Kategorie: Allgemein

Jenseits der Bestätigung: Lehren aus Tavistock

Eine psychoanalytische Kritik an Identitätsgewissheit und institutioneller Abwehr

Der Gender Identity Development Service (GIDS) für Kinder und Jugendliche an der Londoner Tavistock-Klinik wurde nach einer unabhängigen Untersuchung durch Hilary Cass im März 2024 geschlossen. Der Psychologe Marcus Evans setzt sich aus psychoanalytischer Perspektive mit den Entwicklungen auseinander. Er zeigt, warum reine Affirmation bei Jugendlichen mit Geschlechtsdysphorie riskant ist und fordert mehr Raum für Reflexion und psychologische Entwicklung.

Die Statue von Sigmund Freud, im Hintergrund das Gebäude der Londoner Tavistock-Klinik. Symbolbild für Artikel "Jenseits der Bestätigung: Lehren aus Tavistock"
Die Statue von Sigmund Freud, dem Gründervater der Psychoanalyse, befindet sich auf dem Gelände der Tavistock-Klinik in London (Foto: Mike Peel auf Wikimedia).

Redaktionelle Vorbemerkung: IQN veröffentlicht diesen Artikel mit freundlicher Genehmigung auf Deutsch im Blog. Die Übersetzung wurde mit DeepL erstellt und redaktionell anschließend leicht nachbearbeitet. Der englische Originalbeitrag erschien am 21. Dezember 2025 unter dem Titel „Beyond affirmation: Lessons from Tavistock —A psychoanalytic critique of identity certainty and institutional defence” online auf der Website des British Journal of Psychotherapy: https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/bjp.70011

28. März 2026 | Marcus Evans 

Zusammenfassung

Dieser Artikel bietet eine psychoanalytische Kritik des Affirmationsmodells in der Behandlung von Geschlechtsidentitätsproblemen und stützt sich dabei auf klinische Erfahrungen des Tavistock Gender Identity Development Service (GIDS). Es wird argumentiert, dass institutionelle und therapeutische Reaktionen auf geschlechtsbezogene Leiden bei jungen Menschen zunehmend von dem Druck geprägt sind, zu affirmieren statt zu reflektieren. Auf der Grundlage psychoanalytischer Konzepte wie symbolisches Denken, Identitätsabschottung, klaustrophobisch-agoraphobische Ängste und die „Dritte Position” untersucht der Artikel, wie Gewissheit und Identitätsfixierung als Abwehrmechanismen gegen psychische Schmerzen fungieren können, anstatt als Zeichen psychologischer Integration.

Der Artikel kritisiert die Vermeidung von Übertragung, die Voreingenommenheit des Denkens und den emotionalen Druck, der auf Kliniker und Institutionen ausgeübt wird. Er schließt mit der Forderung nach einem Betreuungsmodell, das die Reflexionsfähigkeit wiederherstellt und die schwierige psychologische Arbeit der Identitätsentwicklung unterstützt, anstatt sie durch voreilige Bestätigung zu umgehen.

EINLEITUNG

Dieser Artikel untersucht kritisch die klinischen und institutionellen Dynamiken, die zur Schließung des Gender Identity Development Service (GIDS) in Tavistock beigetragen haben. Er argumentiert, dass die weit verbreitete, oft unreflektierte Übernahme von affirmationsbasierten Behandlungsverfahren die Möglichkeiten zur Reflexion sowohl in der klinischen Arbeit als auch auf systemischer Ebene eingeschränkt hat. Auf der Grundlage der psychoanalytischen Theorie, insbesondere Ron Brittons Konzept der Dritten Position (Britton, 1998), untersucht der Artikel, wie Jugendliche feste Identitätsüberzeugungen und voreilige Gewissheiten als Abwehrreaktionen auf unverarbeitete Traumata, psychische Fragmentierung und Entwicklungskrisen entwickeln können (Evans, 2025; Lemmer, 2023).

In solchen Fällen kollidiert die Dringlichkeit konkreter Maßnahmen oft mit der psychischen Notwendigkeit, Erfahrungen zu symbolisieren, zu betrauern und zu integrieren (Fonagy, Gergely, Jurist & Target, 2002; Steiner, 1993). Wenn therapeutische Umgebungen diese symbolische Arbeit nicht unterstützen, laufen sie Gefahr, sich mit genau den Abwehrmechanismen zu verbünden, die das Denken behindern (Bion, 1962).

Obwohl das Affirmationsmodell ursprünglich als ethische Antwort auf Leiden entwickelt wurde, kann es, wenn es präskriptiv angewendet wird, eine Tendenz widerspiegeln, den psychischen Schmerz, der der Darstellung zugrunde liegt, und das Glaubenssystem, das den Wunsch nach Transition antreibt, zu leugnen. Diese Unterdrückung symbolischen Denkens behindert die emotionale Integration und die langfristige psychologische Entwicklung (Klein, 1946; Steiner, 2018). Auf der Grundlage klinischer Beobachtungen und Erfahrungen in der Unternehmensführung untersucht der Artikel, wie institutionelle Ängste, darunter epistemischer Narzissmus, binäre Logik (das „NICHT”-Glaubenssystem) und Reputationsbedenken, zum Zusammenbruch der therapeutischen Begrenzung beigetragen haben (Bell, 2020; Britton, 1998).

Die Schließung von GIDS und die Entstehung neuer regionaler Zentren markieren einen Wendepunkt in der Herangehensweise des Vereinigten Königreichs an die Gesundheitsversorgung im Bereich der Geschlechtsidentität. Ihr Erfolg wird jedoch nicht nur von Verfahrensreformen abhängen, sondern auch von einer tieferen klinischen Auseinandersetzung mit den psychischen, relationalen und institutionellen Abwehrmechanismen, die GIDS verkörperte. Der zentrale Fehler bei GIDS war nicht nur administrativer, sondern auch erkenntnistheoretischer Natur: eine zunehmende Diskrepanz zwischen Geist und Gehirn, emotionaler Bedeutung und klinischem Erscheinungsbild.

Begleitende Schwierigkeiten wie Traumata, Neurodiversität und Depressionen wurden oft als zufällige „Komorbiditäten” abgetan, anstatt als integraler Bestandteil der psychischen Landschaft von Geschlechtsidentitätsstörungen anerkannt zu werden (Cass, 2024; Levine, Abbruzzese & Mason, 2022). Diese konzeptionelle Spaltung spiegelte eine psychologische Spaltung wider, da viele Jugendliche eine tiefe Diskrepanz zwischen ihrem inneren Selbstverständnis und ihrer physischen Verkörperung beschrieben. (Evans, 2025; Laufer & Laufer, 1984).

Um diese Misserfolge und die sie aufrechterhaltenden Abwehrmechanismen zu untersuchen, verwendet dieser Artikel einen dreiteiligen Rahmen: den intrapsychischen (die innere psychische Welt des Individuums), den zwischenmenschlichen (therapeutische und familiäre Beziehungen) und den institutionellen (die Systeme, die die klinische Praxis beeinflussen). Es untersucht, wie sowohl individueller als auch systemischer Druck, psychische Schmerzen zu vermeiden, das therapeutische Denken behindert und wie unflexible Glaubenssysteme, insbesondere wenn sie institutionalisiert sind, die symbolische Erforschung und Entwicklungsintegration behindern können (Bion, 1962; Evans & Evans, 2021; Steiner, 1993).

Letztendlich plädiert der Artikel für klinische und institutionelle Umgebungen, die der Verlockung voreiliger Gewissheit widerstehen und stattdessen Ambivalenz, Neugier und den bewussten Prozess des symbolischen Denkens fördern. Die Wiederherstellung von Reflexionsraum in Köpfen, Therapien und Systemen ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. Es ist eine ethische und entwicklungsbezogene Notwendigkeit (Britton, 1998; Winnicott, 1960).

I INTRAPSYCHISCHE EBENE: DIE INNERE LANDSCHAFT DER GESCHLECHTSIDENTITÄTSKRISE

In Anbetracht der hier beschriebenen klinischen und institutionellen Krisen müssen Störungen in der Behandlung von Geschlechtsidentitätsstörungen auf drei miteinander verbundenen Funktionsebenen verstanden werden: der intrapsychischen, der zwischenmenschlichen und der institutionellen Ebene. Diese individuellen Abwehrmechanismen sind keine Einzelfälle, sondern wirken sich auch auf therapeutische Beziehungen und die Strukturen der Institutionen aus, die für deren Überwachung zuständig sind.

Defensivstrukturen und psychische Fragmentierung

Viele junge Menschen, die unter Geschlechtsidentitätsstörungen leiden, zeigen eine tiefe psychologische Fragmentierung, die oft durch Abwehrmechanismen wie Spaltung, Idealisierung oder Verdrängung bewältigt wird. Diese Mechanismen führen zu starren Selbstdarstellungen und einem starken Drang zur Geschlechtsumwandlung, hinter denen ungelöste Traumata, Identitätsverwirrung oder neurologische Entwicklungsstörungen verborgen sein können. Kliniker, die mit diesen Abwehrmechanismen arbeiten, laufen Gefahr, sich mit ihnen zu verbünden, insbesondere unter dem institutionellen Druck, diese zu bestätigen. Auch Institutionen können diese Dynamik widerspiegeln, indem sie Politik vor sorgfältige Überlegungen und Gewissheit vor Reflexion stellen. Nur durch die Integration dieser intrapsychischen, zwischenmenschlichen und institutionellen Ebenen kann psychologische Betreuung wirklich entwicklungsfördernd sein, indem sie einen Raum für Reflexion aufrechterhält, anstatt ihn zu schließen.

Klinischer und verwaltungstechnischer Kontakt mit dem Tavistock and Portman NHS Foundation Trust

Sowohl theoretische Überlegungen als auch praktische Erfahrungen in der klinischen Leitung des Tavistock and Portman NHS Foundation Trust [Anm. d. Red: so die offizielle Bezeichnung der Klinik] beeinflussen meine Kritik am GIDS und am Affirmationsmodell. Bereits 2005 wurden intern Bedenken hinsichtlich des Mangels an Entwicklungsbeurteilungen und psychologischen Untersuchungen geäußert. Ernsthafte Fragen wurden jedoch oft als hinderlich abgetan oder ignoriert. In den folgenden zehn Jahren stießen Vorschläge für umfassende psychologische Untersuchungen vor medizinischen Eingriffen auf zunehmenden Widerstand und wurden eher als Hindernisse, denn als Hilfsmittel für ein tieferes Verständnis angesehen. Institutionelle Ängste vor öffentlicher Kontrolle und Vorwürfen der Transphobie förderten eine Kultur, in der Affirmation zu einer Verfahrensvorschrift wurde, die die Autonomie der Kliniker einschränkte. Dieser Kontext stützt meine These vom Rückgang der symbolischen Hemmung.

Entscheidend war, dass GIDS keine solide Evidenzbasis hatte. Klinische Neugier und Ergebnisüberwachung wurden durchweg von politischer Ideologie und Gruppendenken überlagert. Als ich den medizinischen Direktor um Follow-up-Daten bat, wurde mir mitgeteilt, dass die GIDS keine Nachuntersuchungen der behandelten Kinder durchführte, was einen außerordentlichen Verstoß gegen Grundsätze klinischer Kontrollprinzipien darstellt. Dieser Mangel erstreckte sich auch auf Komorbiditäten: Auf die Frage während einer gerichtlichen Überprüfung, wie viele Patienten Autismus hätten, antwortete der Dienst, dass er solche Daten nicht erhebe. Diese Auslassungen offenbaren eine tiefere institutionelle Zurückhaltung im Umgang mit psychologischer Komplexität und untergraben so das Lernen und die Patientensicherheit.

Dieser Widerstand kam in einem Bericht des medizinischen Direktors des Trusts deutlich zum Ausdruck, der erklärte, dass keine psychologische Theorie die Geschlechtsdysphorie erklären könne. Mit dieser Aussage grenzte er GIDS von den klinischen Traditionen des Trusts ab, darunter Entwicklungspsychologie, Familientheorie und Psychoanalyse, die alle darauf abzielen, Identität und Leiden zu verstehen. Stattdessen wurde die Affirmation nicht nur zu einer Option unter vielen, sondern zum bevorzugten Standard.

Obwohl einige Ärzte ihre sorgfältige Arbeit fortsetzten, arbeiteten sie in einem Umfeld, das laut dem Cass-Bericht geschlossene Diskussionen förderte und reflektierende Debatten einschränkte. Der Bericht stellt fest, dass „die Mitarbeiter von einer Kultur berichteten, in der klinische Diskussionen schwierig und abweichende Meinungen nicht immer willkommen waren … was ein angemessenes klinisches Denken behinderte“ (Cass, 2024). Dieses Umfeld schränkte nicht nur die klinische Freiheit ein, sondern verringerte auch die Fähigkeit des Trusts, die psychischen Belastungen, für deren Behandlung er verantwortlich war, aufzufangen und zu reflektieren.

Entwicklung im Jugendalter und Identitätskrise

Jugendliche, die unter Geschlechtsdysphorie leiden, beschreiben oft ein tiefes Gefühl der Entfremdung von ihrem Körper und das quälende Gefühl, dass ihr äußeres Erscheinungsbild nicht mit ihrem inneren Selbstbild übereinstimmt. Der Körper erinnert sie ständig an die Kluft zwischen ihren psychologischen Idealen und ihrer physischen Realität. Anstatt diesen inneren Verlust zu betrauern, versuchen viele, ihren Körper zu verändern, um den unerträglichen Widerspruch zwischen ihrer imaginären Identität und ihrer gelebten Erfahrung aufzulösen.

Aus psychoanalytischer Sicht entstehen diese idealisierten Selbstdarstellungen oft nach einem psychischen Zusammenbruch oder einer Ich-Krise. Eine Transidentität kann als Abwehrmechanismus dienen, der vor Verwirrung, Selbsthass oder unausgesprochener Angst schützt. Dies mindert nicht die Aufrichtigkeit der Identifikation, sondern unterstreicht, wie die psychische Organisation während einer Entwicklungsunterbrechung die Identitätsbildung beeinflussen kann.

Oft bleiben diese Schwachstellen während der Kindheit verborgen. Die Pubertät ist jedoch nicht nur eine biologische Veränderung, sondern auch eine psychologische Umwälzung: Der zuvor neutrale Körper wird neu sexualisiert, unterliegt dem Blick von außen und der inneren Bewertung. Bei manchen löst dies Ängste aus. Das sich entwickelnde sexuelle Selbst kann als aufdringlich oder ungewohnt empfunden werden und das Gefühl der Kohärenz und Sicherheit bedrohen.

Wie Laufer argumentierte, besteht eine wichtige Entwicklungsaufgabe der Adoleszenz darin, Verantwortung für den geschlechtlichen Körper zu übernehmen und die verkörperte sexuelle Subjektivität in ein stabiles Identitätsgefühl zu integrieren (Laufer & Laufer, 1984). Wenn diese Aufgabe gestört wird, kann es zu einer Dissoziation vom Körper oder einer Ablehnung seiner Bedeutung kommen. Die Identität kann dann vorzeitig fixiert werden und als Mittel dienen, um mit überwältigender Abhängigkeit, Intimität, Aggression und Verlust umzugehen. Ohne therapeutischen Raum kann der/die Jugendliche starre Identitätspositionen annehmen, um auf Fragen zu reagieren, die noch nicht vollständig geklärt sind.

Idealisierung und Online-Communities

Jugendliche mit angstbesetzten Bindungen können sich aus den psychologischen Konflikten der Trennung und Identitätsentwicklung zurückziehen, indem sie sich eng verbundenen Online-Communities zuwenden. Diese Räume bieten ein Gefühl der unmittelbaren Zugehörigkeit, das manchmal als „Glitzerfamilien“ [„Glitter Families“ im Original, Anm. d. Red.] idealisiert wird1, aber oft strenge Konformität verlangt. Ambivalenz ist unerwünscht; Zweifel können oft als eine Form des Verrats empfunden werden. Die Klarheit von Slogans wie „Verändere deinen Körper” oder „Trenne dich von Eltern, die dich nicht unterstützen” verschleiert die tiefe Komplexität der Entwicklung und unterbricht die schmerzhaften, aber wichtigen Prozesse der Trauer, Ambivalenz und Integration.

Entwicklungsidentität und psychische Schmerzen

Dieses Gefühl der Entfremdung ist klinisch gesehen von entscheidender Bedeutung. Immer mehr Teenager betrachten ihren Körper nicht mehr als Teil ihrer selbst, sondern als etwas Fremdes oder Feindliches, das es zu reparieren, zu fliehen oder sogar auszulöschen gilt. Viele äußern den Wunsch, ihren Körper vollständig hinter sich zu lassen.

Pubertätsblocker können dazu dienen, der Realität der Zeit zu entfliehen: Sie stoppen das emotionale Wachstum, unterbrechen psychologische Konflikte und verzögern die Unannehmlichkeiten der sexuellen Entwicklung. Gegengeschlechtliche Hormone können als Mittel angesehen werden, den Körper unverwundbar zu machen, insbesondere bei jugendlichen Mädchen, die glauben, dass die Annahme einer männlichen Identität sie vor Verletzlichkeit, Sexualisierung oder Misshandlung schützt. Transpersonen, die von männlich zu weiblich wechseln, könnten hingegen mit verinnerlichten Ängsten vor Männlichkeit oder ungelösten Spannungen hinsichtlich ihrer ursprünglichen Geschlechterrolle zu kämpfen haben.

In diesem Umfeld wird Identität möglicherweise weniger durch Integration als vielmehr durch Negation geprägt. Britton (Evans 2025) beschreibt ein anschauliches klinisches Beispiel für diese Abwehrstruktur, bei der die innere Welt eines Patienten nicht durch eine positive Selbstdefinition, sondern durch Ausgrenzung organisiert war. In den Gedanken dieses Patienten war „links nicht rechts, rechts nicht links”, aber nichts wurde jemals positiv definiert. Der Wert einer Idee liegt nicht darin, was sie offenbart, sondern darin, was sie ausschließt. Diese „NICHT”-Logik schuf ein defensives Gefühl der Stabilität durch Verleugnung statt durch symbolische Integration. In solchen Fällen wird Identität durch die Ablehnung unerträglicher psychischer Alternativen aufrechterhalten und entsteht nicht aus innerer Überzeugung.

Dies spiegelt eine tiefere Verletzlichkeit wider, bei der symbolisches Denken selbst vermieden wird, um die Kohärenz zu bewahren. Einige Jugendliche übernehmen ein ähnlich strukturiertes „NICHT”-Glaubenssystem: Ich bin nicht dies, nicht das, nicht das, was andere in mir sehen. Diese Art der psychischen Spaltung bietet vorübergehende Erleichterung, indem sie vor Mehrdeutigkeit und Widersprüchen schützt, jedoch auf Kosten der Blockierung des Entwicklungsprozesses der symbolischen Identitätsbildung.

Freuds (1923) Modell der Ich-Abwehrmechanismen beschreibt, wie solche Spaltungen das psychische Gleichgewicht auf Kosten der inneren Realität aufrechterhalten. Diese defensive Abgrenzung ähnelt dem, was Lemmer (2023) als Zusammenbruch der symbolischen Funktion charakterisiert, als Zusammenbruch des inneren Gerüsts, das notwendig ist, um Widersprüche auszuhalten, Reflexion zu ermöglichen und ein differenziertes Selbstbewusstsein zu unterstützen.

Idealisierung, Identität und die „Wenn-nur“-Erzählung

Wie Evans (2025) beobachtet, entwickeln manche Menschen eine „Wenn-nur“-Identität, ein Fantasiekonstrukt, das die Transformation als mentale Flucht romantisierend darstellt. Anstatt durch reflektierende Integration zu entstehen, hängt das Selbst an einer vermeintlichen Lösung für das Leiden: „Wenn ich nur männlich/weiblich wäre, wäre ich sicher/geliebt/real.“ Diese Identität bietet vorübergehende Erleichterung, wird jedoch durch eine allmächtige Idealisierung und die Unterdrückung von Zweifeln aufrechterhalten. Mit der Zeit schränkt sie das symbolische Wachstum ein und erhöht die Anfälligkeit für psychologische Desillusionierung.

In solchen Zuständen wird Mehrdeutigkeit unerträglich und Komplexität vereinfacht. Diejenigen, die Ärzte, Eltern oder Gleichaltrige hinterfragen, werden möglicherweise nicht als unterstützend, sondern als bedrohlich angesehen. Das Fehlen von Ambivalenz bei lebensverändernden Entscheidungen sollte jedoch klinische Bedenken hervorrufen. Bei Jugendlichen könnte Gewissheit nicht auf Klarheit hindeuten, sondern eher auf eine defensive Verschlossenheit.

Manche Menschen beschreiben die Geschlechtsangleichung als einen Weg, ihren Körper zurückzugewinnen, aber was genau wird dabei zurückgewonnen und von wem? Für manche spiegelt der Körper möglicherweise die Zugehörigkeit zu einer anderen Person wider, oft zu einem Elternteil des gleichen Geschlechts. Die Geschlechtsumwandlung könnte unbewusst das Bedürfnis ausdrücken, diese Identifikation zu durchbrechen, um das psychische Wohlbefinden zu schützen. In seiner extremsten Form könnte es so erscheinen, als könne das psychische Leben erst beginnen, wenn das Geburtsgeschlecht beseitigt worden ist. Eine solche Handlung ist nicht nur ein Streben nach Authentizität, sondern auch eine Möglichkeit, mit psychischer Zerstörung umzugehen.

Das Affirmationsmodell – Klinische Anwendung und psychologische Dynamik

Das Affirmationsmodell zielt darauf ab, Menschen mit geschlechtsbezogenen Problemen zu unterstützen, indem es ihr Leiden lindert und ihre Selbstidentität durch soziale und medizinische Interventionen stärkt. Während seine Befürworter von der ethischen Verpflichtung getrieben sind, Leiden zu verringern, insbesondere angesichts des hohen Leidensdrucks bei geschlechtsdiversen Jugendlichen, müssen seine Grenzen mit gleicher Sorgfalt geprüft werden.

Unkritische Bejahung, um Unbehagen und Leiden zu vermeiden, kann dazu führen, dass die Notwendigkeit, zugrunde liegende Konflikte und Ängste anzugehen, übersehen wird. Unterdessen wird die medizinische Transition als bedeutende Intervention wahrgenommen, die darauf abzielt, innere Konflikte innerhalb verschiedener Teile des Selbst zu lösen.

Starre Geschlechtsidentitäten können als Barriere gegen Gefühle der Unzulänglichkeit und frühe Erfahrungen der Vernachlässigung wirken. Die Einführung neuer Perspektiven kann Ängste auslösen und als Feindseligkeit missverstanden werden, wodurch Bestätigung zu einem Abwehrmechanismus wird. Wie Cass empfohlen hat, ist ein umfassendes Verständnis der emotionalen Landschaft und der Entwicklungsgeschichte eines jungen Menschen von entscheidender Bedeutung, da durch die Betonung der Affirmation Faktoren wie Traumata, Ängste, Autismus oder familiäre Konflikte übersehen werden könnten.

Auf institutioneller Ebene werden affirmationsbasierte Behandlungsprotokolle oft defensiv als Reaktion auf politischen, rechtlichen oder reputationsbezogenen Druck eingeführt. In solchen Umgebungen kann Politik den Dialog ersetzen, und Affirmation kann eher als eine Form der institutionellen Entlastung dienen, anstatt als Weg zu einer klinischen Lösung. Dieser Ansatz hat das frühere Modell des abwartenden Beobachtens [watchful waiting, Anm. d. Red.] weitgehend ersetzt, bei dem Ärzte unterstützende, nicht interventionistische Betreuung leisteten und jungen Menschen Zeit gaben, ihre Identität durch natürliche Entwicklungsprozesse zu entwickeln.

