Großbritannien stoppt eine geplante NHS‑Studie zu Pubertätsblockern bei Minderjährigen. Die Debatte um PATHWAYS legt ethische Risiken und fehlende Evidenz offen. International ist die gesamte Transmedizin von mangelnder Transparenz geprägt und zeigt, wie ideologische Gewissheiten das Vertrauen in Medizin und Forschung untergraben.

Ärztin schaut etwas auf einem Smartphone an. Symbolbild für Artikel "Pubertätsblocker: Ideologie statt Evidenz zerstört Vertrauen"
Erkenntnisse in der Medizin sollten eine solide Evidenzbasis besitzen, wenn sie in der Praxis breite Anwendung finden (Foto von National Cancer Institute auf Unsplash).

1. März 2026 | Till Randolf Amelung

In Großbritannien haben Verfechter der Pubertätsblockade bei Minderjährigen mit Geschlechtsdysphorie einen weiteren Rückschlag erlitten: Im Februar wurde bekannt, dass eine im NHS geplante klinische Studie aufgrund ethischer Bedenken vorerst gestoppt wurde. Eine solche Studie gehörte zu den Maßnahmen, die die Pädiaterin Hilary Cass in ihrem 2024 veröffentlichten Report empfohlen hatte.

Die Forschungsstudie namens „PATHWAYS“ sollte die Verschreibung von Pubertätsblockern ermöglichen und die jungen Patienten begleiten. Eine zentrale Fragestellung dieser Studie ist, wie sich Hormone zur Unterdrückung der Pubertät (Medikamente, die die Pubertät unterbrechen) auf das körperliche, soziale und emotionale Wohlbefinden junger Menschen mit Geschlechtsinkongruenz auswirken.

Standard Pubertätsblocker

In den vergangenen fünfzehn Jahren ist die Pubertätsblockade zum Mittel der ersten Wahl bei jungen Menschen geworden, die unter ihren biologischen Geschlechtsmerkmalen leiden. Allerdings wissen Ärzte und Forscher noch nicht genau, welche Vorteile oder Risiken diese Behandlung mit sich bringt. Unklar ist, ob Verbesserungen des psychischen Befindens auf die pubertätshemmenden Hormone oder auf andere Behandlungen zurückzuführen sind, die junge Menschen aufgrund ihrer Geschlechtsinkongruenz erhalten.

Pubertätsblockierende Medikamente haben jedoch Risiken, da sie die Entwicklung des Gehirns und der Knochen sowie die Fortpflanzungsfähigkeit beeinträchtigen können. Auch dazu gibt es noch nicht genügend Erkenntnisse aus der Forschung, um zu verstehen, ob diese Veränderungen auftreten, wie stark sie sind und ob sie sich nach Beendigung der Behandlung wieder normalisieren. Trotzdem werden diese pharmakologischen Mittel von Transaktivisten und mit ihnen verbundene Ärzte bis heute als aus menschenrechtlicher Sicht „alternativlos“ dargestellt.

Risiken für Fruchtbarkeit

An der nun gestoppten Studie sollten laut einem Bericht des öffentlich-rechtlichen TV-Sender BBC 220 Kinder im Alter zwischen elf und fünfzehn Jahren teilnehmen. Die entscheidenden Bedenken kamen aus der britischen Arzneimittelzulassungsbehörde. Kern der Kritik war das Mindestalter, welches nach Ansicht der Behörde auf vierzehn Jahre angehoben werden sollte, um ein Minimum an Sicherheit für Gesundheit und Wohlergehen sicherzustellen. Besonders im Hinblick auf Folgen für die Fortpflanzungsfähigkeit ist das Pubertätsstadium, in dem pharmakologisch eingegriffen wird, von elementarer Bedeutung.

Ein Sprecher des Ministeriums für Gesundheit und Soziales sagte:

„Diese Studie darf nur durchgeführt werden, wenn die wissenschaftlichen und klinischen Erkenntnisse und Gutachten zu dem Schluss kommen, dass sie sowohl sicher als auch notwendig ist.“

Während die Pubertätsblockerstudie auf ihre erneute Freigabe wartet, ist die Auswertung von Daten von rund 9.000 Kindern und Jugendlichen, die im NHS gender-affirmativ behandelt wurden, auf den Weg gebracht worden. Geplant ist, dass die Behandlungswege bis hinein ins Erwachsenenalter nachverfolgt werden. Dafür wurde nun mit einem Gesetz die erste Hürde genommen. Forschungs- und Ethikgenehmigungen stehen noch aus, wie die im Thema versierte Hannah Barnes im The New Statesman berichtete. Ursprünglich sollte eine solche Datenauswertung bereits im Rahmen des Cass Reports erfolgen, doch damals verweigerten die Genderambulanzen für Erwachsene die Kooperation und rückten ihre Daten nicht heraus.

