Im Vereinigten Königreich vollziehen einige Labour-Politiker einen bemerkenswerten Kurswechsel in der Trans-Debatte. Doch der neue Realitätssinn kommt spät: Wer zuvor Kritikerinnen des Gender-Aktivismus diffamieren ließ oder selbst daran mitwirkte, kann sich nicht einfach still aus der Affäre ziehen.

Von Till Randolf Amelung
Wer wissen will, wie es in den Auseinandersetzungen um Transfragen weitergeht, sollte nach Großbritannien schauen. Dort rücken inzwischen auch PolitikerInnen der Labour-Partei, also aus der sozialdemokratischen Ecke davon ab, Geschlechtsidentität und biologisches Geschlecht gleichzusetzen. Doch was noch fehlt, ist ein öffentliches Eingeständnis, vorher falsch gelegen zu haben und vor allem nichts gegen die Dämonisierung von KritikerInnen – insbesondere von Frauen – unternommen zu haben.
Dämonisierungen als TERF
Für einen Einblick aus erster Hand, wie sich Dämonisierungen auf das Leben der Betroffenen auswirkten sei hier das vom Perlentaucher vorab als Leseprobe veröffentlichte Gespräch aus dem „Jahrbuch Sexualitäten 2026“ von Jan Feddersen mit der lesbischen Aktivistin Faika El-Nagashi empfohlen. Wer in der Schlacht dabei gewesen ist, kann nicht vergessen, wie mit Frauen umgegangen wurde, die als TERF gebrandmarkt sind. „TERF“ – das steht für Trans-Exclusionary Radical Feminists und meint im transideologischen Jargon Frauen, die darauf bestehen, dass das biologische Geschlecht nicht per unhinterfragbarem Sprechakt außer Kraft gesetzt werden kann. Faktisch sind diese vier Buchstaben ebenso moralisch aufgeladen wie „Nazi“ – wer so bezeichnet wird, gilt als aussätzig.
Wie das Klima sich zu wandeln beginnt, das hat James Murray, britischer Gesundheitsminister für die Labour-Regierung am vergangenen Sonntag zu spüren bekommen, als er auf dem Sender GB News von seiner Gastgeberin, der konservativen Journalistin Camilla Tominey, in die Mangel genommen wurde. Tominey konfrontierte Murray mit seinen Ansichten zu Geschlecht und Trans, wohingegen Murray betonte, er habe einen Sinneswandel vollzogen und denke nicht mehr, dass Transfrauen Frauen sind.
Camilla Tominey grillt James Murray
Der Ausschnitt wird gerade als Videoclip durch das Internet gereicht und erregt einiges an Aufmerksamkeit sowie Staunen. So sieht er also aus, der Sinneswandel. Es ist anzunehmen, dass viele PolitikerInnen, die sich als eher progressiv verstehen, aber wissen, in der Geschlechterfrage den Pfad der Vernunft verlassen zu haben, nicht so genau darüber Auskunft geben wollen. Das will man lieber im Schlafwagen aussitzen. Doch im Falle von Gesundheitsminister Murray lässt Tominey diesen aber nicht so einfach vom Haken. Der Wortwechsel ist bemerkenswert, daher hier transkribiert und übersetzt:
Camilla Tominey: Aber Sie stehen doch eigentlich sehr auf der Seite der Trans-Bewegung, oder? Sie haben an Kampagnen und Ähnlichem mitgewirkt. Ich meine, glauben Sie, dass eine Frau einen Penis haben kann? Denn das haben Sie früher einmal so gesehen. Das ist eine wichtige Frage, die ein Gesundheitsminister beantworten muss.
James Murray: Nein, das tue ich nicht.
Camilla Tominey: Sie haben also Ihre Meinung geändert?
James Murray: Ja.
Camilla Tominey: Warum haben Sie Ihre Meinung geändert?
James Murray: Nun, ich habe in den letzten Jahren viel über dieses Thema nachgedacht. Und ja, ich würde heute nicht mehr sagen, dass zum Beispiel Trans-Frauen Frauen sind. Ich denke, das biologische Geschlecht ist wichtig.
Camilla Tominey: Das hätten Sie doch schon früher wissen müssen; Sie sind sehr gebildet. Ich habe heute Morgen gelesen, dass Sie die Privatschule St. Paul’s besucht haben. Wie um Himmels willen konnten Sie früher der Meinung sein, dass eine Frau einen Penis haben kann?