Untersuchungen aus mehreren Langzeitstudien zeigen, dass unter diesem Modell etwa 80 bis 85 Prozent der Kinder, bei denen eine Geschlechtsdysphorie diagnostiziert wurde, diese bis ins Jugend- oder Erwachsenenalter nicht mehr erlebten (Levine et al., 2022; Zucker & Bradley, 2008). Während watchful waiting darauf abzielte, die psychologische Erforschung und Integration zu unterstützen, birgt Affirmation die Gefahr, diese Prozesse zugunsten einer sofortigen Linderung zu unterbrechen. Echte therapeutische Arbeit hängt jedoch von der Fähigkeit des Klinikers ab, Leiden einzudämmen, Unsicherheit auszuhalten und Bedeutung im Laufe der Zeit entstehen zu lassen.

Bei Jugendlichen mit Geschlechtsidentitätsstörungen führt dies oft zu einem kohärenten Identitätsgefühl, das jedoch eine Fragmentierung innerhalb des Körpers zur Folge hat. Sie fühlen sich häufig in ihrem Körper gefangen und versuchen zu entkommen. Eine medizinische Transition kann Kohärenz eher durch defensive Abgrenzung als durch Integration bieten. Eine Entwicklungsstörung, die es unmöglich macht, körperliche Erfahrungen mit symbolischem Denken zu verknüpfen, kann dazu führen, dass Empfindungen als überwältigend empfunden werden, was oft dazu führt, dass der Körper als fremd und fremdartig empfunden wird. Transitionswünsche offenbaren eher innere Unruhe als Klarheit. Gewissheit wird oft mit Reife verwechselt, während das Fehlen von Zweifeln eher auf eine Abgrenzung als auf eine Lösung hindeuten kann. Wie Britton (2025 Vorwort) beobachtet, wird symbolische Reflexion von einigen Patienten nicht als befreiend, sondern als aktive Bedrohung empfunden.

Die Einführung einer dritten Position, einer reflektierenden Sichtweise, die es dem Patienten ermöglicht, sich selbst aus einer anderen Perspektive zu betrachten, kann sich wie ein Eingriff oder sogar wie ein psychologischer Bruch anfühlen. Anstatt Raum für Integration zu schaffen, kann dies die fragile Kohärenz, die sie aufgebaut haben, gefährden. Für diese Personen ist Bestätigung nicht nur wünschenswert, sondern für das psychische Überleben unerlässlich. Versuche, therapeutische Neugier oder Komplexität anzubieten, können als Bemühungen empfunden werden, „die einzige Tür zu schließen”, die sie ihrer Meinung nach offengelassen haben. Dies hilft zu erklären, warum explorative Arbeit oft auf Widerstand stößt und warum Kliniker als gefährlich empfunden werden, wenn sie von der vollständigen Übereinstimmung abweichen.

Trotz dieser Dynamik berichten Fachleute oft, dass junge Menschen „sicher“ in ihrem Wunsch nach einer Geschlechtsangleichung sind, und präsentieren diese Abwesenheit von Zweifeln als Beweis für psychologische Klarheit oder Reife. Aus psychoanalytischer Sicht sollte eine solche Sicherheit jedoch, insbesondere wenn sie inmitten von Entwicklungsstörungen, Traumata oder psychischer Fragmentierung auftritt, nicht mit psychischer Gesundheit verwechselt werden. Anstatt auf eine Lösung hinzuweisen, spiegelt sie oft eine Abwehrstruktur wider, die dazu dient, unerträgliche psychische Ambivalenz abzuwehren. In diesem Zusammenhang kann Gewissheit weniger als Zeichen der Integration, sondern eher als Warnsignal fungieren.

Wie D’Angelo (2018) argumentiert hat, besteht ein erhebliches Risiko der affirmationsbasierten Behandlung darin, dass sie ungewollt genau die psychische Arbeit verhindert, die für ein tieferes Selbstverständnis notwendig ist. Wenn Kliniker die Gewissheit des Patienten widerspiegeln oder übernehmen, ohne Raum für Reflexion zu lassen, riskieren sie, die Übertragung zu stören und den therapeutischen Prozess zu untergraben. D’Angelo betont, dass Identitätsbehauptungen oft in komplexen Beziehungsfeldern entstehen, die durch Traumata, Verluste und unbewusste Fantasien geprägt sind, und dass eine verfrühte Validierung diese Dynamiken eher einfrieren als beleuchten kann. Seine Arbeit präsentiert eine schlagkräftige internationale psychoanalytische Kritik der Affirmation als eine Form der kollusiven Abwehr statt als Entwicklungsunterstützung.

Diese Art von Gewissheit offenbart eine tiefere Form des epistemischen Narzissmus: ein psychologisches Bedürfnis, die eigene Realität vollständig zu gestalten und Bedeutungen aus externen oder relationalen Quellen zu verwerfen. Wie Britton nahelegt, verhindert das Verlangen nach Allwissenheit emotionale Widersprüche, Komplexität und Integration. Es bietet Erleichterung von psychischer Ambivalenz, opfert jedoch symbolisches Denken.

Wenn klinische Dienste diese Gewissheit unkritisch akzeptieren, laufen sie Gefahr, sich mit genau den psychischen Abwehrmechanismen zu verbünden, die sie eigentlich eindämmen sollen. Diese Besorgnis wurde sowohl von der Care Quality Commission geteilt, deren Inspektion der GIDS von Tavistock eine mangelhafte Risikobewertung und unzureichende klinische Formulierung feststellte, als auch vom Cass Review, der feststellte, dass Kliniker die Selbstdarstellung junger Menschen zu oft für bare Münze nahmen, ohne deren emotionale Ursprünge ausreichend zu untersuchen.

Ohne ein gründliches Verständnis der unbewussten Bedeutungen hinter den Aussagen eines jungen Menschen laufen institutionelle Aufzeichnungen Gefahr, eher zu Artefakten der Verfahrenskonformität als zu Dokumenten psychologischer Einsicht zu werden.

Eine gesunde Entwicklung umfasst Ambivalenz und die Reflexion über Widersprüche, die als Schutz vor ungesunden Tendenzen dienen können. Kliniker sollten die Gewissheit ihrer Kollegen und ihre eigene als vorübergehende Aussetzung der Reflexionsfähigkeit erkennen und sich mit etwaigen zugrunde liegenden Belastungen befassen.

Jugendliche, die feste Identitätsvorstellungen haben, zeigen oft wenig Neugierde für ihre innere Welt und empfinden klinische Untersuchungen als aufdringlich oder bedrohlich. Diese defensive Abwehrhaltung, die beispielsweise bei Keira Bell zu beobachten war, die nach nur minimaler therapeutischer Begleitung geschlechtsangleichende Hormone und eine Brustamputation verlangte, zeigt, wie Identitätssicherheit als psychischer Rückzugsort (Steiner, 1993) vor ungelösten Entwicklungskrisen dienen kann. Für Kliniker stellen solche Fälle ein Paradox dar: Genau die Abwehrmechanismen, die den Jugendlichen vorübergehend stabilisieren, behindern auch den reflektierenden Dialog, der für ein kontinuierliches Wachstum notwendig ist.

Wenn diese fragmentierten Selbstzustände in die therapeutische Beziehung einfließen, sehen sich Kliniker mit dem konfrontiert, was Britton (1998) als „Dilemma der dritten Position” bezeichnet hat: Die Infragestellung der Erzählung des Patienten birgt die Gefahr, zum verfolgenden „bösen Objekt” zu werden, während eine unkritische Bestätigung mit psychischer Verdrängung einhergeht. Diese Spannung spiegelt den Konflikt des Jugendlichen wider, der zwischen dem Bedürfnis nach äußerer Bestätigung und der Angst vor einer authentischen Selbstprüfung hin- und hergerissen ist.

Brittons Entwicklungsmodell erklärt, warum es zu dieser Sackgasse kommt. Unter Berufung auf Wordsworths Kind, das „Leidenschaft aus den Augen seiner Mutter schöpft“, betont er, wie sich das Selbst durch triangulierte Reflexion entwickelt, also die Fähigkeit, sich selbst durch die Sichtweise eines anderen zu sehen und dabei dessen unterschiedliche Perspektive zu akzeptieren. Wenn die frühe Spiegelung fehlschlägt (z. B. bei einem Trauma oder einer Bindungsstörung), kann sich die Identität defensiv auf konkrete Lösungen (wie eine medizinische Transition) statt auf symbolische Integration fixieren. In diesem Zusammenhang ist die Rolle des Klinikers von entscheidender Bedeutung: Er muss sich von einem passiven Bestätiger zu einem „Entwicklungszeugen“ wandeln, der die verlorene Fähigkeit zum Paradoxon wieder einführt: „Ich kann gesehen werden, ohne ausgelöscht zu werden; ich kann hinterfragt werden, ohne vernichtet zu werden.“

Brittons Konzept der dritten Position skizziert einen Entwicklungsrahmen, in dem das Kind nicht nur sich selbst in Bezug auf die Mutter wahrnimmt, sondern auch die Verbindung der Mutter zu einer dritten Person. Diese triangulatorische Struktur unterstützt symbolisches Denken, emotionale Widersprüche und Selbstreflexion. Fonagy et al. (2002) beschreiben diesen Entwicklungsmeilenstein als zentral für die Mentalisierung, also die Fähigkeit, über sich selbst und andere als Wesen mit unterschiedlichen mentalen Zuständen nachzudenken. Wenn diese Fähigkeit unterentwickelt ist oder als feindselig empfunden wird, ist reflektierendes Hinterfragen keine Form der Hemmung mehr, sondern wird als Verfolgung wahrgenommen. Klinisch gesehen setzt dies Therapeuten unter Druck, die Selbstwahrnehmung des Patienten vollständig widerzuspiegeln, um eine defensive Abkehr zu vermeiden.

Verkörperung und die Fantasie der Kohärenz

Jugendliche, die unter Geschlechtsdysphorie leiden, beschreiben oft ein quälendes Gefühl, dass ihr physischer Körper nicht mit ihrem mentalen Selbstbild übereinstimmt. Der Körper wird zu einer Quelle psychischer Belastung, einer ständigen Erinnerung an die Kluft zwischen ihrem idealisierten Selbstbild und ihrem physischen Zustand. Anstatt diese Diskrepanz zu beklagen, fühlen sich viele dazu getrieben, ihren Körper zu verändern, um den inneren Konflikt zu lösen. Diese idealisierten Selbstbilder entwickeln sich oft nach einem psychischen Zusammenbruch oder einer Ego-Krise. Auf diese Weise kann eine Transidentität als schützender Zufluchtsort vor innerer Verwirrung, Selbsthass und unverarbeiteten emotionalen Schmerzen dienen.

Eltern bemerken oft, dass ihr Kind bis zur Pubertät gehorsam war, bis plötzlich Identitätskämpfe intensiver werden. Die Pubertät bringt nicht nur körperliche Veränderungen mit sich, sondern auch erhebliche mentale und emotionale Umwälzungen. Für manche fühlt sich der neu sexualisierte Körper fremd oder aufdringlich an, eine unwillkommene Präsenz, die verändert, wie sie wahrgenommen werden und wie sie sich selbst sehen. Gefühle der Abhängigkeit, Intimität, Aggression und das aufkommende Bewusstsein für sexuelle Selbstbestimmung können zutiefst ambivalent sein. Für diejenigen, die nicht darauf vorbereitet sind, diese Erfahrungen zu symbolisieren, kann der Körper wie etwas erscheinen, dem man entfliehen oder das man auslöschen möchte, und eine Geschlechtsangleichung kann als einfache Lösung für psychologische Zerrissenheit erscheinen.

Pubertätsblocker können die Illusion erwecken, die Zeit anzuhalten, die emotionale Entwicklung zu verzögern und die Unannehmlichkeiten der sexuellen Reifung hinauszuschieben. Cross-Sex-Hormone werden manchmal mit einem Gefühl der Unverwundbarkeit in Verbindung gebracht, insbesondere bei jugendlichen Mädchen, die Männlichkeit mit dem Schutz vor Verletzlichkeit oder Sexualisierung assoziieren. Transpersonen, die von männlich zu weiblich wechseln, hingegen können mit inneren Zweifeln hinsichtlich ihrer Männlichkeit und ihrer ursprünglichen Geschlechterrolle zu kämpfen haben.

Solche Übergänge sind oft von einer Phase der Euphorie geprägt, einem „rosa Nebel“ [im Original „Pink Mist“, Anm. d. Red.]2, in dem medizinische Eingriffe als Heilmittel für alles Leid idealisiert werden. In dieser Phase wird die Komplexität außer Acht gelassen, und diejenigen, die diese Darstellung in Frage stellen, wie Eltern oder Ärzte, können als störend empfunden werden. Diese Gewissheit sollte jedoch Anlass zur Sorge geben. Es kommt selten vor, dass jemand, insbesondere Jugendliche, sich ohne eine gewisse Ambivalenz irreversiblen medizinischen Eingriffen unterzieht. Das Fehlen von Zweifeln kann eher auf eine defensive Ablehnung als auf echte Klarheit hindeuten.

Manche Menschen beschreiben den Übergang als Rückeroberung ihres Körpers, aber was wird recycelt und von wem? Der Körper kann den Einfluss eines Elternteils widerspiegeln, oft des gleichen Geschlechts. Der Übergang kann ein unbewusstes Bedürfnis widerspiegeln, diese Identifikation zu durchbrechen, um das psychologische Überleben zu sichern. In seiner extremsten Form kann es sich so anfühlen, als könne das Leben erst beginnen, wenn das Geburtsgeschlecht ausgelöscht ist. Wenn jedoch die idealisierte Lösung keine dauerhafte Kohärenz bietet, beginnen manche Menschen, die gesamte Erzählung in Frage zu stellen. Diese oft übersehene Erfahrung der Detransition erfordert eine tiefere psychologische Aufmerksamkeit.

Detransition und der Trauerprozess

Detransitioner bieten einen spannenden Blick auf diesen Entwicklungsprozess. Viele merken, dass die Transition nicht die erhoffte Veränderung gebracht hat. Man kann zwar als anderes Geschlecht leben, aber das biologische Geschlecht kann man nicht ändern. Für diejenigen, die dachten, dass die Transition ihren inneren Konflikt lösen würde, kann diese Erkenntnis echt entmutigend sein. Manche fühlen sich durch zu optimistische Vorstellungen getäuscht und sagen, dass sie es bereuen, sich betrogen fühlen und verzweifelt sind.

Die Wut richtet sich oft gegen erwachsene Eltern und Therapeuten, die als unfähig wahrgenommen werden, die Situation zu verstehen oder einzugreifen. Was einst als aufmerksames Engagement geschätzt wurde, wird heute allzu oft durch Affirmation ersetzt. Mit zunehmenden Zweifeln kann es zu psychischen Zusammenbrüchen kommen. Die Betroffenen fühlen sich möglicherweise psychisch heimatlos, entfremdet sowohl von ihrer leiblichen als auch ihrer angenommenen Identität und unsicher in Bezug auf ihren Platz in der Familie, ihrem Körper oder der Gesellschaft. Häufig kommt es zu Schamgefühlen aufgrund veränderter Beziehungen, medizinisierter Körper und dem Gefühl, betrogen worden zu sein.

Viele glauben, dass sie keine Fürsorge mehr verdienen. Durch die Veränderungen sind möglicherweise bereits familiäre Bindungen zerbrochen, sodass manche das Gefühl haben, einer Versöhnung nicht würdig zu sein. Lebenslange Medikamenteneinnahme, chirurgische Komplikationen und die Unumkehrbarkeit der Veränderungen verstärken diese Belastung noch. Die Fantasie einer Wiedergeburt weicht der Realität der Nachwirkungen, doch diesen Menschen bleibt oft kein klarer Weg für Trauer oder Wiedereingliederung.

Solche Erfahrungen verdeutlichen die Notwendigkeit eines reflektierteren, psychologisch sensibleren Betreuungsmodells, das nicht nur die äußere Reise berücksichtigt, sondern auch die inneren Kämpfe, die sich dahinter verbergen können. Sie veranlassen uns, über ideologische Gegensätze hinauszugehen und aufmerksamer auf die Bedeutung hinter der Not zu hören. Identität ist kein feststehender Endpunkt, sondern ein fortwährender Prozess, der voller Sehnsucht ist, fragil und mit Schwierigkeiten behaftet. Um Jugendliche auf diesem Weg zu unterstützen, muss man Komplexität akzeptieren, Zweifel wertschätzen und der Versuchung widerstehen, psychische Schmerzen in prozedurale Gewissheit umzuwandeln.

Bestätigung und Vermeidung psychischer Schmerzen

Psychoanalytische Theoretiker beschreiben seit langem die Abwehrmechanismen des Geistes gegen psychische Schmerzen, Verleugnung, Spaltung, Idealisierung und Verdrängung als Versuche, unerträglichen emotionalen Realitäten zu entkommen (Bion, 1962; Klein, 1946; Steiner, 1993). Diese Dynamiken sind besonders deutlich bei Personen zu beobachten, deren Innenwelt nicht über die symbolischen Rahmenbedingungen verfügt, die zur Bewältigung von Konflikten erforderlich sind. Wie Britton argumentiert hat, wird die Reflexionsfähigkeit ohne den triangulatorischen Raum, der es dem Geist ermöglicht, sich selbst in Bezug auf andere zu beobachten, beeinträchtigt. Infolgedessen greift die Psyche häufig auf Spaltung und Projektion zurück, um ein fragiles, schmerzfreies Gleichgewicht aufrechtzuerhalten.

Solche Personen sind besonders anfällig für Erfahrungen von Fehleinstellung oder emotionaler Vernachlässigung, was Selbsthass und übermäßige Wachsamkeit gegenüber den Meinungen anderer verstärken kann. Selbst die unausgesprochenen Zweifel oder Unsicherheiten des Klinikers können oft als Verfolgung empfunden werden. Jede Abweichung von der inneren Erzählung des Patienten, auch wenn sie noch so vorsichtig eingeführt wird, kann nicht als Neugier, sondern als Angriff aufgefasst werden. In dieser Situation befindet sich der Kliniker oft in einer Zwickmühle: Unkritisches Bestätigen bedeutet Kollaboration, zu frühes Hinterfragen bedeutet Schaden anzurichten. Keine der beiden Haltungen ist in der Praxis hilfreich. Die Herausforderung besteht darin, einen dritten Weg zu finden, der die Perspektive des Patienten respektiert, ohne zu kapitulieren, und der es ermöglicht, dass sich allmählich alternative Sichtweisen entwickeln.

Das Affirmationsmodell, wie es häufig verwendet wird, verwischt die Grenze zwischen dem Verstehen der Perspektive des Patienten und deren Befürwortung. Diese Verwirrung deutet auf ein Versagen der Reflexionsfähigkeit des Therapeuten hin. Anstatt symbolische Begrenzung zu bieten und das Wachstum des Patienten zu begleiten, gefährdet das Modell oft bestehende Abwehrmechanismen, indem es den Schmerz der Trennung vermeidet.

Steiners (2018) Konzept der Garten-Eden-Fantasie ist in diesem Zusammenhang besonders relevant. Diese defensive Haltung zeugt von einer Sehnsucht nach perfekter Harmonie und psychischer Verschmelzung in einer idealisierten Welt ohne Missverständnisse, Trennung oder Schmerz. Für Patienten, die in dieser Fantasie gefangen sind, ist das empathische Verständnis des Therapeuten nicht nur tröstlich, sondern stellt vorübergehend auch das Gefühl der Ganzheit wieder her. Diese Fantasie kann jedoch nicht unbegrenzt aufrechterhalten werden. Jeder Versuch des Therapeuten, eine reflektierende Distanz einzuführen, kann oft als katastrophaler Bruch empfunden werden. Die therapeutische Aufgabe ist daher eine doppelte: sich um die Erfahrung des Patienten zu kümmern und die Trauer um diesen idealisierten Zustand zu erleichtern. Nur dann kann der Patient vom Idealismus zur Symbolisierung übergehen und sich von dem Bedürfnis, perfekt gespiegelt zu werden, zu der Fähigkeit entwickeln, über sich selbst in Beziehung zu anderen nachzudenken.

Wenn dieser Verlust nicht verarbeitet wird, besteht die Gefahr, dass die Arbeit in einer emotional verschmolzenen Dyade stecken bleibt, die in dem Moment, in dem eine Trennung eintritt, zusammenbrechen kann. Reflexion ist in diesem Sinne keine Negierung der Erfahrung des Patienten, sondern ein Akt der Fürsorge. Wie Steiner (1993) und Britton (1998) uns erinnern, bleiben Entwicklungsaufgaben ohne symbolische Einbindung unvollendet. Das Ziel ist nicht vorzeitige Unabhängigkeit, sondern vielmehr die Fähigkeit zum Denken. Genau das wird bei institutionalisierter Affirmation oft übersehen. Der Versuch, Leiden zu vermeiden, stört genau den Prozess, durch den emotionale Bedeutung entstehen kann. Wahre therapeutische Fürsorge besteht nicht in der schnellen Linderung von psychischen Schmerzen, sondern darin, den Patienten zu befähigen, diese zu verstehen und die für das Denken notwendige Trennung mit der Zeit zu ertragen.

Unbewusste Ängste und Abwehrmechanismen gegen Gedanken

Im Zentrum vieler Darstellungen von Geschlechtsidentitätsstörungen steht eine tiefe Angst, die oft unbewusst oder nur teilweise bewusst ist. Dabei handelt es sich nicht immer um explizite Ängste vor Ablehnung oder Dysphorie, die Patienten artikulieren können. Stattdessen entspringen sie eher primitiven Ängsten: Angst vor einem psychischen Zusammenbruch, vor emotionaler Verwirrung und vor Zerfall.

Diese Dynamik wird durch Weiss‘ (2023) Konzept der klaustrophobisch-agoraphobischen Ängste, die er zwischen der paranoid-schizoiden und der depressiven Position ansiedelt, eindrucksvoll erfasst. In diesem Zustand ist der Einzelne zwischen gegensätzlichen psychischen Bedrohungen gefangen: auf der einen Seite die Angst vor Fragmentierung, Wahnsinn und Verlassenheit (agoraphobisch), auf der anderen Seite die Angst vor psychischer Einmischung, Verschlingung oder Kontrolle durch einen anderen (klaustrophobisch). Das Denken unter solchen Bedingungen wird konkret und strafend, oft getrieben von dem Verlangen nach Endgültigkeit, entweder einer Heilung oder der symbolischen Bestrafung des Egos als Mittel zur Bewältigung unerträglicher innerer Zustände.

Bei Jugendlichen mit Geschlechtsidentitätsstörungen kommt dieser innere Zwiespalt häufig in der Übertragung zum Ausdruck, wobei Eltern oder Ärzte entweder als zu abwesend oder als zu aufdringlich wahrgenommen werden (Evans & Evans, 2021; Finkelstein & Weiss, 2023). Das klaustrophobisch-agoraphobische Dilemma mindert das symbolische Denken und verstärkt den Druck, entschlossene, identitätsstiftende Maßnahmen zu ergreifen, um einen psychischen Zusammenbruch zu vermeiden. Bei einigen jungen Menschen spiegelt der Wunsch nach einer Geschlechtsangleichung möglicherweise keine vollständig symbolisierte Identität wider, sondern eher einen verzweifelten Versuch, eine fragmentierte innere Welt zu stabilisieren.

Aus Kleinianischer Sicht funktioniert dieser Kampf oft als Unfähigkeit, die depressive Position zu erreichen, in der die Trauer um das ideale Selbst oder den allmächtigen Körper einem dringenden Bedürfnis nach manischem Handeln weicht. Der Übergang kann als eine Möglichkeit dienen, psychische Ambivalenz zu bewältigen, indem er die Integration von guten und schlechten Objekten und die Akzeptanz der psychischen Realität blockiert. Die psychoanalytische Arbeit erfordert dagegen einen langsameren, schmerzhafteren Prozess der symbolischen Wiedergutmachung, in dem Gewissheit als emotionaler Anker inmitten des inneren Chaos dient.

