Eine Pride-Parade in Oxford zeigt im Kleinen, wie sich CSD-Veranstaltungen verändert haben. Eindrücke von einem Umzug, der mit klassischem CSD-Appeal im Sinne des Eintretens für Bürgerrechte nichts mehr gemeinsam zu haben scheint.

Von Jan Feddersen
Diese kleine Geschichte enthält keine Moral, sie ist nicht durchzogen von Haltungen, die irgendwo angesiedelt sind zwischen „Oh, wie super“ und „Irre, wie gruselig“. Wir – mein Mann & ich – waren Beobachter. Wer beguckt, macht sich auch offen für Erstaunendes. Jedenfalls waren wir aus ganz anderen, auf alle Fälle privaten Gründen in Oxford. Dieser nobelakademischer Prunkort, gut eine Stunde Busfahrt von London entfernt, ist keine Metropole. Eher eine große Stadt, deren Kern im Wesentlichen aus historischen Gebäuden – sehr chic, very barnabyesk! – besteht, die allesamt Colleges und akademischen Stiftungen gehören. Durch Oxford fließt die Themse, die hier Isis heißt. Der Verkehr ist politisch auf Nullemissionen fossiler Abgabe getrimmt, überwiegend fahren Busse über die Straßen.
Pride in Oxford
Und dann war da noch – ohne, dass wir einen Besuch geplant hätten – die Pride Week mit einer Parade als Höhepunkt der öffentlichen Performance. In den (schwulen?, queeren?, es waren viele schwule Männer zu sehen) Kneipen ist am Vorabend nicht viel los, als wir zwei bis drei Bier im Jolly Farmers tranken, war ich kurz neidisch: So eine freundliche, gemütliche, dennoch nicht durchsexualisierende Bar, die weder an den Berliner Prinzknecht erinnert noch an queere Aktionszentren mit ihren gewissen Torfigkeiten im Stil, fehlt in Berlin.
Morgens um 10 Uhr sollte die Parade beginnen, aber das hielten wir dann selbst für ausgeschlossen: Es regnete wie aus Eimern. Aber britische Queers sind offenbar hartgesotten, viele waren zum Auftakt vor dem Jolly Farmers präsent. Ein QR-Code lud zum Crowdfunding ein: Die Stadt gibt Subventionen, wesentlich aber, das wird sich erweisen, die Parade ist nicht kostspielig. Es gibt keine teuren Beschallungsinstallationen, Trucks fehlen ebenso. Es war ein bisschen wie in den siebziger Jahren – alles hatte den Charme des Nicht-sehr-Professionellen.
Um eine Pointe vorwegzunehmen: Beim abendlichen Fest vor der Bar gab es die klassische Homomucke, Gloria Gaynor & all that good shit, dargeboten durch Dragqueens, die nicht immer tonsicher, aber dafür mit Herz bei der Sache waren. Und: alle grölten mit. Es war eine warme, Gemeinschaft stiftende Atmosphäre, die auch mich berührte.
Die Parade wurde angeführt von einer mehrköpfigen Gruppe aus Verantwortlichen, gefolgt von einer TrommlerInnengruppe, hinter ihnen vier tanzende Frauen – deren Kondition ich bewunderte, weil sie auch nach vier Kilometern nicht ausgelaugt und dehydriert wirkten.

