Besonders in diesem Jahr wurden einige Buchtitel auf den Markt geworfen, die sich kritisch mit Identitätspolitik und „Woke“ auseinandersetzen wollen. Drei davon werden im IQN-Blog vorgestellt.


(Foto von Tom Hermans auf Unsplash)


 

1. Mai 2024 | Till Randolf Amelung

So viel Kritik an Identitätspolitik wie im Frühjahr 2024 war womöglich noch nie gleichzeitig auf dem deutschen Buchmarkt zu finden. Als vor sechs Jahren im Querverlag der kontrovers diskutierte „Beißreflexe. Kritik an queerem Aktivismus, autoritären Sehnsüchten, Sprechverboten“ erschien, der dezidiert aus einer linken und LGBT-Perspektive ein bestimmtes aktivistisches Gebaren mitunter scharf kritisierte, wurde es eher noch als Nischenthema angesehen. Inzwischen hat woke Identitätspolitik auch den gesellschaftlichen Mainstream erreicht und so steigt auch der Bedarf nach profunden Analysen und Erklärungen dieses Phänomens. Drei dieser Neuerscheinungen werden nun vorgestellt.

 

Yascha Mounk: Im Zeitalter der Identität. Der Aufstieg einer gefährlichen Idee

Der renommierte deutsch-amerikanische Politikwissenschaftler Yascha Mounk, der sich zuletzt mit der Krise der liberalen Demokratie und der Gefahren durch den Rechtspopulismus auseinandersetzte, wendet sich nun den Fehlern linker Identitätspolitik zu. Diese hätten, so der Autor, einen Anteil daran, in den USA die Gesellschaft polarisiert zu haben und dem Aufstieg rechtspopulistischer Kräfte zusätzlichen Auftrieb gegeben. Woke Identitätspolitik, die Mounk lieber „Identitätssynthese“ nennt, kommt mit dem Anspruch, gegen Diskriminierung von Minderheiten zu kämpfen. Doch Mounk zufolge richte sie sich gegen „die Werte unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung“. Menschen würden nur noch über Gruppenzugehörigkeiten gesehen, aber nicht mehr als Individuen. Es sei aber nicht das Problem, „dass sie zu radikal oder kompromisslos für hehre Anliegen wie den Kampf gegen Rassismus einstünde“. Das grundsätzliche Problem sei vielmehr, dass sie unfähig wäre, „eine Gesellschaft zu inspirieren, in der wir friedlich zusammenleben, uns wirklich ebenbürtig fühlen und einander als wahre Mitbürger erkennen“.

Yascha Mounk: Im Zeitalter der Identität. Der Aufstieg einer gefährlichen Idee, Stuttgart: Klett-Cotta 2024, ISBN: 978-3-608-98699-0, 512 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag, 28 €

Mounk geht seine Kritik an Identitätspolitik gründlich an. Zunächst macht er seine Leser_innen mit den theoretischen Grundlagen heutiger identitätspolitischer Ideen vertraut. Diese stammen von postmodernen Denker_innen, wie Michel Foucault, Gayatri Chakravorty Spivak, Edward Said oder auch Kimberlé Crenshaw und sind geprägt von einem „radikalen Skeptizismus“ gegenüber universellen Werten und objektiver Wahrheit. Ebenso zeigt Mounk die Entwicklungsschritte, die zu einer Vermengung von politischem Aktivismus und Wissenschaft führten, einschließlich der Adaptionen durch Online-Aktivismus in sozialen Medien. Aus dieser Mélange entwickelte sich das identitätspolitisch charakteristische Verhalten, wo mit einem rigiden Moralismus und Mobbingmethoden gegen Kritik und Abweichung vorgegangen wird. Ebenso wichtig für das Verständnis heutiger Probleme ist, wie identitätspolitischen Ansätze den gesellschaftspolitischen Mainstream erreichten und Schlüsselstellen in Institutionen, wie Hochschulen, NGOs und Medien erobern konnten. Der Autor übt aus einer universalistischen Grundhaltung fundierte Kritik an Identitätspolitik und wirbt für die Prinzipien des Liberalismus sowie das Festhalten am Glauben an die Verbesserungsfähigkeit von Gesellschaften.

