Berlin: Nach der Razzia im Casa Kuà gibt es breite Solidarität – doch anonyme Zeuginnen erheben schwere Vorwürfe. Neben dem mutmaßlich illegalen Hormonhandel geht es auch um Gesundheitsgefährdung, sexuelle Belästigung und Machtmissbrauch. Was steckt hinter den Anschuldigungen gegen das queere Community-Projekt?

Von Till Randolf Amelung
Die Polizeirazzia wegen mutmaßlich illegaler Abgabe von verschreibungspflichtigen Hormonpräparaten erregt weiterhin queere Gemüter. Nun haben sich international etwa 200 WissenschaftlerInnen in einem Offenen Brief mit der Gruppe „The Dolls of Berlin“ sowie dem Casa Kuà solidarisiert – unter ihnen auch Queertheoretikerin Judith Butler und die deutsche Queerphilosophin Eva von Redecker. Darin heißt es:
„Der Angriff am 18. Oktober auf The Dolls of Berlin in Casa Kuá ist historisch. In diesem historischen Kontext signalisiert er den Moment, der verlangt, dass wir alle nicht nur für und für unsere queeren und trans Geschwister, sondern für die Menschheit selbst einstehen.“
Razzia als Ausdruck des Staatsfaschismus
In diesem Brief beschwören die Unterzeichnenden den „beispiellose Aufstieg des Staatsfaschismus“, bezeichnen Deutschland als „zunehmend autoritär“. Die Ermittlungen gegen die Transfrauen im Casa Kuà wird in einen globalen Kontext gestellt, in dem vor allem Transpersonen Ziel staatlicher Repressionen würden:
„Transness sticht besonders als sichtbarer Überschreitung cis-hetero-patriarchaler Normen hervor, auf denen faschistische Autorität aufgebaut ist. Es ist ein Dorn im Auge von Regimen, die auf die populäre Verinnerlichung ihrer strukturellen ‚Wahrheiten‘ angewiesen sind.“
Keine prominente queere Stimme will offen die Frage stellen, ob die Razzia und die im Raum stehenden Vorwürfe nicht doch berechtigt gewesen sein könnten. Alle überschlagen sich geradezu mit Solidaritätserklärungen und Aufrufen, an das Casa Kuà zu spenden. Umso brisanter sind daher Informationen von anonymen Zeuginnen, die IQN am vergangenen Wochenende erreichten. Darin wird nicht nur detailliert beschrieben, wie der illegale Handel mit Hormonpräparaten über „The Dolls of Berlin“ im Casa Kuà ablief, sondern auch, wie grob fahrlässig mit der Gesundheit von vulnerablen Transfrauen umgegangen wurde.
Hinzu kommen schwere Vorwürfe von Machtmissbrauch und sexueller Belästigung, die gegen die OrganisatorInnen des Hormonhandels erhoben werden. Aufgrund der Genauigkeit der Darstellungen sind diese ernst zu nehmen. Parallel haben die Zeuginnen diese auch an weitere Medien, queere Organisationen, Fördermittelgeber sowie die Staatsanwaltschaft geschickt. Die an IQN gesandten Informationen enthalten Namen, Links zu Onlineprofilen und Gruppen, Tonaufnahmen, Screenshots. Aus rechtlichen Gründen können diese nicht wiedergegeben werden, daher werden die Vorwürfe grob zusammengefasst, ohne Namen zu nennen.
Codewort „Honey“ im Casa Kuà
Wie also lief das illegale Geschäft mutmaßlich ab? Laut dem IQN vorliegenden Dossier sei die unerlaubte Weitergabe von Hormonen über ein Zusammenspiel persönlicher Treffen, einer Telegram-Gruppe und einer internen E-Mail-Adresse erfolgt. Jeden Sonntag hat sich die Gruppe „The Dolls of Berlin“ im Casa Kuà getroffen. Diese Treffen sollen als Anlaufstelle zur Kontaktaufnahme gedient haben: Interessierte seien angewiesen worden, eine organisierende Person nach dem Codewort „Honey“ zu fragen.
