Der Spiegel will über die Lage von Transpersonen in den USA berichten – und liefert doch vor allem einseitige Deutungen. Der Text von Charles Hawley blendet zentrale Konfliktlinien, wissenschaftliche Kontroversen und berechtigte Einwände aus. So wird aus Journalismus Aktivismus.

Von Till Randolf Amelung
Es gibt Texte, mit denen tut sich weder der Journalist noch das veröffentlichende Medium einen Gefallen. In diese Kategorie gehört der Text „Transrechte in den USA Sie haben die Pässe griffbereit – und fragen sich, ob es schon zu spät ist“ des Spiegel-Redakteurs Charles Hawley, der am 24. Mai auf der Onlineplattform des Nachrichtenmagazins erschienen ist.
Trans unter Druck
Darin will Hawley erzählen, wie es Transpersonen in den USA aktuell unter der zweiten Präsidentschaft Donald Trumps geht. Der geneigte Leser erfährt vor allem, dass Erwachsene und Eltern, die ihre Kinder und Jugendlichen transitionieren lassen wollen, aus republikanisch regierten Bundesstaaten in demokratisch regierte fliehen oder gar die USA ganz verlassen wollen. Grund sind die zunehmenden Restriktionen gegen die medizinische Behandlungen im Rahmen einer Geschlechtsangleichung bei Minderjährigen, die generell nicht mehr über staatliche Gesundheitsdienstleister finanziert werden sollen. Auch die Akzeptanz in der Bevölkerung der Transfrage schlechthin geht spürbar zurück.
Allerdings erfährt man nichts darüber, warum die Situation in der Transfrage in den USA aktuell ist, wie sie ist und weshalb die Trump-Administration vieles wieder rückabwickelt, was besonders von den Demokraten unter der bis Januar 2025 währenden Präsidentschaft Joe Bidens gefördert wurde. Gerade die Frage, ob man auch bei Kindern und Jugendlichen einen sozialen und medizinischen Prozess einer Geschlechtsangleichung unterstützen soll, ist zu einer erbitterten Kontroverse geworden.
Wissenschaftliche Evidenz nicht ausreichend
Hawley, als Vater selbst den Transitionsprozess des eigenen Kindes unterstützend, lässt in seinem Text ausschließlich BefürworterInnen eines prinzipiell transbejahenden Umgangs zu Wort kommen. Auch referiert er den Stand der Kontroverse um den gender-affirmativen Ansatz unzutreffend:
„Wenn es um minderjährige Patientinnen und Patienten mit Geschlechtsdysphorie geht, behaupten Konservative gern, Hormontherapie sei experimentell – und argumentieren, Minderjährige seien nicht in der Lage, Entscheidungen zu treffen, die ihren Körper dauerhaft verändern könnten. Gern verweisen sie dabei auf geschlechtsangleichende Operationen. Viele beharren außerdem – entgegen der wissenschaftlichen Evidenz – darauf, dass eine Vielzahl Jugendlicher ihre Meinung später ändern und die Dysphorie sich von selbst verwachse.“
Genau die erwähnte wissenschaftliche Evidenz fällt eben nicht zugunsten des affirmativen Vorgehens bei Kindern und Jugendlichen aus. Dies zeigen entsprechende Studien seit 2019 vor allem aus europäischen Ländern wie Finnland, Dänemark und ganz besonders der britische Cass-Report. Es ist also keine bloße Behauptung von Konservativen. Und: Daten zeigen auch, dass sich Geschlechtsdysphorien bei Minderjährigen tatsächlich mehrheitlich wieder abmildern oder schwinden können, wenn nicht medizinisch zum Beispiel mit einer Pubertätsblockade eingriffen wird. Man fragt sich: Hat das in der Faktenprüfabteilung des Spiegel niemand bemerkt?
