Bei der Eröffnung eines neuen inklusiven Lesbenwohnprojekts in Berlin wurde eine Besucherin wegen eines T-Shirts mit dem Slogan „TERF is the new punk“ von der Veranstaltung verwiesen. Im Gespräch mit IQN schildert sie, was vor Ort geschah, warum sie den Vorfall als demütigend empfand – und was er über den Zustand innerqueerer Streitkultur erzählt.

Von Till Randolf Amelung
Am 28. August feierte das Wohnprojekt der RuT-Rad und Tat Berlin gGmbH seine feierliche Eröffnung. In der Berolinastraße in Berlin-Mitte gibt es nun ein neues inklusives Lesbenwohnprojekt und soziokulturelles queeres Zentrum. Doch der Weg dorthin verlangte viel Geduld, seit 2009 das Konzept stand. Zudem gab es 2017 einen Zusammenstoß mit der Berliner Schwulenberatung, als sich RuT und die Schwulenberatung um dasselbe Grundstück bewarben. Zunächst bekam RuT den Zuschlag, doch die Schwulenberatung erhob Einspruch wegen Verfahrensfehler. In der Folge bekam die Schwulenberatung beim neuen Verfahren den Zuschlag und RuT musste sich ein neues Grundstück suchen.
Awarenessteam gegen Terf-Shirt
Nun also die Eröffnung. Doch anscheinend war dort nicht jede Frau willkommen. Eine Lesbe wurde von der Veranstaltung verwiesen – weil sie ein T-Shirt mit dem Porträt der britischen Suffragette Emmeline Pankhurst und dem missliebigen Slogan „TERF IS THE NEW PUNK“ trug und dies nicht bedecken wollte und worüber sie empört auf Facebook berichtete. Der Vorfall zeigt im Kleinen, was passiert, wenn Awarenessteams und Canceln das Miteinander bestimmen.
Meron Mendel und Saba-Nur Cheema haben ein neues Buch veröffentlicht, in dem sie sich mit der fehlenden Streitkultur auseinandersetzen. In einem Auszug, der in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlicht wurde, werden die Folgen des Problems treffend beschrieben:
„Eine demokratische Öffentlichkeit lebt jedoch davon, dass Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen, Überzeugungen und Identitäten denselben Raum teilen – und lernen, in diesem mit all den Konflikten, Herausforderungen und Widersprüchen zu existieren. Wo dieser Raum immer weiter parzelliert wird, verschwindet der Konflikt nur scheinbar. Was tatsächlich verloren geht, ist die Möglichkeit, ihn gemeinsam auszutragen. Am Ende bleibt eine Gesellschaft, die sich immer stärker in Vermeidung zurückzieht, immer mehr Schutzräume baut und dabei die Fähigkeit verliert, im Dissens miteinander zu leben.“
Wie kam es zum Rauswurf?
IQN konnte mit der rausgeworfenen Lesbe sprechen und nun schildert sie ihre Sicht der Dinge:
Stefanie, Du warst ja am vergangenen Freitag auf der Eröffnungsfeier des inklusiven Lesbenwohnprojektes und Soziokulturellen queeren Zentrums in der Berolinastraße, was vom RuT betrieben wird. Allerdings wurdest Du wegen Deines T-Shirts rausgeworfen. Erzähl‘ doch mal bitte, was da genau passiert ist.
Stefanie: Ich war zu dieser Eröffnungsfeier verabredet mit meiner Lebensgefährtin und einigen anderen Frauen. Ich kam alleine an und wurde draußen von einer Bekannten begrüßt, die mir sagte, ich könne entweder direkt vom Weg in den Saal gehen oder einige Schritte weiter zum Haupteingang laufen, da gäbe es auch was Leckeres. Ich entschied mich für das Zweite.
Drinnen gab es Sekt, den ich aber verschmähte. Gegenüber in einem Raum war ein nettes Büffet aufgebaut, ich fragte, wann es eröffnet würde, das wusste die Person nicht. Dann ging ich den Gang herunter Richtung Saal und erstmal in eine Toilette. Ich schaffte es nicht, diese abzuschließen und prompt öffnete Jemand die Tür, ging aber weg, als ich „Moment, besetzt“ rief.