Identität im Mittelpunkt
Ansonsten hatte dieser freundliche Umzug, die Fotos lassen es erkennen, nichts, buchstäblich gar nichts mit einer klassischen CSD-Parade zu tun: Keine politischen Forderungen wurden wütend gerufen, überhaupt gab es kein Signal, dass es um eine politische Manifestation in der Tradition der „Stonewall“-Riots von 1969 ging. Stattdessen ging es um: Identität. Die Chiffre schlechthin war „Pride“. Stolz, etwa im Stil von Mary Roos‘ Lied „Aufrecht geh’n“. Um Selbstfindung, um Selfempowerment, um Körperlichkeit an sich – nicht jedoch um Sexuelles. (Homo-)Sexuelles war kein Thema, kein verschriftlichtes Zeichen.
Wer mitgelaufen ist, hatte sich auf diese „Pride“ verständigt. Die Parade lebte überwiegend von Frauen bzw. „weiblich gelesenen“ Personen. Männer gab es auch, sogar schwule Männer (wie wir). Wobei die einzigen Teilnehmenden, die man als klassisch schwul empfinden konnte – und sie sagten es: „Yes, we are gay!“ -, waren Teilnehmer der Eisenbahngesellschaft, sie verteilten sogar Schreibstifte, die ausgesprochen gut funktionieren.
Ohne besondere Ansprachen endete die Parade noch am gehobenen Vormittag gleich hinter dem Sheldonian, dem prachtvollen Konzertsaal und Inaugurationsort der Studierenden mitten im akademischen Gebäudeensemble. Nochmals: Bewunderung für alle, die höhere Schuhe, gar Heels trugen – der historische Untergrund besteht aus nicht so kleinteiligem, rundem Kopfsteinpflaster, Sturzgefahr immens. Doch niemand strauchelte!
Stolz statt Vorurteil
Die Atmosphäre war fröhlich. Eine Lesbengruppe – TERFs! – gab es, soweit durch uns ersichtlich, keine. Mir geht durch den Kopf, dass es in Großbritannien offenbar keine juristischen oder politischen Gründe gibt, in Gegnerschaft zum Staat und zur Gesellschaft zu gehen. Inklusive Same Sex Marriage ist alles antidiskriminierend geregelt. Was wir also sahen, war: Behauptungen, stabil oder schütter, von Identität und dem Recht, so zu sein, wie man ist. Soweit wir das überblicken – und hören – konnten, gab es keinen einzigen Protestschrei gegen die Parade, sie wird als grundsympathischer Teil der öffentlichen Szenerie verstanden.
Man könnte jetzt sagen: Alles war auf trans geeicht. Aber Transmenschen gab es gar nicht so viele, sondern en gros und en détail sehr junge Frauen, die auf ihr Sosein pochten. Es war mithin queer, also queerfeministisch, was hier bedeutete: Es paradierten Studentinnen, die, meine begründete Vermutung, auf öffentliche Jobs hoffen und sie mutmaßlich auch bekommen werden.
Es war eine irritierende Erfahrung: CSD ist passé, „Pride“ ist der Name des public catwalkings und des Lebensgefühls, wofür auch immer es stehen könnte. Und dieser „Stolz“ ist durchaus eine Antithese zu dem, wofür Schwule und Lesben einst einstanden, wir verkörperten ja nicht in erster Linie eine „Identität“, sondern ein sexuelles Begehren nach dem Verschwinden homophober Gesetze und Rechtsbestimmungen. Identität war nie die Kirsche auf der Torte. Worum es ging, war: Nicht mehr von antihomosexuellen Dingen benachteiligt werden. „Pride“ war ein Beiwerk, keine Chiffre, die den politischen Zweck verkörpert.

Progress Pride Flagge statt klassischer Regenbogen
Und dann fiel es mir doch schwer, auf gewisse weitere Reflexionen zu verzichten. Etwa nach der Beobachtung, dass auf der Parade durchweg keine Regenbogenflaggen zu sehen waren, sondern die sogenannte Progressfahnen. The Rainbow Flag war über manchen, wenigen Colleges gehisst. Überall sonst jene, die ausdrücklich dem Transbewusstsein den Vorzug gibt. Vielleicht steht „Trans“, ging mir auf dem Rückflug von Heathrow durch den Kopf, gar nicht für körperliche Änderungsallmachtsphantasien, sondern für „Identität“ und den Wechsel in eine andere – wie illusionär das auch sein mag. Trans, also Progress mithin, als Chiffre für Empowerment des Selbst, eine Art Optimierungschance in eigener Sache, was junge Menschen in ihrer eventuellen Verzweiflung ob ihrer noch fragilen Stellung in der Welt vorzüglich anspricht.
Trans – und dies war auf der Parade der „Pride“ doch sichtbar – war programmatisch gesinnte Freude ob der gemeinsam zu erringenden Fähigkeit, in der Welt sich nicht allein zu fühlen. Diese Parade, so oder so, hat mit „Stonewall“ und den Unruhen im New York des Jahres 1969 gar nichts mehr zu tun, es fehlt am sexuellen Appeal nicht allein, sondern auch an der entschlossen empfundenen Wut, dass die Verhältnisse sich bessern mögen. Ungeklärt blieb für mich am Ende vor allem: Was sind eigentlich queere Rechte? Antworten zu dieser Frage blieb die „Pride“-Parade schuldig. Denn: Haben sie, die sich mit „Progress“ identifizieren, nicht alles längst?




Über den Autor
jan feddersen
Jan Feddersen, Jahrgang 1957, 2005 Gründungsmitglied der IQN e.V., Redakteur der taz in Berlin, außerdem Co-Host beim Podcast „Based“. Mitherausgeber des „Jahrbuch Sexualitäten“.