In einem kürzlich veröffentlichten Fachartikel heißt es zu dieser Frage des Fortbestehens eines Transitionsbedürfnisses hingegen:
„Insbesondere bleibt das Fortbestehen der Transgender-Identifikation über die Zeit unklar. Eine deutsche versicherungsbasierte Kohortenstudie berichtete, dass die Mehrheit von fast 8000 jungen Menschen mit Geschlechtsdysphorie (F64-Diagnose) diese Diagnose nach etwa fünf Jahren nicht mehr behielt. Die Vorhersage der Persistenz auf individueller Ebene bleibt schwierig. Einige Detransitioner und Desisters berichten, dass psychiatrische Komorbiditäten als Hinweise auf eine medizinische Transition falsch interpretiert wurden, während andere internalisierte Homophobie oder unzureichende psychologische Beurteilung anführen.“
Wie ein neuer Artikel des Journalisten Jesse Singal nahelegt, hat in den USA offenbar eine kleine Gruppe BefürworterInnen eines gender-affirmativen Vorgehens um Ärztin Johanna Olson-Kennedy gegen übliche Standards verstoßen, als sie ihr Modell nicht als Ausnahme, sondern als Regel verstanden wissen wollten. Sie waren nicht bereit, dafür nötige Studien mit der höchsten Aussagekraft durchzuführen, um niemandem den Zugang zu Pubertätsblocker zu verwehren.
Frauensport lässt Transfrage kippen
Interessant ist indes auch diese Passage in Hawleys Text, in der es darum geht, ab wann sich die öffentliche Meinung verändert habe:
„Wann es zu dieser Verschiebung kam, lässt sich ziemlich genau datieren. Im November 2015 lehnten Wähler in Houston per Referendum eine Antidiskriminierungsregulierung ab, nachdem Gegner die Kampagne auf eine einzige Frage zugespitzt hatten: trans Frauen auf Frauentoiletten. ‚Fragte man allgemein nach Gleichberechtigung für trans Menschen, sah man mehrheitliche Zustimmung‘, sagt Don Haider-Markel, Politikwissenschaftsprofessor an der University of Kansas. ‚Aber bei konkreten Fragen – trans Menschen in öffentlichen Toiletten, in Umkleideräumen, im Sport – da war die Unterstützung am schwächsten.‘ Diese Fragen hätten einen ‚wohlmeinenden Sexismus‘ bedient, sagt er: Auf diese Weise sei eine Bedrohung für Frauen konstruiert worden.“
Und auch hier wird wieder verschwiegen, dass es sehr wohl eine Reihe strittiger Fälle gab, an denen sichtbar wurde, dass eine Bedrohung für Frauen kein rein fiktives Szenario ist und sich in den vergangenen Jahren tatsächlich Frauen durch unangemessenes Verhalten von Transpersonen in sensiblen Bereichen wie Toiletten, Umkleiden belästigt fühlten. Das weibliche Schutzbedürfnis der Intimsphäre ist kein Konstrukt und wer das missachtet, wird mit sinkenden Zustimmungswerten bestraft.
Auch im Sport war es fatal, biologisch männliche Personen in den Frauensport reindrücken zu wollen. Ein Fall, der besonders heftige Kontroversen auslöste, war der von Transfrau Lia Thomas, die im College-Sport im Schwimmen die Frauenkategorie dominierte. Wer Fotos von Siegerehrungen sah, erblickte den offenkundig biologisch männlichen Vorteil. Auch zu Missachtung der Intimsphäre von Schwimmerinnen ist es offenbar gekommen. Zumindest gab das Riley Gaines, selbst ehemalige Schwimmerin in den College-Wettbewerben, als Initialzündung für ihren Aktivismus gegen Transfrauen im Frauensport an.
Berechtigte Kritik an bestimmten Aspekten der allumfassenden Inklusion von Transfrauen in Frauenbereiche oder an der unmittelbaren Medikalisierung von Geschlechtsdysphorie bei Kindern und Jugendlichen, kommt bei Hawley nicht vor. Als betroffener Vater scheint er bei diesem Thema Journalismus leider mit Aktivismus verwechselt zu haben. Das mag menschlich sein, doch an den Spiegel stellt man andere Ansprüche.

Über den Autor
Till randolf Amelung
Till Randolf Amelung ist Redakteur des IQN-Blog und seit Juli 2024 auch Mitglied des IQN-Vorstand. Als freier Journalist veröffentlicht er mit Schwerpunkt auf geschlechterpolitischen Themen sowie in anderen Medien und in wissenschaftlichen Sammelbänden wie dem Jahrbuch Sexualitäten der IQN. Seit der Jahrbuch-Ausgabe für 2026 gehört er auch zu den Herausgebern.