aufzunehmen. Vor den Midterms im November ist dies für die Trump-Regierung sicherlich ein willkommener Moment, um zu demonstrieren, dass sie tun, wofür sie gewählt wurden. Immerhin waren die ungelösten Konflikte um das Transthema, wozu auch die ideologische Ignoranz gegenüber den Folgen irreversibler experimenteller Eingriffe an Minderjährigen zählt, ein wichtiger Grund, weshalb 2024 WählerInnen für die Republikaner unter Donald Trump gestimmt haben.

In Deutschland sollte man genau hinzuschauen, was nun in den USA passiert. Die deutsche S2k-Leitlinie „Geschlechtsinkongruenz und Geschlechtsdysphorie im Kindes- und Jugendalter – Diagnostik und Behandlung“ entspricht zu großen Teilen den Standards of Care der WPATH. Der Organisation, die in den USA jetzt darauf verweist, dass diese nicht den abgeschlossenen Diskussionsstand in der Medizin repräsentieren. Ebenso sollte man sich gut überlegen, ob man auf Fachveranstaltungen bestens dokumentiert zu Abrechnungs- und Diagnosekreativität anregt.

Das gesamte Feld der gender-affirmativen Behandlung von Kindern und Jugendlichen muss dringend von der Ideologie zum evidenzbasierten Diskurs zurückkehren. Die entscheidende Frage lautet: Hat der Furor der transaktivistischen Szene und ihrer ärztlichen Alliierten weniger mit medizinischer Expertise zu tun, sondern mehr mit monetären Interessen – der eigenen und denen der Pharmaindustrie?

Till Randolf Amelung ist Redakteur des IQN-Blog und seit Juli 2024 auch Mitglied des IQN-Vorstand. Als freier Journalist veröffentlicht er mit Schwerpunkt auf geschlechterpolitischen Themen sowie in anderen Medien und in wissenschaftlichen Sammelbänden wie dem Jahrbuch Sexualitäten der IQN. Seit der Jahrbuch-Ausgabe für 2026 gehört er auch zu den Herausgebern.