Das Motto des diesjährigen Lesbenfrühlingstreffens war „Bewegung“. Die tatsächliche Durchführung hat auf gelungene Art und Weise bewiesen, dass es manchmal besser ist, innezuhalten. Der erste Beitrag unserer neuen Autorin Chantalle El Helou ist eine Femmage an die bundesdeutsche lesbische Traditionsveranstaltung.


Das Orga-Team des LFT 2024 am Veranstaltungsort, dem Werbelllinsee in Brandenburg (Foto: Alison Miller).


 

31. Mai 2024 | Chantalle El Helou

Dieses Jahr fand vom 17. bis zum 20. Mai das Lesbenfrühlingstreffen am Werbellinsee in Brandenburg statt. Das LFT ist seit 1974 eine Institution der Lesbenbewegung. 2019 trafen sich die Lesben zum letzten Mal in Präsenz. Nach einem analog-digitalen Hybrid-Treffen vor drei Jahren konnte der 50. Geburtstag des LFTs im Festivalcharakter gefeiert werden. Über 500 Lesben allen Alters versammelten sich im Seezeit-Ressort Joachimsthal zum Feiern bei Livekonzerten und Techno-DJs, zu Vorträgen und Workshops, die alle Facetten des lesbischen Lebens behandelten, zu Kino und Café und zu Auseinandersetzungen über die lesbische und queere Szene. Bands wie Kick La Luna spielten und bekannte Gesichter der lesbischen BRD wie die ehemalige Verlegerin des Querverlags Ilona Bubeck, die Autorin Doris Hermanns oder die Aktivistin Laura Méritt gestalteten Programmpunkte. Damit die Diskussionen auch von denjenigen geführt werden, die sich wirklich für das LFT interessieren, war das genaue Programm nur den Frauen vor Ort zugänglich.

Das LFT gilt seit jeher als verstaubt und unsexy. Zu diesem Image haben die Debatten beigetragen, die das LFT seit jeher prägen. War es früher vor allem die von den Kritikerinnen dominierte Auseinandersetzung um SM und Penetration, die dem Treffen den Ruf der Sexnegativität einbrachte, dreht sich die Diskussion heute um die In- und Exklusion von Transfrauen und Nichtbinären. Im Jahre 2021 sah sich das Organisationsteam mit den Vorwürfen der Transfeindlichkeit konfrontiert. Anlass des Aufschreis waren auf dem LFT angebotene Veranstaltungen, die sich ausschließlich an Frauen richteten und Themen wie Detransition kritisch behandelten. Alle namenhaften queeren Zeitschriften und Institutionen versuchten sich in ihrer Empörung zu überbieten. So distanzierten sich beispielsweise sowohl der Lesbenring e.V., als auch die Bundesstiftung Magnus-Hirschfeld aus Überzeugung, dass explizite Kritik an queeren Interpretationen des Lesbischseins den Tatbestand der Transfeindlichkeit erfüllt.

Die massive Reaktion auf Veranstaltungen, die Transfrauen nicht als lesbische Frauen inkludieren und sich kritisch mit dem Transaktivismus auseinandersetzen, zeigt, wie groß das Unbehagen mit lesbischen Zusammenkünften ist. Dem entgegen erscheint die in den Hintergrund getretene SM-Debatte als ein Luxusproblem – immerhin war das ein Streit nur unter Lesben.

 

Die Hölle der Community

Das Unbehagen mit lesbischen Zusammenkünften geht jedoch nicht vorrangig von der nicht-lesbischen Mehrheit der Gesellschaft aus, sondern von den Lesben selbst. Auch die möglichen Folgen des neuen Selbstbestimmungsgesetzes werden diskutiert. Die Aufrechterhaltung des Hausrechts kann angesichts des Zustands der lesbischen Bewegung nur geringen Trost bieten. Was nützt ein Hausrecht, wenn es niemand durchsetzt? Lange bevor die gesetzliche Umwandlung von Geschlecht in Geschlechtsidentität stattfand, haben die Lesben selbst die Demontage ihrer Einrichtungen in die Hand genommen. Vorauseilender Gehorsam, Angst, Opportunismus, Selbsthass, Feigheit und der wohl schwerwiegendste Grund – Goodwill – haben in eine Situation geführt, in der es Lesbenräume ohnehin nicht mehr gibt und die Überbleibsel lesbischer Organisationskraft stetig abgebaut werden. Eindrückliches Beispiel dafür lieferte jüngst das Ex-Lesbenwohnprojekt RuT, das ihr Wohnprojekt nun auch zu einem queeren Ort erhoben hat: Leider nur dem urlesbischen Esoteriksprech treu geblieben, wird behauptet, dass Lesbischsein vor allem eine Sache der Identifikation sei.

