Eine Lesung von Alice Schwarzer in Hamburg wird gestört, zuvor gab es mehrere Aufrufe gegen die Veranstaltung. Die Zeit sprach danach mit einer der Initiatorinnen der Aktion aus dem Transaktivismus. Das Interview zeigt, wie uninformierter Journalismus queerfeministische Narrative verstärkt, kritische Nachfragen unterlässt und wissenschaftliche Kontroversen ausblendet – mit spürbaren Folgen für öffentliche Debatten.

Deutsches Schauspielhaus, Kirchenallee, Hamburg, Symbolbild für Artikel "Wie Transaktivismus von uninformiertem Journalismus profitiert"
Deutsches Schauspielhaus in Hamburg (Foto: Wikimedia).

17. März 2026 | Till Randolf Amelung

Alice Schwarzer, Emma-Gründerin und streitbare Intellektuelle, war zum Internationalen Frauentag am 8. März im Deutschen Schauspielhaus Hamburg zu Gast. Dort wollte sie ihr neues Buch „Feminismus pur. 99 Worte“ vorstellen und mit dem Publikum ins Gespräch kommen. Allerdings wurde daraus nichts, da die Veranstaltung von einem queerfeministischen Mob gestört wurde.

Offene Briefe gegen Alice Schwarzer

Bereits im Vorfeld wurde gegen den Auftritt Schwarzers protestiert – mit einem Offenen Brief, den ein Bündnis aus feministischen und queeren Organisationen verfasste, darunter auch das Magnus Hirschfeld Centrum und der Hamburg Pride. In diesem Brief heißt es unter anderem:

„Am Feministischen Kampftag einer Stimme Raum zu geben, deren öffentliche Positionen vielfach als ausgrenzend gegenüber trans*Personen, Menschen muslimischen Glaubens und Menschen mit Flucht- und/oder Migrationsgeschichte wahrgenommen werden, widerspricht aus unserer Sicht den Grundsätzen eines intersektionalen Feminismus.“

An dieser Stelle kann schon einmal gesagt werden, dass „wahrgenommen werden“ nicht gleichbedeutend mit „faktisch ist es so“ angesehen werden sollte. Es gab auch noch ein Protestschreiben, das rund 340 Beschäftigte von Theatern verfassten. Diese forderten, Schwarzer auszuladen, weil diese seit Jahren gegen die Selbstbestimmung von trans Personen und Sexarbeiterinnen kämpfen würde. Auch dies ist faktisch falsch – man kann es in Schwarzers eigenem Blatt nachlesen.

In einem anschließenden Interview mit der Zeit berichtete Schwarzer, wie sie den queerfeministischen Bühnensturm erlebte: „Sie versuchten, mich von der Bühne zu jagen.“ Einen kleinen Eindruck vermittelt beispielsweise ein Videoclip von der linksautoritären Gruppe Pride Rebellion Hamburg, die zum Netzwerk von Young Struggle gehört – der Jugendorganisation der türkischen Marxistisch-Leninistischen Kommunistischen Partei.

Interview mit Transaktivistin

Doch nicht nur Schwarzer wurde interviewt, auch eine der Aktivistas, die den Offenen Brief lancierten. Das Interview mit Saskia Tsitsigias vom Magnus-Hirschfeld-Centrum Hamburg führt jedoch vor allem exemplarisch vor, wie Journalisten es im Umgang mit Transaktivisten nachgerade versäumen, dort kritisch nachzuhaken, wo es notwendig wäre.

Insbesondere folgende Passage im Interview zeigt auf, wo konkreteres kritisches Nachfragen und Konfrontieren mit aktuellen Entwicklungen notwendig gewesen wäre:

ZEIT: Schwarzer wehrt sich gegen das Selbstbestimmungsgesetz – in ihren Worten: das „Transgesetz“ –, das 2024 die Rechte für trans, intergeschlechtliche und nicht binäre Menschen gestärkt hat. Aus ihrer Sicht macht es das Gesetz den Menschen zu einfach, ihr Geschlecht zu wechseln. Schwarzer schreibt, der Gesetzgeber interpretiere „Geschlechtsrollen-Abweichungen nicht etwa als berechtigte Selbstbestimmung eines Menschen“, sondern als „Zeichen, dass dieser Mensch im falschen Körper ist“. Sind das nicht berechtigte Ansichten, die es zu diskutieren lohnt?

Tsitsigias: Nein, da sehe ich wenig Lohnenswertes. Wissenschaftlich sind diese Argumente ausgiebig geprüft und als unzutreffend bewertet worden. Die Reduktion von Geschlechtsidentität auf einen Rollenkonflikt widerspricht dem wissenschaftlichen Konsens. Die Weltgesundheitsorganisation unterscheidet strikt zwischen Identität, Rolle und medizinischer Indikation. Das Selbstbestimmungsgesetz regelt im Übrigen ausschließlich die rechtliche Anerkennung, so wie es Menschenrechtsorganisationen zum Schutz vor Diskriminierung ausdrücklich empfohlen haben.

Illusionen des Transaktivismus

JedeR JournalistIn hätte auf diese Aussage umgehend bemerken bzw. nachfragen müssen: Ist wissenschaftlich wirklich alles geprüft? Sind die transaktivistischen ‚Wissenschaften‘ nicht weltweit nie etwas anderes als kontrafaktische Mindermeinungen gewesen? Es ist eben nichts ausgiebig geprüft worden, wie Tsitsigias behauptet: Zum Selbstbestimmungsgesetz gab es keine sorgfältige Rechtsfolgenabschätzung. Ein Ergebnis davon ist nun zum Beispiel Marla-Svenja Liebich (IQN berichtete mehrfach).