Über die digitale Kommunikation seien anschließend Produkt- und Preislisten sowie Hinweise zur Übergabe verbreitet worden. Beschrieben werden Östrogenpräparate in Tabletten-, Gel- und Injektionsform; die zitierte Preisliste führt zudem das anabole Steroid Nandrolon auf. Darüber hinaus seien auch Progesteron und das östrogenblockierende Medikament Raloxifen abgegeben worden.


Die Übergaben sollen sowohl im Umfeld der Treffen als auch außerhalb der Räume des Casa Kuà stattgefunden haben. In den im Dossier wiedergegebenen E-Mails werden kurze Zeitfenster für diskrete Bargeldübergaben im Körnerpark im Berliner Bezirk Neukölln sowie die Möglichkeit eines Onlinekaufs mit Bitcoin genannt. Einzelne Injektionsfläschchen sollen zur Tarnung als Bergamottöl etikettiert gewesen sein, während ein Produktcode auf einen Hormoninhalt hingedeutet habe. Diese Ware stammte mutmaßlich aus dem illegalen niederländischen Untergrund-Labor „Voix Céleste“, welches aber laut Website wohl mittlerweile wieder aus dem Geschäft ausgestiegen ist.
Andere Präparate wie Hormongel seien von Transpersonen zur Verfügung gestellt worden, die sich über ihre regulären ärztlichen Verordnungen einen größeren Vorrat besorgt haben, um davon etwas abzugeben. Nach der Razzia habe der illegale Handel nicht aufgehört, stattdessen seien von den „Dolls“ weitere Übergaben bei Treffen an anderen Orten in Berlin organisiert worden.
Keine medizinischen Fachkenntnisse
Niemand der verantwortlichen Personen habe über medizinische Fachkenntnisse oder gar eine Ausbildung verfügt. Trotzdem berieten diese zur Einnahme und setzten teilweise sogar Injektionen. Dadurch hätten Personen gesundheitliche Schädigungen erlitten, beispielsweise Entzündungen an den Einstichstellen. Ebenso sei es auch zu Kreislaufbeschwerden gekommen, zu psychischen Krisen, entgleisten Hormonwerten, da viel zu hohe Dosen empfohlen worden seien. Besonders gefährlich seien die empfohlenen, sehr hohen Progesterondosierungen gewesen, die im Zweifel auch Thrombosen verursachen können.
Die Informantinnen berichteten über die personelle Zusammensetzung der „Dolls“-Gruppe und ihrer Kundschaft, dass diese weniger aus klassischen Transfrauen mit Geschlechtsdysphorie bestünde, die ein in die Gesellschaft integriertes Leben in der weiblichen Rolle anstreben. Stattdessen würden Personen diese Kreise dominieren, die jegliche medizinische Definitionen ablehnen und teils aus sexuellen Motiven mit Hormonen experimentieren würden, ohne eine weibliche Geschlechtsangleichung anzustreben. Daher seien auch Östrogenblocker wie Raloxifen und Androgene wie Nandrolon im Angebot gewesen. Raloxifen soll gezielt Brustwachstum verhindern und Nandrolon Kraft- sowie Libidoabbau vorbeugen.
Außerdem seien viele Männer unter den Hormonkunden gewesen, die diese Präparate selbst an Transfrauen ohne Zugang zu regulärer Versorgung weitergegeben haben sollen – und für diese Abhängigkeit auch sexuelle Gefälligkeiten verlangt hätten. Wenn eine davon betroffene Transfrau dabei nicht mitspielte und es auch noch wagte, sich zu beschweren, sei sie mit abruptem Ausschluss von der Versorgung bestraft worden. Auch unter den OrganisatorInnen des illegalen Handels seien Personen, die es genossen hätten, ihre Macht auszuspielen und als Gegenleistung für Hormone totale Unterwerfung verlangt hätten.