James Murray: Nun, ich glaube, das ist ein Thema, über das viele von uns in den letzten Jahren nachgedacht haben, und es gibt einen Unterschied zwischen dem biologischen Geschlecht (sex) und der Geschlechtsidentität (gender). Ich denke, wenn es um das biologische Geschlecht geht, ist die Biologie entscheidend, und deshalb …
Camilla Tominey: Sind Sie Frauen eine Entschuldigung schuldig – jenen, die sich kritisch zur Geschlechtsidentität geäußert haben und daraufhin „gecancelt“ wurden?
James Murray: Wissen Sie, ich bin nicht der Meinung, dass Menschen „gecancelt“ werden sollten. Ich finde, jeder sollte seine Ansichten vertreten dürfen.
Camilla Tominey: Aber ein Grund dafür, dass diese Frauen „gecancelt“ wurden, ist doch gerade, dass Leute wie Sie das biologische Geschlecht geleugnet haben, woraufhin diese Frauen von der Trans-Lobby regelrecht gejagt wurden.
Schließlich betonte Murray im weiteren, aber im Clip nicht mitgeschnittenem Verlauf noch, dass er mehrere Personen mit unterschiedlichen Ansichten zu diesem Thema gehört und schließlich seine Meinung in der Sache geändert habe. Danach endete das Interview und er wurde von Tominey verabschiedet.
Kathleen Stock aus Job gemobbt
Einer der prominentesten Fälle in Großbritannien ist der von Kathleen Stock, ehemals Professorin für Philosophie an der Universität Sussex. Da sie wiederholt, auch in Buchform, eine Gleichsetzung von Geschlechtsidentität mit biologischem Geschlecht ablehnte, wurde sie von Transaktivistas so gepiesackt, dass sie schließlich ihren Job entnervt an den Nagel hängte. Zumal sie nicht die erforderliche Unterstützung durch die Universität bekam, die zu wenig tat, um den Aktivisten Einhalt zu gebieten.
Daneben gibt es Erfahrungen von vielen nicht prominenten Frauen, die mit ihrer Kritik an der Entbiologisierung von Geschlecht gerade in linksprogressiven Zusammenhängen rausgedrängt wurden, teils übelste Schmähungen hinnehmen mussten. Auch in Deutschland passierte dies in den vergangenen Jahren.
Nun hat sich der Wind in der britischen Gesellschaft gedreht und Politiker wie Murray drehen ihr Fähnchen mit. Während sich Transaktivistas fühlen müssen, als würden sie wie heiße Kartoffeln plötzlich fallengelassen, hat sich bei den diffamierten Frauen einiges an Frust aufgestaut, der nicht so einfach zu heilen sein wird.
Diskreter Ausgang zur Vernunft gesucht
Wie konnte es so weit kommen, fragt man sich. Jochen Bittner, London-Korrespondent für die Zeit schreibt im Kurznachrichtendienst X dazu unter anderem:
„Warum ist so viele Politikern so lange die schlichte, aber wichtige Unterscheidung zwischen biologischem Geschlecht (Sex) und Geschlechtsidentität (Gender) so unendlich schwergefallen? Es war natürlich die Angst, als ‚transphob‘ gebrandmarkt zu werden. Diese Angst hat den Verstand ausgeknipst.“
Diese Macht hat man radikalen Aktivisten allerdings bereitwillig überlassen. Die wohlmeinende Mehrheit im politischen Betrieb hat die Konsequenzen solcher Überlassungen bei diesem Thema nicht passend eingeschätzt. Jetzt sucht man, wie Murray, den Weg raus. Wenn man wirklich etwas aus dem Trans-Debakel lernen sollte, dann wie es überhaupt dazu kommen konnte, Auffassungen salonfähig zu machen, denen die Evidenz fehlte. Gesellschaft und Politik – nicht nur in Großbritannien – wären gut beraten, dies aufzuarbeiten. So jedenfalls, mit dem Wegducken vor dieser offenen und ehrlichen Aufarbeitung, lässt man Transpersonen beschädigt zurück und hat in vielen Bereichen Vertrauen verspielt, vor allem bei Frauen.

Über den Autor
Till Randolf Amelung
Till Randolf Amelung ist Redakteur des IQN-Blog und seit Juli 2024 auch Mitglied des IQN-Vorstand. Als freier Journalist veröffentlicht er mit Schwerpunkt auf geschlechterpolitischen Themen sowie in anderen Medien und in wissenschaftlichen Sammelbänden wie dem Jahrbuch Sexualitäten der IQN. Seit der Jahrbuch-Ausgabe für 2026 gehört er auch zu den Herausgebern.