 

Es gibt keinen Generationenkonflikt

Während die lesbischen Projekte reihenweise unter dem Druck zusammenbrechen, dem sie sich selbst durch den Wunsch nach Anschlussfähigkeit und öffentlicher Finanzierung ausliefern, wird sich zur Erklärung dieser Entwicklung auf den Zwang eines vermeintlichen Generationenkonflikts zurückberufen. Ältere Lesben übernehmen die Öffnung lesbischer Räume ganz gönnerhaft in Bezugnahme auf das Phantom der jungen Queer-Lesbe, die angeblich ganz anders sei, als man selbst war und ist. Doch dass Homosexualität keine Frage des Alters oder der Generation ist, konnte auf dem diesjährigen LFT erneut bewiesen werden. Es ist eben das geteilte Begehren der Homosexualität, dass die Lesben zusammenbringt und nicht die Identifikation mit einer ominösen lesbischen Weiblichkeit, auch wenn das manche glauben mögen. Die Homosexualität ist inhärent körperlich, sie bezieht sich auf den Körper und dessen objektivem Geschlecht. Gedanklich ist allein der Umgang, den man mit der eigenen Homosexualität wählt. Auch wenn es konkret nicht immer um Sex geht, ist die Bezugnahme der Homosexualität eben sexuell und damit körperlich. Keine Identifizierung – egal wie ernsthaft sie ist – kann die Körperlichkeit ersetzen oder überlagern.

Dass es beim LFT auch um Feiern und Geselligkeit geht, nicht nur um explizit politische Diskussionen, kann den politischen Charakter des Treffens selbst nicht schmälern. Allein der Exklusivität der Homosexualität Rechnung zu tragen, ist der politische Gehalt des Treffens.

In einer Zeit, in der Exklusivität grundsätzlich abgelehnt wird und seit langer Hand geplante Lesbenprojekte wie das RuT ihre Arbeit nun als allgemeine Inklusionsveranstaltung betrachten, ist es bereits subversiv, dass es überhaupt ein Treffen gibt, das lesbisch und nicht queer annonciert ist und in dem Transsein keine affirmative Erwähnung findet.

 

Lesbische Geselligkeit als Selbstverständlichkeit

Das LFT ist ein Überbleibsel der Idee lesbischer Selbstverständlichkeit, das gern als Anachronismus verspottet und verächtlich gemacht wird. Teil dieser Selbstverständlichkeit ist die Idee und Organisierung der ausschließlich lesbischen Geselligkeit. Exklusive Räume und die dort gegebene Zeit ermöglichen vieles: eine ausgelassene Stimmung des allumfassenden Flirtens, politische Diskussionen oder körperbezogenere Tätigkeiten wie Playfights – spielerisches Raufen –, nackte Gruppenmassagen und spontanen Sex. Während die Queerbewegung zu Aufbruch und Fluidität drängt und in vermeintlich stetiger Veränderung kopflos voran stolpert, bleibt das LFT, wo es ist. Gleichzeitig gelang ihm dieses Jahr

Der runde Geburtstag darf auch mal ordentlich gefeiert werden (Foto: Ahima Beerlage).

ein beeindruckend vielfältiges Angebot und eine ausgelassene Stimmung zwischen den Generationen.

Während sich die queeren Projekte stetig gegenseitig disziplinieren, um sich auf inklusiver Linie zu halten, hat das LFT die queere Rebellion ­– eine Rebellion gegen die Homosexualität – bisher an sich vorbeiziehen lassen. Sich nicht von dem Bewegungsdrang der anderen anstecken zu lassen, sondern einfach auszuhalten, ist manchmal die bessere Entscheidung, denn: Je mehr man nachgibt, desto größer wird der Druck.

Die selbstbezügliche Homosexualität wird von der queeren Community als Engstirnigkeit und Separatismus zurückgewiesen. In diesen Verhältnissen nicht bündnisfähig zu sein, ist eine Auszeichnung und das wohl schönste Geburtstagsgeschenk, das man sich selbst bereiten kann. In diesem Sinne auf weitere 50 Jahre Lesbenfrühlingstreffen!

 


Chantalle El Helou, geb. 2000, B.A. in Politikwissenschaft, zurzeit Masterstudium in Gesellschaftstheorie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena; auf Ideologiekritik fokussiert, Publikationen zur Kritik an Prostitution, Queertheorie und Antizionismus, engagiert im lesbischen Nachtleben Berlins.