Als ich von der Toilette Richtung Saal ging, kam eine mir unbekannte Frau auf mich zu und fragte mich, „Darf ich Dich mal was fragen?“ O Je, dachte ich, die will mir jetzt Fragen zu Alter und Behinderung stellen. Ich war ja mit meiner Krücke und dem Einkaufsrolli als Stütze unterwegs und kann nur langsam und schwankend laufen.
Sie drängte mich dann an den Rand des Ganges und sagte: „Könntest Du bitte Dein T-shirt verhüllen, es fühlt sich Jemand diskriminiert.“ Ich war total baff. Das T-Shirt zeigt ein Bild von Emmeline Pankhurst und die Aufschrift TERF IS THE NEW PUNK. Ich habe dieses T-shirt schon mehrere Jahre und oft angezogen, bislang hat sich nie Jemand beschwert, vereinzelt fanden es Leute cool und wollten es auch haben.
Ich sagte dann, das glaube ich nicht und nein, ich verhülle mich nicht. Dann kam eine 2. Frau dazu. Beide Frauen waren vom RUT. Dann wurde mir gesagt, wenn ich das T-Shirt nicht verhülle, dürfe ich nicht in den Saal und müsse die Veranstaltung jetzt verlassen. Das Gespräch war zunächst freundlich, ich hatte auch das Gefühl, dass das Ganze der einen Frau peinlich war. Ich bat dann darum, mir doch zu zeigen, wer sich diskriminiert fühlt und wäre zu einer Diskussion bereit, darauf kam ein „Nein“ und „Wir wollen nicht diskutieren“. Eine Bekannte bekam das Ganze mit und unterstütze mich, musste aber dann zu einem Meeting.
Ich bin einfach nicht gegangen. Dann kamen drei junge Frauen dazu, als Awareness Team vorgestellt, die eine sagte schließlich: „Also, ICH fühle mich gekränkt (oder diskriminiert), ich bin nonbinär.“ Wenn ich mit Nonbinären rede, sage ich immer, daß ich auch nonbinär bin, und zwar sozial-nonbinär seit meiner Kindheit. Damit konnte sie gar nichts anfangen! Zum Konzept Nonbinarität könnte ich jetzt viel sagen, das würde den Rahmen sprengen. Ich fragte sie, welche Art nonbinär sie sei und daß für mich autismus-nonbinär einfach Autismus und trendy-nonbinär einfach trendy sei.
Ich wurde nach meinem Namen gefragt, den ich nannte, das Awareness Team weigerte sich, ihre Namen zu nennen. Mir wurde wieder gesagt, dass eine Diskussion unerwünscht sei und ich solle endlich gehen, wenn ich mein T-Shirt nicht verhülle. Daraufhin entgegnete ich, dass ich nicht freiwillig gehen würde, sie müssten mich rausbegleiten. Da sie zu fünft waren, bildeten sie einen Halbkreis um mich und ich bin dann hinausbegleitet worden. Auf dem Weg sah ich einige Bekannte, denen ich versuchte, zuzurufen, dass ich wegen meines T-Shirts herausgeworfen werde, es ging aber alles zu schnell und es war auch recht laut dort.
Ich muss sagen, dass ich die ganze Sache recht lächerlich fand, mich bei diesem „Herausbegleiten“ jedoch absolut gedemütigt fühlte.
Draußen stand ich da bei zwei Polizisten, die fünf Frauen verschwanden. Ich versuchte, der Polizei zu erklären, was passiert war, aber sie haben es nicht verstanden. Ich sah durch eine geöffnete Saaltür meine Lebensgefährtin und die Polizisten erlaubten mir, eine SMS zu schicken. Dann sollte ich aber gehen, da der Weg vorm Gebäude auch noch vom HAUSRECHT erfasst wäre. Dazu kam eine weitere schlecht gelaunt erscheinende Frau mit einem RUT-Namensschild, den Namen konnte ich nicht lesen und wies die Polizisten nochmals auf das Hausrecht hin. Ich fragte noch, ob die angrenzende Wiese auch unter das Hausrecht falle, das wussten die Polizisten nicht. Ich bin dann gegangen, auf eine Verhaftung hatte ich keine Lust.

Hättest Du gedacht, dass Du mal wegen einem T-Shirt mit einem Porträt von Emmeline Pankhurst und dem Spruch „TERF is the new punk“ aus einer Veranstaltung eines Frauenprojekts geworfen würdest?
