Die Journalistin Eva Siewert kämpfte als lesbische Antifaschistin gegen das NS-Regime, verlor ihre große Liebe Alice Carlé in Auschwitz und geriet in der Nachkriegszeit fast in Vergessenheit. Wiedergefundene, bislang unbekannte Briefe und Texte beleuchten ihr bewegtes Leben neu.

22. Januar 2026 | Till Randolf Amelung
Über die Journalistin Eva Sievert, die bis zu ihrem Tod 1994 in Berlin-Wilmersdorf lebte, war bisher vor allem das bekannt, was sie in veröffentlichten Texten preisgab. Darin thematisierte sie den nationalsozialistischen Terror und den Zweiten Weltkrieg, den sie in Berlin miterlebt hatte. Siewert galt nach den nationalsozialistischen Nürnberger Rassegesetzen als „Mischling 1. Grades“ und war dem NS gegenüber kritisch eingestellt. Jedoch geriet die unbequeme Autorin, die sich schon in der frühen Nachkriegszeit öffentlich mit dem NS auseinandersetzte, schnell in Vergessenheit.
Neue Quellenfunde
Vor einigen Jahren entdeckten HistorikerInnen Briefe, die zwischen ihr und dem Schwulenaktivisten Kurt Hiller ausgetauscht wurden. Darin wurde deutlich, dass Eva Siewert 1949 als einzige Frau in der Berliner Ortsgruppe des 1933 zuvor aufgelösten und nach Kriegsende wiedergegründeten Wissenschaftlich-humanitären Komitees (WhK) aktiv war. Schließlich wurde ihr Nachlass mit bislang unveröffentlichten Briefen und Texten entdeckt, wodurch wichtige Lücken in der Erforschung ihrer Biografie geschlossen werden konnten.
Vor allem ihre Liebesbeziehung zur ebenfalls in Berlin lebenden Jüdin Alice Carlé lässt sich nun auf der Basis dieser Quellen differenzierter und detaillierter rekonstruieren. Die HistorikerInnen Raimund Wolfert, Oranna Dimmig und Claudia Schoppmann machen dieses Material mit dem Buch „Damals wurde uns klar, dass Bleiben Lebensgefahr bedeutete. Eva Siewert und Alice Carlé, eine Liebe während der Shoah“ einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich.
Wer war Eva Siewert?
Eva Siewert wurde 1907 in Breslau (heute: Wrocław) in eine Künstlerfamilie geboren. Nachdem sich die Eltern scheiden ließen, lebte sie zunächst bei der Mutter in Berlin. Nach der Schule strebte sie zunächst eine Karriere als Sängerin an, die sie wegen einer Erkrankung jedoch wieder aufgeben musste. 1930 reist sie mit ihrer Mutter und deren neuen Ehemann für ein Jahr nach Teheran, war dort im Büro tätig und begann sich journalistisch zu betätigen.
Wieder zurück in Deutschland, konnte die weltgewandte Frau durch einen Vortrag über ihren Persienaufenthalt auf sich aufmerksam machen und wurde schließlich als deutsche Radiosprecherin bei Radio Luxemburg eingestellt. Während ihrer knapp sechsjährigen Tätigkeit stieg sie zur Chefredakteurin auf. Von Luxemburg verfolgte sie die Geschehnisse in Deutschland und somit auch die Machtergreifung der Nationalsozialistin. Immer wieder äußerte sie sich kritisch über die Nazis und den Antisemitismus.
1938 beschloss sie, ihre Stellung bei Radio Luxemburg aufzugeben, da sie vor einem drohenden Krieg nach Teheran fliehen wollte. Das dafür nötige Visum konnte ihr jedoch nur in Berlin ausgestellt werden. Aufgrund ihrer journalistischen Tätigkeit und vor allem wiederholter regimekritischer Äußerungen wurde ihr das Visum verweigert, auch ihr Pass wurde einbehalten, wodurch sie nun Deutschland nicht mehr verlassen konnte. Ihre in Luxemburg aufgebauten Ersparnisse wurden ihr ebenfall von den Nazis geraubt. Wegen ihrer jüdischen Mutter galt sie im NS als ‚Mischling 1. Grades‘, weshalb sie mit Berufsverbot als Journalistin belegt wurde. Mit schlecht bezahlten Tätigkeiten als Bürokraft versuchte sie sich über Wasser zu halten.