Auch der Kliniker ist anfällig für Ängste. Wenn er mit dringenden Identitätsbekundungen oder unmittelbar bevorstehenden Plänen für eine medizinische Geschlechtsangleichung konfrontiert wird, kann der Therapeut Angst haben, Fehler zu machen, Schaden anzurichten oder als hinderlich oder transphob angesehen zu werden. Diese Angst ist nicht rein beruflicher Natur, sondern zutiefst persönlich und resultiert aus verinnerlichten intensiven Projektionen. Um mit diesen Gefühlen umzugehen, greift der Kliniker möglicherweise unbewusst auf prozedurale Reaktionen zurück oder fügt sich stillschweigend, wobei er sich auf die Abwehrmechanismen einlässt, in die er hineingezogen wird.

Die psychoanalytische Theorie bietet einen Rahmen zum Verständnis, wie solche Ängste abgewehrt werden. Spaltung ist weit verbreitet: Ärzte und Eltern werden entweder als unterstützende Verbündete oder als unterdrückende Feinde angesehen. Zweifel werden oft abgetan, und die Komplexität kann überwältigend werden. Idealisierung beinhaltet häufig die Wahrnehmung einer medizinischen Transition als lebensrettende Maßnahme, die alle emotionalen Leiden lösen kann. Verleugnung zeigt sich in der Behauptung, dass die Identität selbstverständlich ist und keiner weiteren Hinterfragung bedarf. Projektion verlagert unerwünschte Gefühle der Unsicherheit oder innerer Konflikte auf andere, denen dann vorgeworfen wird, die Behandlung zu behindern. Hinter diesen Abwehrmechanismen verbirgt sich oft eine tiefere Angst: dass ohne sofortiges Handeln das Selbst zerfallen wird.

Während in dieser Erzählung häufig das Schreckgespenst des Selbstmords beschworen wird, um eine medizinische Transition zu rechtfertigen, ergaben Untersuchungen von Biggs (2022), dass die Selbstmordrate unter geschlechtsdysphorischen Jugendlichen, die an Kliniken überwiesen wurden, nicht signifikant höher war als die bei anderen Jugendlichen mit schwerer psychischer Belastung. Dies lässt vermuten, dass die Suizidalität in dieser Gruppe eher auf umfassendere psychische Gesundheitsprobleme hinweist als auf einen einzigartigen Verlauf, der ausschließlich mit der Geschlechtsidentität zusammenhängt.

Das Verständnis dieser Dynamiken ist von entscheidender Bedeutung. Ohne die damit verbundenen unbewussten Ängste und die Abwehrmechanismen, die vor ihnen schützen, zu erkennen, könnten Kliniker am Ende eher in Inszenierungen verfallen, als dass sie für Stabilität sorgen. Die therapeutische Aufgabe besteht nicht nur darin, die vom Patienten zum Ausdruck gebrachte Identität zu verstehen, sondern auch sensibel dafür zu bleiben, wovor diese Identität möglicherweise schützen soll. Um dies zu erreichen, bedarf es institutioneller Unterstützung, klinischem Mut und der Bereitschaft, inmitten von Ängsten sorgfältig zu reflektieren. Obwohl diese psychischen Dynamiken am deutlichsten im Individuum selbst zu beobachten sind, werden sie unweigerlich auch in der therapeutischen Beziehung ausgelebt, in der der Kliniker Teil des inneren Dramas des Patienten wird. Diese Abwehrmechanismen beschränken sich nicht nur auf den Geist des Patienten, sondern werden auch in der therapeutischen Beziehung selbst aktiv und beeinflussen die Erfahrungen und Reaktionen des Klinikers. Wir wenden uns nun dieser zwischenmenschlichen Dimension zu.

INTERPERSONELLE EBENE: KLINISCHE BEGEGNUNG UND THERAPEUTISCHE HANDLUNGEN

Gegenübertragung und der Therapeut als „schlechtes Objekt“

Therapeuten, die mit Patienten arbeiten, die unter Geschlechtsidentitätsstörungen leiden, sehen sich oft intensiven emotionalen Projektionen ausgesetzt. Durch Gegenübertragung können Kliniker unbewusstes Material verinnerlichen, das die Ängste, Konflikte und Abwehrmechanismen der Patienten widerspiegelt. Wenn Bestätigung als moralische Verpflichtung angesehen wird, können Therapeuten, die zur reflektierenden Auseinandersetzung ermutigen, aufgrund ihrer Rolle beim Äußern von Zweifeln oft als hinderlich oder schädlich wahrgenommen werden. Diese Dynamik steht im Einklang mit Melanie Kleins Konzept des „bösen Objekts”, einer Figur, auf die Selbsturteile und Ambivalenz projiziert werden (Klein, 1946). Der Kliniker wird zum Ziel eines verleugneten Über-Ichs: einer Stimme, die kritisiert, fordert und verurteilt.

Britton (1998) stellt fest, dass Glaubenssysteme, die unter psychischem Druck entstanden sind, eher als Abwehrstrukturen denn als epistemologische Verpflichtungen dienen und Schutz vor Fragmentierung, Schuld oder Verlust bieten. In diesen Systemen wird das Hinterfragen oft als Verrat empfunden. Dies stellt Kliniker vor ein emotionales Dilemma: Entweder sie unterstützen reflektiertes Wachstum und riskieren dabei, verleumdet zu werden, oder sie stimmen unkritisch zu und riskieren dabei, sich mit psychischen Abwehrmechanismen zu verbünden.

Wenn sich der Therapeut auf die Verwirrung und innere Zerrissenheit des Patienten einlässt, kann dieses Bewusstsein emotional sehr intensiv werden. Der Versuch, Inkohärenz zu artikulieren, kann ein Eingriff seitens des Patienten und sogar seitens des Therapeuten sein, der befürchtet, Projektionen von Feindseligkeit zu verstärken und ein fragiles psychisches Gleichgewicht zu stören. Der Kliniker könnte befürchten, dass das Hervorheben einer psychischen Störung ein empfindliches Gleichgewicht stört und damit die Projektionen von Feindseligkeit oder Angriffen des Patienten bestätigt. Dieses Missverständnis von klinischer Neugier als Verfolgung kann ein nachdenkliches Engagement verhindern und den Therapeuten zum Schweigen oder zur Einhaltung von Verfahren veranlassen. Das Erkennen und Bewältigen dieser Dynamik ist entscheidend, wenn der Therapeut ein zugänglicher, reflektierter Partner bleiben will, anstatt zu einer verfolgenden Figur in der inneren Welt des Patienten zu werden.

Gewissheit, Bruch und klinische Stille

Dieses Problem wird noch dringlicher, wenn junge Menschen unmittelbare, konkrete Pläne für eine medizinische Geschlechtsangleichung vorlegen. Ein besonders intensiver Moment tritt ein, wenn ein Jugendlicher beispielsweise plötzlich verkündet, dass er einen Termin bei einem Chirurgen vereinbart hat, um eine doppelte Mastektomie zu besprechen. Solche Enthüllungen können beim Arzt starke Ängste auslösen, der sich möglicherweise zwischen der offensichtlichen Dringlichkeit einer medizinischen Intervention und dem langsameren, unsichereren Prozess der psychologischen Abklärung hin- und hergerissen fühlt.

Der Druck zu handeln, der oft als moralische Pflicht angesehen wird, kann den Therapeuten in eine reaktive Position drängen, in der der Drang, Risiken zu bewältigen oder zu verhindern, Vorrang vor der Neugierde hat. In solchen Momenten kann die Angst des Klinikers breitere institutionelle Ängste widerspiegeln, was zu einem Zusammenbruch des Reflexionsraums führt. Der therapeutische Rahmen behält nicht seine Bedeutung und seinen Zweck bei, sondern konzentriert sich auf Entscheidungsfindung und Handeln, wodurch die wesentlichen Voraussetzungen für Symbolisierung und psychische Integration gefährdet werden.

Familien sind davon stark betroffen. Eltern fühlen sich möglicherweise schuldig oder schämen sich und machen sich Sorgen, dass sie ihr Kind nicht ausreichend geschützt oder unterstützt haben. Steiners (2018) „Garten Eden-Illusion” beschreibt die Fantasie, zu einem Zustand mütterlicher Perfektion zurückzukehren. Für manche wird der Übergang zu einer symbolischen Lösung für die Ambivalenz in der Familie; jedoch treten oft tiefere Konflikte wieder auf, wenn die zugrunde liegende Notlage nicht angegangen wird. Diese Dynamik erstreckt sich auch auf Institutionen. Unter dem Druck von verzweifelten Patienten und Familien spiegeln Institutionen diese Projektionen möglicherweise unbewusst wider und wenden dieselben Abwehrmechanismen wie Spaltung, Idealisierung und Verleugnung an.

In bestimmten Umgebungen kann Reflexion zu einem riskanten Unterfangen werden, und abweichende Meinungen werden unterdrückt. In Institutionen, die Raum für Reflexion bieten, können Kliniker jedoch ihre Fähigkeit zum symbolischen Denken und zum Umgang mit Komplexität zurückgewinnen. Kulturelle Normen verschieben sich in einer Weise, die prozedurale Affirmation gegenüber psychologischer Hemmung priorisiert (Bell, 2020). Kliniker unterdrücken möglicherweise ihre Zweifel, um die Harmonie innerhalb der Organisation zu wahren. Institutionen vermeiden es, zum „bösen Objekt” zu werden, indem sie den internen Diskurs kontrollieren und Vermeidungsmechanismen verstärken.

Dieses Klima beeinflusst sowohl die Politik als auch die innere Welt des Klinikers. Therapeuten beginnen möglicherweise, ihre Instinkte anzuzweifeln oder komplexe Untersuchungen zu vermeiden, um zu verhindern, dass sie eine gegnerische Rolle einnehmen. Während der Druck durch Verfahren die Tiefe der Beziehung zu untergraben droht, legen einige Kliniker weiterhin Wert darauf, ihrer Arbeit einen Sinn zu geben, oft auf subtile, aber bedeutende Weise, die die Vereinfachung durch Institutionen in Frage stellt. Der Kliniker wird zu einem Vermittler von Affirmation und nicht nur zu einem reflektierenden Teilnehmer im therapeutischen Raum. Institutionen, die zur Reflexion anregen, anstatt Projektionen zu absorbieren und nachzuspielen, ermöglichen es Klinikern, diese Arbeit mit Integrität auszuführen.

Damit Therapeuten effektiv mit Patienten arbeiten können, deren Identität durch konkrete Handlungen und Gedanken verteidigt wird, müssen sie dabei unterstützt werden, eine interne Triangulation aufrechtzuerhalten. Dies fördert das kreative Denken darüber, wie abgespaltene Aspekte des Selbst wieder integriert werden können, ohne den Einzelnen zu überfordern. Eine zusätzliche technische Herausforderung besteht darin, den Patienten symbolisch einzubeziehen und gleichzeitig seine psychischen Abwehrmechanismen zu respektieren, Wege zu finden, um mit der Struktur des Geistes des Patienten in Resonanz zu treten, ohne mit ihm zu verschmelzen.

Diese heikle Haltung ist für die therapeutische Integrität von entscheidender Bedeutung und erfordert Zurückhaltung, Kreativität und institutionelle Unterstützung. Diese zwischenmenschlichen Spannungen treten nicht isoliert auf, sondern werden stark von der institutionellen Kultur beeinflusst und manchmal verzerrt, in der Kliniker arbeiten. Wenn die Sprechstunde das Theater der Übertragung ist, dann sind Institutionen die Bühne, auf der sich diese Dramen abspielen. Das institutionelle Umfeld umgibt nicht nur die klinische Begegnung, sondern nimmt aktiv daran teil.

STUFE III – INSTITUTIONELLE EBENE: SYSTEME, VERTEIDIGUNGSMECHANISMEN UND SYMBOLISCHE AUSGRENZUNG

Die unbewussten Kräfte, die das individuelle Seelenleben prägen, spiegeln oft das Verhalten von Betreuungseinrichtungen wider. Wilfred Bions Erkenntnisse aus der Beratungspraxis, insbesondere hinsichtlich der Widerstandsfähigkeit gegenüber dem Denken unter Druck, finden sich auch in den institutionellen Reaktionen auf geschlechtsspezifische Belastungen wieder. Bions Konzept der Angriffe auf Verbindungen bietet einen hilfreichen Rahmen für das Verständnis sowohl persönlicher als auch systemischer Abwehrmechanismen gegen emotionale Integration.

Bion beschrieb Angriffe auf Verknüpfungen als primitive psychologische Abwehrmechanismen, bei denen der Verstand die Verbindungen unterbricht, die für sinnvolle Verknüpfungen zwischen Gedanken, Emotionen und Beziehungen erforderlich sind. Diese Abwehrmechanismen schützen den Einzelnen vor psychischen Schmerzen, indem sie die mit der Integration verbundene Angst vermeiden. Anstatt Konflikte oder Ambivalenzen zu akzeptieren, greift der Verstand auf Spaltung, Verleugnung und Projektion zurück und zieht sich in einen Zustand der Gewissheit zurück. Obwohl diese Mechanismen vorübergehend Linderung verschaffen können, behindern sie die Entwicklung des symbolischen Denkens und das Wachstum eines reflektierenden Selbst.

Dieses defensive Muster zeigt sich auch auf institutioneller Ebene. Bei der Behandlung von Geschlechtsdysphorie werden Bemühungen, zugrunde liegende psychologische Faktoren zu untersuchen, oft marginalisiert oder pathologisiert. Berufliche und institutionelle Ängste können zu starren Rahmenbedingungen führen, die eine offene klinische Untersuchung einschränken und damit den Spielraum für akzeptable Gedanken und Diskussionen begrenzen. Anstatt Unsicherheit und Erforschung zu fördern, greifen einige Dienste auf prozedurale Affirmation zurück und behandeln Identität als selbstverständlich und unveränderlich. Diese institutionelle Vermeidung spiegelt die inneren psychischen Prozesse der Patienten wider, die sich möglicherweise dagegen wehren, ihre Not mit tieferen emotionalen Konflikten in Verbindung zu bringen.

Angriffe auf Verknüpfungen und institutionelle Umsetzungen

Sowohl bei Einzelpersonen als auch bei Institutionen dient das Vermeiden von Verknüpfungen als Mittel zur Bewältigung psychischer Schmerzen, was jedoch mit erheblichen Kosten verbunden ist. Dies behindert die Fähigkeit zu symbolischem Denken, emotionaler Integration und Entwicklung. Klinisch kann dies bei jungen Menschen auftreten, die sich intensiv mit singulären Narrativen beschäftigen und die medizinische Transition als einzigen möglichen Weg zur Linderung betrachten. Andere Sichtweisen werden nicht als Kuriositäten, sondern als Bedrohungen angesehen. Mehrdeutigkeiten oder Widersprüche können Wut, Rückzug oder Zusammenbrüche hervorrufen, was Bions Beobachtung widerspiegelt, dass Denken riskant wird, wenn die psychische Stabilität fragil ist.

Diese Dynamik hat wichtige Auswirkungen auf die klinische Praxis. Therapeuten müssen sich mit der Rigidität solcher Selbstdarstellungen auseinandersetzen, die Wahrheiten, die sie verteidigen, anerkennen und gleichzeitig symbolische Verknüpfungen sorgfältig fördern. Dies erfordert eine Haltung, die Ambivalenz akzeptiert, ohne sie vorschnell auflösen zu wollen. Außerdem sind institutionelle Umgebungen erforderlich, in denen das Denken Vorrang vor der Konformität und das Engagement Vorrang vor der strikten Einhaltung von Verfahren hat.

Wenn Institutionen die Abwehrmechanismen ihrer Patienten nachahmen – Spaltung, Verleugnung und Idealisierung –, vernachlässigen sie ihre begrenzende Rolle. Meinungsverschiedenheiten werden unterdrückt, Richtlinien werden starr und Gespräche verkümmern zu ideologischem Einheitsbrei. In solchen Umgebungen läuft die Therapie Gefahr, zu einer Art Inszenierung zu werden, in der der Therapeut die Gewissheit des Patienten widerspiegelt, anstatt ihn zu symbolischer Reflexion anzuregen. Ohne institutionelle Unterstützung für eine differenzierte Praxis kann die Behandlung selbst zu einer weiteren Abwehr gegen psychische Schmerzen werden.

Das GIDS in Tavistock hat sich von einem integrierten Dienst für Jugendliche zu einer fragmentierten Einrichtung gewandelt und sich damit von seinen psychoanalytischen und entwicklungsbezogenen Ursprüngen entfernt. Wie Dr. Bell und Dr. Cass feststellten, fühlten sich Kliniker zunehmend marginalisiert und unter Druck gesetzt, ohne angemessene Reflexion zu affirmieren. Externe ideologische Einflüsse stellen abweichende Meinungen als transphob dar und beeinträchtigen damit die klinische Diskretion und die öffentliche Diskussion.

Dieser systemische Wandel lässt sich anhand von Steiners (1993) Konzept des psychischen Rückzugs verstehen, einem Rückzug in prozedurale Sicherheit, um unerträgliche emotionale Komplexität zu vermeiden. Das Vertrauen von GIDS in Affirmationsprotokolle und sein Widerstand gegen einen offenen Dialog spiegeln genau die Abwehrmechanismen wider, die es zu bekämpfen versucht. Anstatt zu beruhigen, provoziert die Einrichtung Angst.

Wie bereits zuvor dargelegt (Evans & Evans, 2021), nehmen einige Jugendliche die Transidentifikation als psychologischen Rückzug, als Abwehrreaktion auf Traumata oder Fragmentierung an. Institutionen sind so strukturiert, dass sie Untersuchungen vermeiden und damit riskieren, sich mit diesen Abwehrmechanismen zu verbünden. Die Parallele zwischen individueller und institutioneller Vermeidung zeigt, wie therapeutische Systeme unter Druck ihre symbolische Funktion zugunsten einer defensiven Konformität aufgeben können.

Integration: Komplexität systemübergreifend bewältigen

Ein entscheidendes Element der Debatte über die Versorgung von Geschlechtsidentitätsproblemen ist die Notwendigkeit, dass klinische Systeme ein sicheres Umfeld schaffen, das es Fachleuten ermöglicht, kritisch und unabhängig zu denken. Einige Kliniker und Forscher berichten, dass sie unter erheblichem ideologischem Druck arbeiten und nur begrenzte Perspektiven auf Geschlechtsdysphorie als akzeptabel angesehen werden. Diese Situation kann die intellektuelle Freiheit, die wissenschaftliche Integrität und die patientenzentrierte Versorgung gefährden. Institutionen sollten respektvolle Meinungsverschiedenheiten, gründliche Debatten und Offenheit für unterschiedliche Standpunkte fördern.

Wenn starre Glaubenssysteme dominieren, können sie die für eine hochwertige Versorgung notwendige professionelle Reflexion behindern. In solchen Umgebungen wird unabhängiges Denken oft eher als Herausforderung, denn als Vorteil empfunden, was zu Gruppendenken und Selbstzensur führt. Organisatorische Konformität kann die klinische Entscheidungsfreiheit außer Kraft setzen, und politische Entscheidungen können stärker von Ideologie als von Fakten beeinflusst werden.

Um ihre berufliche Integrität zu wahren, benötigen Kliniker robuste Unterstützungssysteme, die sie vor Zwang schützen und Raum für Unsicherheit und Erkundung bieten. Dazu gehört die Entwicklung von Richtlinien, die sich gegen politisch motivierte Narrative wehren, wenn diese im Widerspruch zu ethischen Standards oder dem Wohl der Patienten stehen. Ohne solche Schutzmaßnahmen sind sowohl Patienten als auch Ärzte potenziellen Gefahren ausgesetzt. Die Geschichte zeigt, dass schutzbedürftige Bevölkerungsgruppen oft leiden, wenn Institutionen Ideologie über empirische Genauigkeit stellen. Die Förderung eines offenen, reflektierenden Umfelds ist für eine effektive therapeutische Forschung und eine sinnvolle Versorgung von entscheidender Bedeutung.

Ideologische Vereinnahmung und der Verlust des Reflexionsraums

Praktiker in Gender Identity Services (GIDs) haben oft Schwierigkeiten, Bedenken zu äußern, ohne ihre Karriere zu gefährden, obwohl klinische Empfehlungen zur Vorsicht mahnen. Mehrere Dienste haben berichtet, dass Kliniker, die affirmationsbasierte Behandlungsleitlinien in Frage stellen, mit Rufschädigung, formellen Beschwerden oder institutioneller Zensur rechnen müssen.

Nachdenkliches Zögern wird manchmal als Behinderung oder Transphobie missverstanden, was einen durchdachten klinischen Dialog einschränkt. Eine bemerkenswerte Entwicklung der letzten Jahre ist die Politisierung des klinischen Umfelds, in dem die Einhaltung ideologischer Überzeugungen Offenheit und Neugierde behindern kann, die für eine wirksame Therapie unerlässlich sind. Diese Atmosphäre schränkt die kritische Bewertung verschiedener Ansätze ein und behindert die Erforschung der Grenzen oder unbeabsichtigten Auswirkungen von Behandlungsoptionen.

In diesem Zusammenhang führt der Versuch, die Gemütsverfassung und Perspektive einer Person zu verstehen, oft dazu, dass man deren Standpunkt voll und ganz unterstützt. Viele Kliniker berichten, dass sie sich zwischen ihrer Fürsorgepflicht und den institutionellen Anforderungen hin- und hergerissen fühlen und wenig Raum für Neugier, Zweifel oder Meinungsverschiedenheiten haben. Da die öffentliche Debatte über Geschlechtsidentität zunehmend ideologisch geprägt ist, spiegeln sich diese Gegensätze möglicherweise auch in den klinischen Dienstleistungen wider, sodass reflektiertes Handeln durch strikte Regelkonformität ersetzt wird. Die Rolle des Therapeuten könnte sich von einem nachdenklichen Kliniker zu einem bestätigenden Spiegel wandeln, und Institutionen könnten sich von unterstützenden Umgebungen zu prozeduralen Mechanismen entwickeln.

Dieser Wandel hat erhebliche Auswirkungen auf die klinische Integrität. Bion (1962) vertrat die Ansicht, dass Gedanken zur Entwicklung eine Begrenzung benötigen, während Britton (1998) davor warnte, dass starre Glaubenssysteme entstehen, wenn triangulierte Strukturen zusammenbrechen und symbolischer Raum verschlossen wird. In solchen Situationen laufen Institutionen Gefahr, genau die psychologischen Abwehrmechanismen zu spiegeln, bei deren Überwindung sie den Patienten eigentlich helfen sollten. Sie können sich in Gewissheiten zurückziehen, moralische Urteile externalisieren und Ambivalenzen unterdrücken, was zu Konformität statt zu authentischer Fürsorge führt.

Die Verringerung des Reflexionsraums hat auch Einfluss darauf genommen, wie psychische Gesundheit verstanden wird. Es gibt eine zunehmende Tendenz, Symptome als isolierte Probleme zu betrachten, die sich von Begleiterkrankungen unterscheiden, und sie getrennt vom Innenleben einer Person zu behandeln. Diese fragmentierte Perspektive birgt die Gefahr, dass Individuen auf Checklisten reduziert werden, und vernachlässigt die Tatsache, dass Symptome innerhalb eines dynamischen, oft konfliktreichen psychischen Systems existieren. Aus psychoanalytischer Sicht spiegelt jedes Symptom einen Aspekt der gesamten Persönlichkeit wider und offenbart innere Konflikte, Abwehrmechanismen oder Traumata. Angstzustände, Geschlechtsidentitätsstörungen, Depressionen und Dissoziationen treten selten isoliert auf; sie müssen in ihrem Zusammenhang betrachtet werden.

Die Kategorisierung dieser Dimensionen ohne Berücksichtigung ihrer zugrunde liegenden psychologischen Zusammenhänge untergräbt den Kernzweck der Behandlung. Sie reduziert den Kliniker zu einem Techniker, der Komponenten verwaltet, anstatt zu einem Interpreten, der Bedeutungen aufdeckt. Ein psychologisch fundiertes Betreuungsmodell sollte dieser reduktionistischen Tendenz widerstehen und den Menschen symbolisch betrachten, nicht nur als eine Ansammlung klinischer Codes.

