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Zum Ruhestand von Jan Feddersen: „Klaus, du musst mir einen Text liefern, mit dem ich absolut nicht einverstanden bin.“

Ein Abschiedsgruß von Klaus Lederer an Jan Feddersen zu seiner Verabschiedung in den Ruhestand, der nicht nur auf gemeinsame Projekte und produktiven Streit zurückblickt, sondern vor allem Jans Haltung würdigt: offen bleiben, widersprechen dürfen und einander gerade dadurch ernst nehmen.

Klaus Lederer, MdA (Foto: Ben Gross)

Redaktionelle Vorbemerkung: Folgender Text von Klaus Lederer wurde am 20. August 2026 in einem Sonderdruck der taz veröffentlicht, der anlässlich von Jan Feddersens Verabschiedung in den Ruhestand produziert wurde. Eine Ehrung, die langjährige und verdienstvolle MitarbeiterInnen des Hauses erhalten. Lederer ist es in seiner Laudatio auf das Vortrefflichste gelungen, Jans Wirken zu charakterisieren. Jans einzigartige Kombination aus einer lebensbejahenden, warmherzigen Offenheit und einer intellektuellen Neugier, die mit Lust an kontroverser Auseinandersetzung einhergeht, bringt nicht nur eine Vielzahl unterschiedlicher Persönlichkeiten in seinem Umfeld zusammen, sondern erzeugt dadurch auch geistig Belebendes.

Gerade die Initiative Queer Nations profitiert von diesem Spirit, den Jan so sehr lebt. Jede neue Ausgabe des „Jahrbuch Sexualitäten“ zeugt davon, jede Queer Lecture ebenfalls. Klaus Lederer hatte, so liest sich sein Beitrag eindeutig, ganz sicher nicht nur Jan als taz-Redakteur beim Schreiben vor Augen, sondern auch sein Wirken darüber hinaus. Wir von IQN finden, Lederers Worte sollten nicht nur die Gäste der taz-Abschiedsfeier erreichen und deshalb freuen wir uns, dass wir den Beitrag mit freundlicher Genehmigung auch in unserem Blog veröffentlichen dürfen.

Von Klaus Lederer

Nun also Rente. Ich kann mir das noch nicht so richtig vorstellen. Da saßen wir erst jüngst zusammen vor dem taz-Café, du mit deinem Alleinstellungsmerkmal, der Tabak-Tupperdose. Die hattest du auch schon, als wir uns kennenlernten. Wie lange ist das jetzt her? Ich kann den Ort und auch die Zeit nicht mehr rekonstruieren. Da war so viel, in all den Jahren. Ich erinnere mich an deine Mitarbeit für unser Büchlein „Queer.Macht.Politik“, das 2013 bei Männerschwarm in Hamburg herauskam. Die Dynamiken queerer Emanzipation sind mit harten Widersprüchen verbunden. Diese Widersprüche lassen sich nicht einfach beschweigen, weil es unbequem ist. Sie als Herausforderungen anzuerkennen und auch anzunehmen, das eint uns. Auch wenn wir etliche Fragen mit entgegengesetzter Tendenz beantworten, bis heute.

Jan Feddersen – Streit als Weiterentwicklung

Da war auch unser Versuch, ein Elberskirchen-Hirschfeld-Haus für Berlin voranzubringen. Manches davon würden wir beide heute vielleicht anders anpacken. Aber das ist vergossene Milch. Die Idee ist nach wie vor gut. Ich finde es sehr schade, dass es am Ende scheiterte. Und so gibt es heute nur noch eine „Bedarfsanalyse“ für ein „Regenbogen-Haus“ – dessen Realisierung ist allerdings weiter vom Ziel entfernt, als wir es mit „E2H“ je waren. Währenddessen wächst der Druck auf queere Orte weiter, viele von ihnen mit langer Geschichte und als unverzichtbare Teile unserer Infrastruktur.