Rettung scheiterte
In Berlin lernte sie schließlich die Jüdin Alice Carlé kennen und die Frauen wurden ein Liebespaar. Siewert und Carlé erlebten auch die Progromnacht vom 9. November 1938. In ihrem 1946 verfassten autobiografischen Essay „Das Orakel“ schrieb Siewert eindrücklich:
„Damals wurde uns klar, dass Bleiben Lebensgefahr bedeutete. Bis zum 9. November 1938 war der Wunsch nach Auswanderung der Wunsch nach Freiheit gewesen. Jetzt wurde er zur Notwendigkeit. Es galt, sich zu retten. Wir haben kein Konsulat ausgelassen. Es gab keinen Staat der fünf Erdteile, dem wir unser Anliegen nicht vortrugen. Kein Antragsformular für Einreisevisa, das wir nicht gemeinsam ausfüllten. Im August 1939 kam dann endlich aus London die Post, die uns den Rettungsring zuwarf. Ein Mensch, der uns beide zunächst einmal aufnehmen wollte, war gefunden.“
Doch Siewert und Carlé schafften es nicht mehr, Nazideutschland vor Beginn des Zweiten Weltkriegs zu verlassen. Zuvor suchten sie noch Rat bei einer Wahrsagerin:
„Wir verstanden das Orakel nicht mehr. Vor einem halben Jahr waren wir nämlich einmal schwach gewesen, so wie Saul, als er zur Hexe von Endor ging. Wir hatten eine Hellseherin aufgesucht, mit schlechtem Gewissen und quälender Neugier der brennenden Frage: Kommen wir ins Ausland? Sie sah uns prüfend mit ihren Mäuseaugen an, starrte in die Luft oder durch uns hindurch und sagte versonnen zu mir: »Erst kommen Sie weg.« Dann blickte sie auf Alice: »Dann kommen Sie weg, sehr weit weg.« Sie machte eine Pause, weil wir aufatmeten. Sie schlug die Hoffnungen wieder zunichte oder dämpfte sie doch sehr stark: »Dann sehen Sie sich nie mehr wieder.«“
Siewert wurde mehrfach wegen regimekritischer Äußerungen inhaftiert und musste Zwangsarbeit verrichten. Durch die Haft erlitt sie dauerhafte gesundheitliche Schäden. 1943 musste Siewert erneut ins Gefängnis. Währenddessen nahm der Verfolgungsdruck auf ihre Geliebte zu, diese wurde schließlich von den Nazis gefasst und nach Auschwitz deportiert, wo sie ermordet wurde. Wie von der Wahrsagerin prophezeit, sahen sich Siewert und Carlé nie wieder.
Buch und Webprojekt
Nach dem Krieg wurde Eva Siewert als „Opfer des Faschismus“ anerkannt und erhielt eine kleine Rente, doch vor allem aus gesundheitlichen Gründen konnte sie nie wieder an ihre Vorkriegskarriere anknüpfen. Am 3. Dezember 1994 starb sie im Alter von 87 Jahren in ihrer Berliner Wohnung.
Mit dem von Wolfert, Dimmig und Schoppmann herausgegebenen Buch lässt sich nicht nur eine tragische Liebesgeschichte rekonstruieren, sondern auch eine faszinierende Biografie. Neben der editierten Quellensammlung erinnert auch ein Webprojekt an die Publizistin Siewert. Am 25. Januar würdigen Raimund Wolfert, Oranna Dimmig und Sigrid Grajek Eva Siewert und stellen die historischen Quellen in der Neuköllner Programmschänke Bajzsel vor.

Raimund Wolfert, Oranna Dimmig und Claudia Schoppmann (Hg.): Damals wurde uns klar, dass Bleiben Lebensgefahr bedeutete. Eva Siewert und Alice Carlé, eine Liebe während der Shoah. Schriften der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Reihe B: Quellen und Zeugnisse, Band 14, hrsg. v. Peter Steinbach und Johannes Tuchel, Lukas Verlag: Berlin 2025. ISBN 978-3-86732-477-9, 29,80 Euro.
Till Randolf Amelung ist Redakteur des IQN-Blog und seit Juli 2024 auch Mitglied des IQN-Vorstand. Als freier Journalist veröffentlicht er mit Schwerpunkt auf geschlechterpolitischen Themen auch in anderen Medien und in wissenschaftlichen Sammelbänden wie dem Jahrbuch Sexualitäten der IQN.
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