Zum Inhalt springen

CSD-Saison: Pride in Tel Aviv, Ausgrenzung in Rom

Die Pride kehrt nach Tel Aviv zurück – als Zeichen von Lebenswillen, Freiheit und queerer Sichtbarkeit. Gleichzeitig wird in Rom ausgerechnet eine jüdisch-queere Organisation von der Teilnahme ausgeschlossen. Zwei Meldungen, die Auskunft  über den Zustand queerer und politischer Kultur in unserer Gegenwart geben.

Eine Israelflagge hängt von einer Hauswand herunter. Symbolbild für Artikel "CSD-Saison: Pride in Tel Aviv, Ausgrenzung in Rom"
Foto: Stanislav Vdovin auf Unsplash.

Von Jan Feddersen

Das ist eine sehr gute Nachricht: In Tel Aviv findet nach zwei Jahren Pause wieder ein CSD und eine dazugehörende Veranstaltungswoche statt. Die Pride Week steigt vom 7. bis 13. Juni, die große CSD-Demo ist für den 12. Juni geplant. Mich berührt dieses Event unter dem Zeichen des Regenbogen auch deshalb sehr, weil etwa die CSD-Parade nach Dana Internationals ESC-Siegs 1998 so richtig in Schwung kam. Sie, die ihren Triumph in Birmingham damals ihrem Land zu dessen 50. Geburtstag und den Schwulen, Lesben und Transmenschen in aller Welt widmete, wünschte sich, so erzählte sie es mir damals in der englischen Großstadt, eine Pride-Parade, zu der alle anreisen – ob aus den israelischen Provinzen oder sowieso aller Welt.

Dana International wünscht sich CSD

Und so geschah’s: Es war ein langer Weg für israelische Queers, um hier mal den Sammelbegriff zu nehmen, aus diesem städtischen Kleinumzug den größten CSD am Mittelmeer zu machen. Dazu beigetragen haben mag, dass in Israel die Kulturszene – nachgerade parteiübergreifend, aber im wesentlichen liberal gesinnt – die Idee schwulesbischtransischer Sagbarkeit, zumal nach dem mit freundlichem Charisma errungenen Sieg ihrer Heldin, der Transfrau Dana International, beim ESC, begeistert aufgegriffen hat.

Mit den Jahren, auch mit Hilfe der Tourismusverantwortlichen Tel Avivs, entwickelte sich dieser CSD am östlichsten Zipfel des Mittelmeers zum queeren Giga-Event: Hunderttausende strömten schließlich dorthin zur Pride-Zeit im Frühsommer. Nach dem 7. Oktober 2023, als die islamistischen Horrortruppen der Hamas jenseits des Gazastreifens einen Genozid wider die Menschen in Israel versuchten, musste der CSD in Tel Aviv schon aus Gründen politisch-kultureller Pietät pausieren: Viele der auf dem Nova-Festival von den palästinensischen Islamisten abgeschlachteten jungen Leute waren solche, die ihre ersten kulturellen Prägungen auf CSD-Partys in Tel Aviv gewinnen konnten.

Für die politisch den Queers for Palestine nahestehenden Menschen lässt sich sagen: Es wäre so schön, würden in Gaza-Stadt, in Kairo, in Amman oder in Beirut ebenfalls queere Feiern des Lebens stattfinden können: Allein – die islamistischen Sittenwächter würden das nie erlauben, es fehlt an den genannten Plätzen und Orten an entsprechenden Freiheitsmöglichkeiten in der Öffentlichkeit.

Pride Parade ohne Keshet

Nur gute Nachrichten? Nein, aus Rom wird gemeldet, dass die jüdisch-queere Organisation Keshet nicht bei der dortigen Pride-Demo mitmachen darf – solange diese sich nicht für den angeblichen „Genozids“ in Israel an den Palästinensern entschuldigt habe. Mit anderen Worten: Rom ist die erste europäische Hauptstadt, in der bei einem CSD Jüdisches ausdrücklich nicht zugelassen wird, sofern die Interessierten sich nicht der falschen Erzählung vom israelischen „Genozid“ anschließen. Ich hätte nie gedacht, dass Jüdisches im europäischen Kontext, zumal bei einem CSD, so stählern abgewiesen wird. War ein CSD nicht mal ein Fest der Inklusion – nicht des Ausschlusses?

Über den Autor

Jan feddersen

Jan Feddersen, Jahrgang 1957, 2005 Gründungsmitglied der IQN e.V., Redakteur der taz in Berlin, außerdem Co-Host beim Podcast „Based“. Mitherausgeber des „Jahrbuch Sexualitäten“.