Wieder einmal erregen Äußerungen vom schwulen CDU-Politiker Jens Spahn die Gemüter, weil er den Begriff „queer“ für sich selbst ablehnt. Stattdessen bezeichnet er sich ausdrücklich als „schwul“. Neu ist diese Auseinandersetzung nicht, wie zwei Texte aus dem „Jahrbuch Sexualitäten“ zeigen. Zu Ostern schenken wir sie unserer geneigten LeserInnenschaft als PDF zum Download.

Eine Osterhasenfigur sitzt vor einem blauen Korb mit Ostereiern. Symbolbild für Artikel "Zwei erhellende Texte zur Debatte um „Queer“ vs. „Schwul“"
Nicht nur der Osterhase bringt Geschenke, auch IQN hat welche (Foto von Bee Felten-Leidel auf Unsplash).

5. April 2026| Redaktion

Aktuell empört CDU-Politiker Jens Spahn erneut die queere Medienblase – er wagte es mal wieder zu sagen, dass er sich als „schwul“ und nicht als „queer“ verstehe. Letzteres sei für ihn eine politische Ideologie.  Im „Jahrbuch Sexualitäten“ haben wir in den vergangenen Jahren mehrfach auf die Begriffe, ihre Verständnisse und die Diskussionen darum geschaut.

Zwei Jahrbuch-Texte veranschaulichen die inhaltlichen Differenzen besonders gut:

  • „Queer – Vokabel der Vereindeutigung. Warum das Wort »schwul« aus der öffentlichen Wahrnehmung gerät und durch »queer« ersetzt wird“ von Jan Feddersen
  • »Es gibt kein queeres Begehren« Jan Feddersen im Gespräch mit dem Sexualwissenschaftler Martin Dannecker

Zum Wort „schwul“

Die Aneignung des Wortes „schwul“ als Selbstbezeichnung für das eigene Begehren war kein Selbstläufer, wie Jan Feddersen in seinem Essay aus dem „Jahrbuch Sexualitäten 2021“ erläutert. Bis zum prägenden Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der erlebt“ des legendären Filmemachers Rosa von Praunheim der im Dezember vergangenen Jahres im Alter von 83 Jahren gestorben ist, war „schwul“ ein tabuisiertes Wort. Feddersen erklärt, dass man den Fokus nicht zu sehr auf die sexuellen Handlungen lenken wollte:

„»Homophil« war die deutlichste unter den selbstgewählten Bezeichnungen, die homosexuelle Männer sich wählten, das klang defensiv, fast devot-vorsichtig, die Wirklichkeit homosexueller Männer jedoch absichtsvoll verschleiernd: aus verständlichen Gründen angsterfüllt.“

Von Praunheims Film brachte zwar die homosexuelle Emanzipationsbewegung in Schwung und mehr gleichgeschlechtlich begehrende Männer dazu, sich selbstbewusst „schwul“ zu nennen, aber so richtig verlor dieser Begriff nie eine gewisse Scham. Auch in den Medien nicht, wie Feddersen schreibt:

„Tatsächlich hat es bis in die Nullerjahre gedauert, ehe auch das letzte Mainstream-Medium »schwul« nicht mehr auf den sprachlichen Index setzte; manche Zeitungen übersetzten etwa das Kürzel LSVD, das den in den frühen neunziger Jahren gegründeten Lesben- und Schwulenverband meint, als »Lesben- und Homosexuellenverband«, allein um das Wort »schwul« nicht in der positiv konnotierten Schriftsprache erscheinen zu lassen.“

Das so schamhaft vermiedene Wort ruft allzu Explizites auf:

„»Schwul« hingegen war das Wort der (historischen) Stunde, die öf­fentliche Klarstellung schlechthin, eine sprachliche Selbstermächtigung, weil in »schwul« stets das mitschwang, was in homophil nicht anklingen sollte, in »homosexuell« nur im steril-klinisierten Jargon: das Sexuelle, das körperliche Begehren, der Schweiß, die Hitze der Anbahnung des Se­xuellen, das Schmutzige in diesem Sinne auch, mithin die Gewöhnlich­keit allen Lebens samt all seiner Gier, auch des homosexuellen.“

Unterdessen hielt ab den 19990er Jahren der Begriff „queer“ zunehmend Einzug in Deutschland und wurde zum favorisierten Begriff. Jan Feddersen sieht folgende Gründe dafür:

„Hier, in der Publizistik für das bildungsbürgerliche Milieu, wird »queer« als weniger explizite Vokabel gewählt – weil offenbar die ein halbes Jahrhundert währende Propaganda der Schwulenbewegung nicht ausreichte, den nicht so stubenreinen Kern der Homosexualität ins Familienprogrammtaugliche zu hieven: Es geht, wie bei Heterosexuellen auch, bei Schwulen und Lesben eben nicht um Kameradschaft zuvörderst, um Freundschaft, um Homosozialität – sondern eben um Sex.“

Martin Dannecker über Begehren

Doch „queer“ ist nicht nur zu einem vornehmeren Ersatz für „schwul“ geworden, sondern mit einer eigenen theoretischen Programmatik aufgeladen insbesondere mit moralisierenden Aufforderungen, in Identität und Begehren fluide zu sein. Ebenfalls aufgelöst werden soll die Bindung des Geschlechts an Körperlichkeit – und das ist es, wovon sich ein schwuler Mann wie Jens Spahn distanziert, was für ihn eine „politische Ideologie“ ist.

