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Budapest Pride 2026: Freiheit nach der Ära Viktor Orbán

Unter dem im Frühjahr abgewählten Premierminister Viktor Orbán gerieten die Rechte von LGBTIQ in Ungarn immer mehr unter Druck. 2025 ließ er sogar die Budapester Pride-Parade verbieten. Doch das war offenbar der Auftakt zu seinem Sturz in diesem Jahr. Wie ist nun nach Orbáns Abwahl die Atmosphäre in der ungarischen Hauptstadt?

Budapest Pride: Eine große Menschenmenge zieht über eine Brücke, viele halten bunte Regenschirme und Regenbogenflaggen wie bei einer Pride‑Parade. Hinter der Brücke erhebt sich ein bewaldeter Hang, auf dem eine große Statue einer stehenden Figur mit ausgebreiteten Armen vor steinernen Säulen steht. Darüber hängen Banner und weitere Flaggen, der Himmel ist klar und blau.
Die Parade der Budapest Pride 2026 (Foto: Jan Feddersen).

Von Jan Feddersen

Glaubt einem ja doch keiner, aber: Kurz nach der sensationell für den Rechtspopulisten Viktor Orbán verlorengegangenen Wahl, das war so zwei Tage später am 14. April, buchten mein Mann Rainer und ich ein Wochenende in Budapest. Dass vorgestern der Budapester CSD stattfinden würde, wussten wir nicht: Mal gucken, wie es sich unter der neuen Regierung anfühlt, darum ging‘s. Ungarn hatten wir bei unseren Welterkundungsausflügen bislang eher gemieden, eben des Systems Orbán wegen. Zuletzt war ich mit meiner Kollegin Doris Akrap 2011 dort, um die berühmte Philosophin Agnes Heller zu besuchen und zu sprechen.

Keine Pride-Parade bei Viktor Orbán

Der Budapest-Pride war im vorigen Jahr berühmt geworden: Ministerpräsident Orbáns Bürokraten nämlich diesen Pride verboten-  aus angeblichen Kinderschutzgründen. Das wiederum rief den liberalen Bürgermeister Gergely Karácsony der ungarischen Hauptstadt auf den Plan, der die Demonstration – ein Public Going sondergleichen!, eine Rote-Teppich-Ausrollung supreme – kurzerhand zum kommunalen Spaziergang erklärte und sich damit dem Verbot der Regierungsbehörden widersetzte. Die Strafverfahren der ungarischen Justiz gegen die Veranstalter sind inzwischen fast alle eingestellt worden oder versandet. Die Machtverhältnisse haben sich ja komplett umgestülpt.

Analysen wie von Alexander Haneke gehen davon aus, dass gerade der letztjährige „Pride“ der entscheidende Anstoß zum Sturz des rechtspopulistischen Regierungschefs war: Indem dieser den „Pride“ verbot, sorgte er erst recht für krasse Solidarisierung mit diesem. Auch von Seiten jener Menschen, die sich wie auch immer verstehen, jedenfalls nicht als schwul/lesbisch/queer/sonstwie-nonheteronormativ.  Eszter Kováts, sehr geschätzte Politikwissenschaftlerin, schrieb hier im Blog im vergangenen Jahr:

„Wie auch immer man zum Inhalt der Pride steht: das Verbot ist eine ernsthafte Einschränkung der Versammlungsfreiheit – eines wichtigen Grundrechts in Demokratien. Gerade deshalb äußern sich auch zum Beispiel christlich-konservative Intellektuelle, anti-woke Liberale, genderkritische Feministinnen kritisch, die sonst keine Fans der Pride sind.“

Gluthitze in Budapest

Jedenfalls: Waren es voriges Jahr über 300.000 Menschen in Budapest, die den „Pride“ bevölkerten, waren es dieses Jahr erheblich weniger, die Schätzungen reichen von 20.000 bis 110.000 Menschen – aber die Last der Stigmatisierung durch das Orbán-Regime war ja auch entfallen, und der neue Ministerpräsident Péter Magyar hatte früh nach seinem Wahlsieg signalisiert, dass die queerphobe Politik mit ihm nicht zu haben sein würde.

Aber schön war es doch, um es mit einer Kernwahrheit der Philosophin Hildegard Knef zu sagen: Viele Menschen in Budapest, und dies unter übertropischen Bedingungen. In der Sonne 50 Grad, kaum Schatten, dafür freundliche Polizeileute. Wasserverkäufer am Rande der Boulevard hatten gut zu tun, die kleinkaufmännisch immer lebendige Thai-Szene in Budapest hatte sogar Regenbogenfähnchen drucken lassen, um sie zu verkaufen. Dass sie farblich nicht ganz stimmig waren, egal.

Auf der Elisabethbrücke, die von Pest – der Teil, der als Kern des metropolen Lebens empfunden wird – nach Buda zur Burg und zur Fischerbastei hoch führt, waren viele Menschen. Doch etliche Teilnehmende gaben womöglich aus Angst vor Hitzeschlägen vorher auf. Eine klassische CSD-Parade gab es indes nicht. Männer waren eher in der Minderheit, dafür extrem viele junge Frauen, das Gros nicht die Rainbow Flag mit sich führend, sondern die um die queerfeministische Transidee erweiterte Progress Flag. Budapest hat in dieser Hinsicht, böse gesprochen, gewissen Nachholbedarf: Trans ist noch nicht die Chiffre der Stunde.

Rainer Nicolaysen und Jan Feddersen trotzen gutgelaunt der Gluthitze in Budapest (Foto: Privat).

Adoptionsrecht und Ehe für alle

Gesetzlich geht es in der nächsten Zeit um die Tilgung des Adoptionsverbot gegen gleichgeschlechtliche Paare, auch und vor allem um die Ehe für alle, die über die diskriminierende Eingetragene Lebenspartnerschaft volle Gleichstellung bedeuten würde. Ob Budapest also eine liberale, nicht entgrenzt transliberalistisch dominierte Stadt bleibt, wird die Zukunft zeigen. Noch wirkt die ungarische Hauptstadt wie eine Versammlung, die ob der Orbán-Ablösung wie befreit aufatmet: Rechtsstaatlichkeit in liberaler Art ist wieder die Basis.

Ob das in den nächsten Jahren auch für Juden und Jüdinnen so bleibt, ist natürlich offen. Noch ist Budapest auch eine lebendige Stadt, in der man viele Jüdinnen und Juden – als in orthodoxen Gewändern zu erkennende Akteure – sieht. Rote Dreiecke der Hamasversteher sind keine zu sehen, jüdische Restaurants kommen ohne Polizeischutz aus, die Synagoge ist noch nicht mit unflätigen Sprüchen beschmiert worden. Die schwule Kneipenszene nehmen wir nächste Mal ethnologisch unter die Lupe . Wir wissen nicht einmal: Gibt es sie noch? Für diese  Details unserer Welterkundung war es am Wochenende viel zu heiß.

Über den Autor

Jan Feddersen

Jan Feddersen, Jahrgang 1957, 2005 Gründungsmitglied der IQN e.V., Redakteur der taz in Berlin, außerdem Co-Host beim Podcast „Based“. Mitherausgeber des „Jahrbuch Sexualitäten“.