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Antisemitismus nach dem 7. Oktober: Verdrängung in der queeren Szene

Auch drei Jahre nach dem Hamas-Terrorangriff gegen Israel vom 7. Oktober bleibt die Auseinandersetzung mit Antisemitismus in Teilen der queeren Szene aus. Stattdessen wird vor der gewaltbereiten Radikalisierung, die jüdisches Leben in Deutschland gefährdet, weggesehen.

Demonstration "United for Palestine" am 10. Oktober 2026 in Berlin mit Teilnehmenden, Fahnen und einem Plakat mit der Aufschrift „Von Berlin bis nach Gaza – Yallah Intifada“. Auf dem Plakat ist das Logo der Partei "Die Linke" zu sehen - ein Ausdruck von israelbezogenem Antisemitismus. Daneben hält eine andere Person ein Bild mit dem im Februar 2026 bei einem israelischen Angriff getöteten Obersten Führer des Irans, Ali Chamenei, hoch. Im Hintergrund sind Polizei, weitere Protestierende und Gebäude der Innenstadt zu sehen.
Auf der Demo „United for Palestine am gestrigen Samstag: Verehrung des im Februar getöteten iranischen Obermullah Ali Chamenei und Aufruf zur Intifada mit Linken-Logo (Foto: Iman Sefati auf X).

Von Till Randolf Amelung

Drei Jahre liegt der unfassbar grausame Terrorangriff der Hamas auf Israel, faktisch der versuchte Genozid an den Juden und Jüdinnen in Israel, inzwischen zurück, bei dem die größte Anzahl an Jüdinnen und Juden seit Ende des Zweiten Weltkriegs ermordet wurde. Daraufhin folgte ein großangelegter militärischer Gegenschlag der israelischen Armee, mit verheerenden Folgen für die palästinensische Zivilbevölkerung. Seit Oktober 2025 herrscht inzwischen ein Waffenstillstand.

Weltweit – auch in Deutschland – führten die Ereignisse zu einer erschreckenden Radikalisierung palästinensisch-nationalistischer Kräfte, die ihrerseits sowohl mit islamistischen als auch mit autoritär-linksextremistischen Bewegungen verbunden sind. Dazu gehören ebenfalls Teile der queeren Szene. Bis heute marschieren Demos auch durch deutsche Innenstädte, aus denen die Vernichtung des Staates Israels gefordert wird – und damit letztendlich auch die der jüdischen Bevölkerung. Ein prominenter Gast ist öfters die ehemalige Schulschwänzerin fürs Klima und heutige Anti-Israel-Aktivistin Greta Thunberg – so auch am 7. Oktober, zum Jahrestag des Massakers, in Berlin. Unter dem Motto „Down with colonialism!“ riefen linksextremistische, antiimperialistische Gruppen in der Bundeshauptstadt zu einer Demo auf, auf die den Hamas-Terror verherrlichte.

Bis heute fehlt in diesen Kreisen sowie in der deutschen Gesellschaft insgesamt eine auch historisch korrekte Auseinandersetzung, die den Blick darauf richtet, woran seit nun fast achtzig Jahren jede Bemühung um eine nachhaltige Befriedung zwischen Israel und den palästinensischen AraberInnen scheitern. Letztlich war es immer die arabische Seite, die in Rache an den israelischen Juden verharrt blieb, anstatt sich für eine eigene Zukunft zu entscheiden. 

Radikalisierter Antisemitismus

Ein Ende September veröffentlichter Report des Vereins democ e.V., der demokratiefeindliche Bewegung beobachtet, zeigt auf, wer den Ton in dieser Bewegung prägt:

„Langjährig aktive, oft PFLP-nahe oder islamistisch geprägte Strukturen beeinflussen Tonlage, Inhalte und Aktionsformen der Proteste maßgeblich. In denselben Protestkontexten treten die antiimperialistische Linke und zunehmend Teile der Klima-, der feministischen und der antimilitaristischen Szene auf; israelbezogene Mobilisierungen haben sie in ihre politische Praxis integriert.“

Weiter heißt es:

„Kennzeichnend ist eine Diskursverschiebung, mit der antisemitische Narrative und Deutungsrahmen an gesellschaftlicher Akzeptanz gewinnen. Dazu zählen die Umdeutung von Gewalt in legitimen Widerstand, die Delegitimierung Israels, das Feindbild Zionismus, die Abwehr historischer Verantwortung sowie Verschwörungsdenken.

