Norma Schneiders Reclam-Band will „Queer“ auf 100 Seiten erklären. Doch statt den umstrittenen Begriff kritisch auszuleuchten, folgt das Buch vor allem aktivistischen Deutungsmustern – und lässt zentrale Widersprüche offen.

Von Till Randolf Amelung
Ein Büchlein der Reihe „100 Seiten“ des renommierten Reclam-Verlags verspricht Aufklärung über „Queer“ für bislang Unwissende. Die Journalistin Norma Schneider will Begriff, Geschichte, Theorie, Aktivismus und Kultur einem breiten Publikum erklären. In erster Linie vermittelt das Buch aber die derzeit angesagten Auffassungen im aktivistischen Milieu – und die sind keineswegs unumstritten.
Mit „Queer“ Kategorien sprengen?
Zu Beginn lernt man gleich, dass dem Begriff „Queer“ eine klare Definition fehlt. Richtigerweise verweist Schneider auf die Entwicklung, die „Queer“ von der abwertenden Bezeichnung im Englischen für Homosexuelle hin zu einer positiv besetzten Sammelbezeichnung für Menschen, die nicht heterosexuell sind oder deren Geschlechtsidentität nicht mit ihrem biologischen Geschlecht übereinstimmt, genommen hat. Doch dann wird einer Konturlosigkeit des Queer-Begriffs Vorschub geleistet, wenn Schneider gleich in ihrer Einleitung erklärt:
„Aber ‚queer‘ kann auch noch in einem viel weiteren Sinne verstanden werden, als etwas, das generell Normen und Kategorien sprengt, das Herrschaftsverhältnisse problematisiert – und das muss dann gar nichts mit Geschlecht oder Sexualität zu tun haben.“
Einerseits wird „queer“ hier mit einem moralischen Impetus aufgeladen, dass Normen und Kategorien sowie Herrschaftsverhältnisse immer schon erschüttert und problematisiert werden müssten. Andererseits wird mit der Ausdehnung über Geschlecht und Sexualität hinaus eine Entwicklung unkritisch befördert, die nur noch über Identität und „Label“, anstatt über Sexuelles im Sinne des Triebschicksals zu sprechen vermag – Empowerment in vielerlei und sammelsurischer Hinsicht.
Normalität zwischen Ideologie und Empirie
Darin fügt sich ein, was die Autorin des schmalen Bändchens einen Absatz zuvor schreibt:
„Für mich bedeutet queer zu sein, anders zu leben, als es immer noch von den meisten als ‚normal‘ angesehen wird: Nämlich in romantischen Beziehungen mit einem Partner des anderen Geschlechts mit Heirat und Familie als Perspektive. Ich persönlich hatte noch nie eine romantische Beziehung und es hängt auch nicht vom Geschlecht einer Person ab, ob ich sie attraktiv finde. Und das ist, denke ich, eine von Millionen Möglichkeiten, queer zu sein.“
Hält die Behauptung, was gemeinhin als „normal“ verstanden wird, der Empirie noch stand? Das Statistische Bundesamt vermeldete jüngst Daten für 2025, wonach die Zahl der geschlossenen Ehen in Deutschland rückläufig ist und damit den niedrigsten Stand seit 1950 erreicht hat. Nur noch die Hälfte der Bevölkerung lebt demnach in einer Ehe. Vielleicht ist Schneider selbst somit in dieser Hinsicht gar nicht sonderlich unnormal?
Mit einem solch schwammig-unkonkreten Queerverständnis ist es nicht verwunderlich, wenn Schneider „Freiheit, so zu sein, wie man ist “ als Essenz von Queer ausmacht. Dabei ist diese Freiheit mit Recht auf individuelle Entfaltung doch das Grundversprechen unserer liberalen Demokratie – also des freien Westens. Und demnach nichts spezifisch Queeres.

Nicht-Heterosexualität als Kern von Queer
Will man Queer jedoch tatsächlich verstehen, kommt man nicht drumherum, beim Kern zu bleiben – nämlich gleichgeschlechtlich orientierte Sexualität und deutlich sichtbare Gendernonkonformität. Immerhin war gerade das Ausleben schwuler Sexualität in vielen Ecken der Welt lange kriminalisiert und ist in einigen Ländern bis heute. Und während viele queerfeministische Aktivistas behaupten, dass „weiße, schwule Cismänner“ zu den privilegiertesten Gruppen in dieser Gesellschaft gehören, ist „schwule Sau“ immer noch eine Schmähung, die man auf deutschen Schulhöfen hört.
