Die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft sorgt für Turbulenzen.  Nachdem der Pädoaktivismus des Gründers Ralf Dose viele Jahre ein offenes Geheimnis war, hat nun der Berliner Senat sofort eine jährliche Förderung gestoppt.  Auch das Queere Archivhaus steht vor dem Aus.

Von links: Bernhardt (Bernard) Schapiro, Magnus Hirschfeld, Tao Lee. Symbolbild für Artikel: Ralf Dose und Pädo: Queeres Archivhaus in Berlin vor dem Scheitern
Magnus Hirschfeld (Mitte) 1922 in Berlin. Rechts im Bild sitzt sein Partner Tao Lee. Die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft wurde 1982 ihm und seinem Werk zu Ehren gegründet. (Foto: Wikimedia).

23. April 2026 | Jan Feddersen

Sie hatten es sich so schön vorgestellt, schon, als sie, die drei Archive der queeren Szene, sich offiziell noch für ein Queeres Kulturhaus verwandten. Dieses Projekt der Vielfalt, seit 2011 wesentlich vorangetrieben von der Initiative Queer Nations, strauchelte: Hinter den Kulissen arbeiteten die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft (MHG), das Lesbenarchiv Spinnboden und das feministische Archiv FFBIZ längst an einem Plan, das Kulturprojekt fahren zu lassen und stattdessen die zugesagten 23 Millionen Euro (so der damalige Kultursenator Klaus Lederer) für ein Archivhaus queerer Gruppen auszugeben. Dieses wiederum, wir schrieben das schon vor Monaten, hätte in einem postindustriellen nutzbaren Gebäude in Neukölln ins Werk gesetzt werden können, und zwar mit Hilfe von Spendengeldern – die bisher nicht ausreichend zusammengekommen sind -, dem Senat und einer privaten Stiftung aus dem queeren Bereich.

Queeres Archivhaus wankt seit Monaten

Tatsächlich wankte die ganze Konstruktion schon seit vielen Monaten, denn es war ruchbar geworden, dass Ralf Dose, der Kopf der MHG, in seinen jungerwachsenen Jahren zum akademisch-aktivistischen Netzwerk des Pädosexualität befürwortenden Hannoveraner Professors Helmut Kentler zählte – ohne sich je von diesem Influencertum in die damalige Schwulen- und Pädagogikszene wesentlich distanziert zu haben. Nachdem dies öffentlich wurde, trat Dose aus der MHG offiziell aus und war somit auch nicht mehr, diesen Eindruck sollte es verbreiten, ein Promotor des Queeren Archivhauses.

MHG verliert Förderung Nach einem Bericht des Queerszenenmediums Siegessäule hat die MHG ihren Förderstatus verloren, ein Verlust von 30.000 Euro. So heißt es in dem Bericht:

„In einer E-Mail an die Mitglieder, die SIEGESSÄULE vorliegt, schreibt Ralf Dose nach der Mitgliederversammlung vergangene Woche: ‚[…] für vielen freundlichen Worte, die Ihr über meine Arbeit für die MHG gesagt habt, danke ich Euch herzlich. Es ist gut zu wissen, dass wir für die weitere Arbeit so einen starken Rückhalt bei den Mitgliedern haben.‘ Im weiteren Verlauf der Mail deutet Dose „einen Neuanfang“ an, bei dem er offenbar wieder eine Rolle spielen wird.“

Keine überzeugende Aufarbeitung

Die MHG musste im Kontext ihrer Mitgliederversammlung weitere interne Erschütterungen verzeichnen. In der Siegessäule heißt es:

„Zwei Mitglieder des Vorstandes waren kurz nach der Mitgliederversammlung zurückgetreten, beziehungsweise aus der MHG ausgetreten. Das ehemalige Vorstandsmitglied Michael Taylor schrieb in einem offenen Brief dazu: ‚Auf der Mitgliederversammlung musste ich feststellen, dass die Mitglieder Auffassungen zu sexualisierter Gewalt sowie zu den Folgen der Diskurse vertreten, die diese Gewalt legitimiert haben und zum Teil noch immer legitimieren. Ebenso betrifft das die Aufarbeitung der offensichtlichen Verbindungen in der Vergangenheit zwischen Mitgliedern der MHG und der pro-pädosexuellen Bewegung.‘ Betroffene würden nicht gehört, sexualisierte Gewalt vertuscht oder bewusst ignoriert, so Taylor weiter.“