Letztendlich spiegelt die Reduzierung von Patienten auf ihre Symptome dieselbe Verengung des Denkens wider, die auch die GIDS beeinträchtigt hat. Die vor uns liegende Aufgabe, sowohl klinisch als auch institutionell, besteht darin, die Fähigkeit zu denken, zu fühlen und zu symbolisieren wiederherzustellen. Diese Notwendigkeit leitet die abschließenden Überlegungen dieses Artikels.

FAZIT: DENKEN, TRAUER UND ETHISCHE BEHANDLUNG

Die Entwicklung des GIDS von Tavistock markiert einen Übergang von psychoanalytischen Ansätzen zur prozeduralen Bestätigung, wodurch sich der Schwerpunkt sowohl innerhalb individueller als auch institutioneller Rahmenbedingungen verschoben hat. Der Dienst begann, Effizienz und Sicherheit statt Erforschung und Interpretation in den Vordergrund zu stellen.

Diese Veränderungen zeigten sich in drei miteinander verbundenen Bereichen: Auf intrapsychischer Ebene wurde die Belastung der Jugendlichen häufig durch etablierte Identitätsüberzeugungen bewältigt, die sich mit Ambivalenz oder Traumata befassten; im zwischenmenschlichen Bereich standen therapeutische Beziehungen unter Druck, beispielsweise durch Gegenübertragung und verminderte reflektierende Beherrschung; und auf institutioneller Ebene reagierten die Systeme mit einer verstärkten Ausrichtung auf Richtlinien und Compliance statt auf Überlegungen und Untersuchungen.

Wilfred Bions Konzept der „Angriffe auf die Verknüpfung“ beschreibt, wie psychische und organisatorische Strukturen die Fähigkeiten zur Integration, Reflexion und psychologischen Entwicklung beeinflussen können. Wenn Institutionen sich auf die Bewältigung von Ängsten konzentrieren und dabei symbolische Funktionen vernachlässigen, kann dies Auswirkungen auf die Behandlungsbedingungen haben.

Cass (2024) empfiehlt ein Modell, das entwicklungsorientiert und psychologisch reflektiert ist, das klinische Urteilsvermögen unterstützt, Unsicherheiten berücksichtigt und ein durchdachtes Engagement wertschätzt. Sie schlägt vor, dass neue regionale Zentren Raum für Reflexion reservieren sollten, damit Patienten, Ärzte und Organisationen frühere Herausforderungen nicht wiederholen müssen.

Aus dieser Perspektive betrachtet, bedeutet ethische Fürsorge nicht nur, sich mit Leiden auseinanderzusetzen, sondern auch Umgebungen zu schaffen, die Integration und symbolisches Denken fördern. Affirmation allein beseitigt psychische Schmerzen nicht. Um jungen Menschen angemessene Fürsorge zukommen zu lassen, wird empfohlen, sie dabei zu unterstützen, die Fähigkeit zu entwickeln, mit Widersprüchen umzugehen, Unsicherheiten zu bewältigen und nach Sinn zu suchen.

Endnoten

  1. „Glitter Families” beziehen sich auf gewählte oder Ersatzfamiliensysteme innerhalb von LGBTQ+-Subkulturen, die in der Regel aus Gleichaltrigen oder Online-Communities bestehen und emotionale Unterstützung und ein Gefühl der Zugehörigkeit bieten, wenn die leiblichen Familien nicht verfügbar sind. Diese Familien bieten zwar Unterstützung, können aber auch eine starke Gruppenidentität fördern, die Einfluss darauf haben kann, wie Einzelpersonen mit Verlusten oder Konflikten umgehen. Siehe: Stjepanović, (2023). ↩︎
  2. „Pink Mist“ bezeichnet informell die erste Phase nach Beginn der medizinischen Transition, in der Klarheit oder Erleichterung vorübergehend emotionale und psychologische Komplexitäten überschatten können. Einige Detransitioner und Kliniker verwenden diesen Begriff für diese frühe Phase (Shrier, 2021). ↩︎

Literaturverzeichnis

Bell, D. (2020) On thinking and not thinking. In: R.L. Eglinton & H. Lemma (Eds.) Psychoanalytic and psychotherapeutic ideas on the body and the Soma. Abingdon: Routledge, pp. 85–98. Available from: https://doi.org/10.4324/9780429345089-8Google Scholar

Biggs, M. (2022) Suicide by clinic-referred transgender adolescents in the United Kingdom. Archives of Sexual Behavior, 51, 1227–1235.Web of Science®Google Scholar

Bion, W.R. (1962) Learning from experience. London: Heinemann Medical Books.Web of Science®Google Scholar

Britton, R. (1998) Belief and imagination: explorations in psychoanalysis. London: Routledge.Google Scholar

Britton, R. (2025) Foreword, the third position: identity, reflection, and the challenge of thinking. In: Identity and the foundational myth: psychoanalytic insights into gender dysphoria. London: Karnac.Google Scholar

Cass, H. (2024) The Cass Review: Independent Review of Gender Identity Services for Children and Young People – Final Report. NHS England.Google Scholar

D’Angelo, R. (2018) What about the children? Identity and self-understanding in gender dysphoric youth. Australasian Journal of Psychoanalysis, 36(1), 105–122.Google Scholar

Evans, M. (2025) Identity and the foundational myth: psychoanalytic insights into gender distress. Oxfordhsire: Karnac.Google Scholar

Evans, M. & Evans, S. (2021) Gender dysphoria: a therapeutic model for working with children, adolescents, and young adults. Oxford: Karnac.Google Scholar

Finkelstein, S. & Weiss, H. (2023) The Claustro-agoraphobic dilemma in psychoanalysis. In: H. Weiss (Ed.) Fear of madness. London: Routledge.Google Scholar

Fonagy, P., Gergely, G., Jurist, E.L. & Target, M. (2002) Affect regulation, Mentalisation, and the development of the self—other. New York: Press.Google Scholar

Freud, S. (1923) The ego and the id. In: J. Strachey (Ed.) The standard edition of the complete psychological works of Sigmund Freud, Vol. 19. London: Hogarth Press, pp. 12–66.Google Scholar

Klein, M. (1946) Notes on some schizoid mechanisms. International Journal of Psychoanalysis, 27, 99–110.CASPubMedWeb of Science®Google Scholar

Laufer, M. & Laufer, E. (1984) The adolescent and the psychoanalyst. London: Karnac Books.Google Scholar

Lemmer, A. (2023) Identity and the collapse of symbolic function. British Journal of Psychotherapy, 39(1), 15–29.Google Scholar

Levine, S.B., Abbruzzese, E. & Mason, J.W. (2022) Reconsidering informed consent for trans-identified children, adolescents, and young adults. Journal of Sex & Marital Therapy, 48, 706–727. Available from: https://doi.org/10.1080/0092623X.2022.2046221PubMedWeb of Science®Google Scholar

Shrier, A. (2021) Irreversible damage: the transgender craze seducing our daughters. Washington: Regnery Publishing.Google Scholar

Steiner, J. (1993) Psychic retreats: pathological Organisations in psychotic, neurotic and borderline patients. London: Routledge.Google Scholar

Steiner, J. (2018) The garden of Eden and the hope of transformation. The International Journal of Psycho-Analysis, 99(1), 1–13.Google Scholar

Stjepanović, S. (2023) The Rights of Parents to Damages Arising from Sex Changes of Their Children. In Collection Papers from Conference Organised on the Occasion of the Day of the Faculty of Law, University of East Sarajevo. HeinOnline Link.Google Scholar

Weiss, H. (2023) Claustro-agoraphobic anxieties and the analytic process. In: Fear of madness. London: Routledge.Google Scholar

Winnicott, D.W. (1960) The theory of the parent-infant relationship. International Journal of Psychoanalysis, 41, 585–595.CASPubMedWeb of Science®Google Scholar

Zucker, K.J. & Bradley, S.J. (2008) Gender identity disorder in children and adolescents. In: H. Steiner (Ed.) Handbook of developmental psychopathology. Guildford: Springer, pp. 376–422.Google Scholar

ERKLÄRUNG ZUR VERFÜGBARKEIT VON DATEN

Die Daten, die die Ergebnisse dieser Studie stützen, sind auf Anfrage beim korrespondierenden Autor erhältlich. Die Daten sind aufgrund von Datenschutz- oder ethischen Beschränkungen nicht öffentlich zugänglich.


Marcus Evansist Fellow des Institute of Psychoanalysis, beratender Psychotherapeut und psychiatrischer Krankenpfleger mit 45 Jahren Erfahrung im Bereich der psychischen Gesundheit. Von 1998 bis 2018 war er Leiter der Pflegeabteilung beim Tavistock & Portman NHS Trust. Außerdem war er leitender Kliniker im Bereich Erwachsenen- und Jugendbetreuung und Gründungsmitglied des Fitzjohn’s Service, der Patienten mit schweren und anhaltenden psychischen Erkrankungen und/oder Persönlichkeitsstörungen behandelt.

Er hat zahlreiche Publikationen und Lehrveranstaltungen zur Anwendung psychoanalytischer Denkansätze im Bereich der psychischen Gesundheit verfasst. Zu seinen Veröffentlichungen gehören: Making Room for Madness in Mental Health: The Psychoanalytic Understanding of Psychotic Communications (Karnac, 2016); Psychoanalytic Thinking in Mental Health Settings (Routledge, 2020); Gender Dysphoria: A Therapeutic Model for Working with Children, Adolescents, and Young Adults (zusammen mit Susan Evans, 2021); und Identity and the Foundational Myth: Psychoanalytic Insights into Gender Dysphoria (2024). Korrespondenzadresse: Fellow, British Psychoanalytic Society (Institute of Psychoanalysis), London, Großbritannien. E-Mail: marcusevans3012@outlook.com


Auf ein Wort in eigener Sache: Die 2005 gegründete Initiative Queer Nations versteht sich getreu des Mottos von Magnus Hirschfeld „Durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit“ als Debattenplattform. Im Blog gibt es Kommentare, Analysen, Berichte zu aktuellen Themen, die unsere Arbeitsschwerpunkte berühren. Neben der Herausgabe des „Jahrbuchs Sexualitäten“ seit 2016 und Veranstaltungen, etwa unseren Queer Lectures, erweitern wir damit unser Angebot. Wir sagen: Mainstream kann jeder – wir haben das nicht nötig!  Wir arbeiten ehrenamtlich. Alle Texte in unserem Blog sind kostenfrei zugänglich. Damit das weiterhin möglich ist, freuen wir uns sehr, wenn Sie uns mit einer Spende oder Mitgliedschaft bei der IQN e.V. unterstützen.


Nach Video-Leak und Gerichtsurteil: Sabine Maur tritt von Spitzenämtern zurück

Ein geleaktes Fortbildungsvideo und ein verlorener Rechtsstreit: Die Psychotherapeutin Sabine Maur tritt von ihren Spitzenämtern in der Psychotherapeutenkammer zurück. Sie gehört zu den wichtigsten Verfechterinnen gender-affirmativer Behandlungen inklusive Pubertätsblockern und hat auch eng mit Transverbänden zusammengearbeitet. Diese verlieren nun eine Fürsprecherin auf einflussreichen Positionen.

Eine Statue der Göttin Justitia. Symbolbild für Artikel "Nach Video-Leak und Gerichtsurteil: Sabine Maur tritt von Spitzenämtern zurück"
Die Göttin Justitia ziert viele Gerichtsgebäude. Sabine Maur war sie in ihrem Verfahren gegen Rona Duwe jedoch nicht gewogen (Foto von Philippe Oursel auf Unsplash).

24. März 2026 | Till Randolf Amelung

Es ist ein Paukenschlag zum Wochenbeginn: Sabine Maur, Psychotherapeutin aus Mainz tritt von ihren Ämtern als Vorsitzende der Landespsychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz sowie als stellvertretende Vorsitzende der Bundespsychotherapeutenkammer zurück. Maur gehört neben Georg Romer zu den AutorInnen der S2k-Leitlinie „Geschlechtsinkongruenz und Geschlechtsdysphorie im Kindes- und Jugendalter“. In Deutschland ist sie, wie Romer auch, eine entschiedene Verfechterin des gender-affirmativen Modells mit Pubertätsblockern bei Kindern und Jugendlichen.

Krankenkassen und Non-Binarität

Auslöser für ihren nun erfolgten Rücktritt ist ein Videoclip, der seit September vergangenen Jahres vor allem im Kurznachrichtendienst X kursiert. Darin erörtert sie die Situation von Menschen, die sich als non-binär identifizieren und medizinische Leistungen im Rahmen einer Geschlechtsangleichung von einer gesetzlichen Krankenkasse finanziert haben wollen. Seit einem Bundessozialgerichtsurteil von 2023 ist klargestellt, dass Krankenversicherungen bei einer non-binären Geschlechtsidentität keine geschlechtsangleichenden Behandlungen übernehmen müssen.

Im Video sagt Psychotherapeutin Maur:

„Was Sie auch wissen müssen, was uns vor große Herausforderungen stellt ist, dass non-binäre Menschen ausgeschlossen sind von geschlechtsangleichenden Maßnahmen. Und etwa 30 Prozent der Transmenschen verorten sich als non-binär. Also das ist keine kleine Gruppe, von der wir hier reden, was es im Übrigen auch nicht rechtfertigen würde.

Und das führt zu der Situation – das wissen die Transmenschen natürlich, die zu uns kommen – dass sie uns entweder nichts davon erzählen, dass sie eigentlich non-binär sind. Was megaschade ist für eine gute Psychotherapie, wenn man sowas Wichtiges nicht einbeziehen kann. Oder sie haben so viel Vertrauen, dass sie es uns erzählen und dann dürfen Sie es aber nicht in Ihr Indikationsschreiben reinschreiben. Weil sonst automatisch die Ablehnung durch die Krankenkasse erfolgt. Jetzt dürfen wir aber als Psychotherapeutin natürlich auch nicht lügen.

Und ich sage Ihnen meine Lösung für dieses Problem: Ich habe nachgedacht und gedacht bei den binären Transmenschen hab ich ja auch nie ins Indikationsschreiben geschrieben, dass sie binär sind. Sondern da steht einfaach F.64 und dann muss ich aber auch nicht bei Non-Binären reinschreiben, dass sie non-binär sind. Dann hab ich nicht gelogen.  Ähm ja … . also das ist mein Wink mit dem Zaunpfahl. Für alle, die sich diese Frage auch stellen, ja. Aber es bringt uns wirklich in beknackte ethische Konflikte.“

Abmahnung gegen Rona Duwe

Maurs Aussagen lassen sich so verstehen, als wolle sie Tipps geben, wie man Krankenkassen austricksen kann. Der Videoclip wurde im September 2025 im Rahmen einer Online-Fortbildung für PsychotherapeutInnen aufgenommen worden, an der 44 PsychotherapeutInnen teilgenommen haben, wie die Streamerin „aaactcgcgcgcgcg“ auf Twitch berichtete. Allerdings ist dieser Mitschnitt ohne Maurs Einverständnis erfolgt. Maur versuchte nun, rechtlich gegen die Verbreitung mit Abmahnungen vorzugehen. Zu den EmpfängerInnen einer solchen Abmahnung gehörte auch die feministische Aktivistin Rona Duwe, nachdem diese das Video als Teil eines Threads auf X teilte.

Da sich Duwe weigerte, die Abmahnung zu unterschreiben landete der Fall schließlich vor dem Landgericht Berlin, wo Maur eine einstweilige Verfügung gegen Duwe erwirken wollte. Zuvor wurde bereits die Welt auf das Video mit den Aussagen Maurs aufmerksam und berichtete darüber, auch hier reagierte die Therapeutin mit Androhungen rechtlicher Schritte, wie es im Blatt hieß.

Duwe, die finanziell mit einem Crowdfunding von der Kampagnenplattform „Frauenheldinnen“ unterstützt wurde, ging Anfang März als Gewinnerin aus dem Prozess heraus. Das Gericht untersagte lediglich Formulierungen in einem Tweet auf X, die vorsätzliche Falschdiagnosen durch Maur nahelegten. Zugleich bewertete das Gericht laut Welt dieses Video als Ereignis der Zeitgeschichte im Sinne des Kunsturhebergesetzes.

Sabine Maur erklärt Rücktritt

Maur selbst äußerte sich über die Pressemeldung der Landespsychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz zu dem verlorenen Gerichtsprozess:

„Ein Mitschnitt meiner Äußerungen im Rahmen einer online-Fortbildung war Gegenstand von Presseberichten und eines von mir geführten Gerichtsverfahrens. Das Landgericht Berlin II hat in seinem Urteil vom 10. März insofern meiner Klage stattgegeben, als es der Antragsgegnerin strafbewehrt untersagt hat zu behaupten, ich würde Diagnosen falsch ausstellen. Doch zugleich hat das Landgericht Berlin II meine Äußerungen in berufsrechtlicher Hinsicht beanstandet und meine Vorbildfunktion betont. Laut dem Urteil hätte ich Zuhörer*innen das Vorgehen, ‚einen Hinweis auf die Non-Binarität (….) zu unterlassen‘, nahegelegt, um dadurch ‚den Ausschluss non-binärer Menschen von der Kostenerstattung für geschlechtsangleichende Maßnahmen zu umgehen‘ und ‚eine Kostenerstattung zu erwirken.‘“

Weiter heißt es:

„Für mich ist klar: Wenn ich mich missverständlich äußere, übernehme ich dafür die Verantwortung. Auch, um Schaden von der Landespsychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz und der Bundespsychotherapeutenkammer abzuwenden. Ich habe deshalb nach reiflicher Überlegung den Vorstand der LPK RLP und der BPtK darüber informiert, dass ich aus meinem Amt ausscheide.“

Rona Duwe kommentierte die aktuellen Entwicklungen um Maur gegenüber IQN:

„Ich habe mich sehr gewundert, dass Frau Maur einen Antrag einer einstweiligen Verfügung gegen mich angestrengt hat. Meiner Ansicht nach war relativ klar, dass es für sie sehr riskant ist, was sich nun bestätigt hat. Sie hat sich aber scheint’s sicher gefühlt. Ich halte das Urteil und den Rücktritt insgesamt für einen wichtigen Erfolg und ein starkes Signal und hoffe, dass dadurch auch in Deutschland eine Wende eingeleitet wird. Sie konnte in ihren bisherigen Positionen die Ausrichtung der Psychotherapie in Deutschland transgenderideologisch prägen. Das ist nun nicht mehr möglich.“

Kritik von Transverbänden

Trans- und Queerverbände reagieren empört, dass Maur keine Alternative zu einem Rücktritt gesehen hat. Die Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität (dgti e.V.) hat eng mit Maur zusammengearbeitet, die Therapeutin stand der dgti auch als Referentin für Fortbildungen zur Verfügung. Zum Rücktritt von Maur schreibt der Verband:

„Wir bedauern diesen Schritt zutiefst, bedeutet er doch den Verlust einer der wichtigsten unterstützenden Stimmen für unsere Arbeit. Ihr Rücktritt war weder sachlich notwendig noch rechtlich geboten und erfolgte vor dem Hintergrund eines öffentlichen und institutionellen Drucks, der auf einer rechtlich unzutreffenden und inhaltlich verkürzten Bewertung ihrer Äußerungen beruht.“

In der Stellungnahme von QueerNet Rheinland-Pfalz e.V. heißt es:

„Dieser Schritt ist letztendlich der traurige Ausgang einer langjährigen transfeindlichen Hetzkampagne, die nun ihren vorläufigen negativen Höhepunkt erreicht hat.“

Mit Maur ist in Deutschland eine Säule für Pubertätsblocker aus einflussreichen Ämtern weggebrochen, insofern mag die Erschütterung und die Wut der transaktivistischen Seite darüber nachvollziehbar sein. Doch Maur gehörte als Mitautorin der neuen Leitlinie für Minderjährige, die unter ihrem biologischen Geschlecht leiden, auch zu denjenigen, die skeptische und kritische Stimmen an chemischer Pubertätsblockade aus dem Diskurs drängten. Im Ausland ist längst offenkundig, dass das gender-affirmative Vorgehen bei Kindern und Jugendlichen medizinisch auf einer zu schwachen Evidenzbasis beruht. Der geleakte Mitschnitt aus einer Fortbildungsveranstaltung mit Maur kann auch als Signal gedeutet werden, dass unter ihren BerufskollegInnen einige die Verdrängung dieser Erkenntnisse nicht mehr schweigend hinnehmen wollen.


Till Randolf Amelung ist Redakteur des IQN-Blog und seit Juli 2024 auch Mitglied des IQN-Vorstand. Als freier Journalist veröffentlicht er mit Schwerpunkt auf geschlechterpolitischen Themen auch in anderen Medien und in wissenschaftlichen Sammelbänden wie dem Jahrbuch Sexualitäten der IQN.


Auf ein Wort in eigener Sache: Die 2005 gegründete Initiative Queer Nations versteht sich getreu des Mottos von Magnus Hirschfeld „Durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit“ als Debattenplattform. Im Blog gibt es Kommentare, Analysen, Berichte zu aktuellen Themen, die unsere Arbeitsschwerpunkte berühren. Neben der Herausgabe des „Jahrbuchs Sexualitäten“ seit 2016 und Veranstaltungen, etwa unseren Queer Lectures, erweitern wir damit unser Angebot. Wir sagen: Mainstream kann jeder – wir haben das nicht nötig!  Wir arbeiten ehrenamtlich. Alle Texte in unserem Blog sind kostenfrei zugänglich. Damit das weiterhin möglich ist, freuen wir uns sehr, wenn Sie uns mit einer Spende oder Mitgliedschaft bei der IQN e.V. unterstützen.


Christian Ulmen: Warum Kink niemals Grenzüberschreitungen legitimieren darf

Wenn „Fetisch“ zur Identität erklärt wird, verschwimmen Verantwortung und Grenzen. Ein Kommentar zur Debatte um Christian Ulmen, seinem Missbrauch von Deepfake‑Pornografie von seiner Ex-Frau Collien Fernandes und Fetisch als Ausrede.

Christian Ulmen moderiert den Webvideopreis 2015
Christian Ulmen moderiert den Webvideopreis 2015 (Foto: Wikimedia Commons).

22. März 2026 | Till Randolf Amelung

Seit Collien Fernandes den erfahrenen Missbrauch in Form von „Deep Fake“-Pornografie durch ihren Ex-Mann Christian Ulmen öffentlich machte, solidarisieren sich immer Prominente mit der Fernsehmoderatorin. Fernandes wirft Ulmen vor, pornografisches Material, was ohne ihr Einverständnis erstellt wurde, missbraucht und sich online in Chats als sie ausgegeben zu haben, um dieses Material an andere Männer zu schicken. Unklar ist, ob Ulmen auch die Pornos selbst erstellt hat.

„Leider Fetisch entwickelt“

Der Spiegel, der die Story zuerst an die Öffentlichkeit brachte, zitiert aus einer vertraulichen E-Mail Ulmens an einen Strafverteidiger:

„Er habe, schrieb er, in den vergangenen zehn Jahren ‚leider einen sexuellen Fetisch‘ entwickelt: Immer wieder habe er auf den Namen seiner Frau Fakeprofile auf sozialen Medien angemeldet, über die Accounts habe er mit Männern gechattet, geflirtet, ‚bis hin zum Sex-Talk‘.“

Ulmens geschädigte Ex-Frau hat in Spanien, wo das Paar zuletzt gemeinsam lebte, Strafanzeige erstattet. Dort wird mittlerweile generell schärfer gegen geschlechtsspezifische Gewalt gegen Frauen vorgegangen. Es obliegt nun den Ermittlungsbehörden, den Sachverhalt aufzuklären. Doch was bereits auffällt, ist der mutmaßliche Verweis Ulmens auf einen sexuellen Fetisch, den er „leider“ entwickelt habe. Dies erweckt den Eindruck, als wolle hier jemand suggerieren, er könne letztendlich keine Verantwortung für sein Verhalten übernehmen.

BDSM selbstverständlicher?

Wer sich in den vergangenen Jahren mit heterosexuellen Frauen über Dating ausgetauscht hat, konnte häufiger weibliche Frustration vernehmen, dass immer mehr Männer beim Sex Praktiken einfordern, die man früher noch als extremere Varianten aus dem Bereich BDSM einordnete. Dazu zählt beispielsweise Atemkontrolle oder auch Würgen.