Fördermittel und Preise
Das Casa Kuà versteht sich als Ort, um „Gesundheit für andere trans*, inter*, nicht-binäre und queere Menschen zugänglicher zu machen“. Seine Räumlichkeiten befinden sich im Frauenzentrum Schokofabrik im Berliner Bezirk Kreuzberg, die wiederum ihre Ziele so beschreiben:
„Wir setzen uns mit unserer Arbeit für die Rechte, die soziale Gleichheit und den Zugang zur gesellschaftlichen Teilhabe aller Frauen, Mädchen, inter*, trans* und nichtbinären Menschen ein, die aufgrund ihrer Geschlechtsidentität patriarchal diskriminiert werden und in besonderer Weise von Sexismus, Rassismus, Gewalt und Armut betroffen sind.“
Die „Dolls“, die sich im Casa Kuà trafen, wollen eine Gruppe sein, die speziell transfemininen Personen Community und Support bietet.
2024 wurde Casa Kuà mit dem „Waltraud-Schiffels-Preis für herausragende Projekte aus trans* Communitys“ geehrt, der von der Hannchen-Mehrzweck-Stiftung vergeben wird. Die Jury sei in ihrer Begründung beindruckt von diesem Projekt gewesen und sah es als „modellhaft für ähnliche Projekte in anderen Städten“. Dieselbe Stiftung bewilligte für das Förderjahr 2026 der Gruppe „The Dolls of Berlin“ 2.700 Euro für „vier ganztägige, von Experten geleitete Workshops für das Kernteam zu HIV- und Sexualgesundheit, HRT-Aufklärung, traumasensibler Betreuung“.
Sowohl der Trägerverein des Frauenzentrums Schokofabrik, das Casa Kuà als auch die Hannchen-Mehrzweck-Stiftung hätten die Detailinformationen über die Organisation des illegalen Hormonhandels, die Gesundheitsgefährdungen und die Vorwürfe sexueller Belästigung inklusive toxischer Machtstrukturen laut Informantinnen zugeschickt bekommen. Auf Nachfrage von IQN wollte sich niemand der Genannten dazu äußern.
Kein vorbildliches Projekt
Sollten die Vorwürfe stimmen, dann verbirgt sich hinter dem vorbildlichen queeren Modellprojekt Casa Kuà kein Ort, der achtsam mit der Gesundheit von vulnerablen Gruppen umgeht. Ebenso wenig wäre die Razzia gegen die „Dolls“ ein Ausdruck einer zunehmenden Faschisierung Deutschlands. Und es zeigt – wieder einmal – dass hinter einer Verachtung und Abkehr von Normen und Gesetzen nicht zwingend die queere Befreiung wartet, sondern die vermeidbare Zerstörung von körperlicher und seelischer Gesundheit.
Alle Personen, Organisationen und Medien wie die taz, die sich nun mit Casa Kuà und den „Dolls“ solidarisch zeigen, helfen damit niemandem – schon gar keiner Transfrau in prekärer Lage. Statt wie Lemminge Instagramkacheln und Pressemitteilungen zu veröffentlichen, sollten sich alle lieber die Zeit nehmen, um aufzuklären, was im Casa Kuà wirklich vor sich ging. Und dann sollten Unterstützungsstrukturen aufgebaut werden, die vulnerablen Personen tatsächlich helfen, anstatt sie zu gefährden.
Till Randolf Amelung ist Redakteur des IQN-Blog und seit Juli 2024 auch Mitglied des IQN-Vorstand. Als freier Journalist veröffentlicht er mit Schwerpunkt auf geschlechterpolitischen Themen sowie in anderen Medien und in wissenschaftlichen Sammelbänden wie dem Jahrbuch Sexualitäten der IQN. Seit der Jahrbuch-Ausgabe für 2026 gehört er auch zu den Herausgebern.
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