In seinem Gespräch mit Martin Dannecker, der das Drehbuch zum Praunheim-Film schrieb, spricht Jan Feddersen mit dem Sexualwissenschaftler und Psychoanalytiker nicht nur über Biografisches, sondern auch über die Frage, ob man „queer“ begehren kann:  

JF: Eines Tages, davon geht die einschlägige Queer Theory aus, wird es auf die körperlichen Geschlechtsmerkmale bei Menschen nicht mehr ankommen. Was hältst du von dieser These?

MD: Die Männlichkeitserscheinung eines Menschen ist unter anderem ein Ausdruck für ihr Wissen: »Ich habe einen Penis.« Dieser ist auch die stillschweigende Voraussetzung für alle Konstellationen des homosexuellen Begehrens. Es gibt einen Schwanz. Ich vermute, dass die Bedeutung des Schwanzes für das homosexuelle Begehren damit zu tun hat, dass das Anderssein, wenn man es metaphorisch oder auch real übersetzt, bei der prä-homosexuellen Entwicklung wie eine Kastration erlebt wird. Deswegen ist es so bedeutsam, dass der Partner einen Schwanz hat. Er ist nicht kastriert! Der reale Schwanz der Schwulen ist aber auch gefährlich für die Nichtschwulen, denn mit diesem kann man ja ficken und zwar auch Männer und deren unbewusste Wünsche nach analer Penetration befriedigen.

Dannecker und Feddersen gehen noch weiter auf die Bedeutung des Körpers für das sexuelle Begehren ein:

JF: In einer queeren Welt gäbe es kein Begehren.

MD: Das Begehren käme in die Irre. Wenn es dort Begehren gäbe, wäre es ein Begehren ohne Körper. Wenn das Begehren sich nicht an körperlichen Repräsentanzen festmachen würde, hätten wir ein Begehren, was gleichsam wie die Liebe zur Literatur ist. Man kann sich einem Buch hingeben, sich von ihm abwenden, ein neues Buch nehmen und kann sich intensiv darauf einlassen. Die Tatsache, dass man als schwuler Mann mit einem weitgehend festgelegten Begehren in die ödipale und adoleszente Welt eintritt und diese Festgelegtheit auch noch als sexuell befriedigend erlebt wird, ist eine fortlaufende Wiederlegung der queeren Utopie.

Doch wie kommt es dazu, dass unter „queer“ lebensuntaugliche Ansprüche nach unendlicher Fluidität formuliert werden? Dannecker äußert dazu folgendes:

„Das kann man als Ausdruck der Sehnsucht nach einer Welt lesen, in der diese Ausgrenzungen nicht mehr stattfinden. Diese Sehnsucht kann freilich nur aufrechterhalten werden, wenn man Begehren und dessen Ausrichtung auf einen geschlechtlich konfigurierten Körper gleichsam ausklammert. Man muss aber irgendwann die Größenphantasie aufgeben, dass man von allen potenziell begehrt wird und alle potenziell begehrt. Wenn ich sage, man kann nicht queer begehren, möchte ich damit vor allem sagen, dass es kein objektloses Begehren gibt. Man kann im Sozialen queer sein. Aber nicht im Sexuellen.“

Zwei Eier zu Ostern von IQN

Wir finden, die Diskussion um das Verhältnis der Begriffe „queer“ und „schwul“ zueinander benötigt mehr als die übliche Schnappatmung unserer Community-Medien. Daher legen wir nun gleich zwei Eier ins Osterkörbchen und stellen beide Texte – Jans Essay und sein Gespräch mit Martin Dannecker – kostenfrei als PDF zum Download zur Verfügung. Eine Weiterverbreitung ist nur mit Angabe der jeweiligen Quelle, also der entsprechenden Jahrbuch-Ausgabe, zulässig.

„Queer – Vokabel der Vereindeutigung. Warum das Wort »schwul« aus der öffentlichen Wahrnehmung gerät und durch »queer« ersetzt wird“ von Jan Feddersen

»Es gibt kein queeres Begehren« Jan Feddersen im Gespräch mit dem Sexualwissenschaftler Martin Dannecker

Auf ein Wort in eigener Sache: Die 2005 gegründete Initiative Queer Nations versteht sich getreu des Mottos von Magnus Hirschfeld „Durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit“ als Debattenplattform. Im Blog gibt es Kommentare, Analysen, Berichte zu aktuellen Themen, die unsere Arbeitsschwerpunkte berühren. Neben der Herausgabe des „Jahrbuchs Sexualitäten“ seit 2016 und Veranstaltungen, etwa unseren Queer Lectures, erweitern wir damit unser Angebot. Wir sagen: Mainstream kann jeder – wir haben das nicht nötig!  Wir arbeiten ehrenamtlich. Alle Texte in unserem Blog sind kostenfrei zugänglich. Damit das weiterhin möglich ist, freuen wir uns sehr, wenn Sie uns mit einer Spende oder Mitgliedschaft bei der IQN e.V. unterstützen.