Ein vom Berliner Senat beauftragtes Dossier bestätigt, was jüdische und israelsolidarische Queers seit Jahren erleben: In Teilen der Berliner queeren Szene ist Antisemitismus längst kein Randphänomen mehr. Doch statt Konsequenzen zu ziehen, herrschen Schweigen, Verharmlosung und Opportunismus.

Von Till Randolf Amelung
Nun ist es in einer vom Berliner Senat beauftragten Untersuchung bestätigt: Berlins queere Szene hat ein Antisemitismusproblem. Das vorige Woche veröffentlichte Dossier von Stefan Lauer, der für die Amadeu-Antonio-Stiftung tätig ist, hält fest:
„Queers mobilisieren zu israelfeindlichen Demos, es kommt zu Übergriffen auf Jüdinnen*Juden. Wer Teil der Szene sein will, muss sich antizionistisch positionieren.“
Veröffentlicht wurde das Papier jetzt, nachdem der Abgeordnete Klaus Lederer, früherer Kultursenator und jetziges Mitglied der Linksfraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, sich Anfang Juni mittels einer Schriftlichen Anfrage nach dem Sachstand erkundigte. Lederer gilt als engagierter Kämpfer gegen Antisemitismus – und verließ aufgrund dessen nach langjähriger Mitgliedschaft „Die Linke“.
Hamas-Propaganda für Queers
Die Reaktionen nach der Veröffentlichung von Lauers Dossier sind insgesamt eher verhalten, Berichterstattung in den Medien findet bislang nicht statt – auch nicht in queeren. Dabei finden sich in dem Papier interessante und auch erschreckende Befunde, zu denen vermehrte Angriffe auf sowie Ausgrenzungen von jüdischen Menschen in queeren Szenen gehört. Man könnte sagen, für Jüdinnen und Juden sind queere Szenen eine No-Go-Area geworden. Bei IQN berichteten wir mehrfach, beispielsweise über die Entwicklung, die der Dyke* March Berlin genommen hat. Dieser ist von einem Marsch für lesbische Sichtbarkeit am Vorabend des großen CSD nunmehr zum Verkündungsort von Hamas-Propaganda geworden.
Wie Lauer ausführt, haben sich diese Entwicklungen seit dem Hamas-Terror vom 7. Oktober 2023 nur noch verschärft, waren aber nicht neu. Denn bereits der Kreuzberger CSD, der sich zwischen 1998 und 2016 unter verschiedenen Namen als antikapitalistische Alternative zum großen CSD Berlin anpries, war von antisemitischen Vorfällen geprägt. Seit 2021 marschiert wieder eine Parade durch Kreuzberg, nun unter dem Namen „Internationalist Queer Pride“ und Antisemitismus in Form von Israelhass gehört hier fest zum Programm.
Ideologisches Pauschalangebot
Als „ideologisches Pauschalangebot“ (Shulamit Volkov) gehört Antisemitismus seit jeher zum ideologischen Baukasten antiimperialistisch geschulter linker Kreise, worauf Lauer richtigerweise hinweist. Für queere Szenen, die sich sehr mit progressiver und linker Programmatik verschränken, kommt noch das spezifische Angebot mit den Schwurbelbegriffen „Homonationalismus“ und „Pinkwashing“ hinzu, die von prominenten VertreterInnen der Queer Theory, insbesondere Judith Butler oder Jasbir Puar postuliert werden.
Wer „Homonationalismus“ in den Mund nimmt, will sagen, dass die Liberalisierung der Sexualmoral in westlichen Gesellschaften nur eine scheinbare sei, weil rassistisch und nationalistisch motiviert, da diese nur weißen Cis-Männern zugutekäme. Der Begriff „Pinkwashing“ hingegen unterstellt Israel, nur einen auch rechtlich liberalen Umgang mit Homosexualität zu pflegen, um Menschenrechtsverletzungen an Palästinensern zu kaschieren.