Stefanie: Nein, ich bin aus allen Wolken gefallen. Wie gesagt, ich habe das T-Shirt schon lange und öfter getragen, auch mal in der Begine z.B. ohne Probleme.
Canceln wegen Basics in Biologie
Was bedeutet das T-Shirt für Dich?
Stefanie: Das Bild zeigt Emmeline Pankhurst, eine Suffragette, eine sehr mutige Vorreiterin der Frauenbewegung.
Wenn mich Jemand nach der Bedeutung von TERF IS THE NEW PUNK fragt, sage ich, daß TERF einerseits bedeutet: „tired of explaining reality to fuckwits“ und andererseits: „Transideology excluding radical feminist“. Wobei ich gar nicht so eine blütenreine Radikalfeministin bin. Ich habe einige Transfreunde und -innen, also hasse Transmenschen nicht, das ist mir wichtig. Diejenigen jedoch, die Hass und Hetze verbreiten, die „KILL TERFS“- T-Shirts tragen und auf Lesbendemos „TERFS can suck my big trans cock“- Schilder in mein Gesicht halten, verachte ich.
The New Punks sind für mich einerseits die Vorreiter, die Künstler, die jenseits des Mainstreams Agierenden und andererseits auch die von der Mehrheitsgesellschaft Ausgeschlossenen. Das T-Shirt wurde von Louise Distras entworfen und verkauft. Ich kenne sie noch nicht persönlich, aber wir haben viel Kontakt über E-Mail und Facebook. Sie ist Punkmusikerin, das war ich in den 1970/80gern auch. Sie wurde sofort gecancelt, als sie bei einem Konzert über „there is only 2 sexes“ sprach, Plattenvertrag gekündigt, Konzerte abgesagt, Wohnung verwüstet, tätlich angegriffen. Sie schreibt darüber sehr viel, es ist herzzerreißend!
Wie geht es Dir jetzt, einige Tage nach dem Ereignis?
Stefanie: Ich bin überwältigt von den vielen lieben E-Mails und sonstigen Nachrichten, die mich erreichten. Aber auch total gestresst, weil ich seitdem Stunden damit verbringe, alles zu beantworten. Der Vorfall wurde auch in England und USA berichtet, das Internet ist schnell. Nur eine unfreundliche Nachricht erreichte mich bisher, von einem Transaktivisten aus den USA, der mich aus seinen über 400 Netzwerken und inklusiven Dating Pools entfernen wird – ich bin da aber gar nicht drin!
Nicht mehr queer
In der letzten Ausgabe der „Welt am Sonntag“ gibt es einen Artikel vom ehemaligen SPD-Bundestagsabgeordnete Michael Roth, der eine Distanzierung einiger Lesben und Schwuler von Queer beklagt und dazu aufruft, zusammenzuhalten. Was sagst Du dazu vor dem Hintergrund Deiner letzten Erfahrungen?
Stefanie: Ich bin nicht mehr queer. Queer war ja zunächst ein Schimpfwort und wurde in den 80gern dann als stolze Bezeichnung gewählt. Auch ich habe zusammen mit den Schwulen in London „We‘re here, we‘re queer and we‘re not going shopping“ auf den Demos gerufen. Jetzt ist queer ja alles Mögliche, Heteras mit blauen Haaren, Trans-Allies etc. Ich bezeichne mich jetzt als lesbisch, nicht queer.
Michael Roth ist ein schwuler Mann und hat einen anderen Hintergrund als ich als lesbische Frau. Er hat die Lesbophobie und Frauenfeindlichkeit der queeren Szene anscheinend nicht mitbekommen. Viele Lesben wollen die inklusive Szene, ein Großteil aus finanziellen Gründen. Ich finde es eine Schande, dass allen Frauen-Lesbenprojekten die Gelder gestrichen werden, wenn sie nicht Transfrauen/Männer inkludieren. Als autonome Lesbe finde ich „GET THE L OUT“ ein schönes Konzept!
Die Fragen stellte Till Randolf Amelung.
Stefanie Heinrich, Jahrgang 1948, hat einige Jahre in London als Punksängerin gelebt und ist seit 1986 in Berlin.