Dass du den Streit um Positionen als Atemluft demokratischer Weiterentwicklung hochhältst, macht sehr viel von dem aus, was ich an dir mag und schätze. Ich weiß, für andere ist gerade das ein Stein des Anstoßes. Aber wie wollen wir weiterkommen, wenn wir radikalen Dissens nicht mal markieren, geschweige denn als Antrieb für das geistige und praktische Fortkommen begreifen? Für mich ist das absolut zentral in Zeiten, in denen Streit und Diskurs mehr und mehr den Gesetzen des Marktes der Aufmerksamkeiten gehorchen und Klick-Aktivismus nur selten mehr schafft, als die eigene Bubble zu bedienen und identitäre Abgrenzung vom Anderen zu befeuern.

taz.lab als produktiver Streitraum

Selten habe ich eine schönere Aufforderung gehört als: „Klaus, du musst mir einen Text liefern, mit dem ich absolut nicht einverstanden bin.“ Die Selbstinfragestellung nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung zu empfinden, das ist – da kann ich mal pathetisch Rosa Luxemburg paraphrasieren – Lebenslicht und Lebensluft jeder individuellen Weiterentwicklung, aber auch von sozialem Fortschritt. In gewisser Weise ist es daher folgerichtig, dass du über viele Jahre für den Streitraum des „taz.lab“ mitverantwortlich gezeichnet hast. Und so manches Mal sein durfte ich dabei sein. Dümmer bin ich dadurch auf keinen Fall geworden.

Bis heute ist das „taz.lab“ einer der weniger werdenden Orte, an denen wir uns nicht nur gegenseitig bestätigen und uns der Richtigkeit unserer Positionen risikolos selbst versichern. Es ist eine Aufforderung zum Mut, uns des eigenen Verstandes zu bedienen. Das wird es hoffentlich bleiben.

Die Titelseite der Sonderausgabe zu Ehren von Jan Feddersen
Die Titelseite der Sonderausgabe zu Ehren von Jan.

Gemeinsame Lösungen für Fragen dieser Zeit

Dir wünsche ich, dass du dir diese Offenheit für die andere Position erhältst und auch weiterhin dafür arbeitest, dass alle miteinander schlauer werden. Rentner haben bekanntlich niemals Zeit, jedenfalls rüstige, die sie klug zu füllen verstehen. Ich wünsche dir aber auch mehr Zeit mit deinem Mann und dem freundschaftlichen Umfeld. Und ich wünsche dir, dass du nicht verhärtest. Mit fortschreitendem Alter soll das ja angeblich nicht einfacher werden. Nur wenig ist unerträglicher als altersstarrsinnige Rechthaberei und obsessive Provokation um ihrer selbst willen. Dazu ist die Lage zu ernst, das können wir uns alle nicht leisten.

Angesichts der autoritären Zurichtung unserer Gesellschaften, angesichts stärkerer Kräfte auf allen Kontinenten, die vernetzt und überall mit den gleichen Argumenten die Uhr zurückdrehen wollen, wird es wieder wichtiger, sich – neben dem Trennenden, dem radikalen Dissens – auch dessen bewusst zu sein, was uns verbindet. Und gemeinsam, eher fragend, tastend als polternd, nach Lösungen für die nicht immer einfachen Fragen unserer Zeit zu suchen.

Gut zu wissen, dass wir in einer Frage immer beieinander sind: Antisemitismus, Antifeminismus und der Hass auf alle Menschen, die von der heterosexuellen Norm abweichen, verdichten sich in vielen Köpfen zu umfassenden Welterklärungsmustern – als Brückenideologien, die auch Milieus verbinden, die sonst nicht viel miteinander zu schaffen haben. Da braucht es Klarheit. Das ist nicht immer einfach und macht auch manchmal einsam. Aber es hilft ja nichts. Denn es gibt noch so viel zu tun. Auf einen fruchtbaren Unruhestand, lieber Jan, und auf viel weiteren produktiven Streit!

Klaus Lederer ist parteiloser Politiker, bis 2024 war er Mitglied der Partei Die Linke. Er ist weiterhin Mitglied der Fraktion im Abgeordnetenhaus Berlin. Er war von 2016 bis 2023 Bürgermeister von Berlin sowie Senator für Kultur und Europa.