Wer diesem Unfug nicht anheimfallen will, hat international in sich auf Queer Theory berufenden Kreise einen schweren Stand, wovon bereits Anfang 2023 die US-amerikanisch-jüdische, lesbische Akademikerin Corinne E. Blackmer berichtete. IQN veröffentlichte ihren Text 2024 auf Deutsch im Blog:
„Als lesbische zionistische Akademikerin habe ich erlebt, wie meine einst soliden Allianzen zerbrachen und meine geliebten Communities, denen ich mich zugehörig gefühlt habe, in sich bekriegende Lager zerfielen. In den letzten Jahrzehnten, in denen das akademische Feld der Queer Studies sichtbarer und einflussreicher geworden ist, haben einige seiner führenden Vertreter die Idee vertreten, dass die Ablehnung der Existenz Israels eine natürliche Position für Schwule und Lesben ist.“
Bekämpfung von Antisemitismus unerwünscht
Lauer gelingt es einerseits durchaus, in seinem Dossier das ideologische Geflecht aufzuzeigen und die Konsequenzen insbesondere für queere Jüdinnen und Juden, die in queeren Szenen keine Sicherheit erfahren. Andererseits kommt zu kurz, dass sich seit Jahren nicht nur jüdische Queers gegen den Antisemitismus wenden, sondern auch nicht-jüdische LGBT. Im Dossier wird zwar punktuell erwähnt, dass es zu Angriffen auf Orte wie den Techno-Club //:about blank kommt, wenn sie sich israelsolidarisch positionieren.
Doch die Ausschlüsse passiere nicht nur in der Clubszene, sondern auch im akademischen und NGO-Sektor, wenn man sich offen gegen die queere Doktrin stellt. Insofern ist es bedauerlich, dass doch einige wichtige Referenzen in Lauers Dossier nicht vorkommen, die die Einsicht in das Problem noch vertiefen würden – so beispielsweise der Sammelband „Siebter Oktober Dreiundzwanzig“ von Vojin Saša Vukadinović, der im Frühjahr 2024 im Berliner Querverlag erschienen ist.
Hilft Bildung gegen Opportunismus?
Bei den im Dossier vorgeschlagenen Gegenmaßnahmen wiederum, erscheint es naiv, Bildungsarbeit in den Vordergrund zu rücken, wo man es mit ideologischer Verblendung zu tun hat. Auch Entzug von Geld kommt nicht zu Sprache und das, obwohl in diesen Szenen genug mit Steuergeld Alimentiertes passiert – zumeist irgendwas Intersektionales und Antirassistisches. In Berlin müsste der Senat seine Gestaltungs- und Finanzmacht so einsetzen, dass sich Judenhass nicht lohnt, und er müsste diejenigen aktiv stärken, die sich dagegenstemmen. Und diese LGBT gibt es, man findet einige Namen beispielsweise unter dem Aufruf „Verfolgung von Schwulen, Lesben und Transgender in Gaza und dem Westjordanland stoppen“, der im Juli 2024 veröffentlicht wurde.
Zudem wird Bildung allein nicht viel gegen Opportunismus ausrichten, der wie so oft einen großen Beitrag am Unheil hat. Opportunismus führt offenbar auch dazu, dass queere Szenemedien Antisemitismus als Thema nicht konsequent genug begleiten. Stattdessen findet man in einigen wie dem Berliner Stadtmagazin Siegessäule eine den israelbezogenen Antisemitismus unterstützende Publizistik. Man weiß eben, was en vogue ist. Erst recht fehlt über dieses Dossier in queeren Medien Berichterstattung. Wie soll es unter diesen Bedingungen zur notwendigen breiten Diskussion und Entwicklung eines Problembewusstseins in der queeren Szene kommen?
Till Randolf Amelung ist Redakteur des IQN-Blog und seit Juli 2024 auch Mitglied des IQN-Vorstand. Als freier Journalist veröffentlicht er mit Schwerpunkt auf geschlechterpolitischen Themen sowie in anderen Medien und in wissenschaftlichen Sammelbänden wie dem Jahrbuch Sexualitäten der IQN. Seit der Jahrbuch-Ausgabe für 2026 gehört er auch zu den Herausgebern.