Was lange als Nische galt, hat sich vor allem auch in der Pornografie weit verbreitet – d.h., es gibt viel mehr Filme mit Würgeszenen und sie werden auch stärker nachgefragt. In Großbritannien plant man deshalb, Pornografie mit Würgeszenen zu verbieten und dies in Gesetzesvorhaben zum Schutz von Frauen vor Gewalt zu integrieren. Demnach soll sich künftig strafbar machen, wer solche Pornos besitzt oder veröffentlicht. Meldungen über dieses Vorhaben stammen von November vergangenen Jahres, es ist bisher nicht bekannt, ob es umgesetzt wurde.

Angst statt Konsens

Man kann sich darüber streiten, ob ein Verbot das Problem löst. Doch dass es ein Problem gibt, was auf fragwürdiges Anspruchsdenken und Frauenfeindlichkeit hindeutet, ist offensichtlich. In einem Bericht des WDR zum britischen Verbot heißt es:

„Mehr als die Hälfte der unter 35-Jährigen hat laut einer jüngsten Umfrage Strangulation bereits erlebt, die knappe Mehrheit hatte Angst dabei und nur eingewilligt, um ihrem Partner einen Gefallen zu tun.“

Frauen haben zudem dem Autor dieses Artikels in persönlichen Gesprächen berichtet, dass sie mit Männern konfrontiert waren, die mit der hippen Vokabel „Kink“ Sexualpraktiken einfordern wollten und bei Ablehnung das zu einer Sache von Identität machten und zugleich noch die Frauen als „prüde“ hinstellen wollten. In Bezug auf Würgen beim Sex verwies das Magazin Glamour schon 2023 auf eine US-Studie, die zeigte, dass in Pornos vor allem Männer würgen und Frauen die Gewürgten sind. In Pornos ist diese Rollenverteilung ähnlich oft zu sehen.

Sexualität als Identität

Zugleich hat in den vergangenen Jahren ein Verständnis von Sexualität um sich gegriffen, was diese identitär auflädt. Damit verbunden werden oft auch Reflexion des Eingebundenseins in reale gesellschaftliche Machtverhältnisse und Grenzziehungen teils mit Empörung zurückgewiesen. Wobei Identität als Ausflucht vor Verantwortungsübernahme für das eigene Verhalten und vor Änderung desselben nicht nur im Kontext Fetisch/Kink auftritt.

Was sollte man also bereits jetzt für Schlüsse ziehen, unabhängig davon, wie das Verfahren gegen Christian Ulmen endet?

  1. Sexuelle Identität darf keine Rechtfertigung für grenzüberschreitendes Verhalten und auch keine Immunisierung vor Grenzsetzungen sein.
  2. Fetisch/Kink muss in seiner Ambivalenz zwischen sexueller Entfaltung, Selbstbestimmung und Verwobenheit mit gesellschaftlichen Verhältnissen kritisch betrachtet werden dürfen.

Till Randolf Amelung ist Redakteur des IQN-Blog und seit Juli 2024 auch Mitglied des IQN-Vorstand. Als freier Journalist veröffentlicht er mit Schwerpunkt auf geschlechterpolitischen Themen auch in anderen Medien und in wissenschaftlichen Sammelbänden wie dem Jahrbuch Sexualitäten der IQN.


Auf ein Wort in eigener Sache: Die 2005 gegründete Initiative Queer Nations versteht sich getreu des Mottos von Magnus Hirschfeld „Durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit“ als Debattenplattform. Im Blog gibt es Kommentare, Analysen, Berichte zu aktuellen Themen, die unsere Arbeitsschwerpunkte berühren. Neben der Herausgabe des „Jahrbuchs Sexualitäten“ seit 2016 und Veranstaltungen, etwa unseren Queer Lectures, erweitern wir damit unser Angebot. Wir sagen: Mainstream kann jeder – wir haben das nicht nötig!  Wir arbeiten ehrenamtlich. Alle Texte in unserem Blog sind kostenfrei zugänglich. Damit das weiterhin möglich ist, freuen wir uns sehr, wenn Sie uns mit einer Spende oder Mitgliedschaft bei der IQN e.V. unterstützen.


Zum Eklat um Boris Palmer: Dabei sagt er doch nur das Zutreffende

Boris Palmer und der Transaktivismus – sie werden nicht mehr miteinander warm. Ein Kommentar zu einem Shitstürmchen.

Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer 2019 bei der Eröffnung eines Schokoladenfestivals
Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer 2019 bei der Eröffnung eines Schokoladenfestivals (Foto: Reinhard Kraasch auf Wikimedia)

19. März 2026 | Jan Feddersen

Jetzt gibt es sogar eine Petition gegen ihn, den überaus populären, gelegentlich sprachausrutscherischen Oberbürgermeister von Tübingen, Boris Palmer. Gefordert wird: „Keine Ämter für Boris Palmer!“

Kontroverses Interview?

Hintergrund: Palmer als Nicht-mehr-Grünen-Mitglied schien im Gespräch, in der neuen, nun von Cem Özdemir, Grünen-Mitglied in jeder Hinsicht, angeführten Landesregierung Baden-Württembergs, ein Ministeramt zu übernehmen. Dann gab der Tübinger OB der offen queerkritischen Journalistin Judith Sevinç Basad ein Interview in Form eines Podcast-Gesprächs.

Auf die sachlich, keineswegs aggressiv gestellte Frage nach der Vielfalt der Geschlechter erklärte Palmer, „biologisch“ gäbe es nur zwei Geschlechter. Zudem sagte er: „Wenn Sie über Geschlechter im Sinne von sozialen Konstrukten reden, kann es unendlich viele geben, denn die Fantasie des Menschen ist quasi unbegrenzt.“ und sagte u.a. auf die Frage, ob er einverstanden sei mit dem Hinweis der früheren (grünen) Familienministerin Lisa Paus, dass Transfrauen Frauen seien.

Darauf sagte er:

„Trans* Frauen sind Menschen, die als Mann geboren wurden und dann auf welchem Weg auch immer entschieden haben, die Rolle einer Frau zu leben. Das ist legitim. Daran gibt’s nichts auszusetzen. Das ist auch nicht unmoralisch und auch nicht verwerflich und darf nicht mit Diskriminierung beantwortet werden. Aber es macht halt den Unterschied, als Frau geboren zu werden, nicht weg. Da bleibt ein Unterschied.“

Boris Palmer empört Queers

Die queere Medienlandschaft empörte sich erwartungsgemäß. Das Szenemedium queer.de schrieb:

„Zuletzt profilierte sich der Kommunalpolitiker auch vermehrt mit transfeindlichen Anspielungen und Äußerungen und sprach schon 2023 trans Frauen ab, Frauen zu sein.“

Schwulissimo behauptete:

„Diese Äußerungen stießen in Politik und Zivilgesellschaft auf breite Ablehnung und verstärkten den Druck, Palmer keine Regierungsrolle zu übertragen. Die Grüne Jugend sowie zahlreiche LGBTIQ+-Aktivistinnen und -Aktivisten forderten öffentlich, Palmer solle in Baden-Württemberg kein Amt übernehmen.“

Wahr ist: Boris Palmer spricht das naturwissenschaftlich Zutreffende aus, er ist kein Geschlecht-ist-ein-Spektrum-Esoteriker, aber worauf es hier ankommt, ist folgender Punkt: Der Tübinger OB möchte nicht Transmenschen diskriminiert sehen, im Gegenteil, er ist für die Regenbogenflagge – und er vermutet (zurecht), dass identitäre Fragen von jedem Menschen unterschiedlich beantwortet werden.

Mehrheit gegen Geschlechteresoterik

Aber ist das, wie die Petition nahelegt, Hetze, transphob oder sonstwie menschenverachtend? Nein, nicht ein bisschen. Palmer selbst schreibt auf Facebook:

„In der Parallelwelt dieser Aktivisten ist es aber so: Die Aussage ‚Transfrauen sind keine echten Frauen‘ ist queerfeindlich. Diese Aussage stößt in Politik und Zivilgesellschaft auf breite Ablehnung und verstärkt den Druck, mir keine Regierungsrolle zu übertragen. Nichts davon ist auch nur entfernt mit der Realität verbunden. Ich habe Cem Özdemir gesagt, dass ich in Tübingen bleibe werde, bevor das Interview publiziert wurde, in dem ich die Frage beantworte, ob Transfrauen Frauen sind.

In Politik war das einfach gar keine Thema. Und wo das publiziert wurde, sind von 1000 Kommentaren 950 zustimmend zu meiner Position. Wer so sich realitätsfremd aufführt, darf sich nicht wundern, wenn andere einen nicht verstehen. Wie wäre es, den Versuch zu machen, die Realität erstmal zu betrachten und dann weiter zu debattieren?“

Ich hätte nicht gedacht, dass ich einem (grünen, ob Parteimitglied oder nicht) wie Boris Palmer mal in dieser Weise zustimmen würde, aber hat er nicht recht?


Jan Feddersen ist Gründungsvorstand der Initiative Queer Nations und Redakteur für besondere Aufgaben bei der taz.


Auf ein Wort in eigener Sache: Die 2005 gegründete Initiative Queer Nations versteht sich getreu des Mottos von Magnus Hirschfeld „Durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit“ als Debattenplattform. Im Blog gibt es Kommentare, Analysen, Berichte zu aktuellen Themen, die unsere Arbeitsschwerpunkte berühren. Neben der Herausgabe des „Jahrbuchs Sexualitäten“ seit 2016 und Veranstaltungen, etwa unseren Queer Lectures, erweitern wir damit unser Angebot. Wir sagen: Mainstream kann jeder – wir haben das nicht nötig!  Wir arbeiten ehrenamtlich. Alle Texte in unserem Blog sind kostenfrei zugänglich. Damit das weiterhin möglich ist, freuen wir uns sehr, wenn Sie uns mit einer Spende oder Mitgliedschaft bei der IQN e.V. unterstützen.


Wie Transaktivismus von uninformiertem Journalismus profitiert

Eine Lesung von Alice Schwarzer in Hamburg wird gestört, zuvor gab es mehrere Aufrufe gegen die Veranstaltung. Die Zeit sprach danach mit einer der Initiatorinnen der Aktion aus dem Transaktivismus. Das Interview zeigt, wie uninformierter Journalismus queerfeministische Narrative verstärkt, kritische Nachfragen unterlässt und wissenschaftliche Kontroversen ausblendet – mit spürbaren Folgen für öffentliche Debatten.

Deutsches Schauspielhaus, Kirchenallee, Hamburg, Symbolbild für Artikel "Wie Transaktivismus von uninformiertem Journalismus profitiert"
Deutsches Schauspielhaus in Hamburg (Foto: Wikimedia).

17. März 2026 | Till Randolf Amelung

Alice Schwarzer, Emma-Gründerin und streitbare Intellektuelle, war zum Internationalen Frauentag am 8. März im Deutschen Schauspielhaus Hamburg zu Gast. Dort wollte sie ihr neues Buch „Feminismus pur. 99 Worte“ vorstellen und mit dem Publikum ins Gespräch kommen. Allerdings wurde daraus nichts, da die Veranstaltung von einem queerfeministischen Mob gestört wurde.

Offene Briefe gegen Alice Schwarzer

Bereits im Vorfeld wurde gegen den Auftritt Schwarzers protestiert – mit einem Offenen Brief, den ein Bündnis aus feministischen und queeren Organisationen verfasste, darunter auch das Magnus Hirschfeld Centrum und der Hamburg Pride. In diesem Brief heißt es unter anderem:

„Am Feministischen Kampftag einer Stimme Raum zu geben, deren öffentliche Positionen vielfach als ausgrenzend gegenüber trans*Personen, Menschen muslimischen Glaubens und Menschen mit Flucht- und/oder Migrationsgeschichte wahrgenommen werden, widerspricht aus unserer Sicht den Grundsätzen eines intersektionalen Feminismus.“

An dieser Stelle kann schon einmal gesagt werden, dass „wahrgenommen werden“ nicht gleichbedeutend mit „faktisch ist es so“ angesehen werden sollte. Es gab auch noch ein Protestschreiben, das rund 340 Beschäftigte von Theatern verfassten. Diese forderten, Schwarzer auszuladen, weil diese seit Jahren gegen die Selbstbestimmung von trans Personen und Sexarbeiterinnen kämpfen würde. Auch dies ist faktisch falsch – man kann es in Schwarzers eigenem Blatt nachlesen.

In einem anschließenden Interview mit der Zeit berichtete Schwarzer, wie sie den queerfeministischen Bühnensturm erlebte: „Sie versuchten, mich von der Bühne zu jagen.“ Einen kleinen Eindruck vermittelt beispielsweise ein Videoclip von der linksautoritären Gruppe Pride Rebellion Hamburg, die zum Netzwerk von Young Struggle gehört – der Jugendorganisation der türkischen Marxistisch-Leninistischen Kommunistischen Partei.

Interview mit Transaktivistin

Doch nicht nur Schwarzer wurde interviewt, auch eine der Aktivistas, die den Offenen Brief lancierten. Das Interview mit Saskia Tsitsigias vom Magnus-Hirschfeld-Centrum Hamburg führt jedoch vor allem exemplarisch vor, wie Journalisten es im Umgang mit Transaktivisten nachgerade versäumen, dort kritisch nachzuhaken, wo es notwendig wäre.

Insbesondere folgende Passage im Interview zeigt auf, wo konkreteres kritisches Nachfragen und Konfrontieren mit aktuellen Entwicklungen notwendig gewesen wäre:

ZEIT: Schwarzer wehrt sich gegen das Selbstbestimmungsgesetz – in ihren Worten: das „Transgesetz“ –, das 2024 die Rechte für trans, intergeschlechtliche und nicht binäre Menschen gestärkt hat. Aus ihrer Sicht macht es das Gesetz den Menschen zu einfach, ihr Geschlecht zu wechseln. Schwarzer schreibt, der Gesetzgeber interpretiere „Geschlechtsrollen-Abweichungen nicht etwa als berechtigte Selbstbestimmung eines Menschen“, sondern als „Zeichen, dass dieser Mensch im falschen Körper ist“. Sind das nicht berechtigte Ansichten, die es zu diskutieren lohnt?

Tsitsigias: Nein, da sehe ich wenig Lohnenswertes. Wissenschaftlich sind diese Argumente ausgiebig geprüft und als unzutreffend bewertet worden. Die Reduktion von Geschlechtsidentität auf einen Rollenkonflikt widerspricht dem wissenschaftlichen Konsens. Die Weltgesundheitsorganisation unterscheidet strikt zwischen Identität, Rolle und medizinischer Indikation. Das Selbstbestimmungsgesetz regelt im Übrigen ausschließlich die rechtliche Anerkennung, so wie es Menschenrechtsorganisationen zum Schutz vor Diskriminierung ausdrücklich empfohlen haben.

Illusionen des Transaktivismus

JedeR JournalistIn hätte auf diese Aussage umgehend bemerken bzw. nachfragen müssen: Ist wissenschaftlich wirklich alles geprüft? Sind die transaktivistischen ‚Wissenschaften‘ nicht weltweit nie etwas anderes als kontrafaktische Mindermeinungen gewesen? Es ist eben nichts ausgiebig geprüft worden, wie Tsitsigias behauptet: Zum Selbstbestimmungsgesetz gab es keine sorgfältige Rechtsfolgenabschätzung. Ein Ergebnis davon ist nun zum Beispiel Marla-Svenja Liebich (IQN berichtete mehrfach).

Ebenfalls unberechtigterweise vom Tisch gewischt werden von Tsitsigias Überschneidungen von Trans mit anderen Problemen. Ein auffälliger Anstieg an biologischen Mädchen und Frauen, die eine Transition wollen, ist international inzwischen gut dokumentiert. Auch in der Zeit wurde zu der Problematik im vergangenen Jahr die Hamburger Psychotherapeutin Saskia Fahrenkrug interviewt, die den Trend bestätigte. Vielleicht hätte sich Tsitsigias‘ Interviewer für die inhaltliche Vorbereitung besser mal vorher redaktionsintern kundig gemacht.

Eine schlüssige Erklärung gibt es für den starken Anstieg von biologisch weiblichen Transitionswilligen noch nicht. Gerade das sorgt nun dafür, dass im Ausland ein gender-affirmatives Vorgehen zunehmend in der Kritik steht und insbesondere bei Minderjährigen wieder aufgegeben wird. Entsprechende medizinische Leitlinien in Sachen „Trans“ offenbaren sich außerdem als von minderwertiger Qualität. In den USA war überdies Anfang Februar 2026 eine junge Frau, die detransitioniert ist, mit einer Schadensersatzklage wegen Behandlungsfehler aufgrund einer zu voreilig durchgeführten Mastektomie im Teenageralter erfolgreich.

Die biologischen Geschlechter

Im Interview sagt Tsitsigias auch dies:

„Aus meiner Sicht läuft ihre Argumentation darauf hinaus, geschlechtliche Vielfalt abzuwerten oder zurückzudrängen; das ist eine politische Position, die ich klar ablehne.“

Es wird nicht weiter konkretisiert, was mit „geschlechtlicher Vielfalt“ gemeint ist. Üblicherweise geht es jedoch nicht nur um Geschlechterrollen, sondern auch um das biologische Geschlecht, wenn dieser Begriff ins Feld geführt wird. In der von Schwarzer herausgegebenen Emma war 2022 ein Interview mit Biologin und Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard zu lesen. Darin bezeichnete sie die Vorstellung von mehreren biologischen Geschlechtern als „Unfug“.

Dieser Standpunkt ist nicht nur der einer alten, weißen Frau, sondern wie man an einer aktuellen Auseinandersetzung in einem Fachjournal sieht, ist auch dieses Thema wissenschaftlich längst nicht im Sinne der Queerfeministas entschieden. Im November 2025 veröffentlichte der US-amerikanische Biologe und vehemente Kritiker queerfeministischer Ideologie Colin Wright im Journal Archives of Sexual Behavior seine Ausführungen, warum es nur zwei biologische Geschlechter gibt, die anhand der Gameten unterschieden werden.

Im März 2026 antwortete darauf nun Dana Mahr, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Karlsruher Institut für Technologie. Mahr ist in der Debatte wahrlich keine Unbekannte, hatte sie sich doch 2022 in Sozialen Medien maßgeblich am Shitstorm gegen die Berliner Biologie-Doktorandin Marie-Luise Vollbrecht beteiligt. Im aktuellen Artikel behauptet Mahr:

„Das Beharren auf einer einzigen biologischen Wahrheit hat tiefgreifende normative Auswirkungen. Wright behauptet, dass definitorische Klarheit ‚wissenschaftliche und gesellschaftliche Vorteile‘ biete, doch welche Gesellschaft und wessen Wissenschaft damit gemeint sind, bleibt ungesagt. In der Praxis untermauert ein rigider Essentialismus in Bezug auf das Geschlecht oft ausgrenzende Normen. Wenn beispielsweise politische Entscheidungsträger oder Gerichte sich auf die ‚Wissenschaft‘ berufen, um die Rechte von Transgender-Personen einzuschränken, bedienen sie sich derselben Logik eines starren Binärsystems, für die sich Wright einsetzt.“

Wrights Fachkollegin Carole Hooven kommentierte die Debatte im Journal auf dem Kurznachrichtendienst X:

„Ein Punkt, den Mahr in ihrer Antwort auf @SwipeWright [Colin Wrights X-Account, Anm. d. Red.]  übersieht, ist, dass Fakten allein weder Diskussionen unterbinden noch politische Entscheidungen diktieren. Menschen entscheiden, wie Fakten genutzt werden, und demokratische Entscheidungsfindung beruht auf geteilten Fakten und offener Debatte, nicht darauf, manche Fakten als zu heikel für eine Diskussion zu erklären.“

In Deutschland erfährt man von diesen Entwicklungen leider kaum etwas, was vorrangig an Nichtberichterstattung in den Medien liegt. Man fragt sich: Warum ist das so?


Till Randolf Amelung ist Redakteur des IQN-Blog und seit Juli 2024 auch Mitglied des IQN-Vorstand. Als freier Journalist veröffentlicht er mit Schwerpunkt auf geschlechterpolitischen Themen auch in anderen Medien und in wissenschaftlichen Sammelbänden wie dem Jahrbuch Sexualitäten der IQN.


Auf ein Wort in eigener Sache: Die 2005 gegründete Initiative Queer Nations versteht sich getreu des Mottos von Magnus Hirschfeld „Durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit“ als Debattenplattform. Im Blog gibt es Kommentare, Analysen, Berichte zu aktuellen Themen, die unsere Arbeitsschwerpunkte berühren. Neben der Herausgabe des „Jahrbuchs Sexualitäten“ seit 2016 und Veranstaltungen, etwa unseren Queer Lectures, erweitern wir damit unser Angebot. Wir sagen: Mainstream kann jeder – wir haben das nicht nötig!  Wir arbeiten ehrenamtlich. Alle Texte in unserem Blog sind kostenfrei zugänglich. Damit das weiterhin möglich ist, freuen wir uns sehr, wenn Sie uns mit einer Spende oder Mitgliedschaft bei der IQN e.V. unterstützen.


Sprechakt-Frau Marla-Svenja Liebich: Die Posse geht weiter

Ein rechtsextremer Aktivist nutzt das Selbstbestimmungsgesetz für provokante Namens- und Geschlechtsänderungen. Der Landkreis Saalekreis geht nun gerichtlich dagegen vor. Drei JuristInnen erklären, warum die Hürde für den Nachweis von Missbrauch des Selbstbestimmungsgesetzes hoch sein könnte.

Das Gebäude des Amtsgerichts Halle, Symbolbild für Artikel "Sprechakt-Frau Marla-Svenja Liebich: Die Posse geht weiter"
Der Sitz des Amtsgerichts Halle (Foto: Catatine auf Wikimedia).

13. März 2026 | Till Randolf Amelung

Es ist der wohl umstrittenste Ergebnis eines Geschlechtswechsels per Sprechakt nach dem Selbstbestimmungsgesetz: Marla-Svenja Liebich, ein rechtsextremistischer Aktivist, der vorher unter dem Namen Sven Liebich bekannt war, änderte im November 2024 seinen Vornamen und Geschlechtseintrag von männlich zu weiblich. 2025 wurde Liebich gerichtlich wegen Volksverhetzung und übler Nachrede verurteilt, eine Haftstrafe anzutreten. Es wird gemutmaßt, dass er das Selbstbestimmungsgesetz nutzte, um einen Haftplatz in einer Frauen-JVA einzufordern. Oder um zumindest einen Haftantritt hinauszuzögern. Als er im August die Haft in der Frauen-JVA Chemnitz antreten sollte, tauchte der Rechtsextremist kurzerhand unter und konnte bis heute nicht gefasst werden.

Divers und Anne Frank

Nun wurde bekannt, dass er seinen Geschlechtseintrag erneut ändern möchte – dieses Mal zu „divers“ – und den Vornamen „Anne Frank“ führen will. Der mehr als offensichtliche Verweis auf die im Alter von 16 Jahren im KZ Bergen-Belsen verstorbene und posthum durch ihr hinterlassenes Tagebuch berühmt gewordene deutsche Jüdin Anne Frank, ist eine schauderhafte Angelegenheit. Aber: Liebich darf das.

Der Namens- und Geschlechtseintragswechsel ist ein Ergebnis des Sprechakt-Gesetzes, vor dem Kritikerinnen und Kritiker – darunter auch der Autor selbst – immer wieder vehement gewarnt haben, als das Selbstbestimmungsgesetz als Vorhaben der Ampel-Koalition unter Ex-Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) bekannt wurde. Dieses Gesetz ermöglicht eine Änderung des Vornamens und Geschlechtseintrag per Selbsterklärung auf dem Standesamt und ohne Gutachten oder andere Nachweise, dass tatsächlich eine Transidentität oder Intersexualität vorliegt. Bis heute ist von den PolitikerInnen, die das Selbstbestimmungsgesetz auf den Weg brachten, jedoch kein Wort der Einsicht zu vernehmen, hier einen Fehler gemacht zu haben.

