Mehr Sichtbarkeit, weniger Zustimmung: Eine neue Ipsos-Umfrage zum Pride Month zeigt, dass die Akzeptanz queerer Anliegen in Deutschland sinkt. Warum Symbolpolitik wie Regenbogenflaggen und CSDs gerade auf dem Land zunehmend auf Ablehnung stößt – und weshalb Aktivismus Gemeinsamkeiten stärker betonen sollte als Identität.

Von Till Randolf Amelung
Eine weltweite Umfrage von Ipsos, die seit fünf Jahren anlässlich des Pride Month durchgeführt wird, zeigt auch für Deutschland eine Abkühlung der Zustimmung zu queeren Anliegen. „In Deutschland herrscht zwar breiter Konsens darüber, dass sexuelle Minderheiten vor Diskriminierung geschützt werden müssen“, sagt Rouven Freudenthal, Pressesprecher und DEI [Diversity, Equity & Inclusion, Anm. d. Red.] Ambassador von Ipsos, einem renommierten Umfrageunternehmen.
„Doch die Zustimmung zu gleichen Rechten und Repräsentation sinkt – je nach Aussage um 1 bis 10 Prozentpunkte im Vergleich zum Vorjahr. Deutschland folgt damit mit etwas Verzögerung einem globalen Trend, der sich zuletzt besonders deutlich in den USA, aber auch in zahlreichen anderen westlichen Ländern manifestiert hat.“
Schutz ja, Gesetze nein
Die Ergebnisse zeigen, dass die überwiegende Mehrheit der Deutschen den Schutz von Lesben, Schwulen und Bisexuellen vor Benachteiligungen am Arbeitsplatz, bei der Wohnungssuche und beim Zugang zu Dienstleistungen grundsätzlich unterstützen. Allerdings werden konkrete Gesetze nur von 45 Prozent der Befragten unterstützt. Bei beiden Themen sind die Zustimmungswerte im Vergleich zum Vorjahr um vier Prozentpunkte zurückgegangen.
Erfreulicherweise befürworten rund 70 Prozent der Deutschen die Ehe für Alle – ein stabil gebliebener Wert. Darüber hinaus heißt es zum Thema „Ehe“: „Weitere 9 Prozent lehnen die Ehe zwar ab, sprechen sich jedoch für eine rechtliche Anerkennung aus – nur 8 Prozent lehnen jede Form der Legitimierung ab.“
Bemerkenswert ist auch, dass trotz vieler Bemühungen um Sichtbarkeit von LGBTIQ als Strategie sich international in den Umfrageergebnissen zeigt, dass die Zustimmung zurückgeht:
„Weltweit sagen heute nur noch 49 Prozent der Befragten, dass queere Menschen offen mit ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität umgehen sollten – ein Rückgang um 6 Prozentpunkte seit 2021.“
Staatlich geförderte Sichtbarkeit
Diese Sichtbarkeit wurde in den letzten sechs Jahren zunehmend von staatlicher Seite gestärkt. In Deutschland zeigt sich das vor allem zum 17. Mai, der als Internationaler Tag gegen Homophobie (IDAHO) begonnen hat und mittlerweile zum Internationale Tag gegen Homo-, Bi-, Inter*, Trans* und Asexuellenfeindlichkeit (IDAHOBITA) mutiert ist. Nicht nur in Großstädten wie Berlin, sondern auch in der Provinz wird nun zu diesem Anlass eine Regenbogenflagge – mittlerweile auch öfter in der fragwürdigen Progressvariante – gehisst. Die PR-Abteilungen von Kommunen wie Bünde, Bad Kreuznach oder Löhne posten schließlich stolz Fotos von dieser Aktion auf ihren Accounts in den Sozialen Medien.
Doch die Reaktionen unter diesen Beiträgen sind inzwischen nicht nur zahlreich, sondern ausgesprochen negativ – sie unterfüttern qualitativ, was quantitativ gemessen wurde. „Es ist kein offizielles Hoheitszeichen. Also hat es nichts in der Öffentlichkeit zu suchen“, waren noch höflichere Formulierungen zu einer Hissung der Regenbogenflagge an einem Rathaus. Die meisten Kommentare drückten nur noch Genervtheit aus. Ähnliche Reaktionen gibt es im Übrigen unter Posting zu CSD-Veranstaltungen zu beobachten, die mittlerweile auch in gefühlt jeder Milchkanne stattfinden.
Unterschiede Stadt und Land
Auch ich bin ein Landei, Jahrgang 1984 und aufgewachsen im südwestlichen Teil Niedersachsens. Ich habe die Anfänge mitbekommen, wie Queeres auch dort immer sagbarer wurde, so Anfang der Nuller Jahre. Es wurde möglich, dass man einerseits selbstbewusst sagte, was Sache ist und sich ansonsten integrierte. So sah ich so um 2004 herum ganz selbstverständlich auf einer lokalen Frühjahrsmesse in meinem Kaff auch mal einen Stand der Aidshilfe, ausgestattet nicht nur mit Infomaterial, sondern auch mit Regenbogenartikeln. 2022 meldete man aus Neuscharrel (Landkreis Cloppenburg) das erste schwule Königspaar eines Schützenvereins. Bis heute bleibt es jedoch dabei: Sexuelles hat lieber hinter verschlossenen Türen stattzufinden. Ein Königspaar – ja, aber eine explizite sexualisierte Erzählung – nein!
Dagegen wird auf CSD-Paraden das Anderssein bewusst zelebriert und hervorgehoben, wenngleich es heute dabei mehr um Identität als um Sexuelles geht. Das Flaggenhissen am 17. Mai hebt LGBTIQ ebenfalls in einer Weise hervor, die mit keiner anderen sozialen Gruppe zelebriert wird. Oder erinnert sich jemand an Flaggen für Alleinerziehende, von Altersarmut Betroffene oder Landwirte in existenziellen Nöten? So entsteht dann bei immer mehr Menschen der Eindruck, es geht nicht um gleiche, sondern um Sonderrechte.
Sichtbarkeit kein Selbstzweck
Sichtbarkeit ist wohl eines der größten Missverständnisse im Aktivismus der letzten Jahre. Als performatives Schaulaufen der Identitäten führt sie nicht automatisch zu mehr Akzeptanz – die jüngsten Umfrageergebnisse sind eindeutig. Besonders aber scheitert Sichtbarkeit da, wo sie es nicht schafft, Gemeinsamkeiten zu vermitteln im Sinne von: „In diesem Punkt magst du anders als ich sein, aber ansonsten haben wir viele geteilte Lebensumstände und Werte.“ Gerade auf dem Land ist dies wichtig, denn so schafft man auch Vertrauen und das ist gerade in kleineren Gemeinschaften eine Währung.
Wenn man also dem negativen Trend abnehmender Akzeptanz etwas entgegensetzen wollte, könnte man mit einer Manöverkritik anfangen. Fällt uns wirklich nur ein, zum 17. Mai eine Regenbogenflagge hissen zu lassen oder noch einen CSD in einer weiteren Kleinstadt zu veranstalten?

über den autor
Till randolf amelung
ill Randolf Amelung ist Redakteur des IQN-Blog und seit Juli 2024 auch Mitglied des IQN-Vorstand. Als freier Journalist veröffentlicht er mit Schwerpunkt auf geschlechterpolitischen Themen sowie in anderen Medien und in wissenschaftlichen Sammelbänden wie dem Jahrbuch Sexualitäten der IQN. Seit der Jahrbuch-Ausgabe für 2026 gehört er auch zu den Herausgebern.