Ein Vortrag von Till Randolf Amelung, der sich mit dem Thema „Trans“ in Sozialen Medien beschäftigte, provozierte einen Verriss durch Nora Eckert auf queer.de. IQN veröffentlicht nun einen Gastbeitrag, der ihrer Kritik widerspricht.

Redaktionelle Vorbemerkung: Am 6. Februar waren unsere Vorstandsmitglieder Jan Feddersen und Till Randolf Amelung für eine Veranstaltung in die Neuköllner Programmschänke Bajszel eingeladen, bei der Till den Vortrag „Trans auf TikTok. Trägt Social Media zu Gesundheit bei?“ hielt und Jan moderierte. Auch queer.de-Autorin Nora Eckert war unter den Gästen und bekundete anschließend auf dem Community-Portal ihr Missfallen. Unser Gastautor nahm ebenfalls an der Veranstaltung teil und antwortet nun auf Eckerts Kritik.
17. Februar 2026 | Maximilian Kunze*
Der Artikel der Autorin beginnt mit der Feststellung, es handele sich bei IQN um eine transfeindliche Initiative. Jegliche Belege für diese Behauptung – und sei es nur ein Verweis auf alte Artikel, bleibt die Autorin jedoch schuldig, ebenso wie eine vielleicht hilfreiche Transfeindlichkeitsdefinition. Als Arbeitsdefinition würde ich meinerseits vorschlagen, Transfeindlichkeit zu bestimmen als die Ablehnung transidenter Personen allein aufgrund derer Transidentität.
Dies sehe ich bei der IQN nicht als gegeben. Inhaltliche Kritik an aktivistischen Forderungen als Diskriminierung zu diffamieren, erweist der Sache einen Bärendienst. Der vorgeblich neutrale Artikel, der vom eigenen Wunsch handeln soll, etwas über das Thema zu lernen, beginnt also mit Framing. Im Gegensatz zu Amelung, dem unter anderem zu ausgiebige Definitionen vorgeworfen werden, verzichtet die Autorin komplett auf Definitionen, was dem Artikel keineswegs guttut.
Frau Eckert fährt mit dem Vorwurf fort, es handele sich beim Titel der Veranstaltung um eine lediglich rhetorische Frage. Hier ist der Autorin zuzustimmen. Unklar bleibt, warum rhetorische Fragen nun abzulehnen seien. Bei der Behauptung, es sei die These aufgestellt worden, Transsein, sei für Jugendliche per se ungesund, handelt es sich um nicht mehr als eine reine Behauptung. Um diese zu prüfen, hätte es der Autorin unter Umständen gutgetan, den Vortrag samt der Diskussion zu verfolgen. Doch wie sie selbst zugab, verließ sie die Veranstaltung während der Pause. Positiv hervorzuheben ist, dass sie immerhin den Anstand hatte, vor ihrem Verriss an dem ersten Teil der Veranstaltung teilzunehmen.
Nora Eckert im Hinterzimmer
Im gut besuchten „Hinterzimmer“ hätten sich, so impliziert durch Verweis auf freundliche Interaktionen zwischen Gästen, ausschließlich Gleichgesinnte zusammengefunden, so der Artikel. In einem Kontext, in dem regelmäßig Veranstaltungen stattfinden, kennen sich naturgemäß einige Besucherinnen und Besucher. Ein freundliches Zunicken zwischen Gästen, übrigens auch zwischen Gästen und der Autorin, als Malus auszulegen, grenzt an bösen Willen. Das Publikum entsprach gerade nicht einem Durchschnittspublikum, selbst die Betreiber kannten weniger der Gäste als bei anderen Veranstaltungen.
Darüber hinaus ist es schwer möglich, dem Veranstaltungsort die baulichen Gegebenheiten anzukreiden. Beim sogenannten Hinterzimmer handelt es sich um den Vortragsraum. Erneut stößt man auf Framing nach dem Motto: „Wir versammeln uns, der Feind rottet sich zusammen.“
Vorgeblich manipulative Kurven
Eckert forderte in queerfeministischer Manier, „alle“ zu adressieren und behauptete:
„Statistiken sind jedenfalls kein verlässlicher Ausweis für Wahrheit, sondern oft nur Teil von Strategien und so viel wert wie eine frisierte Buchhaltung.“
Aber mit welcher Berechtigung werden die vorgestellten Statistiken als „manipulativ“ diskreditiert? Wenn es darum ginge, eben alle(!) zu adressieren, wäre es dann nicht gerade angezeigt, offen zu bleiben für die Möglichkeit, dass der als Heilsversprechen auf diversen sozialen Medien angepriesene Transweg nicht für alle das Erhoffte bringt?
Es wäre, wie von der Autorin gewünscht, tatsächlich anzustreben, die andere Seite zu zitieren (warum tut sie genau das dann nicht?), noch besser wäre es aber, wenn beide (welche?) Seiten sich noch unterhalten könnten. Umso trauriger, dass die Autorin vor Beginn der Diskussion die Flucht (wovor eigentlich?) ergriff, statt zur durchaus vorhandenen Diversität der Meinungen beizutragen.