Keine Transparenz

Einschlägige Aktivisten und ihnen nahestehende Ärzte postulieren stets, affirmative Behandlungen mit Hormonen und chirurgischen Eingriffen bei Minderjährigen und Erwachsene mit Geschlechtsdysphorie seien alternativlos. Der Nutzen sei hinreichend belegt. Warum weigerten sich dann Genderambulanzen des NHS, die geforderten Daten zur Verfügung zu stellen? Wessen Behauptungen eine solide Basis haben, der sollte Transparenz doch nicht fürchten, oder?

Weltweit ist in den vergangenen fünf Jahren deutlich geworden, dass im Zusammenhang mit Trans auch viele wissenschaftlich-medizinische Organisationen Positionen vertreten haben, die vor allem ideologisch und nicht evidenzbasiert waren. Zugleich fanden transparente und offene Debatten nicht statt, weil sie blockiert wurden. Nun gibt es gerade in den USA zunehmend Richtungswechsel, deren Gründe und ihre Herleitungen von den Verantwortlichen ebenfalls nicht transparent gemacht werden.  In der New York Times stellte Journalist Jesse Singal daher in einem Kommentar fest, dass dies das öffentliche Vertrauen in wissenschaftliche und medizinische Institutionen erheblich beeinträchtige.

Deutsche Medien versagen

In Deutschland erfährt man von diesen Entwicklungen in den Medien mal wieder nichts. Warum eigentlich nicht? Die dpa konstatierte am 1. März:

„Die Kinder- und Jugendpsychiatrie hat mit einer wachsenden Zahl an Fällen zu tun, bei denen Betroffene mit ihrem Geschlecht hadern.“

Zu Wort kommt der Dresdner Kinder- und Jugendpsychiater Veit Roessner, der auf die unsichere Evidenzbasis für Pubertätsblocker und schnelle Bestätigungen der Geschlechtsidentität hinweist.

Leider verpasste es der dpa-Beitrag, die Entwicklungen im Ausland wenigstens zu benennen. So kann der Eindruck entstehen, es handele sich bei Roessners Position um eine Einzelmeinung. Dabei wäre eine mediale Berichterstattung, die tatsächlich am Puls der Zeit ist, auch für betroffene Eltern und ihre Kinder wichtig. Denn nur, wenn alle Informationen vorliegen, kann man tatsächlich informierte Entscheidungen treffen. Oder manipulativen Behauptungen von Aktivisten, ohne affirmative Behandlungen käme es sehr wahrscheinlich zu einem Suizid, mit der notwendigen Skepsis begegnen.


Till Randolf Amelung ist Redakteur des IQN-Blog und seit Juli 2024 auch Mitglied des IQN-Vorstand. Als freier Journalist veröffentlicht er mit Schwerpunkt auf geschlechterpolitischen Themen auch in anderen Medien und in wissenschaftlichen Sammelbänden wie dem Jahrbuch Sexualitäten der IQN.


Auf ein Wort in eigener Sache: Die 2005 gegründete Initiative Queer Nations versteht sich getreu des Mottos von Magnus Hirschfeld „Durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit“ als Debattenplattform. Im Blog gibt es Kommentare, Analysen, Berichte zu aktuellen Themen, die unsere Arbeitsschwerpunkte berühren. Neben der Herausgabe des „Jahrbuchs Sexualitäten“ seit 2016 und Veranstaltungen, etwa unseren Queer Lectures, erweitern wir damit unser Angebot. Wir sagen: Mainstream kann jeder – wir haben das nicht nötig!  Wir arbeiten ehrenamtlich. Alle Texte in unserem Blog sind kostenfrei zugänglich. Damit das weiterhin möglich ist, freuen wir uns sehr, wenn Sie uns mit einer Spende oder Mitgliedschaft bei der IQN e.V. unterstützen.