Landkreis gegen Sprechakt-Ergebnis von Liebich

Jetzt geht der Landkreis Saalekreis, zu dem Liebichs Wohnort gehört, gerichtlich gegen den selbstbestimmten Sprechakt des Rechtsextremisten vor. Laut eines MDR-Berichts „hat der Kreis im Dezember 2025 beim Amtsgericht Halle beantragt, die Änderungen von Geschlecht und Namen der rechtsextremen Person Liebich rückgängig zu machen“.

Weiter heißt im MDR-Artikel:

„Dokumenten zufolge, die MDR Investigativ vorliegen, geht der Saalekreis davon aus, dass Liebich das Selbstbestimmungsgesetz delegitimieren, den Staat vorführen und Transmenschen diffamieren wolle. Dass Liebich sich selbst nicht mehr als männlich identifiziert, bezweifelt der Landkreis in seinem Antrag ausdrücklich. Als Belege führt der Kreis nach MDR-Informationen unter anderem Auszüge aus einer Rede Liebichs von 2023 sowie Social-Media-Postings an.“

Drei juristische Einschätzungen

Doch reicht das, um Liebichs Änderung des Vornamens und Geschlechtseintrags per Selbstbestimmungsgesetz gerichtlich rückgängig machen zu lassen? IQN hat drei JuristInnen um ihre Einschätzung gebeten:

Arnd Diringer, Publizist und Professor für Arbeitsrecht an der Hochschule für Öffentliche Verwaltung und Finanzen Ludwigsburg antwortete:

„Dass Liebich den Namen ‚Anne Frank‘ wählen will, empfinde ich als zutiefst widerlich. Aber das ist eine moralische Wertung. Der ‚Geschlechtswechsel‘ entspricht den Vorgaben des Selbstbestimmungsgesetzes. Der Gesetzgeber hat – allen Warnungen zum Trotz – bewusst und gewollt darauf verzichtet, ihn an irgendwelche Voraussetzungen zu knüpfen. Er steht damit jedermann unabhängig von seinen Motiven frei.“

Die an der Universität Konstanz lehrende Professorin für Öffentliches Recht und Rechtsphilosophie, Judith Froese, schrieb:

„Die Berichtigung eines Eintrags im Personenstandsregister ist gem. §§ 47 ff. Personenstandsgesestz (PStG) möglich. Einen Antrag auf Berichtigung können alle Beteiligten, das Standesamt und die Aufsichtsbehörde nach § 48 Abs. 2 PStG stellen. Das zuständige Amtsgericht hat dann darüber zu entscheiden, ob die vorhandene Eintragung – also im konkreten Fall die Eintragung des weiblichen Geschlechtseintrags und der weiblichen Vornamen – unrichtig ist. Die Entscheidung des Amtsgerichts Halle darf mit Spannung erwartet werden, denn soweit ersichtlich handelt es sich um den ersten Fall, in dem ein Gericht über die Berichtigung von Eintragungen auf der Grundlage des Selbstbestimmungsgesetzes (SBGG) zu entscheiden hat.

Das Selbstbestimmungsgesetz verlangt für die Änderung des Geschlechtseintrags und der Vornamen lediglich einer Erklärung der Person gegenüber dem Standesamt (§ 2 Abs. 1 S. 1 SBGG). Dieser Erklärung ist eine Versicherung darüber beizufügen, dass der gewählte Geschlechtseintrag dem selbst empfundenen Geschlecht am besten entspricht und dass der Person die Tragweite der durch die Erklärung bewirkten Folgen bewusst ist (§ 2 Abs. 2 SBGG). Ob die Geschlechtsidentität tatsächlich von dem Geschlechtseintrag im Personenstandsregister abweicht, wird vom Standesamt gerade nicht geprüft. Es handelt sich um eine gebundene Entscheidung ohne Prüfkompetenz.

In der Gesetzesbegründung zum Selbstbestimmungsgesetz heißt es aber, dass das Standesamt die Eintragung In Fällen offensichtlichen Missbrauchs ablehnen können soll. Wann das allerdings vorliegt, ist schwierig zu sagen. Wenn eine Person nicht gerade kundtut, es nicht ernst zu meinen und nur spaßeshalber, zu betrügerischen Zwecken o.ä. eine solche Erklärung abzugeben, wird es kaum möglich sein, jemandem Missbrauch vorzuwerfen. Denn es ist ja erklärtes Ziel des Selbstbestimmungsgesetzes, dass es allein auf die Selbstauskunft einer Person ankommt und gerade nicht auf die Fremdwahrnehmung durch andere. Es wird in dem Verfahren vor allem darauf ankommen, welche objektiven und konkreten Anhaltspunkte der Saalekreis für einen solchen Missbrauch vorbringen kann.“

Ähnlich sieht es auch Rechtsanwalt Jonas Jacob, der ebenfalls betont, der Missbrauch des Selbstbestimmungsgesetzes müsse eindeutig nachgewiesen werden können:

„Nach meiner vorläufigen Einschätzung ist der Antrag des Landkreises nicht von vornherein komplett aussichtslos, seine Erfolgsaussichten erscheinen mir aber eher begrenzt.

Das Selbstbestimmungsgesetz ist bewusst als reine Erklärungslösung ausgestaltet. Nach der amtlichen Begründung prüft das Standesamt grundsätzlich nicht, ob die Geschlechtsidentität tatsächlich vom bisherigen Registereintrag abweicht; insoweit handelt es sich um eine gebundene Entscheidung ohne Prüfkompetenz.

Allerdings lässt dieselbe Gesetzesbegründung eine Ablehnung bei offensichtlichem Missbrauch zu, also bei objektiven und konkreten Anhaltspunkten dafür, dass die Erklärung im Scherz, zu betrügerischen Zwecken oder sonst nicht ernsthaft abgegeben wird.

Für falsche Eintragungen verweist sie zudem ausdrücklich auf die registerrechtliche Berichtigung nach §§ 46, 47 PStG; für gerichtliche Berichtigungen ist § 48 PStG einschlägig. Prozessual geht es also nicht um eine freie nachträgliche Inhaltskontrolle der Geschlechtsidentität, sondern um eine Registerberichtigung; ein eigenständiges Verfahren, das lediglich die Rechtswidrigkeit einer früheren standesamtlichen Entscheidung feststellen würde, sieht das Personenstandsrecht nicht vor. Rechtsschutz erfolgt vielmehr über das Berichtigungsverfahren nach § 48 PStG, das auf die Korrektur eines unrichtigen Registereintrags gerichtet ist.

Entscheidend dürfte deshalb sein, ob sich gerichtsfest nachweisen lässt, dass die damalige Erklärung nicht ernsthaft war, beziehungsweise die Eigenversicherung inhaltlich falsch war. Gerade darin liegt die hohe Hürde. Für Berichtigungen abgeschlossener Registereinträge verlangt die Rechtsprechung strenge Anforderungen und vollen Beweis. Aus diesen Maßstäben folgt meines Erachtens, dass politische Provokation oder ein öffentlich widersprüchliches Auftreten für sich genommen regelmäßig noch nicht genügen; erforderlich wären belastbare, möglichst zeitnahe objektive Belege für Scherz, Täuschung oder reine Inszenierung.

Hinzu kommt, dass das SBGG den Strafvollzug gerade nicht regelt. Nach den offiziellen Erläuterungen der Bundesregierung muss sich die Unterbringung von Gefangenen nicht allein am Geschlechtseintrag orientieren, sondern an Sicherheitsinteressen und Persönlichkeitsrechten aller Betroffenen. Selbst wenn die Haftfrage ein Motiv gewesen sein sollte, folgt daraus also nicht automatisch die Unrichtigkeit des Personenstandseintrags.

Mein Fazit wäre daher: Juristisch vertretbar ist ein solcher Angriff nur über das Personenstandsrecht und mit einer sehr klaren Beweislage. Ohne objektive Nachweise dafür, dass die Erklärung von Anfang an nicht ernsthaft abgegeben wurde, halte ich die Erfolgschancen eher für überschaubar.“


Till Randolf Amelung ist Redakteur des IQN-Blog und seit Juli 2024 auch Mitglied des IQN-Vorstand. Als freier Journalist veröffentlicht er mit Schwerpunkt auf geschlechterpolitischen Themen auch in anderen Medien und in wissenschaftlichen Sammelbänden wie dem Jahrbuch Sexualitäten der IQN.


Auf ein Wort in eigener Sache: Die 2005 gegründete Initiative Queer Nations versteht sich getreu des Mottos von Magnus Hirschfeld „Durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit“ als Debattenplattform. Im Blog gibt es Kommentare, Analysen, Berichte zu aktuellen Themen, die unsere Arbeitsschwerpunkte berühren. Neben der Herausgabe des „Jahrbuchs Sexualitäten“ seit 2016 und Veranstaltungen, etwa unseren Queer Lectures, erweitern wir damit unser Angebot. Wir sagen: Mainstream kann jeder – wir haben das nicht nötig!  Wir arbeiten ehrenamtlich. Alle Texte in unserem Blog sind kostenfrei zugänglich. Damit das weiterhin möglich ist, freuen wir uns sehr, wenn Sie uns mit einer Spende oder Mitgliedschaft bei der IQN e.V. unterstützen.


Manifester Transschwurbel zum Frauentag

Die taz veröffentlicht zum Internationalen Frauentag ein Manifest von Transaktivisten, welches eine Hormonersatztherapie ohne ärztliche Kontrolle propagiert. Warum eine solche gesundheitliche Risiken birgt und welche Rolle Medien dabei spielen sollten.

Cartoonhafte Illustration einer bunten, unordentlichen WG‑Küche mit Stickern und Schildern. Über der Spüle hängt ein Schild mit der Aufschrift „Patriarchy‑free zone – Schuhe aus, Gender reinlassen“. Vier Personen kochen gemeinsam: eine mit bedruckter Schürze, eine mit mehrfarbigen Haaren, eine balanciert Kochlöffel, Smartphone und eine Katze, eine hält ein leeres Notizbuch mit der Aufschrift „Rezepte & radikale Ideen“. Bunter, überzeichneter Zeichenstil. Symbolbild für Artikel Manifester Transschwurbel zum Frauentag
Sind WG-Küchen wirklich der geeignete Ort, um Medikamente wie Hormonpräparate anzumixen? (Foto: Erstellt mit Microsoft Copilot).

8. März 2026 | Till Randolf Amelung

„Die Hormone denen, die sie wollen!“, fordert ein Manifest des transaktivistischen „Bündnis Selbstbestimmung selbstgemacht“ zum Frauentagswochenende in der taz.  Dieser Text ist eine unverhohlene Werbung für eine Hormontherapie ohne ärztliche Indikationsstellung – in Transkreisen auch „DIY-HET“, also „Do-it-yourself-Hormonersatztherapie“ genannt.

Begründet wird dies mit Hürden im Gesundheitssystem, wobei das Pathos selbstverständlich nicht fehlen darf:

„Denn für immer mehr Trans*-Menschen stellt die selbstverantwortete Hormontherapie eine Alternative zur offiziellen Gesundheitsbürokratie dar. Nicht aus Spaß an der Freude, sondern aus Überlebenswillen. Es ist eine stille Revolution. Und dieses Manifest will ihr eine Stimme verleihen.“

DIY-Hormontherapie am Frauentag

Das gesamte Manifest strotzt jedoch nicht nur vor transaktivistischen Verzerrungen, sondern verbreitet auch noch extrem gesundheitsgefährdende Behauptungen. Diese beginnen schon mit der Glorifizierung einer selbstverordneten Hormontherapie. Bei einer ärztlich begleiteten Hormonbehandlung wird üblicherweise vor Beginn mittels Blutuntersuchung der Status quo einer Patientin (eines Patienten) erhoben und während der Hormontherapie regelmäßig überwacht. Ohne Blutuntersuchungen durch kundiges ärztliches Personal kann nicht sichergestellt werden, dass die Hormonpräparate passend dosiert sind sowie Mangelerscheinungen oder negative gesundheitliche Veränderungen rechtzeitig bemerkt werden.

Besonders wild ist jedoch der Aufruf, Hormonpräparate selbst herzustellen:

„Es ist schließlich nicht besonders schwierig, Hormone privat herzustellen, alle dafür nötigen Stoffe lassen sich leicht und günstig aus China importieren. Auch für die Qualitätssicherung benötigt man nicht unbedingt Ärzt*innen oder eine Klinik. Trotzdem ist natürlich Vorsicht geboten und nicht alle Anbieter arbeiten professionell.“

Selbst gepanschte Medikamente

Man stelle es sich einmal vor: Künftig werden Hormonpräparate in den Teeküchen queerer Zentren oder linksautonomer WGs zusammengepanscht, anstatt in eigens dafür ausgestatteten pharmazeutischen Laboren, beispielsweise von Apotheken. Wobei die Hobbyköche sehr wahrscheinlich nicht einmal über eine entsprechende Ausbildung verfügen, um die Qualität der „günstig aus China“ importierten Bestandteile korrekt einschätzen zu können.

Von Laien selbst zusammengekochte Medikamente sind gefährlich für die eigene Gesundheit: Dosierungen der medizinisch wirksamen Stoffe sind sehr wahrscheinlich ungenau, wodurch in der Anwendung durch Über- oder Unterdosierung Schäden entstehen können. Es fehlt jede Qualitätskontrolle, wodurch auch Verunreinigungen eine Gefahr darstellen. Wenn man sich so manche WG-Küche in Erinnerung ruft, sollte es der letzte Ort sein, wo man Medikamente herstellt. Hinzu kommt: Die unlizenzierte Herstellung und der Vertrieb von solchen selbsthergestellten medizinischen Präparaten sind in den meisten Ländern, inklusive Deutschland, illegal.

Man fragt sich bereits an dieser Stelle: Warum veröffentlicht ein journalistisches Medium wie die taz dieses Pamphlet, was individueller Gesundheitsgefährdung Vorschub leistet? Wäre hier nicht die vielbeschworene Gatekeeper-Funktion im Journalismus nötig gewesen, anstatt sich unkritisch als Plattform für haarsträubende Behauptungen und Handlungsempfehlungen herzugeben?

Geteilte Gesundheitsrisiken

Die Verfassenden propagieren nicht nur die eigene Herstellung medizinischer Präparate, sondern auch die heimliche Weitergabe von Hormonmedikamenten, die andere legal verordnet bekommen haben:

„Wenn die Gesundheitsversorgung unter dem Vorwand der Neuartigkeit zu Fall gebracht wird, gehen wir einen neuen Weg. Er beginnt damit, freundschaftlich auszuhelfen, wenn ein Mensch die Hormontabletten zu Hause vergessen hat. Er wird beschritten, wenn ein Mensch nach einem Präparatewechsel nicht verwendete Hormone weitergibt. Oder wenn eine Mutter in der Menopause, ihrer Tochter das Estradiol-Gel weitergibt.“

Auch hier gilt, dass dies mit großen Risiken behaftet ist. Nicht nur, dass ohne ärztliche Begleitung keine optimale Dosierung sichergestellt wird, sondern wie ein Artikel in der Zeitschrift ÖkoTest aufklärt, werden in vielen Haushalten Medikamente nicht ordnungsgemäß gelagert. Das kann die Wirkung ebenfalls beeinträchtigen. Ein Handel als Privatperson mit verschreibungspflichtigen Medikamenten ist ohnehin strafbar.

Zahlreiche Gutachten?

Doch auch der Rest des transaktivistischen Hormon-Manifests ist fragwürdig. So wird beklagt, dass man für eine ärztlich verordnete und von den Krankenkassen bezahlte Hormontherapie „zahlreiche Gutachten und Schreiben von verschiedenen medizinischen Spezialist*innen“ bräuchte. Der wesentliche Referenzrahmen für einen krankenkassenfinanzierten Zugang zu gegengeschlechtlichen Hormonen ist die Begutachtungsanleitung „Geschlechtsangleichende Maßnahmen bei Transsexualismus (ICD-10, F64.0)“ des Medizinischen Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen.

Demnach sind Sitzungen bei einem Psychotherapeuten, verbunden mit einem Befundbericht inklusive Diagnosestellung und Indikation für die Hormontherapie vorgesehen. Falls es sich dabei nicht um einen Psychiater, also Facharzt handelt, ist ein ergänzender Befund von einem solchen noch erforderlich. Hinzu kommt eine Indikationsstellung von einem Facharzt für Endokrinologie, d.h. für den Hormonstoffwechsel in einem breiten Sinn. Schließlich sollte noch ein Befund von einem Gynäkologen oder Urologen – je nach biologischem Geschlecht – hinzugefügt werden.

Verharmloste Risiken

Unter „zahlreich“ versteht man sicherlich etwas anderes und Untersuchungen bei Ärzten aus den genannten Fachgebiete vor einer gegengeschlechtlichen Hormontherapie sind sinnvoll. Schließlich gilt es, individuelle gesundheitliche Risikofaktoren zu erkennen. Von solchen Risikofaktoren ist im Manifest auffallend keine Rede.

Stattdessen heißt es – stark verharmlosend:

„Jede Nebenwirkung, unter der wir leiden, seien es Brustschmerzen, Stimmungsschwankungen oder moralische Stigmata, werden zum Erhalt dieser Ordnung mobilisiert. Man gibt vor, uns vor den eigenen Entscheidungen zu schützen. Man kann sich nie sicher sein, dass man eine getroffene Entscheidung niemals bereuen wird. Niemand aber würde auf solchen Unsicherheiten herumreiten, wenn es darum ginge, sich für mehr Arbeit, mehr Kinder und mehr Wehrdienst zu entscheiden.“

In einem medizinischen Fachartikel werden sowohl für eine feminisierende, als auch eine maskulinisierende Hormontherapie beispielsweise folgende Risiken aufgeführt:

„Als Folge der pharmakologischen Behandlung, […], können jedoch unbeabsichtigte systemische biologische Veränderungen auftreten. Dazu können ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko sowohl bei Transfrauen als auch bei Transmännern, ein signifikanter Anstieg des Body-Mass-Index und des systolischen und diastolischen Blutdrucks bei Transmännern sowie Osteoporose an der Lendenwirbelsäule und am distalen Arm bei Transfrauen gehören. Zu den berichteten Nebenwirkungen gehören auch venöse Thromboembolien, Frakturen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfälle und hormonabhängige Krebserkrankungen […].“

Neuere Fachartikel bestätigen diese erheblichen Gesundheitsrisiken.

Es steht jedem frei, Manifeste nach eigenem Gutdünken zu veröffentlichen. An ein journalistisches Medium kann man jedoch andere Ansprüche stellen, als sich zum unkritischen Sprachrohr von Aktivisten und ihrer Ignoranz gegenüber erheblichen Gesundheitsrisiken zu machen – mag man noch so viel Sympathie für den linksradikalen Duktus des Pamphlets empfinden.

Bundessozialgericht ändert Spielregeln

Einen einzigen, zumindest teilweise richtigen Punkt hat das Manifest jedoch:

„Über die Hormontherapie hinaus steht seit einem Urteil des Bundessozialgerichts vom Oktober 2023 die Versorgung von Trans*-Menschen in Deutschland ganz grundsätzlich in Frage.“

Damals klagte eine biologisch weibliche, sich als nichtbinär verstehende Person auf Kostenübernahme einer Mastektomie. Die Krankenkasse lehnte mit Verweis darauf ab, dass Nichtbinarität nicht von den Kriterien der Kostenübernahme, insbesondere der Diagnose „F.64.0 Transsexualismus“ (Störungen der Geschlechtsidentität) nach ICD-10, dem Klassifikationssystem der Weltgesundheitsorganisation WHO gedeckt sei. Das Bundessozialgericht gab der Krankenkasse recht.

Das Urteil geriet zu einer Grundsatzentscheidung, weil es inmitten entscheidender Veränderungen passierte: 2022 hat die WHO ICD-11veröffentlicht. Darin heißt es nicht mehr „Störungen der Geschlechtsidentität“, sondern „Geschlechtsinkongruenz“. Neu ist außerdem, dass für „Geschlechtsinkongruenz ein neues Kapitel geschaffen wurde, um es aus dem Komplex „Psychische und Persönlichkeitsstörungen“ zu befreien. Flankiert wurde dies von nationalen (S3) und internationalen (WPATH-SoC) Leitlinien, vor allem auf einen affirmativen Umgang setzen. Bei „Geschlechtsinkongruenz“ geht es auch nicht mehr um eine weitmögliche Angleichung an das andere Geschlecht im binären Sinne. Vielmehr stehen die individuellen Verkörperungswünsche der Behandlungssuchenden im Mittelpunkt.

So heißt es im Urteil des Bundessozialgerichts:

„Darüber hinaus geht die S3-Leitlinie davon aus, dass den Behandelnden in Bezug auf die Diskrepanz zwischen Gender (Geschlechtsidentität, Geschlechterrolle) und Zuweisungsgeschlecht keine objektiven Beurteilungskriterien zur Verfügung stehen und die Feststellung daher zunächst von der behandlungsbedürftigen Person selbst getroffen wird. Dies beschreibt ein Konzept, das Patient und Arzt nicht nur gleichberechtigt in die Diagnosestellung und Behandlung einbindet, sondern darüber hinaus der behandlungsbedürftigen Person eine Schlüsselrolle dahingehend zuweist, dass diese in Ermangelung objektiver Kriterien zwingend zunächst selbst die Feststellung der Inkongruenz vorzunehmen hat. Schon deswegen weicht das Konzept methodisch von anderen Behandlungsverfahren ab. Die Kriterien für die medizinische Notwendigkeit einer geschlechtsangleichenden Operation sind danach nicht nach objektiven – einem Sachverständigengutachten zugänglichen – Maßstab vorgegeben.“

Da die deutsche Sozialgesetzgebung einen objektiven Maßstab voraussetzt, sind diese neuen und vom Transaktivismus so gewollten Verfahrensweisen nicht mehr abgedeckt. Das Bundessozialgericht hat daher empfohlen, den Sachverhalt dem Gemeinsamen Bundesausschuss vorzulegen, der darüber entscheidet, welche Leistungen in den Katalog der gesetzlichen Krankenversicherung aufgenommen wird.

Schuss ins Knie

Der bisherige Rahmen der Kostenübernahme von Maßnahmen zur Transition beruhte auf der alten Diagnose „Transsexualismus“ und einem Bundessozialgerichtsurteil von 1987. Wenn der Leidensdruck plausibel gemacht werden konnte, war die Krankenversicherung verpflichtet, die Kosten für Eingriffe wie Hormontherapie oder Operationen zu übernehmen. Wie es nun unter den veränderten Rahmenbedingungen mit der Kostenübernahme durch Krankenversicherungen weitergeht, ist noch offen. Zumindest Transpersonen, die schon vor diesem Urteil in Behandlung waren, fallen unter Bestandsschutz und bekommen weiterhin ihre Hormonersatztherapie bezahlt.

Deutlich wird aber bereits, dass sich der Transaktivismus mit der Verteufelung von Diagnostik und objektiven Kriterien selbst ins Knie geschossen und sich hierzulande einer im internationalen Vergleich mal sehr komfortablen Situation beraubt hat. Und auch hier wäre ein journalistisches Medium wie die taz mit einer kritischeren Einordnung der eigenen Rolle besser gerecht geworden als mit der Verbreitung dieses schwurbeligen Manifests.


Till Randolf Amelung ist Redakteur des IQN-Blog und seit Juli 2024 auch Mitglied des IQN-Vorstand. Als freier Journalist veröffentlicht er mit Schwerpunkt auf geschlechterpolitischen Themen auch in anderen Medien und in wissenschaftlichen Sammelbänden wie dem Jahrbuch Sexualitäten der IQN.


