Es ist ein Rückschlag für die gender-affirmative S2k-Leitlinie „Geschlechtsinkongruenz und -dysphorie im Kindes- und Jugendalter: Diagnostik und Behandlung“! Erstmals positioniert sich eine große deutsche medizinische Fachgesellschaft dagegen.


Gibt es für Minderjährige mit Geschlechtsdysphorie ein Recht auf irreversible Behandlungen, ohne dass Nutzen und Risiken wie bei anderen medizinischen Eingriffen abgewogen werden? (Foto von Thiago Rocha auf Unsplash).


 

7. Juni 2024 | Till Randolf Amelung

Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e. V.  (DGPPPN) lehnt die S2k-Leitlinien „Geschlechtsinkongruenz und -dysphorie im Kindes- und Jugendalter: Diagnostik und Behandlung“ ab. In einem Brief vom 5. Juni 2024, der IQN vorliegt, teilt der Präsident dieser Fachgesellschaft, Professor Andreas Meyer-Lindenberg, dem Vorsitzenden der Leitlinien-Kommission, Professor Georg Romer, diese Entscheidung mit.

In dem Schreiben heißt es, dass nach dem Standpunkt der DGPPPN „hormonelle und chirurgische Interventionen nach obligatorischer multiprofessioneller kinder- und jugendpsychiatrischer und somatischer Diagnostik wenigen Fällen vorbehalten sein“ sollten. Außerdem wird ein Ethikvotum gefordert sowie die Einbindung in klinische Studien.

Derzeit befindet sich die S2k-Leitlinie in der abschließenden Konsultationsphase, bevor das finale Dokument veröffentlicht wird. Eine abschließende Positionierung der DGPPPN solle es erst zur Endfassung der kritisierten Leitlinie geben, aber wenn sich die Leitlinie nicht entscheidend ändert, ist auch kein anderes Votum der Fachgesellschaft zu erwarten. Die DGPPPN wünscht sich, höflich im Ton, aber entschieden dissident in der Sache, dass es nach einer „Bearbeitung der Rückmeldungen und idealerweise auch aus einer systematischen Aufarbeitung der Literatur seit 2020 noch eine Annäherung der Empfehlungen der Leitlinie an die oben skizzierte Position ergibt“.

 

Kritik an Leitlinie wächst

Diese vorläufige Entscheidung zur S2k-Leitlinie ist ein schwerer Rückschlag für die mit erheblich transaktivistischem Einfluss erstellten Empfehlungen. Mit der DGPPPN positioniert sich nun erstmalig die nach eigenen Angaben „größte deutsche medizinisch-wissenschaftliche Fachgesellschaft auf dem Gebiet der psychischen Gesundheit“ gegen die neuen Leitlinien. Die DGPPN vertritt die Interessen von über 11.500 Mitgliedern.

Zuvor äußerten sich bereits einzelne Mediziner, beispielsweise Florian D. Zepf, gegen die neue Leitlinie für geschlechtsdysphorische Minderjährige. Auch eine weitere Gruppe von 15 Medizinern veröffentlichte ein über 100 Seiten starkes Dokument mit Kritik an der Leitlinie, ebenso übten zuletzt Delegierte auf dem Deutschen Ärztetag mit einer Resolution Kritik an der aus transaktivistischer Sicht erhofften Leitlinie. Dabei wünschte sich die federführende und mit knapp 2.000 Mitgliedern deutlich kleinere Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP), in deren Auftrag Romer die Leitlinie erarbeiten ließ, dass keine inhaltliche Kritik mehr vorgenommen werden solle. Doch nicht nur einzelne Ärzte, sondern jetzt eben auch eine große medizinische Fachgesellschaft üben Widerstand gegen den Versuch, fundamentale Kritik still zu stellen.

 

International umstrittener gender-affirmativer Ansatz

Die S2k-Leitlinie beruht auf dem international mittlerweile umstrittenen gender-affirmativen Ansatz, der außerhalb transaktivistisch genehmer medizinischer Kreise kaum noch Zustimmung findet. Dieser sieht vor, sehr zügig Äußerungen über die Geschlechtsidentität zu bestätigen, was zu sozialen, juristischen und insbesondere auch zu medizinischen Eingriffen überleiten kann. Besonders im Fokus stehen dabei Pubertätsblocker, also Medikamente, die die biologisch angelegte Pubertät unterdrücken sollen. Jüngste Untersuchungen, insbesondere der Cass-Report in Großbritannien, haben offengelegt, dass der Einsatz solcher Medikamente auf einer nur unzureichenden Evidenzbasis beruht. Das heißt, das Verhältnis von Nutzen und Risiken ist zu wenig geklärt. Besonders riskant ist zugleich, dass im affirmativen Modell keine psychotherapeutisch begleitete Ergründung möglicher anderer Ursachen erwünscht ist, stattdessen gar von Transaktivist*innen als Konversionstherapie diffamiert wird. Begründet wird das oft mit einem angeborenen, frühen sicheren Geschlechtswissen und Verweisen auf neuromedizinische Befunde. Allerdings lassen sich Ursachen für Transidentität bis heute nicht zweifelsfrei festmachen. Dezidiert unerwünscht im transaktivistischen Weltbild ist eine gemeinsame Betrachtung mit anderen gut belegten Gründen für Geschlechtsdysphorie, insbesondere einer krisenhaften homosexuellen Entwicklung oder Pubertätskrise bei Mädchen.

Zugleich stiegen in allen westlichen Ländern, in denen für Minderjährige Behandlungen nach dem gender-affirmativen Ansatz angeboten wurden, in den letzten fünf Jahren die Zahlen von Behandlungswilligen stark an – besonders unter pubertierenden biologischen Mädchen. Auch für Deutschland ist das dokumentiert, zuletzt durch eine Auswertung von Versichertendaten deutscher gesetzlicher Krankenkassen. Nicht nur in Großbritannien, sondern auch in anderen europäischen Ländern hat dies seit 2020 zu Untersuchungen und schließlich zur Abkehr vom gender-affirmativen Ansatz geführt. Nun lässt sich die Debatte auch in Deutschland nicht mehr unterbinden. Im Sinne der Patienten- und Patientinnensicherheit war das längst überfällig.

Auf der Startseite der SGKJPP findet sich dieses knappe Statement (Foto: Screenshot vom 8. Juni 2024).

Nachtrag am 8. Juni 2024: Auch die Schweizerische Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie (SGKJPP) lehnt die S2k-Leitlinie in der vorliegenden Form ab. In einem knappen Statement auf der Website heißt es, die Fachgesellschaft befürworte eine Überarbeitung des aktuellen Leitlinienentwurfs. Zur Begründung verweisen sie auf die Stellungnahme der European Society for Child and Adolescent Psychiatry (ESCAP), in der u.a. ebenfalls ein vorsichtigerer Umgang mit Eingriffen wie Pubertätsblockern gefordert wird.

 


Till Randolf Amelung ist Redakteur des Blogs der Initiative Queer Nations.