Die Biografie von Hertha Wind ermöglicht einen seltenen Einblick in eine Geschlechtsangleichung und die medizinische Debatte in Deutschland von der Weimarer Republik, über die NS-Zeit bis zur jungen Bundesrepublik– fundiert recherchiert von Alexander Zinn für das „Jahrbuch Sexualitäten“ 2025. Doch an dem Beitrag entzündete sich transaktivistische Kritik, weil auch der abgelegte männliche Name Winds genannt wurde.

27. Januar 2026 | Redaktion
Redaktionelle Vorbemerkung: Dieser Text dokumentiert die Rede von Till Randolf Amelung, die er bei der Release-Party des Jahrbuch Sexualitäten 2025 am 18. Juli 2025 in der taz Kantine gehalten hat. Darin würdigt er als Erstleser den Essay „‘Auch ich war ein Mann‘. Adolf/Hertha Winds unermüdlicher ‚Kampf um das Frausein‘“ von Alexander Zinn.
Sehr geehrtes Publikum,
es ist mir eine große Freude, Ihnen und Euch Alexander Zinns Beitrag in diesem Jahrbuch vorzustellen: eine biografische Skizze von Hertha Wind, die 1897 als Adolf Wind geboren wurde und 1972 starb. Die Vorstellung möchte ich zugleich mit einer kurzen Kritik an erster Kritik an diesem Beitrag verbinden.
In seinem Beitrag hat der Historiker Zinn nicht nur die Biografie Winds, sondern auch die sexualmedizinische Debatte um Transvestismus und später Transsexualität am Fall nachgezeichnet. Hier wurde ein spannendes Schätzchen aus den Archiven gehoben, denn Hertha Wind kann als eine Wegbereiterin für die medizinische Debatte um Transsexualität in Deutschland betrachtet werden. Winds Biografie umspannt mehrere historische Umbrüche in Deutschland – vom Deutschen Kaiserreich, über Weimarer Republik und Nationalsozialismus bis zur Bundesrepublik.
Namensänderung in NS-Zeit
Alexander Zinn zeichnet Winds Lebensweg so nach, wie es die Quellen zulassen. Adolf Wind war in seinen Dreißigern und ein Familienvater mit zwei Kindern, als er Ende der 1920er Jahre beschloss, dem seit frühester Kindheit verspürten Drang, als Frau zu leben, nachzugeben. Ich will hier nicht zu viel aus dem Text spoilern, aber zumindest so viel sei gesagt: Auch der Nationalsozialismus konnte Wind nicht aufhalten. Wind erreichte während der NS-Zeit sogar eine Namensänderung und behördliche Anerkennung als Frau sowie geschlechtsangleichende operative Eingriffe.
Zinn zeigt, wie der Fall Adolf/Hertha Wind darauf verweist, dass der Umgang der Nationalsozialisten mit Tranvestismus in hohem Maße ambivalent war. Das Spektrum reichte von Duldung und Anerkennung bis hin zu Psychiatrisierung und strafrechtlicher Verfolgung. Von einer systematischen Verfolgung aller Transvestiten, wie man sie damals nannte, konnte man nicht sprechen. Vielmehr weist die bisherige Quellenlage darauf hin, dass, wer nicht wegen gleichgeschlechtlicher sexueller Handlungen im Sinne des berüchtigten Paragrafen 175 ins Visier des Regimes geriet, durchaus unbehelligt bleiben konnte.
Zinn dazu:
„Erwiesen sie sich als »hartnäckige und eigensinnige« Personen, so konnten sie wie Wind selbst zu NS-Zeiten Erstaunliches in Bewegung setzen und sich begrenzte Freiräume erstreiten.“
In der frühen Nachkriegszeit gelang es Wind, auch in der Geburtsurkunde den Geschlechtseintrag ändern zu lassen. Soweit zunächst zu den Einblicken in den Fall Adolf/Hertha Wind, und ich empfehle sehr, für die Details Alexander Zinns Essay im „Jahrbuch“ selbst zu lesen.