Ohne die staatliche Förderung,  mit dem offiziellen Entzug dieser finanziellen Wertschätzung durch den Staat, scheidet wohl die MHG auch aus dem Kreis der seriösen Projektteilhaber an einem Queeren Archivhaus aus. Dabei wussten alle Beteiligten im Hintergrund sehr wohl, dass Ralf Dose keineswegs vorhaben würde, nach seinem Vereinsrückzug die Arbeit einzustellen – es galt offenbar lediglich, für das große Projekt den zeitgenössisch wichtigen Anschein zu wahren, den Gründer dieser MHG aus dem Feuer der öffentlichen Kritik und Aufarbeitung seiner pädosexuell orientierten Wertschätzung zu holen.

Frauenarchive schweigen

Die Frage ist indes, warum das Lesbenarchiv Spinnboden und das FFBIZ mit Alliierte des Projekts für ein Archivhaus nicht schon viel länger öffentlich die Fragwürdigkeit eines Bündnisses mit der MHG erkennen wollten. Selbst die kürzlich verstorbene Sabine Balke vom Lesbenarchiv Spinnboden (und Beiratsmitglied der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld), die jenseits ihres Engagements für das Digitale Deutsche Frauenarchiv wesentlich am Zustandekommen des Projekts des Archivhauses (und gegen das Queere Kulturhaus)  Strippen zog, äußerte nach unserem Kenntnisstand öffentlich – nichts. Immerhin: „Kampflesberich“, so der Name einer anonymen Userin auf Instagram, postete dort selbst schon vor über einem Jahr eine Kritik an der Pädoverharmlosung. IQN berichtete im vergangenen November über Ralf Doses Vergangenheit.

Projekt ist kontaminiert

Wie das inzwischen höchst unwahrscheinliche Projekt in Neukölln abgewickelt wird, ist offen. Es ist schließlich in Berlin ein Wahlkampf in Sicht – im Herbst wird das neue Abgeordnetenhaus gewählt. Keine Partei wird sich für dieses Projekt noch verwenden wollen: Es ist inzwischen auf gewisse Weise kontaminiert und politisch unsympathisch geworden.

Möglicherweise wäre jetzt wieder die Zeit, über ein Queeres Kulturhaus neuerlich nachzudenken. Denn ein Queeres Archivhaus wäre, ausweislich der ersten Projektideen, ein Verwahrort für Papiere und Archivalien geworden – aber ein modernes Verständnis des Bibliothekarischen und Archivalischen kommt kategorisch nicht ohne ein Konzept öffentlicher Begehbarkeit und Teilhabe aus. Eben dies wollte u.a. Ralf Dose nicht. Er sagte vor sieben Jahren auf einem Treffen zum Queeren Kulturhaus: „Nein, das wollen wir nicht so. CSD-Kultur, das ist nichts für uns.“ Die Aversion gegen die ja auch steuerzahlenden Normalqueers fällt dem Projekt nun auch auf die Füße.

P.S.: Bankrott geht die MHG allerdings wohl nicht. Vor Jahren wurde ihr eine Erbschaft eines als Sexarbeiter tätigen Mannes zuerkannt, die Höhe der finanzfreundlichen Hinterlassenschaft soll sich auf knapp eine Million Euro belaufen, allerdings zweckgebunden für die archivalisch-wissenschaftliche Arbeit zum Berufsfeld des verstorbenen Mannes.


Jan Feddersen ist Gründungsvorstand der Initiative Queer Nations und Redakteur für besondere Aufgaben bei der taz.


Auf ein Wort in eigener Sache: Die 2005 gegründete Initiative Queer Nations versteht sich getreu des Mottos von Magnus Hirschfeld „Durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit“ als Debattenplattform. Im Blog gibt es Kommentare, Analysen, Berichte zu aktuellen Themen, die unsere Arbeitsschwerpunkte berühren. Neben der Herausgabe des „Jahrbuchs Sexualitäten“ seit 2016 und Veranstaltungen, etwa unseren Queer Lectures, erweitern wir damit unser Angebot. Wir sagen: Mainstream kann jeder – wir haben das nicht nötig!  Wir arbeiten ehrenamtlich. Alle Texte in unserem Blog sind kostenfrei zugänglich. Damit das weiterhin möglich ist, freuen wir uns sehr, wenn Sie uns mit einer Spende oder Mitgliedschaft bei der IQN e.V. unterstützen.