Ein Gewaltverbrechen an der pazifischen Küste Kanadas entfacht eine Debatte über Transidentität, psychische Gesundheit und mediale Berichterstattung. Der Fall zeigt, wie ideologische Überzeugungen die Behandlung von Transpersonen beeinflussen und welche Schäden dadurch angerichtet werden.

Der Premierminister von British Columbia, David Eby, und die Ministerin für öffentliche Sicherheit und Generalstaatsanwältin Nina Krieger halten eine Pressekonferenz als Reaktion auf den Amoklauf vom 10. Februar 2026 in Tumbler Ridge, British Columbia, ab.
Der Premierminister von British Columbia, David Eby, und die Ministerin für öffentliche Sicherheit und Generalstaatsanwältin Nina Krieger halten eine Pressekonferenz als Reaktion auf die Schießerei vom 10. Februar 2026 in Tumbler Ridge, British Columbia, ab (Foto: Wikimedia).

15. Februar 2026 |Till Randolf Amelung

Eine Amoktat erschütterte am 10. Februar Kanada: Der 18-jährige Jesse van Rootselaar erschoss in Tumbler Ridge an einer lokalen Schule acht Personen und verletzte 27, bevor er sich selbst tötete. Ebenfalls unter den Toten sind seine Mutter und sein Stiefbruder. Irritierend war jedoch, dass Medien von einer Frau schrieben – Frauen begehen solche Taten absolut selten. Rasch löste sich im Verlauf der weiteren Berichterstattung auf, dass der Täter biologisch männlich ist und sich seit dem 12. Lebensjahr als weiblich identifizierte. Damit ließ sich sagen, dass die Tat von einer Transperson verübt wurde.

Verwirrende Medienberichte

Da sowohl der deutsche wie der anglo-kanadische Journalismus darauf konditioniert wurde, bei Transpersonen die Geschlechtsidentität als maßgeblich zu betrachten, entstanden verwirrende Medienberichte. Doch das ist nicht das wesentliche Problem mit diesem Fall. Vielmehr werden nun transaktivistische Glaubenssätze als Lebenslüge entlarvt. Insbesondere diejenigen, wonach Transsein, bzw. Geschlechtsdysphorie keine Verbindungen mit psychischen Störungen haben darf.

Laut mehrerer Medienberichte sei der Täter bereits seit Jahren psychisch erheblich auffällig gewesen, mehrmals habe es Hausbesuche durch die Polizei gegeben, wo auch Waffen konfisziert worden seien. Online wurden auch Hinweise auf Drogenkonsum gefunden. Trotz dieser Anzeichen für schwerwiegende psychische Störungen hat van Rootselaar eine gegengeschlechtliche Hormontherapie beginnen dürfen. Doch offenbar hat diese nicht zu einer Stabilisierung beigetragen, sondern möglicherweise die Lage sogar noch verschlechtert.

In den vergangenen zwei Jahren gab es vor allem in den USA Amokläufe, wo einige der Täter einen Transbezug hatten. Auch bei dem Mörder des evangelikalen Influencers Charlie Kirk lag ein solcher vor. Von einer „Epidemie“ an Transtätern, wie es das rechtspopulistische Lager behauptet, kann man zwar nicht sprechen, auffällig bleiben die bisher bekannt gewordenen Taten dennoch.

Self-ID und Entpathologisierung

Vielmehr zeigen derartige Taten, dass zwei wesentliche ideologische Pfeiler, auf denen sich der Transaktivismus seit rund zwanzig Jahren stützt, nicht mehr tragfähig sind – und es wohl auch niemals waren. Konkret geht es erstens um das Prinzip der Selbstbestimmung bei der Geschlechtsidentität und zweitens um das Leugnen jedes auch nur irgendwie gearteten Zusammenhangs von Geschlechtsdysphorie mit psychischen Störungsbildern. Dies war Teil der transaktivistischen Forderung nach „Entpathologisierung“.