Empörung über Deadnaming
Zum Schluss möchte ich aber noch kurz auf erste, vehement vorgebrachte Kritik an diesem Beitrag eingehen: Nora Eckert mokierte sich in ihrer Rezension im Online-Medium queer.de über die Nennung des sogenannten Deadnames von Wind auf dem „Jahrbuch“-Cover – also des abgelegten Geburtsnamens Adolf. Wie mir zugetragen wurde, soll auch der Wallstein-Verlag die eine oder andere empörte Reaktion aus demselben Grund online erhalten haben.
Diesen kritischen Geistern sei gesagt, dass sie offenbar nicht verstehen, was historisches Arbeiten ausmacht: Nämlich anhand der verfügbaren Quellen die Vergangenheit kritisch und systematisch zu untersuchen, gar zu rekonstruieren. Zur gesamten Geschichte gehört bei Hertha Wind auch der im Laufe des Lebens abgelegte männliche Vorname. Die Kritik am Umgang mit dem Namen verweist vielmehr auf ein Unbehagen in großen Teilen der Transcommunity – nämlich mit der Vergangenheit ins Reine zu kommen.
Der heutige Begriff „Deadname“, der in der Community en vogue ist, vermittelt ein falsches Bild: Denn de facto ist ein Mensch nicht gestorben, wenn er seinen Vornamen ändert, und mit einer Geschlechtsangleichung fängt man sein Leben nicht neu bei „Null“ an. Es ist auch nicht der Job eines Historikers, die Illusion zu stützen, es gäbe kein „Davor“. Wir tun uns keinen Gefallen, wenn wir mit dem Wort „Deadnaming“ ein falsches Bild von Transitionen erzeugen, was an der Realität zwangsläufig zerbrechen muss.

Herausgegeben im Auftrag der Initiative Queer Nations e.V. von Jan Feddersen, Marion Hulverscheidt und Rainer Nicolaysen.
Mit Beiträgen von: Kerstin Söderblom, Dinçer Güçyeter, Zaal Andronikashvili, Manuela Torelli, Chantalle El Helou, Till Randolf Amelung, Ioannis Dimopulos, Julia Kaiser, Denis Watson, Schwester Daphne Sara Maria Sanguina Mater dʼOr OSPI, Karl-Heinz Steinle, Norbert Finzsch, Aaron Gebler, Werner Renz, Clemens Schneider, Vojin Saša Vukadinović und Alexander Zinn. 232 S., gebunden mit Schutzumschlag, ISBN 978-3-8353-5917-8, 34,00 Euro.
Till Randolf Amelung ist Redakteur des IQN-Blog und seit Juli 2024 auch Mitglied des IQN-Vorstand. Als freier Journalist veröffentlicht er mit Schwerpunkt auf geschlechterpolitischen Themen auch in anderen Medien und in wissenschaftlichen Sammelbänden wie dem Jahrbuch Sexualitäten der IQN.
Auf ein Wort in eigener Sache: Die 2005 gegründete Initiative Queer Nations versteht sich getreu des Mottos von Magnus Hirschfeld „Durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit“ als Debattenplattform. Im Blog gibt es Kommentare, Analysen, Berichte zu aktuellen Themen, die unsere Arbeitsschwerpunkte berühren. Neben der Herausgabe des „Jahrbuchs Sexualitäten“ seit 2016 und Veranstaltungen, etwa unseren Queer Lectures, erweitern wir damit unser Angebot. Wir sagen: Mainstream kann jeder – wir haben das nicht nötig! Wir arbeiten ehrenamtlich. Alle Texte in unserem Blog sind kostenfrei zugänglich. Damit das weiterhin möglich ist, freuen wir uns sehr, wenn Sie uns mit einer Spende oder Mitgliedschaft bei der IQN e.V. unterstützen.