Auf ein Wort in eigener Sache: Die 2005 gegründete Initiative Queer Nations versteht sich getreu des Mottos von Magnus Hirschfeld „Durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit“ als Debattenplattform. Im Blog gibt es Kommentare, Analysen, Berichte zu aktuellen Themen, die unsere Arbeitsschwerpunkte berühren. Neben der Herausgabe des „Jahrbuchs Sexualitäten“ seit 2016 und Veranstaltungen, etwa unseren Queer Lectures, erweitern wir damit unser Angebot. Wir sagen: Mainstream kann jeder – wir haben das nicht nötig!  Wir arbeiten ehrenamtlich. Alle Texte in unserem Blog sind kostenfrei zugänglich. Damit das weiterhin möglich ist, freuen wir uns sehr, wenn Sie uns mit einer Spende oder Mitgliedschaft bei der IQN e.V. unterstützen.


Pubertätsblocker: Ideologie statt Evidenz

Großbritannien stoppt eine geplante NHS‑Studie zu Pubertätsblockern bei Minderjährigen. Die Debatte um PATHWAYS legt ethische Risiken und fehlende Evidenz offen. International ist die gesamte Transmedizin von mangelnder Transparenz geprägt und zeigt, wie ideologische Gewissheiten das Vertrauen in Medizin und Forschung untergraben.

Ärztin schaut etwas auf einem Smartphone an. Symbolbild für Artikel "Pubertätsblocker: Ideologie statt Evidenz zerstört Vertrauen"
Erkenntnisse in der Medizin sollten eine solide Evidenzbasis besitzen, wenn sie in der Praxis breite Anwendung finden (Foto von National Cancer Institute auf Unsplash).

1. März 2026 | Till Randolf Amelung

In Großbritannien haben Verfechter der Pubertätsblockade bei Minderjährigen mit Geschlechtsdysphorie einen weiteren Rückschlag erlitten: Im Februar wurde bekannt, dass eine im NHS geplante klinische Studie aufgrund ethischer Bedenken vorerst gestoppt wurde. Eine solche Studie gehörte zu den Maßnahmen, die die Pädiaterin Hilary Cass in ihrem 2024 veröffentlichten Report empfohlen hatte.

Die Forschungsstudie namens „PATHWAYS“ sollte die Verschreibung von Pubertätsblockern ermöglichen und die jungen Patienten begleiten. Eine zentrale Fragestellung dieser Studie ist, wie sich Hormone zur Unterdrückung der Pubertät (Medikamente, die die Pubertät unterbrechen) auf das körperliche, soziale und emotionale Wohlbefinden junger Menschen mit Geschlechtsinkongruenz auswirken.

Standard Pubertätsblocker

In den vergangenen fünfzehn Jahren ist die Pubertätsblockade zum Mittel der ersten Wahl bei jungen Menschen geworden, die unter ihren biologischen Geschlechtsmerkmalen leiden. Allerdings wissen Ärzte und Forscher noch nicht genau, welche Vorteile oder Risiken diese Behandlung mit sich bringt. Unklar ist, ob Verbesserungen des psychischen Befindens auf die pubertätshemmenden Hormone oder auf andere Behandlungen zurückzuführen sind, die junge Menschen aufgrund ihrer Geschlechtsinkongruenz erhalten.

Pubertätsblockierende Medikamente haben jedoch Risiken, da sie die Entwicklung des Gehirns und der Knochen sowie die Fortpflanzungsfähigkeit beeinträchtigen können. Auch dazu gibt es noch nicht genügend Erkenntnisse aus der Forschung, um zu verstehen, ob diese Veränderungen auftreten, wie stark sie sind und ob sie sich nach Beendigung der Behandlung wieder normalisieren. Trotzdem werden diese pharmakologischen Mittel von Transaktivisten und mit ihnen verbundene Ärzte bis heute als aus menschenrechtlicher Sicht „alternativlos“ dargestellt.

Risiken für Fruchtbarkeit

An der nun gestoppten Studie sollten laut einem Bericht des öffentlich-rechtlichen TV-Sender BBC 220 Kinder im Alter zwischen elf und fünfzehn Jahren teilnehmen. Die entscheidenden Bedenken kamen aus der britischen Arzneimittelzulassungsbehörde. Kern der Kritik war das Mindestalter, welches nach Ansicht der Behörde auf vierzehn Jahre angehoben werden sollte, um ein Minimum an Sicherheit für Gesundheit und Wohlergehen sicherzustellen. Besonders im Hinblick auf Folgen für die Fortpflanzungsfähigkeit ist das Pubertätsstadium, in dem pharmakologisch eingegriffen wird, von elementarer Bedeutung.

Ein Sprecher des Ministeriums für Gesundheit und Soziales sagte:

„Diese Studie darf nur durchgeführt werden, wenn die wissenschaftlichen und klinischen Erkenntnisse und Gutachten zu dem Schluss kommen, dass sie sowohl sicher als auch notwendig ist.“

Während die Pubertätsblockerstudie auf ihre erneute Freigabe wartet, ist die Auswertung von Daten von rund 9.000 Kindern und Jugendlichen, die im NHS gender-affirmativ behandelt wurden, auf den Weg gebracht worden. Geplant ist, dass die Behandlungswege bis hinein ins Erwachsenenalter nachverfolgt werden. Dafür wurde nun mit einem Gesetz die erste Hürde genommen. Forschungs- und Ethikgenehmigungen stehen noch aus, wie die im Thema versierte Hannah Barnes im The New Statesman berichtete. Ursprünglich sollte eine solche Datenauswertung bereits im Rahmen des Cass Reports erfolgen, doch damals verweigerten die Genderambulanzen für Erwachsene die Kooperation und rückten ihre Daten nicht heraus.

Keine Transparenz

Einschlägige Aktivisten und ihnen nahestehende Ärzte postulieren stets, affirmative Behandlungen mit Hormonen und chirurgischen Eingriffen bei Minderjährigen und Erwachsene mit Geschlechtsdysphorie seien alternativlos. Der Nutzen sei hinreichend belegt. Warum weigerten sich dann Genderambulanzen des NHS, die geforderten Daten zur Verfügung zu stellen? Wessen Behauptungen eine solide Basis haben, der sollte Transparenz doch nicht fürchten, oder?

Weltweit ist in den vergangenen fünf Jahren deutlich geworden, dass im Zusammenhang mit Trans auch viele wissenschaftlich-medizinische Organisationen Positionen vertreten haben, die vor allem ideologisch und nicht evidenzbasiert waren. Zugleich fanden transparente und offene Debatten nicht statt, weil sie blockiert wurden. Nun gibt es gerade in den USA zunehmend Richtungswechsel, deren Gründe und ihre Herleitungen von den Verantwortlichen ebenfalls nicht transparent gemacht werden.  In der New York Times stellte Journalist Jesse Singal daher in einem Kommentar fest, dass dies das öffentliche Vertrauen in wissenschaftliche und medizinische Institutionen erheblich beeinträchtige.

Deutsche Medien versagen

In Deutschland erfährt man von diesen Entwicklungen in den Medien mal wieder nichts. Warum eigentlich nicht? Die dpa konstatierte am 1. März:

„Die Kinder- und Jugendpsychiatrie hat mit einer wachsenden Zahl an Fällen zu tun, bei denen Betroffene mit ihrem Geschlecht hadern.“

Zu Wort kommt der Dresdner Kinder- und Jugendpsychiater Veit Roessner, der auf die unsichere Evidenzbasis für Pubertätsblocker und schnelle Bestätigungen der Geschlechtsidentität hinweist.

Leider verpasste es der dpa-Beitrag, die Entwicklungen im Ausland wenigstens zu benennen. So kann der Eindruck entstehen, es handele sich bei Roessners Position um eine Einzelmeinung. Dabei wäre eine mediale Berichterstattung, die tatsächlich am Puls der Zeit ist, auch für betroffene Eltern und ihre Kinder wichtig. Denn nur, wenn alle Informationen vorliegen, kann man tatsächlich informierte Entscheidungen treffen. Oder manipulativen Behauptungen von Aktivisten, ohne affirmative Behandlungen käme es sehr wahrscheinlich zu einem Suizid, mit der notwendigen Skepsis begegnen.


Till Randolf Amelung ist Redakteur des IQN-Blog und seit Juli 2024 auch Mitglied des IQN-Vorstand. Als freier Journalist veröffentlicht er mit Schwerpunkt auf geschlechterpolitischen Themen auch in anderen Medien und in wissenschaftlichen Sammelbänden wie dem Jahrbuch Sexualitäten der IQN.


Auf ein Wort in eigener Sache: Die 2005 gegründete Initiative Queer Nations versteht sich getreu des Mottos von Magnus Hirschfeld „Durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit“ als Debattenplattform. Im Blog gibt es Kommentare, Analysen, Berichte zu aktuellen Themen, die unsere Arbeitsschwerpunkte berühren. Neben der Herausgabe des „Jahrbuchs Sexualitäten“ seit 2016 und Veranstaltungen, etwa unseren Queer Lectures, erweitern wir damit unser Angebot. Wir sagen: Mainstream kann jeder – wir haben das nicht nötig!  Wir arbeiten ehrenamtlich. Alle Texte in unserem Blog sind kostenfrei zugänglich. Damit das weiterhin möglich ist, freuen wir uns sehr, wenn Sie uns mit einer Spende oder Mitgliedschaft bei der IQN e.V. unterstützen.


Trans-Leitlinien: Von mangelhafter Qualität

Neue Veröffentlichungen kritisieren die internationalen Trans-Leitlinien (WPATH SOC8) und die deutsche S2k-Leitlinie als mangelhaft, warnen vor Risiken für Minderjährige und fordern mehr Sorgfalt bei medizinischen Entscheidungen. Keine der kritisierten Leitlinien wird Ärzte und Therapeuten im Zweifel vor möglichen Schadensersatzforderungen schützen.

Blick auf das NYU Langone Medical Center in New York, 2018, Symboldbild für Artikel "Trans-Leitlinien: Von mangelhafter Qualität"
Das NYU Langone Medical Center in New York während des Pride Months 2018. 2026 wurden gender-affirmative Behandlungen für Kinder und Jugendliche gestoppt (Foto: Wikimedia).

23. Februar 2026 | Till Randolf Amelung

Die Standards of Care (SOC) der World Professional Association for Transgender Health (WPATH) gelten für die medizinische und psychotherapeutische Behandlung in Sachen „Trans“ international als maßgeblicher Referenzpunkt – für Erwachsene sowie Kinder und Jugendliche gleichermaßen. In ihrer achten, 2022 veröffentlichten Fassung wird bei Minderjährigen ein gender-affirmatives Vorgehen inklusive Einsatz von Medikamenten zur Pubertätsblockade empfohlen. Altersgrenzen für medizinische Eingriffe gibt es nicht – sie wurden damals auf politischen Druck aus der Gesundheitsbehörde der vormaligen US-Regierung Joe Bidens wieder gestrichen.

Kritik an internationaler Trans-Leitlinie

Nun wurde eine Studie veröffentlicht, die diesen SOC 8 eine mindere Qualität bescheinigen. Untersucht wurde die Qualität der Leitlinie aus der Perspektive von Gesundheitsdienstleistern für Kinder und Jugendliche mit Geschlechtsdysphorie sowie von Leitlinienmethodikern.

Die Studie stellte erhebliche Mängel in den WPATH-Standards fest: mangelnde Stringenz bei der Entwicklung, möglicherweise beeinträchtigte redaktionelle Unabhängigkeit und eingeschränkte Anwendbarkeit. Das Forscherteam dazu:

„Es ist wichtig, zwischen der Qualität der Evidenzbasis und der Qualität der Methodik zur Entwicklung von Leitlinien zu unterscheiden. Auch wenn in einigen klinischen Bereichen, darunter Geschlechtsdysphorie bei Kindern und Jugendlichen, die Evidenzbasis begrenzt ist oder sich noch weiterentwickelt, schließt dies die Entwicklung hochwertiger Leitlinien nicht aus.“

Weiter heißt es:

„Die SOC8 der WPATH, die in viele Sprachen übersetzt wurde, gilt als die weltweit einflussreichste in diesem Bereich. Unsere Analyse hat jedoch erhebliche Mängel in ihrer Entwicklung aufgezeigt, insbesondere einen Mangel an wissenschaftlicher Genauigkeit und eine undurchsichtige Handhabung von Interessenkonflikten, was das Vertrauen in diese Empfehlungen untergraben könnte. Gesundheitsdienstleister, Verbände und politische Entscheidungsträger sollten bei der unkritischen Übernahme oder Befürwortung von SOC8 Vorsicht walten lassen. Die methodischen Einschränkungen der Leitlinien könnten die Bereitstellung einer optimalen Gesundheitsversorgung für schutzbedürftige Jugendliche behindern.

Unsere Studie ergab auch, dass die Anwendbarkeit der Leitlinien zur Unterstützung der klinischen Praxis begrenzt war. So befürwortet SOC8 zwar eine umfassende Beurteilung von transidentifizierten Jugendlichen, versäumt es jedoch, die notwendigen Ressourcen, Instrumente oder Anleitungen zur Überwindung der Hindernisse für solche Beurteilungen bereitzustellen. Die Herausforderungen bei der Umsetzung, Überwachung und Überprüfung von SOC8 könnten möglicherweise zu unbeabsichtigten negativen Ergebnissen oder einer unzureichenden Versorgung führen.“

Deutsche S2k-Leitlinie und SOC 8

Auch die deutsche S2k-Leitlinie „Geschlechtsinkongruenz und Geschlechtsdysphorie im Kindes- und Jugendalter – Diagnostik und Behandlung“ bezieht sich positiv auf das WPATH-Dokument, ähnelt diesem in Teilen stark, wie Kimberley Tietz, Juristin am Lehrstuhl für Medizinrecht an der Universität Halle, feststellte:

„Des Weiteren steht im Fokus der Debatte die starke Orientierung an den Standards of Care in der achten Version der WPATH 102. Nicht nur inhaltlich, sondern teilweise auch vom Aufbau und Wortlaut selbst, soweit man ihn ins Englische übersetzt, ähnelt der Text der Leitlinie dem der SOC8 [..].“

Diese deutsche Leitlinie indes ist ebenfalls umstritten. Kritiker wie beispielsweise Florian Zepf vom Universitätsklinikum Jena bewerteten das deutsche Pendant so:

„Die gesamte Argumentation, welche Minderjährigen eine Pubertätsblockade und/oder eine Hormongabe erhalten sollten, beruht daher auf einer unklaren Differenzierung, die in der klinischen Praxis nicht anwendbar ist. Es gibt keine gültigen Kriterien, anhand derer man diese besonderen Gruppen im Voraus angemessen identifizieren könnte, und die Geschlechtsinkongruenz als Diagnose bei jungen Menschen ist nicht so stabil, wie in diesen Leitlinien dargestellt.“

Risiken für Ärzte und Therapeuten

Weder die Leitlinie der WPATH noch die deutsche S2k ist in dieser Form einfach im klinischen Alltag einsetzbar. Stattdessen hat die erste erfolgreiche Schadensersatzklage einer detransitionierten jungen Frau Ende Januar in den USA deutlich gemacht, wie riskant es für Ärzte und Psychotherapeuten sein kann, sich an schlechten Leitlinien zu orientieren. Der Verweis auf das Befolgen von Leitlinien schützt nicht davor, in Regress genommen zu werden. So kostete die mangelnde Sorgfalt vor einer Mastektomie an einer damals Sechzehnjährigen den verantwortlichen Chirurgen und den Psychotherapeuten heute rund zwei Millionen Dollar Schmerzensgeld.

Juristin Tietz beurteilt die Situation der deutschen Leitlinie:

„Auch die neue S2k-Leitlinie vermag nicht über die bestehenden fachlichen Differenzen und Unsicherheiten bzgl. der Evidenz hinweg einen neuen Standard zu setzen, der einen primär affirmativen Ansatz vorschreibt. Fehlt es an einem standardgemäßen Vorgehen ist die Sorgfalt eines vorsichtigen Behandelnden einzuhalten. Das heißt nicht, dass körpermodifizierende Maßnahmen zur Geschlechtsangleichung bei Minderjährigen grundsätzlich nicht mehr medizinisch vertretbar sind, sondern, dass zum jetzigen Zeitpunkt alternative Behandlungen, wie die vordergründige Konzentration auf psychologische Unterstützungsmaßnahmen, gleichermaßen vertretbar sind und der Arzt bei der Entscheidung im Einzelfall besondere Vorsicht walten lassen muss.“

Strafrechtliche Risiken

Eine Einschätzung der Juristin Liane Wörner, ihrer Kollegin Alexandra Windsberger und des Psychiaters Veit Roessner hinsichtlich einer strafrechtlichen Beurteilung angesichts des derzeitigen Kenntnisstandes über die eklatanten Schwächen des gender-affirmativen Modells nimmt Risiken einer Behandlung mit Pubertätsblockern und gegengeschlechtlichen Hormonen für die Fortpflanzungsfähigkeit der jungen Menschen in den Fokus.

Darin wird vor Risiken gewarnt:

„Mangels stabiler Datenlage unterfällt dabei zwar die Gabe von sog. Pubertätsblockern selbst dem ausnahmslosen Sterilisationsverbot des § 1631c BGB im Zweifel (noch) nicht. Allerdings verbleibt ein erhebliches Strafbarkeitsrisiko, weil mit der nahezu stetig folgenden Weiterbehandlung mit gegengeschlechtlichen Hormonen der Verlust der Fortpflanzungsfähigkeit droht. Das bleibt letztlich geeignet, die Voraussetzungen eines Gefahrverwirklichungszusammenhangs einer schweren Körperverletzung mit Verlust der Fortpflanzungsfähigkeit (§ 226 Abs. 1 Nr. 1 StGB) zu begründen.“

Klagewelle nicht ausgeschlossen

Das gender-affirmative Vorgehen bei Kindern und Jugendlichen ist – trotz befürwortender nationaler und internationaler Leitlinien – sehr klageanfällig. In den USA werden nach dem ersten erfolgreichen Prozess weitere folgen: Mit Luka Hein und Chloe Cole bekommen zwei vielbeachtete Fälle nun für 2027 ebenfalls Gerichtstermine. Unterdessen stellen landesweit immer mehr Kliniken gender-affirmative Behandlungsangebot für Minderjährige ein, zuletzt NYU Langone Health.

Nach allem, was über die deutsche Leitlinie und ihre Schwächen bekannt ist, wird es nur eine Frage der Zeit sein, bis auch hierzulande Fälle von gender-affirmativ Behandelten auftauchen, die vermeidbare irreversible Schäden beklagen. Da mag es ihren Ärzten und Therapeuten ein Trost sein, dass Schadensersatzzahlungen in Deutschland oftmals nicht US-amerikanische Höhen erreichen.


Till Randolf Amelung ist Redakteur des IQN-Blog und seit Juli 2024 auch Mitglied des IQN-Vorstand. Als freier Journalist veröffentlicht er mit Schwerpunkt auf geschlechterpolitischen Themen auch in anderen Medien und in wissenschaftlichen Sammelbänden wie dem Jahrbuch Sexualitäten der IQN.


Auf ein Wort in eigener Sache: Die 2005 gegründete Initiative Queer Nations versteht sich getreu des Mottos von Magnus Hirschfeld „Durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit“ als Debattenplattform. Im Blog gibt es Kommentare, Analysen, Berichte zu aktuellen Themen, die unsere Arbeitsschwerpunkte berühren. Neben der Herausgabe des „Jahrbuchs Sexualitäten“ seit 2016 und Veranstaltungen, etwa unseren Queer Lectures, erweitern wir damit unser Angebot. Wir sagen: Mainstream kann jeder – wir haben das nicht nötig!  Wir arbeiten ehrenamtlich. Alle Texte in unserem Blog sind kostenfrei zugänglich. Damit das weiterhin möglich ist, freuen wir uns sehr, wenn Sie uns mit einer Spende oder Mitgliedschaft bei der IQN e.V. unterstützen.


Vom Wunsch nach unhinterfragter Affirmation – Eine Replik auf Nora Eckert

Ein Vortrag von Till Randolf Amelung, der sich mit dem Thema „Trans“ in Sozialen Medien beschäftigte, provozierte einen Verriss durch Nora Eckert auf queer.de. IQN veröffentlicht nun einen Gastbeitrag, der ihrer Kritik widerspricht.

Jan Feddersen sitzt im Bajszel vor einer Leinwand, in der auf einer Powe-Point-Folie das Vortragsthema genannt wird (Foto: Privat). Symbolbild für Artikel "Vom Wunsch nach unhinterfragter Affirmation - Eine Replik auf Nora Eckert".
Im Hinterzimmer: Jan Feddersen moderierte charmant und souverän durch den Abend (Foto: Privat).

Redaktionelle Vorbemerkung: Am 6. Februar waren unsere Vorstandsmitglieder Jan Feddersen und Till Randolf Amelung für eine Veranstaltung in die Neuköllner Programmschänke Bajszel eingeladen, bei der Till den Vortrag „Trans auf TikTok. Trägt Social Media zu Gesundheit bei?“ hielt und Jan moderierte. Auch queer.de-Autorin Nora Eckert war unter den Gästen und bekundete anschließend auf dem Community-Portal ihr Missfallen. Unser Gastautor nahm ebenfalls an der Veranstaltung teil und antwortet nun auf Eckerts Kritik.

17. Februar 2026 | Maximilian Kunze*

Der Artikel der Autorin beginnt mit der Feststellung, es handele sich bei IQN um eine transfeindliche Initiative. Jegliche Belege für diese Behauptung – und sei es nur ein Verweis auf alte Artikel, bleibt die Autorin jedoch schuldig, ebenso wie eine vielleicht hilfreiche Transfeindlichkeitsdefinition. Als Arbeitsdefinition würde ich meinerseits vorschlagen, Transfeindlichkeit zu bestimmen als die Ablehnung transidenter Personen allein aufgrund derer Transidentität.

Dies sehe ich bei der IQN nicht als gegeben. Inhaltliche Kritik an aktivistischen Forderungen als Diskriminierung zu diffamieren, erweist der Sache einen Bärendienst. Der vorgeblich neutrale Artikel, der vom eigenen Wunsch handeln soll, etwas über das Thema zu lernen, beginnt also mit Framing. Im Gegensatz zu Amelung, dem unter anderem zu ausgiebige Definitionen vorgeworfen werden, verzichtet die Autorin komplett auf Definitionen, was dem Artikel keineswegs guttut.

Frau Eckert fährt mit dem Vorwurf fort, es handele sich beim Titel der Veranstaltung um eine lediglich rhetorische Frage. Hier ist der Autorin zuzustimmen. Unklar bleibt, warum rhetorische Fragen nun abzulehnen seien. Bei der Behauptung, es sei die These aufgestellt worden, Transsein, sei für Jugendliche per se ungesund, handelt es sich um nicht mehr als eine reine Behauptung. Um diese zu prüfen, hätte es der Autorin unter Umständen gutgetan, den Vortrag samt der Diskussion zu verfolgen. Doch wie sie selbst zugab, verließ sie die Veranstaltung während der Pause. Positiv hervorzuheben ist, dass sie immerhin den Anstand hatte, vor ihrem Verriss an dem ersten Teil der Veranstaltung teilzunehmen.

Nora Eckert im Hinterzimmer

Im gut besuchten „Hinterzimmer“ hätten sich, so impliziert durch Verweis auf freundliche Interaktionen zwischen Gästen, ausschließlich Gleichgesinnte zusammengefunden, so der Artikel. In einem Kontext, in dem regelmäßig Veranstaltungen stattfinden, kennen sich naturgemäß einige Besucherinnen und Besucher. Ein freundliches Zunicken zwischen Gästen, übrigens auch zwischen Gästen und der Autorin, als Malus auszulegen, grenzt an bösen Willen. Das Publikum entsprach gerade nicht einem Durchschnittspublikum, selbst die Betreiber kannten weniger der Gäste als bei anderen Veranstaltungen.