„Transsexualismus“ als medizinische Diagnose war im Klassifikationssystem ICD der Weltgesundheitssystem bis 2022 unter „Störungen der Geschlechtsidentität“ eingeordnet, die wiederum im Kapitel „Psychische und Persönlichkeitsstörungen“ zu finden waren. TransaktivistInnen haben sich erfolgreich dafür eingesetzt, dass es in der elften Version des ICD nunmehr „Geschlechtsinkongruenz in der Jugend oder im Erwachsenenalter“ heißt und die neue Diagnose nicht mehr im Kapitel mit den psychischen Erkrankungen enthalten ist.

Mit dem Selbstbestimmungsprinzip, in der englischsprachigen Welt auch als „Self-ID“ geläufig, steht die selbst geäußerte Geschlechtsidentität im Vordergrund. Ein Abgleich mit objektiven Kriterien wird nicht vorgenommen, sondern ist als „Absprechen der Identität“ verpönt, wenn nicht gar zur „Menschenrechtsverletzung“ erklärt. Vollkommen unerwünscht ist ein Beharren auf einen medizinisch geprägten Definitionsrahmen, der Ausschlussgründe für die Anerkennung einer Transidentität und für medizinische Maßnahmen festlegt.

Hormone ohne Risiko

Damit verbunden hat sich vor allem in den USA und Kanada in der medizinischen Versorgung ein Prinzip durchgesetzt, wonach es gar keine sorgfältige Diagnostik mit Berücksichtigung von Ausschlussgründen oder mindestens Risikofaktoren für geschlechtsangleichende Maßnahmen mehr gibt. Stattdessen wird es bei einer allgemeinen Aufklärung über Nutzen und Risiken von Hormontherapien belassen. Somit haben zahlreiche psychisch instabile Personen und auch solche mit schwerwiegenden psychischen Erkrankungen geschlechtsangleichende Hormontherapien und chirurgische Eingriffe erhalten.

Dahinter steht die von vielen TransaktivistInnen vertretene Überzeugung, dass vor allem der Zugang zu geschlechtsangleichenden Behandlungen zur Verbesserung der psychischen Gesundheit beitrage und ein Ausschluss oder Zurückstellen von Personen mit erheblichen Begleiterkrankungen eben deren Menschenrechte verletze. Allerdings zeigt eine neue Studie eines Forscherteams aus Hongkong, dass eine Hormontherapie oder chirurgische Eingriffe allein nicht zum Rückgang von Symptomen psychischer Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen führten. Viel eher waren dafür soziodemografische und psychosoziale Faktoren, darunter Beschäftigungsstatus, Lebenssituation, psychologische Betreuung und Einnahme von Psychopharmaka, entscheidend.

Die transaktivistische Ablehnung von psychiatrischer Diagnostik und Begleittherapie sichert keine Menschenrechte von Transpersonen. Stattdessen führt ideologische Verbohrtheit, die an der komplexen Realität vorbeigeht, zu schweren Schäden: Psychische Erkrankungen werden nicht rechtzeitig angemessen behandelt. Obendrein bekommen Menschen ein irreführendes Bild von geschlechtsangleichenden Maßnahmen, ihren möglichen Nutzen und ihren Risiken. Von Letzterem ist ohnehin in ideologisch beschränkten Milieus kaum die Rede. Am Ende werden geschlechtsangleichende Behandlungen in Gänze diskreditiert und verlieren jegliche Unterstützung. Damit hätten sich die TransaktivistInnen selbst ein Grab geschaufelt.


Till Randolf Amelung ist Redakteur des IQN-Blog und seit Juli 2024 auch Mitglied des IQN-Vorstand. Als freier Journalist veröffentlicht er mit Schwerpunkt auf geschlechterpolitischen Themen auch in anderen Medien und in wissenschaftlichen Sammelbänden wie dem Jahrbuch Sexualitäten der IQN.


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