Die beschriebenen Dynamiken gehen mit einem messbaren Anstieg antisemitischer Bedrohungen im öffentlichen und digitalen Raum einher: Jüdische Personen und Einrichtungen sind verstärkt Anfeindungen, Gewalt und erhöhten Schutzanforderungen ausgesetzt. Jüdische Perspektiven und Erfahrungen werden delegitimiert oder anhand ihrer Haltung zu Israel hierarchisiert – und gegebenenfalls aus öffentlichen Debatten ausgeschlossen.“

Und bis heute gibt es aus diesen Milieus keine Geste, kein Wort des Mitgefühls für die jüdischen Opfer. Ebenso wenig aus dem diesen Szenen verbundenen Teil der queeren Aktivistas. Es herrscht die Überzeugung, letztlich sei das Morden von Jüdinnen und Juden als Teil der Befreiungskämpfe des vermeintlich unterdrückten palästinensischen Volks richtig gewesen.

Queere vermeiden Auseinandersetzung

Eine breite Auseinandersetzung mit Antisemitismus bleibt in der queeren Szene auch 2026 aus. Allein die Siegessäule, die ansonsten zuletzt eher die antiimperialistisch orientierten Queerfeministas bediente, veröffentlichte die persönlichen Erfahrungen einer queeren Jüdin, die unter anderem beklagt:

„Ich möchte darüber schreiben, dass viele queere Jüdinnen*Juden ihre politische Heimat verloren, weil wir diesen Verrat an feministischen Grundwerten nicht mehr ausgehalten haben. Weil auf queeren Demonstrationen, wie dem Community Dyke March 2025, der Davidstern verboten wurde, aufgrund seiner möglicherweise verletzenden Wirkung oder explizit Zionist*innen ausgeschlossen wurden, ohne zu konkretisieren, wen oder was man damit eigentlich meint, während im gleichen Atemzug der Terror der Hamas als notwendiger Widerstand legitimiert wurde. Weil alternative CSDs von Gruppen mitveranstaltet wurden, die die Schilderungen der Opfer sexualisierter Gewalt am 7. Oktober und in Hamas-Gefangenschaft als israelische Propaganda und Lügen bezeichnen.“

Gerade in Berlin gibt es mittlerweile einen harten Kern dieser antisemitischen Aktivistas. Nach dem Sieg bei der Wahl für das Abgeordnetenhaus steht in der Bundeshauptstadt besonders die Linkspartei mit ihrer Landesarbeitsgemeinschaft Palästinasolidarität im Fokus. Auch am gestrigen Samstag demonstrierten sie wieder unter dem Motto „United for Palestine“ in Berlin – antisemitische Ausfälle inklusive.

Bürde für Koalitionsverhandlungen

Dies ist eine enorme Bürde für die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen zwischen Linkspartei, SPD und Grünen. Alle drei Parteien haben sich zwar am vergangenen Mittwoch auf Verfahrensweisen bei antisemitischen Vorfällen durch Linkenabgeordnete geeinigt, doch dagegen regt sich gerade innerparteilich Protest – obwohl die Vereinbarung selbst eher als „windelweich“ zu bezeichnen ist.

Auch Queere machen hier munter mit, darunter die Transfrau Nala Wahle, die mal Kandidatin in Heidi Klums Show „Germanys Next Top Model“ war und sich von einer Beauty-Influencerin zu einer zum Islam konvertierten Palästina-Aktivistin entwickelt hat. Auf ihrem Instagram-Kanal finden sich viele Postings von Demos und anderen Aktivitäten, darunter auch über ihre Absicht, als Bundessprecherin für die LAG Palästinasolidarität zu kandidieren.

Queere Verbände thematisieren Antisemitismus nicht

Queere Verbände wiederum interessieren sich lediglich dafür, dass eine rot-grün-rote Koalition ihre Projekte und Stellen finanziert sowie den Schutz vor queerfeindlicher Gewalt sicherstellt. Die offenkundigen Probleme mit Antisemitismus und zu engen Verstrickungen einiger Linken-PolitikerInnen mit kriminalitätsaffinen Clans bereiten ihnen anscheinend keine Kopfschmerzen. Wie mit dieser Linken der Schutz vor queerfeindlicher Gewalt gewährleistet werden kann, ist eine Frage, die man sich wohl nicht stellen will.

Antisemitismus vergiftet gerade viele Bereiche, vor allem im politisch linksorientierten Bereich und eben in der queeren Szene. Von einer dringend notwendigen und umfassenden Auseinandersetzung mit dem Problem unter Queers kann nach wie vor nicht die Rede sein. Deren Vermeidung wird Queeren nicht helfen, vielmehr wird sie Gräben vertiefen. Denn es gibt noch genügend Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transpersonen, die so viel Selbsterhaltungswillen haben, dass sie mit Antisemiten, Islamisten und Kriminellen keine gemeinsame Sache machen wollen.

Till Randolf Amelung ist Redakteur des IQN-Blog und seit Juli 2024 auch Mitglied des IQN-Vorstand. Als freier Journalist veröffentlicht er mit Schwerpunkt auf geschlechterpolitischen Themen sowie in anderen Medien und in wissenschaftlichen Sammelbänden wie dem Jahrbuch Sexualitäten der IQN. Seit der Jahrbuch-Ausgabe für 2026 gehört er auch zu den Herausgebern.