Darüber hinaus ist es schwer möglich, dem Veranstaltungsort die baulichen Gegebenheiten anzukreiden. Beim sogenannten Hinterzimmer handelt es sich um den Vortragsraum. Erneut stößt man auf Framing nach dem Motto: „Wir versammeln uns, der Feind rottet sich zusammen.“

Vorgeblich manipulative Kurven

Eckert forderte in queerfeministischer Manier, „alle“ zu adressieren und behauptete:

„Statistiken sind jedenfalls kein verlässlicher Ausweis für Wahrheit, sondern oft nur Teil von Strategien und so viel wert wie eine frisierte Buchhaltung.“

Aber mit welcher Berechtigung werden die vorgestellten Statistiken als „manipulativ“ diskreditiert? Wenn es darum ginge, eben alle(!) zu adressieren, wäre es dann nicht gerade angezeigt, offen zu bleiben für die Möglichkeit, dass der als Heilsversprechen auf diversen sozialen Medien angepriesene Transweg nicht für alle das Erhoffte bringt?

Es wäre, wie von der Autorin gewünscht, tatsächlich anzustreben, die andere Seite zu zitieren (warum tut sie genau das dann nicht?), noch besser wäre es aber, wenn beide (welche?) Seiten sich noch unterhalten könnten. Umso trauriger, dass die Autorin vor Beginn der Diskussion die Flucht (wovor eigentlich?) ergriff, statt zur durchaus vorhandenen Diversität der Meinungen beizutragen.

„Thema verfehlt“

Das hat leider die Autorin selbst in geradezu beeindruckender Weise. Böse Zungen könnten angesichts der unfreiwillig komischen Verwechslung von Transfrauen (Personen, die ein Leben als Frau anstreben) und Transmännern (die ein Leben als Mann anstreben) im Absatz „Thema verfehlt“ von Transfeindlichkeit oder Misgendern sprechen. Der von Amelung thematisierte und mit Statistiken belegte Anstieg der Fälle betraf gerade sich als transmännlich identifizierende Personen. Nicht „Trans Mädchen“. Eckert misgendert also. „Trans Mädchen“ und biologische Mädchen, die sich als transmännlich identifizieren, auseinanderzuhalten, wird aber auch schwierig, wenn man so postfaktisch orientiert ist, dass Statistiken zur angeblichen Makulatur werden.

Angebliche rein zeitliche Verschiebung

Bei pubertierenden Mädchen lag laut den vorgestellten Statistiken ein Anstieg von 15 Fällen im Jahr 2009 auf 2071 Fälle im Jahre 2016 vor. Die heutige Ratio von biologischen Frauen zu biologischen Männern, die einen Transitionswunsch äußern, beträgt 3 (biologische Frauen) zu 1 (biologische Männer). Für Eckert handele sich lediglich um eine zeitliche Verschiebung, bleibt jedoch den Nachweis hinsichtlich ihrer Hypothese schuldig. Sie stellt zwar die Behauptung auf, Transfrauen seien in der Vergangenheit häufiger transitioniert und nun gehe es um eine Art verzögerten Aufholens der sich transmännlich identifizierenden Personen, führt das aber nicht weiter aus.

Warum jedoch sollte gerade in den letzten Dekaden ein solches Auf- beziehungsweise Nachholen eintreten, wenn sich doch laut vieler Aktivisten vorgeblich eine allgemein höhere Outingrate durch gestiegenen Zugang zu Informationen und zunehmende Akzeptanz eingestellt habe? Die Diskrepanz zwischen den Geschlechtern wird von Eckert in keiner Weise erklärt.

Ganz klar: Der Blick auf das Ganze hinsichtlich der eigenen Thesen fehlt. Stattdessen bleibt ein Geraune über Transfeindlichkeit und falsche Statistiken, möglicherweise in der Hoffnung, das Aufstellen unbegründeter Hypothesen würde genügen, damit schon irgendeiner der Vorwürfe am Ende am Referenten hängen bleibt.

Eckerts Flucht vor der Kontroverse

Ja, Amelung sieht sich als Mahner. Diese Rolle einzunehmen, erscheint mir nach Lektüre von Eckerts Verriss geradezu unerlässlich. Schuldig bleibt sie erneut den Nachweis, er habe Seitenhiebe gegen „den“ (welchen?) Transaktivismus ausgeteilt. Zudem: Was spricht gegen eine Vielfalt an Haltungen bezüglich des gegenwärtig als nahezu homogener Block wahrnehmbaren Aktivismus?

Der mit klischeehaften Darstellungen einer transidenten Person, natürlich mit KI erstellt, unterlegte Artikel, hinterlässt mehr Fragen als er Antworten gibt. Nach mehrmaliger Lektüre bleibt man zurück mit der Frage, wo sich die Argumente verstecken. Und nicht zuletzt mit der Feststellung, dass die Stimme Amelungs umso nötiger ist, solange derartig inhaltsleere Kritiken veröffentlicht werden.


Maximilian Kunze ist ein Pseudonym. Er studiert und arbeitet in Berlin. Nach langem Zusehen hat er sich entschieden, nun die eigene Stimme in aktuelle Diskussionen um LGBT-Politik einzubringen. Der Autor hat sich für ein Pseudonym entschieden, weil die Debatte so aufgeheizt ist und deshalb Reaktionen mit negativen Auswirkungen bis ins Private hinein befürchtet werden.


Auf ein Wort in eigener Sache: Die 2005 gegründete Initiative Queer Nations versteht sich getreu des Mottos von Magnus Hirschfeld „Durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit“ als Debattenplattform. Im Blog gibt es Kommentare, Analysen, Berichte zu aktuellen Themen, die unsere Arbeitsschwerpunkte berühren. Neben der Herausgabe des „Jahrbuchs Sexualitäten“ seit 2016 und Veranstaltungen, etwa unseren Queer Lectures, erweitern wir damit unser Angebot. Wir sagen: Mainstream kann jeder – wir haben das nicht nötig!  Wir arbeiten ehrenamtlich. Alle Texte in unserem Blog sind kostenfrei zugänglich. Damit das weiterhin möglich ist, freuen wir uns sehr, wenn Sie uns mit einer Spende oder Mitgliedschaft bei der IQN e.V. unterstützen.


Amoklauf in Kanada: Über Trans und psychische Gesundheit

Ein Gewaltverbrechen an der pazifischen Küste Kanadas entfacht eine Debatte über Transidentität, psychische Gesundheit und mediale Berichterstattung. Der Fall zeigt, wie ideologische Überzeugungen die Behandlung von Transpersonen beeinflussen und welche Schäden dadurch angerichtet werden.

Der Premierminister von British Columbia, David Eby, und die Ministerin für öffentliche Sicherheit und Generalstaatsanwältin Nina Krieger halten eine Pressekonferenz als Reaktion auf den Amoklauf vom 10. Februar 2026 in Tumbler Ridge, British Columbia, ab.
Der Premierminister von British Columbia, David Eby, und die Ministerin für öffentliche Sicherheit und Generalstaatsanwältin Nina Krieger halten eine Pressekonferenz als Reaktion auf die Schießerei vom 10. Februar 2026 in Tumbler Ridge, British Columbia, ab (Foto: Wikimedia).

15. Februar 2026 |Till Randolf Amelung

Eine Amoktat erschütterte am 10. Februar Kanada: Der 18-jährige Jesse van Rootselaar erschoss in Tumbler Ridge an einer lokalen Schule acht Personen und verletzte 27, bevor er sich selbst tötete. Ebenfalls unter den Toten sind seine Mutter und sein Stiefbruder. Irritierend war jedoch, dass Medien von einer Frau schrieben – Frauen begehen solche Taten absolut selten. Rasch löste sich im Verlauf der weiteren Berichterstattung auf, dass der Täter biologisch männlich ist und sich seit dem 12. Lebensjahr als weiblich identifizierte. Damit ließ sich sagen, dass die Tat von einer Transperson verübt wurde.

Verwirrende Medienberichte

Da sowohl der deutsche wie der anglo-kanadische Journalismus darauf konditioniert wurde, bei Transpersonen die Geschlechtsidentität als maßgeblich zu betrachten, entstanden verwirrende Medienberichte. Doch das ist nicht das wesentliche Problem mit diesem Fall. Vielmehr werden nun transaktivistische Glaubenssätze als Lebenslüge entlarvt. Insbesondere diejenigen, wonach Transsein, bzw. Geschlechtsdysphorie keine Verbindungen mit psychischen Störungen haben darf.

Laut mehrerer Medienberichte sei der Täter bereits seit Jahren psychisch erheblich auffällig gewesen, mehrmals habe es Hausbesuche durch die Polizei gegeben, wo auch Waffen konfisziert worden seien. Online wurden auch Hinweise auf Drogenkonsum gefunden. Trotz dieser Anzeichen für schwerwiegende psychische Störungen hat van Rootselaar eine gegengeschlechtliche Hormontherapie beginnen dürfen. Doch offenbar hat diese nicht zu einer Stabilisierung beigetragen, sondern möglicherweise die Lage sogar noch verschlechtert.

In den vergangenen zwei Jahren gab es vor allem in den USA Amokläufe, wo einige der Täter einen Transbezug hatten. Auch bei dem Mörder des evangelikalen Influencers Charlie Kirk lag ein solcher vor. Von einer „Epidemie“ an Transtätern, wie es das rechtspopulistische Lager behauptet, kann man zwar nicht sprechen, auffällig bleiben die bisher bekannt gewordenen Taten dennoch.

Self-ID und Entpathologisierung

Vielmehr zeigen derartige Taten, dass zwei wesentliche ideologische Pfeiler, auf denen sich der Transaktivismus seit rund zwanzig Jahren stützt, nicht mehr tragfähig sind – und es wohl auch niemals waren. Konkret geht es erstens um das Prinzip der Selbstbestimmung bei der Geschlechtsidentität und zweitens um das Leugnen jedes auch nur irgendwie gearteten Zusammenhangs von Geschlechtsdysphorie mit psychischen Störungsbildern. Dies war Teil der transaktivistischen Forderung nach „Entpathologisierung“.

„Transsexualismus“ als medizinische Diagnose war im Klassifikationssystem ICD der Weltgesundheitssystem bis 2022 unter „Störungen der Geschlechtsidentität“ eingeordnet, die wiederum im Kapitel „Psychische und Persönlichkeitsstörungen“ zu finden waren. TransaktivistInnen haben sich erfolgreich dafür eingesetzt, dass es in der elften Version des ICD nunmehr „Geschlechtsinkongruenz in der Jugend oder im Erwachsenenalter“ heißt und die neue Diagnose nicht mehr im Kapitel mit den psychischen Erkrankungen enthalten ist.

Mit dem Selbstbestimmungsprinzip, in der englischsprachigen Welt auch als „Self-ID“ geläufig, steht die selbst geäußerte Geschlechtsidentität im Vordergrund. Ein Abgleich mit objektiven Kriterien wird nicht vorgenommen, sondern ist als „Absprechen der Identität“ verpönt, wenn nicht gar zur „Menschenrechtsverletzung“ erklärt. Vollkommen unerwünscht ist ein Beharren auf einen medizinisch geprägten Definitionsrahmen, der Ausschlussgründe für die Anerkennung einer Transidentität und für medizinische Maßnahmen festlegt.

Hormone ohne Risiko

Damit verbunden hat sich vor allem in den USA und Kanada in der medizinischen Versorgung ein Prinzip durchgesetzt, wonach es gar keine sorgfältige Diagnostik mit Berücksichtigung von Ausschlussgründen oder mindestens Risikofaktoren für geschlechtsangleichende Maßnahmen mehr gibt. Stattdessen wird es bei einer allgemeinen Aufklärung über Nutzen und Risiken von Hormontherapien belassen. Somit haben zahlreiche psychisch instabile Personen und auch solche mit schwerwiegenden psychischen Erkrankungen geschlechtsangleichende Hormontherapien und chirurgische Eingriffe erhalten.

Dahinter steht die von vielen TransaktivistInnen vertretene Überzeugung, dass vor allem der Zugang zu geschlechtsangleichenden Behandlungen zur Verbesserung der psychischen Gesundheit beitrage und ein Ausschluss oder Zurückstellen von Personen mit erheblichen Begleiterkrankungen eben deren Menschenrechte verletze. Allerdings zeigt eine neue Studie eines Forscherteams aus Hongkong, dass eine Hormontherapie oder chirurgische Eingriffe allein nicht zum Rückgang von Symptomen psychischer Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen führten. Viel eher waren dafür soziodemografische und psychosoziale Faktoren, darunter Beschäftigungsstatus, Lebenssituation, psychologische Betreuung und Einnahme von Psychopharmaka, entscheidend.

Die transaktivistische Ablehnung von psychiatrischer Diagnostik und Begleittherapie sichert keine Menschenrechte von Transpersonen. Stattdessen führt ideologische Verbohrtheit, die an der komplexen Realität vorbeigeht, zu schweren Schäden: Psychische Erkrankungen werden nicht rechtzeitig angemessen behandelt. Obendrein bekommen Menschen ein irreführendes Bild von geschlechtsangleichenden Maßnahmen, ihren möglichen Nutzen und ihren Risiken. Von Letzterem ist ohnehin in ideologisch beschränkten Milieus kaum die Rede. Am Ende werden geschlechtsangleichende Behandlungen in Gänze diskreditiert und verlieren jegliche Unterstützung. Damit hätten sich die TransaktivistInnen selbst ein Grab geschaufelt.


Till Randolf Amelung ist Redakteur des IQN-Blog und seit Juli 2024 auch Mitglied des IQN-Vorstand. Als freier Journalist veröffentlicht er mit Schwerpunkt auf geschlechterpolitischen Themen auch in anderen Medien und in wissenschaftlichen Sammelbänden wie dem Jahrbuch Sexualitäten der IQN.


Auf ein Wort in eigener Sache: Die 2005 gegründete Initiative Queer Nations versteht sich getreu des Mottos von Magnus Hirschfeld „Durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit“ als Debattenplattform. Im Blog gibt es Kommentare, Analysen, Berichte zu aktuellen Themen, die unsere Arbeitsschwerpunkte berühren. Neben der Herausgabe des „Jahrbuchs Sexualitäten“ seit 2016 und Veranstaltungen, etwa unseren Queer Lectures, erweitern wir damit unser Angebot. Wir sagen: Mainstream kann jeder – wir haben das nicht nötig!  Wir arbeiten ehrenamtlich. Alle Texte in unserem Blog sind kostenfrei zugänglich. Damit das weiterhin möglich ist, freuen wir uns sehr, wenn Sie uns mit einer Spende oder Mitgliedschaft bei der IQN e.V. unterstützen.


Ärztlicher Kunstfehler: Erste Detransitioner-Klage in den USA 2026 erfolgreich

Ein US-Gerichtsurteil in einem Detransitioner-Prozess und neue medizinische Empfehlungen stellen gender-affirmative Eingriffe bei Minderjährigen auf den Prüfstand. Die Debatte um Fragen von Autonomie, Schutz und medizinische Evidenz kommt nicht zum Verstummen.

Ärzte während einer OP, Symbolbild für Artikel "Ärztlicher Kunstfehler: Erste Detransitioner Klage in den USA erfolgreich"
Ärzte während einer Operation (Foto von JAFAR AHMED auf Unsplash).

8. Februar 2026 | Till Randolf Amelung

In den USA wird die Luft für BefürworterInnen des gender-affirmativen Behandlungsmodells bei Minderjährigen immer dünner: Am 31. Januar dieses Jahres hat ein Gericht im Bundesstaat New York hat Fox Varian, eine heute 22-jährige biologische Frau, rund zwei Millionen Dollar Schmerzensgeld für Behandlungsfehler ihres ehemaligen Psychotherapeuten und eines Chirurgen zugesprochen bekommen. Im Alter von 16 Jahren wurde bei ihr eine Mastektomie (Brustentfernung) vorgenommen, da Varian unter Geschlechtsdysphorie litt und als Junge leben wollte.

Doch offenbar war dieses Empfinden nicht hinreichend stabil, und die Klägerin bereute den operativen Eingriff und lebt heute wieder als Frau. Vier Jahre nach der Operation reichte sie die Klage ein. Im Kern ging es im Prozess um die Frage, ob der Therapeut, der die Patientin für die Mastektomie empfahl und der ausführende Chirurg Sorgfalts- und Schutzstandards ausreichend beachtet hatten. Varian selbst sagte, ihr sei die Mastektomie als einzige Lösung dargestellt worden. Die Mutter der Klägerin sagte aus, sie habe dem Eingriff nur zugestimmt, weil ihr gesagt wurde, ihr Kind würde andernfalls mit hoher Wahrscheinlichkeit Suizid begehen.

Autismus und Depressionen bei Detransitioner

Offenkundig wurden im Vorfeld der Mastektomie mögliche psychische Begleiterkrankungen nicht ausreichend berücksichtigt, auch die Aufklärung über Risiken und Langzeitfolgen sei mangelhaft gewesen. Im Prozess wurde bekannt, dass bei Varian während ihrer geschlechtsdysphorischen Phase Autismus diagnostiziert wurde, ebenso eine schwere Depression.  Die Jury des Gerichts gab der Klägerin nun recht und sprach ihr Schmerzensgeld zu.

Für BeobachterInnen könnte von diesem Urteil eine wegweisende Signalwirkung für die Zukunft gender-affirmativer Behandlungen ausgehen. „Gender-affirmativ“ meint eine umgehende Bestätigung der geäußerten Geschlechtsidentität – egal in welchem Alter und auch unabhängig von möglichen Begleiterkrankungen. Diese Vorgehensweise wird besonders von Transaktivistas als die einzig, wie sie es nennen, menschenrechtskonforme propagiert.

Zwischen 2016 und 2020 wurden laut Journal of the American Medical Association 3.215 Mastektomien, 405 Genitaloperationen und 350 weitere geschlechtsspezifische Eingriffe bei 12- bis 18-Jährigen durchgeführt. Möglicherweise sind die Zahlen sogar noch höher. BefürworterInnen dieser Behandlungen bei Minderjährigen argumentieren, dass sie Stress lindern und sogar Suizide verhindern können. KritikerInnen hingegen verweisen auf die schwache medizinische Evidenz für gender-affirmative Behandlungen bei Kindern und Jugendlichen – also auf ungenügende Kenntnis des Risiko-Nutzen-Verhältnis und der Langzeitfolgen von Operationen an physisch gesunden Körpern. Weitere ehemals gender-affirmativ behandelte PatientInnen haben ebenfalls Klagen eingereicht.

ASPS veröffentlicht Positionspapier

Nur wenige Tage nach dem Urteil im Fall Fox Varians veröffentlichte die American Society of Plastic Surgeons (ASPS) eine Stellungnahme, derzufolge operative Eingriffe einer Geschlechtsangleichung nicht vor dem 19. Lebensjahr durchgeführt werden sollten. Damit sind die die erste medizinische Fachgesellschaft in den USA, die sich eindeutig öffentlich positioniert.

In der Stellungnahme heißt es zur Begründung unter Anderem:

In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich die klinische Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Geschlechtsdysphorie oder Geschlechtsinkongruenz rasch verändert. Die Behandlungsmodelle umfassen zunehmend eine psychologische Beurteilung, eine soziale Transition, endokrine Interventionen wie Pubertätsblocker und gegengeschlechtliche Hormone sowie chirurgische Eingriffe.

In dieser Zeit entwickelte sich die klinische Praxis angesichts der steigenden Nachfrage der Patienten und des sich entwickelnden Verständnisses der Evidenzbasis weiter, insbesondere im Hinblick auf die Langzeitergebnisse in der pädiatrischen und jugendlichen Population. In jüngerer Zeit haben eine Reihe internationaler Gesundheitssysteme und Berufsverbände eine formelle Überprüfung früherer Annahmen zur klinischen Praxis eingeleitet, um auf Veränderungen bei der Patientenpräsentation und eine wachsende Unsicherheit über den Nutzen medizinischer und chirurgischer Eingriffe zu reagieren. Systematische Überprüfungen und Neubewertungen der Evidenz haben in der Folge Einschränkungen bei der Studienqualität, der Konsistenz und der Nachverfolgung sowie neue Hinweise auf Behandlungskomplikationen und potenzielle Schäden ergeben.

Schon 2024 hatte diese Fachgesellschaft ihren Mitgliedern mitgeteilt, dass man keine externen Leitlinien anderer Organisationen unterstütze, die sich auf geschlechtsdysphorische Minderjährige beziehen.

Gender-affirmative Medizin und Patientenautonomie

Bisher wurde von BefürworterInnen gender-affirmativer Eingriffe immer auch auf den Wert von Patientenautonomie verwiesen. Doch dabei haben sie an Kinder und Jugendliche dieselben Maßstäbe angelegt, wie an Erwachsene – insbesondere, was die kognitiven Fähigkeiten anbetrifft, die Folgen gender-affirmativer Behandlungen angemessen einschätzen zu können.

Die ASPS dazu:

Die Achtung der Autonomie der Heranwachsenden wird auch als Grund für die Erbringung von Behandlungen angesichts von Beweisen mit geringer Gewissheit angeführt. Die Patientenautonomie ist jedoch eher als das Recht eines Patienten definiert, eine angemessene Behandlung zu akzeptieren oder abzulehnen; sie verpflichtet einen Arzt nicht dazu, Eingriffe vorzunehmen, wenn kein günstiges Nutzen-Risiko-Profil vorliegt, insbesondere bei Jugendlichen, deren Entscheidungsfähigkeit sich noch entwickelt. In der Pädiatrie muss die Schwelle für Eingriffe höher und die Schutzmaßnahmen strenger sein.

Nach der Veröffentlichung der ASPS-Stellungnahme hat sich deren Empfehlungen nun auch die größte medizinische Vereinigung der USA, die American Medical Association (AMA) diese unterstützt, wie die New York Times berichtete. Grundsätzlich befürworte die AMA zwar weiterhin gender-affirmative Behandlungen von Kindern und Jugendlichen. Angesichts der spärlichen Forschungsergebnisse zu den Risiken und Vorteilen chirurgischer Eingriffe schloss sie sich jedoch der Meinung der ASPS an.

Operationen keine Suizidprävention

Doch nicht nur diese Stellungnahmen sind bemerkenswert, wie der Journalist Benjamin Ryan auf X berichtete. Ryan war als einziger Journalist an allen Verhandlungstagen beim Prozess von Fox Varian vor Ort. Dort sagte auch der plastische Chirurg Loren Schechter aus, der selbst Mastektomien im Rahmen einer Geschlechtsangleichung vornimmt und zum neuen Präsidenten der mittlerweile umstrittenen Organisation World Professoinal Association for Transgender Health (WPATH) ernannt wurde. Schechter erklärte vor Gericht, dass solche operativen Eingriffe wie Mastektomien nicht zur Suizidprävention geeignet seien.

In Deutschland jedenfalls, hat man in den Medien von diesen Entwicklungen bislang kaum etwas vernommen. Lediglich der Focus berichtete darüber. Bereits bei der Veröffentlichung des für die Transaktivistas grundstürzend blamablen Abschlussberichts von Hilary Cass 2024 herrschte hierzulande Schweigen im Walde. Man fragt sich: Bekommen deutsche JournalistInnen wirklich nicht mit, wie gerade im Ausland das von Transaktivistas erbaute Kartenhaus einstürzt oder wollen sie nicht?


Till Randolf Amelung ist Redakteur des IQN-Blog und seit Juli 2024 auch Mitglied des IQN-Vorstand. Als freier Journalist veröffentlicht er mit Schwerpunkt auf geschlechterpolitischen Themen auch in anderen Medien und in wissenschaftlichen Sammelbänden wie dem Jahrbuch Sexualitäten der IQN.


Auf ein Wort in eigener Sache: Die 2005 gegründete Initiative Queer Nations versteht sich getreu des Mottos von Magnus Hirschfeld „Durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit“ als Debattenplattform. Im Blog gibt es Kommentare, Analysen, Berichte zu aktuellen Themen, die unsere Arbeitsschwerpunkte berühren. Neben der Herausgabe des „Jahrbuchs Sexualitäten“ seit 2016 und Veranstaltungen, etwa unseren Queer Lectures, erweitern wir damit unser Angebot. Wir sagen: Mainstream kann jeder – wir haben das nicht nötig!  Wir arbeiten ehrenamtlich. Alle Texte in unserem Blog sind kostenfrei zugänglich. Damit das weiterhin möglich ist, freuen wir uns sehr, wenn Sie uns mit einer Spende oder Mitgliedschaft bei der IQN e.V. unterstützen.