„Thema verfehlt“
Das hat leider die Autorin selbst in geradezu beeindruckender Weise. Böse Zungen könnten angesichts der unfreiwillig komischen Verwechslung von Transfrauen (Personen, die ein Leben als Frau anstreben) und Transmännern (die ein Leben als Mann anstreben) im Absatz „Thema verfehlt“ von Transfeindlichkeit oder Misgendern sprechen. Der von Amelung thematisierte und mit Statistiken belegte Anstieg der Fälle betraf gerade sich als transmännlich identifizierende Personen. Nicht „Trans Mädchen“. Eckert misgendert also. „Trans Mädchen“ und biologische Mädchen, die sich als transmännlich identifizieren, auseinanderzuhalten, wird aber auch schwierig, wenn man so postfaktisch orientiert ist, dass Statistiken zur angeblichen Makulatur werden.
Angebliche rein zeitliche Verschiebung
Bei pubertierenden Mädchen lag laut den vorgestellten Statistiken ein Anstieg von 15 Fällen im Jahr 2009 auf 2071 Fälle im Jahre 2016 vor. Die heutige Ratio von biologischen Frauen zu biologischen Männern, die einen Transitionswunsch äußern, beträgt 3 (biologische Frauen) zu 1 (biologische Männer). Für Eckert handele sich lediglich um eine zeitliche Verschiebung, bleibt jedoch den Nachweis hinsichtlich ihrer Hypothese schuldig. Sie stellt zwar die Behauptung auf, Transfrauen seien in der Vergangenheit häufiger transitioniert und nun gehe es um eine Art verzögerten Aufholens der sich transmännlich identifizierenden Personen, führt das aber nicht weiter aus.
Warum jedoch sollte gerade in den letzten Dekaden ein solches Auf- beziehungsweise Nachholen eintreten, wenn sich doch laut vieler Aktivisten vorgeblich eine allgemein höhere Outingrate durch gestiegenen Zugang zu Informationen und zunehmende Akzeptanz eingestellt habe? Die Diskrepanz zwischen den Geschlechtern wird von Eckert in keiner Weise erklärt.
Ganz klar: Der Blick auf das Ganze hinsichtlich der eigenen Thesen fehlt. Stattdessen bleibt ein Geraune über Transfeindlichkeit und falsche Statistiken, möglicherweise in der Hoffnung, das Aufstellen unbegründeter Hypothesen würde genügen, damit schon irgendeiner der Vorwürfe am Ende am Referenten hängen bleibt.
Eckerts Flucht vor der Kontroverse
Ja, Amelung sieht sich als Mahner. Diese Rolle einzunehmen, erscheint mir nach Lektüre von Eckerts Verriss geradezu unerlässlich. Schuldig bleibt sie erneut den Nachweis, er habe Seitenhiebe gegen „den“ (welchen?) Transaktivismus ausgeteilt. Zudem: Was spricht gegen eine Vielfalt an Haltungen bezüglich des gegenwärtig als nahezu homogener Block wahrnehmbaren Aktivismus?
Der mit klischeehaften Darstellungen einer transidenten Person, natürlich mit KI erstellt, unterlegte Artikel, hinterlässt mehr Fragen als er Antworten gibt. Nach mehrmaliger Lektüre bleibt man zurück mit der Frage, wo sich die Argumente verstecken. Und nicht zuletzt mit der Feststellung, dass die Stimme Amelungs umso nötiger ist, solange derartig inhaltsleere Kritiken veröffentlicht werden.
Maximilian Kunze ist ein Pseudonym. Er studiert und arbeitet in Berlin. Nach langem Zusehen hat er sich entschieden, nun die eigene Stimme in aktuelle Diskussionen um LGBT-Politik einzubringen. Der Autor hat sich für ein Pseudonym entschieden, weil die Debatte so aufgeheizt ist und deshalb Reaktionen mit negativen Auswirkungen bis ins Private hinein befürchtet werden.
Auf ein Wort in eigener Sache: Die 2005 gegründete Initiative Queer Nations versteht sich getreu des Mottos von Magnus Hirschfeld „Durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit“ als Debattenplattform. Im Blog gibt es Kommentare, Analysen, Berichte zu aktuellen Themen, die unsere Arbeitsschwerpunkte berühren. Neben der Herausgabe des „Jahrbuchs Sexualitäten“ seit 2016 und Veranstaltungen, etwa unseren Queer Lectures, erweitern wir damit unser Angebot. Wir sagen: Mainstream kann jeder – wir haben das nicht nötig! Wir arbeiten ehrenamtlich. Alle Texte in unserem Blog sind kostenfrei zugänglich. Damit das weiterhin möglich ist, freuen wir uns sehr, wenn Sie uns mit einer Spende oder Mitgliedschaft bei der IQN e.V. unterstützen.