Fazit: Wer nur ein Buch zur kritischen Auseinandersetzung mit identitätspolitischen Ideen lesen will, sollte das von Mounk wählen.

 


 

Esther Bockwyt: Woke. Psychologie eines Kulturkampfs

Esther Bockwyt: Woke. Psychologie eines Kulturkampfs, Frankfurt/Main: Westend Verlag 2024, ISBN 9783864894442, 224 Seiten, kartoniert, 18 €

Welche Auswirkungen haben woke Überzeugungen auf die psychische Gesundheit Einzelner sowie den gesellschaftlichen Umgang miteinander? Diesen Fragen widmet sich die Psychologin Esther Bockwyt. Als Kernelemente woken Denkens sieht sie insbesondere das Betonen von Gruppenidentitäten und die Annahme, dass alle Minderheitengruppen strukturell, also systematisch diskriminiert würden. Diskriminierungen seien ständig präsent und bedeutsam sei das subjektive Empfinden einer solchen. Eine objektive Realität gebe es nicht.

Der Autorin zufolge ist „Wokeness eine Ideologie, die eine zutiefst demotivierende Perspektive im Leben eines Individuums“ forciere.  Zudem unterstütze Wokeness „emotionale Fragilität und überhöhten Narzissmus“ und verhindere, dass Menschen erwachsen Verantwortung für sich selbst übernehmen. Außerdem fördere diese Ideologie Schwarz-Weiß-Denken sowie „Projektion des Bösen in andere und in die gesamte gesellschaftliche Struktur“. Bockwyt gelingt es, die psychologischen Dynamiken hinter ihren Feststellungen anschaulich und nachvollziehbar auch für psychologische Laien zu erläutern.

Fazit: Esther Bockwyts Buch fügt der Kritik an Woke mit dem psychologischen Zugang interessante und bedenkenswerte Aspekte hinzu.

 


Susanne Schröter: Der neue Kulturkampf. Wie eine woke Linke Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft bedroht

Susanne Schröter: Der neue Kulturkampf. Wie eine woke Linke Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft bedroht, Freiburg/Basel/Wien: Herder Verlag 2024, ISBN: 978-3-451-39710-3, 272 Seiten, kartoniert, 20 €

Die Frankfurter Ethnologin Susanne Schröter will in ihrem neuen Buch zeigen, wie identitätspolitische Gruppen auch in Deutschland Einfluss auf Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft nehmen, um sie in ihrem Sinne zu gestalten. Schröter kann hier viel aus ihren eigenen Erfahrungen schöpfen und tut dies in ihrem Buch auch, denn sie gilt selbst in identitätspolitisch linken Kreisen als „umstritten“. In ihrer Forschung beschäftigt sich die Ethnologin Schröter hauptsächlich mit islamischen Gesellschaften in Südostasien. Immer wieder setzt sie sich auch kritisch mit Islamismus auseinander und warnt vor der aktiven Einflussnahme durch extremistische Akteure. Dafür wird sie von woken Aktivist*innen mit Vorwürfen bedacht, sie sei eine Rassistin und „islamophob“.

Kenntnisreich zeigt Schröter in ihrem Buch auf, wie Aktivist*innen vorgehen, um unliebsame Stimmen aus dem Diskurs zu verdrängen. Ebenso zeigt sie, wie diese Aktivist*innen im Bereich Antirassismus allgemein und beim Thema „Islam“ im Besonderen dabei auch extremistischen Gruppen und Akteuren zuarbeiten. Allerdings sind die jahrelangen Angriffe, die auch auf ihre Existenz als Professorin zielten, nicht spurlos an ihr vorübergegangen. So gleitet sie ihrerseits an einigen Stellen in unsachliche Skandalisierung ab. Dies schmälert jedoch nicht ihren Verdienst, eine bündige Darstellung geliefert zu haben, wie sich Probleme mit wokem Aktivismus in Deutschland zeigen.

Fazit: Wer aus erster Hand erfahren will, wie identitätspolitischer Aktivismus in Deutschland agiert, sollte Schröters Buch lesen.

 


Till Randolf Amelung ist Redakteur des IQN-Blog.