Ein Pionier der Schwulenbewegung ist verstorben. Ulrich Dörrie, der als Galerist und zeitweise Vorstandsmitglied des Schwulen Museums maßgeblich zu dessen Professionalisierung beitrug, prägte mit Engagement und Großzügigkeit die queere Szene und bleibt als inspirierender Freund und Förderer unvergessen.

1. Februar 2026 | Jan Feddersen
Als wir mit Queer Nationsanfingen, vor zwei Jahrzehnten, meldete sich einer, der uns von einem Besuch im Schwulen Museum kannte: Ulrich Dörrie. Er war, recht erinnert, damals im Vorstand des etablierten Hauses und erzählte unter anderem, dass er für die Ralf-König-Ausstellung verantwortlich zeichnete. Er konnte dieses ehrenamtliche Engagement leisten, weil er als Galerist finanziell auf halbwegs gepolsterten Stühlen saß.
Wir kamen ins Gespräch – und Ulrich zündete in meinem Gemüt einiges Licht an, denn er wusste noch, dass wir uns mal im legendären alternativen Homo-Café „Tuc Tuc“ gesehen haben mussten. Ein Hamburger also, wie ich, das verband doch rasch fast innig. Erinnerungen an Discoabende, an das mächtige Müsli, zubereitet von Gerda, an die Rosa-Hilfe-Bibliothek, überhaupt an alte Zeiten, als Schwules – schon gar Queeres – noch nicht diese öffentlich sagbare Selbstverständlichkeit hatte.
Großzügiger Gastgeber
In Berlin, an der Yorckstraße gleich beim Mehringdamm, nahe des „SchwuZ“, hatte er mit seinem Freund und Kollegen Holger Priess die Galerie Dörrie * Priess, auf einer Etage eines alten Gründerzeithauses. Wir als Queer Nations suchten damals Räumlichkeiten für unsere Queer Lectures – und Ulrich bot uns unentgeltlich den großen Raum an. Mehrere Jahre hielten wir dort unsere sehr oft prima besuchten Séancen ab. Ulrich zeichnete sich als Gastgeber durch eine gewisse noble Großzügigkeit aus – keine Haltung zu schwulen oder queeren Fragen gab ihm Anlass zu größeren emotionalen Bewegungen, im Gegenteil schätzte er die Differenz, die Kunst, miteinander im Gespräch zu bleiben, ohne sich einig geworden zu sein.
2010 wechselten wir die Räume, weil die Galerie ihre Dépendance schloß und sich auf die eigentliche Präsenz in Hamburg zurückverlegte. Wir gingen in das alte taz Café an der Rudi-Dutschke-Straße – und Ulrich ging mit uns. Sein Engagement war nicht allein ein spirituelles, ein inspirierendes, sondern ganz praktisch: Wir hatten unsere Schatzmeisterei verloren, und Ulrich betreute die Finanzen unseres kleinen, gewiss auch feinen Vereins auf das Akkurateste. Irgendwann ging das nicht mehr, weil er nach Berlin nur noch zu Besuch kam, sein Ort wurde wieder Hamburg, dort war er nahe bei seinen lieben Vertrauten aus der Familie. Mit ein wenig Kummer mussten wir ihn ziehen lassen.
Ulrich Dörrie – ein anerkannter Kulturexperte
Was Ulrich Dörrie auszeichnete, ist in kunstorganisierender Hinsicht von uns nicht zu ermessen, er hat sich in verschiedenen Gremien in Hamburg um die Repräsentation von Noch-nicht-so-bekannten-KünsterlerInnen verdient gemacht, er kannte in den Kulturapparaten alle möglichen Leute – und sie hörten oft auf sein Wort.
Was er in schwuler Hinsicht, wenngleich ohne große Jammerei, beklagte, war, dass das Schwule Museum, an dessen Erfolg ihm immer, auch jenseits konkreten Engagements, immer lag, nur noch dem Schein nach ein Museum für schwule, künstlerische Erbschaften ist. Stattdessen war es rein ästhetisch ein queeres Projekt geworden, in dem Männer wie er tendenziell als sog. „cis-weiß-männlich“ unter Verdacht standen – weil sie eben cis-weiß-männlich sind.
Er war ein Pionier der Schwulenbewegung seiner Jahre, er trug zur Sagbarkeit bei, er wusste um den Rang von Freundschaften – nichts ging über sie – und er vermochte Freundschaften zu pflegen. Wir müssen nun um ihn trauern, denn Ulrich Dörrie, unser Ehrenmitglied ist nach langer Krankheit am 22. Januar verstorben. Wir wissen um ihn und seine Kraft – und wissen uns dieser weiterhin verpflichtet. Er hätte noch weiter Großes bewirken können.
Jan Feddersen ist Gründungsvorstand der Initiative Queer Nations und Redakteur für besondere Aufgaben bei der taz.
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