Bislang aufgearbeitete Aktivitäten des pädo-sexuellen Aktivisten und prominenten Sexualaufklärers Helmut Kentler offenbaren ein pädo-aktivistisches Netzwerk über das ganze Gebiet der Bundesrepublik. Auch Ralf Dose, Erziehungswissenschaftler und langjähriger Geschäftsführer der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, gehörte dazu. Nach seinem Rücktritt im Februar 2025 hat die MHG nun einen Untersuchungsbericht zu Doses Pädo-Aktivismus in Auftrag gegeben.

26. November 2025 | Till Randolf Amelung
Die Hannoversche Allgemeine Zeitung hat eine neue Podcast-Serie gestartet: „Kentler – Missbrauch mit System“ beschäftigt sich im Stile von „True Crime“-Formaten mit dem Leben und Wirken des einstigen Professors für die Ausbildung von Berufsschullehrern für Sonderpädagogik an der Leibniz-Universität Hannover. Dieser machte 2015 posthum Schlagzeilen, als sein ab Ende der 1960er Jahre zusammen mit dem Berliner Jugendamt betriebenes Experiment der Vermittlung von verhaltensauffälligen Jungen an pädo-sexuelle Pflegeväter offenbar wurde. Schon zu Lebzeiten war der offen homosexuelle Kentler in der Bundesrepublik vor allem ein bekannter Vertreter einer sich als emanzipatorisch verstehenden Sexualaufklärung. In seinem Werk befürwortete er jedoch auch sexuelle Handlungen von Erwachsenen mit Minderjährigen.
Kentler-Podcast nur in Teilen frei zugänglich
In mehreren Folgen, von denen nur die ersten beiden ohne HAZ-Abo zugänglich sind, gehen die JournalistInnen Jutta Rinas und Rolf Rosenstock der Frage nach, warum Kentler jahrzehntelang unbehelligt blieb. Kentler, der 2008 in Hannover verstarb, wurde zu Lebzeiten nie für sein Experiment zur Rechenschaft gezogen. Stattdessen war er von 1976 bis 1996 als Professor an der Leibniz-Universität tätig und bis zu seinem Tod ein geachtetes Mitglied der Hannoveraner Gesellschaft.
Für die beiden Hosts Rinas und Rosenstock ist der Fall Kentler
„einer der größten Wissenschaftsskandale der vergangenen Jahrzehnte. Denn die Wissenschaft scherte sich zu Lebzeiten Kentlers nicht darum, was einer aus ihren Reihen für zweifelhaftes Gedankengut verbreitete. Kentler wurde von Hochschulkollegen sogar gegen Proteste von Feministinnen verteidigt.“
Pikant ist zudem, dass Kentler, wie man heute weiß, für die Berufung auf die Professur eigentlich nicht die üblichen wissenschaftlichen Qualifikationen mitbrachte. Der Podcast will auch thematisieren, dass Kentler nicht allein agierte, sondern Teil eines pädo-kriminellen Netzwerks war.
Pädo-Aktivismus in Reformpädagogik und linker Politik
Seit der Aufdeckung von Kindesmissbrauch sowie politischer Unterstützung pädo-sexueller Forderungen in reformpädagogischen Institutionen wie der Odenwaldschule und politisch linksprogressiven Kreisen wie der Partei Bündnis 90/Die Grünen, kam sukzessive ein Netzwerk ans Licht, was auch schwulenbewegte Kreise miteinschließt. Ein Name tauchte dabei immer wieder prominent auf: Helmut Kentler.
Untersuchungen ab 2013, zuerst vom Institut für Demokratieforschung der Universität Göttingen und anschließend dem Institut für Sozial- und Organisationspädagogik der Universität Hildesheim, zeigten personelle und inhaltliche Zusammenhänge auf. Besonders schockierte die Öffentlichkeit das Experiment Kentlers, was er Ende der 1960er Jahre in Zusammenarbeit mit dem Berliner Jugendamt durchgeführt hatte und noch bis in die 2000er Jahre hinein betrieben wurde.
Untersuchungsbericht der Uni Hannover
Auch die Leibniz-Universität Hannover gab eine Untersuchung zum Wirken ihres ehemaligen Professors in Auftrag, die von der damals noch an der Universität Göttingen tätigen Politikwissenschaftlerin Teresa Nentwig durchgeführt wurde. 2019 wurden die Ergebnisse vorgelegt und geben im Vergleich zum sensationsheischenden und in Teilen auch oberflächlichen HAZ-Podcast einen detaillierten sowie auch nüchternen Einblick.
Die Lektüre von Nentwigs Untersuchungsergebnisse lohnt immer noch, zumal einige der dort genannten Personen aus seinem wissenschaftlichen Netzwerk heute noch leben. Eine für die IQN bemerkenswerte Personalie, die in diesem Bericht auftaucht, ist Ralf Dose, der bis Februar 2025 Geschäftsführer der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft war und als profilierter Experte für Historisches in Bezug auf Homosexualität gilt. Laut Eigenbeschreibung widmet diese Gesellschaft „ihre Arbeit der Erforschung der Geschichte des Instituts für Sexualwissenschaft, der Geschichte der Sexualwissenschaft und der Sexualreformbewegung allgemein, sowie der Forderung nach der Etablierung von Geschlechter- und Sexualforschung an einer Berliner Universität“. Neben der Forschungsstelle betreibt sie auch ein Archiv.