Vojin Saša Vukadinović beklagte im „Jahrbuch Sexualitäten 2025“ in seinem Beitrag „Von der Entschwulung der Welt“ zu Recht, dass unter dem Queer-Begriff heute eher alte, antischwule Ressentiments neu verpackt werden. Und er verweist darauf, dass gleichgeschlechtlich begehrende Männer nun nicht zwingend eine Revolution antizipieren wollen, wie es auch in Schneiders Queerbüchlein mit „Kategorien sprengen“ anklingt, sondern schlicht bei Sex und Partnerschaft vom Staat in Ruhe gelassen werden wollen.
Schneider benennt zwar, dass es auch Menschen gibt, die sich als lesbisch oder schwul, jedoch nicht als queer verstanden wissen wollen, weil sie in einem Sammelbegriff untergehen, aber ihr fällt dazu lediglich Bedauern ein, anstatt ihre queerfeministischen Ideologieschablonen zu hinterfragen:
„Es ist ein trauriges Phänomen, dass Angehörige marginalisierter Gruppen, die erfolgreich für mehr Anerkennung gekämpft haben, manchmal wenig Empathie haben für andere, die noch nicht so viel erreicht haben. Das liegt auch daran, dass es wenig Raum für Austausch zwischen den Generationen gibt.“
Zu Solidarität verpflichtet?
Wie man unlängst im Rahmen der Eröffnung des neuen Wohnprojekts für Lesben des RuT in Berlin gesehen hat, steht einem solchen Austausch durchaus das eine oder andere Awarenessteam im Weg. Überhaupt sollte es nicht darum gehen, jeden neuen Begriff einfach zu übernehmen, bzw. ohne kritische Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen die Begriffs- und auch Identitätsbestimmung stattfindet. Doch genau eine solche kritische Analyse scheint nicht gewollt, wenn moralisierend mit allem zu Solidarität verpflichtet werden soll und nur dieses als progressiv geframt wird.
Fragwürdig sind in Schneiders Text auch Behauptungen wie diese:
„Auch transfeindliche Personen lehnen Begriff queer ab, weil für sie Geschlecht etwas Klares, anhand von Genitalien Definierbares ist, nichts Queeres.“
Dies ist reichlich unterkomplex, wie auch die in diesem ideologischen Biotop schon konventionelle Negierung der biologischen Zweigeschlechtlichkeit, für die dann fast immer Varianten aus dem Bereich der Intersexualität als (falsches) Argument herhalten müssen.
Vielmehr ist die queerfeministische Leugnung materieller, also körperlicher Tatsachen, wenn es um Geschlecht und Sexualität geht, das Problem. Denn: Wir begehren in der Regel keine Identitäten, sondern Körper – an denen wiederum symbolische Bilder hängen. Ebenso ist unser Erleben in Sachen Geschlecht auch mit unseren Körpern verknüpft. Moralisierende Queerfeministas mitsamt ihren Awarenessteams haben hier in den vergangenen Jahren notwendige Auseinandersetzungen tabuisiert. Das erst führte zu dem paradoxen Umstand, dass wissenschaftliche Banalitäten wie die von den lediglich zwei biologischen Geschlechter zu etwas Kontroversem werden konnten. Auch Schneiders Büchlein spiegelt dies.
So gesehen werden LeserInnen bei der Lektüre nicht zwingend klüger, was „Queer“ an sich betrifft, doch sie sind zumindest über die dominanten ideologischen Schablonen informiert.
Till Randolf Amelung ist Redakteur des IQN-Blog und seit Juli 2024 auch Mitglied des IQN-Vorstand. Als freier Journalist veröffentlicht er mit Schwerpunkt auf geschlechterpolitischen Themen sowie in anderen Medien und in wissenschaftlichen Sammelbänden wie dem Jahrbuch Sexualitäten der IQN. Seit der Jahrbuch-Ausgabe für 2026 gehört er auch zu den Herausgebern.