Ebenfalls unberechtigterweise vom Tisch gewischt werden von Tsitsigias Überschneidungen von Trans mit anderen Problemen. Ein auffälliger Anstieg an biologischen Mädchen und Frauen, die eine Transition wollen, ist international inzwischen gut dokumentiert. Auch in der Zeit wurde zu der Problematik im vergangenen Jahr die Hamburger Psychotherapeutin Saskia Fahrenkrug interviewt, die den Trend bestätigte. Vielleicht hätte sich Tsitsigias‘ Interviewer für die inhaltliche Vorbereitung besser mal vorher redaktionsintern kundig gemacht.

Eine schlüssige Erklärung gibt es für den starken Anstieg von biologisch weiblichen Transitionswilligen noch nicht. Gerade das sorgt nun dafür, dass im Ausland ein gender-affirmatives Vorgehen zunehmend in der Kritik steht und insbesondere bei Minderjährigen wieder aufgegeben wird. Entsprechende medizinische Leitlinien in Sachen „Trans“ offenbaren sich außerdem als von minderwertiger Qualität. In den USA war überdies Anfang Februar 2026 eine junge Frau, die detransitioniert ist, mit einer Schadensersatzklage wegen Behandlungsfehler aufgrund einer zu voreilig durchgeführten Mastektomie im Teenageralter erfolgreich.

Die biologischen Geschlechter

Im Interview sagt Tsitsigias auch dies:

„Aus meiner Sicht läuft ihre Argumentation darauf hinaus, geschlechtliche Vielfalt abzuwerten oder zurückzudrängen; das ist eine politische Position, die ich klar ablehne.“

Es wird nicht weiter konkretisiert, was mit „geschlechtlicher Vielfalt“ gemeint ist. Üblicherweise geht es jedoch nicht nur um Geschlechterrollen, sondern auch um das biologische Geschlecht, wenn dieser Begriff ins Feld geführt wird. In der von Schwarzer herausgegebenen Emma war 2022 ein Interview mit Biologin und Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard zu lesen. Darin bezeichnete sie die Vorstellung von mehreren biologischen Geschlechtern als „Unfug“.

Dieser Standpunkt ist nicht nur der einer alten, weißen Frau, sondern wie man an einer aktuellen Auseinandersetzung in einem Fachjournal sieht, ist auch dieses Thema wissenschaftlich längst nicht im Sinne der Queerfeministas entschieden. Im November 2025 veröffentlichte der US-amerikanische Biologe und vehemente Kritiker queerfeministischer Ideologie Colin Wright im Journal Archives of Sexual Behavior seine Ausführungen, warum es nur zwei biologische Geschlechter gibt, die anhand der Gameten unterschieden werden.

Im März 2026 antwortete darauf nun Dana Mahr, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Karlsruher Institut für Technologie. Mahr ist in der Debatte wahrlich keine Unbekannte, hatte sie sich doch 2022 in Sozialen Medien maßgeblich am Shitstorm gegen die Berliner Biologie-Doktorandin Marie-Luise Vollbrecht beteiligt. Im aktuellen Artikel behauptet Mahr:

„Das Beharren auf einer einzigen biologischen Wahrheit hat tiefgreifende normative Auswirkungen. Wright behauptet, dass definitorische Klarheit ‚wissenschaftliche und gesellschaftliche Vorteile‘ biete, doch welche Gesellschaft und wessen Wissenschaft damit gemeint sind, bleibt ungesagt. In der Praxis untermauert ein rigider Essentialismus in Bezug auf das Geschlecht oft ausgrenzende Normen. Wenn beispielsweise politische Entscheidungsträger oder Gerichte sich auf die ‚Wissenschaft‘ berufen, um die Rechte von Transgender-Personen einzuschränken, bedienen sie sich derselben Logik eines starren Binärsystems, für die sich Wright einsetzt.“

Wrights Fachkollegin Carole Hooven kommentierte die Debatte im Journal auf dem Kurznachrichtendienst X:

„Ein Punkt, den Mahr in ihrer Antwort auf @SwipeWright [Colin Wrights X-Account, Anm. d. Red.]  übersieht, ist, dass Fakten allein weder Diskussionen unterbinden noch politische Entscheidungen diktieren. Menschen entscheiden, wie Fakten genutzt werden, und demokratische Entscheidungsfindung beruht auf geteilten Fakten und offener Debatte, nicht darauf, manche Fakten als zu heikel für eine Diskussion zu erklären.“

In Deutschland erfährt man von diesen Entwicklungen leider kaum etwas, was vorrangig an Nichtberichterstattung in den Medien liegt. Man fragt sich: Warum ist das so?


Till Randolf Amelung ist Redakteur des IQN-Blog und seit Juli 2024 auch Mitglied des IQN-Vorstand. Als freier Journalist veröffentlicht er mit Schwerpunkt auf geschlechterpolitischen Themen auch in anderen Medien und in wissenschaftlichen Sammelbänden wie dem Jahrbuch Sexualitäten der IQN.


Auf ein Wort in eigener Sache: Die 2005 gegründete Initiative Queer Nations versteht sich getreu des Mottos von Magnus Hirschfeld „Durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit“ als Debattenplattform. Im Blog gibt es Kommentare, Analysen, Berichte zu aktuellen Themen, die unsere Arbeitsschwerpunkte berühren. Neben der Herausgabe des „Jahrbuchs Sexualitäten“ seit 2016 und Veranstaltungen, etwa unseren Queer Lectures, erweitern wir damit unser Angebot. Wir sagen: Mainstream kann jeder – wir haben das nicht nötig!  Wir arbeiten ehrenamtlich. Alle Texte in unserem Blog sind kostenfrei zugänglich. Damit das weiterhin möglich ist, freuen wir uns sehr, wenn Sie uns mit einer Spende oder Mitgliedschaft bei der IQN e.V. unterstützen.