Kein E2H-Haus mit Pädo-Aktivismus
Daher gehörte die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft zum Kreis der Einrichtungen, mit der die IQN das Elberskirchen-Hirschfeld-Haus gründen wollte, um auch alle queeren Archive im Geiste des von Magnus Hirschfeld begründeten und von den Nazis zerstörten Instituts für Sexualwissenschaft unter einem Dach zu vereinen. Unser Konzept war aber nicht nur eine schnöde Aufbewahrungsstätte, sondern wollte auch ein Ort für Forschung, Kultur und Begegnung sein. Für dieses Projekt hätten wir vom damaligen Kultursenator Klaus Lederer alles in allem 23 Millionen bekommen können. Doch 2021 stiegen alle Archive aus, darunter auch die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft. Stattdessen bemühen sich seither drei der Archive – die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, Spinnboden Lesbenarchiv und das feministische Archiv FFBIZ – um ein gemeinsames Archivhaus auf dem sogenannten „Vollgut“-Areal im Neuköllner Rollbergkiez.
Wir von IQN halten nach wie vor am Ideal eines Ortes fest, der Forschung, Aufklärung, Kultur und Begegnung zu sexuellen und geschlechtlichen Minderheiten unter einem Dach ermöglicht. Doch angesichts der aktenkundigen Verstrickungen Ralf Doses in das pädo-sexuelle Netzwerk Helmut Kentlers sind wir im Nachhinein froh, dass es nicht mit einer solch belasteten Personalie zum Erfolg dieses E2H-Projekts gekommen ist.
Ralf Dose als Pädo-Aktivist
Im Untersuchungsbericht von Nentwig ist dokumentiert, dass Dose nicht nur über mehrere Jahre als Lehrbeauftragter an Kentlers Lehrstuhl das Seminar „Einführung in die Sexualpädagogik“ angeboten hat. Beide hatten auch in aktivistischen Zusammenhängen miteinander zu tun, insbesondere im Arbeitskreis humane Sexualität (ahs). Wie in Nentwigs Bericht nachzulesen steht, war die ahs „im Jahr 1982 ‚mit einem breiteren sexualpolitischen Profil‘ gegründet worden“ diese „verengte ihre Agenda aber rasch auf die Vertretung pädophiler Interessen.“
Doses Positionen werden im Bericht wie folgt skizziert:
„Dose, Aktivist der Westberliner Schwulenbewegung, lässt sich als Anhänger eines tabulosen Umgangs mit Sexualität zwischen Erwachsenen und Kindern bezeichnen. Er sprach sich beispielsweise 1979 dafür aus, Grundschulkindern beizubringen, ‚daß sexuelle Kontakte mit Erwachsenen eine tolle Erfahrung sind und Spaß machen können […]. Aber diese Stunde gibt es noch nicht. Sie muß noch gemacht werden und vor allem: sie muß auch in der Schule gehalten werden können, ohne daß die Lehrerin bzw. der Lehrer damit zum letzten Mal unterrichtet hat.‘ Der langjährige Vorsitzende der GFSS Rolf Gindorf zählte Dose 1983 gar zu den ‚Vertreter[n] der Pädophilen‘ in der ‚Arbeitsgemeinschaft humane Sexualität‘ (ahs).“
Im Februar 2025 musste Ralf Dose als Geschäftsführer der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft zurücktreten, wie es in einer Stellungnahme auf deren Website heißt. „Wir distanzieren uns entschieden von allen Formen sexueller, insbesondere pädo-sexueller Gewalt und deren Verharmlosung“, so das Statement weiter. Außerdem wurde bekannt gegeben, dass die MHG einen Untersuchungsbericht zum Wirken Doses in Bezug auf sein Wirken in der Arbeitsgemeinschaft humane Sexualität und im pädo-aktivistischen Diskurs beauftragt habe. Die Ergebnisse sollen Ende 2025 vorliegen. Auf der Website wird Ralf Dose indes weiter als Mitarbeiter der MHG geführt, allerdings ohne Nennung konkreter Zuständigkeitsbereiche (Stand 24.11.2025).
Ziemlich sicher bleibt Dose nicht der letzte Fall, wo sich biografisch Verstrickungen mit Propagandisten von Pädo-Sexualität auftun. So manches ist unter dem Deckmantel der Emanzipation lanciert worden, aber bis heute sind diese inhaltlichen Bezüge unaufgearbeitet geblieben. Queere Kreise täten gut daran, sehr gründlich zu untersuchen, welche Personen und Konzepte eine rein von erwachsenen und aktivistisch-ideologischen Interessen geleitete Perspektive auf kindliche Sexualitäts- aber auch Identitätsentwicklung vermitteln und damit letztlich Schaden anrichten. Ein notwendiges Untersuchungsfeld müsste die queere Pädagogik der Vielfalt sein, die in Teilen auf Kentler zurückgeht.
Till Randolf Amelung ist Redakteur des IQN-Blog und seit Juli 2024 auch Mitglied des IQN-Vorstand. Als freier Journalist veröffentlicht er mit Schwerpunkt auf geschlechterpolitischen Themen auch in anderen Medien und in wissenschaftlichen Sammelbänden wie dem Jahrbuch Sexualitäten der IQN.
Auf ein Wort in eigener Sache: Die 2005 gegründete Initiative Queer Nations versteht sich getreu des Mottos von Magnus Hirschfeld „Durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit“ als Debattenplattform. Im Blog gibt es Kommentare, Analysen, Berichte zu aktuellen Themen, die unsere Arbeitsschwerpunkte berühren. Neben der Herausgabe des „Jahrbuchs Sexualitäten“ seit 2016 und Veranstaltungen, etwa unseren Queer Lectures, erweitern wir damit unser Angebot. Wir sagen: Mainstream kann jeder – wir haben das nicht nötig! Wir arbeiten ehrenamtlich. Alle Texte in unserem Blog sind kostenfrei zugänglich. Damit das weiterhin möglich ist, freuen wir uns sehr, wenn Sie uns mit einer Spende oder Mitgliedschaft bei der IQN e.V. unterstützen.