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Emanzipationshistorie mit blinden Flecken und fehlender Quellenbasis

  • Buch

Nora Eckert will die Geschichte der deutschen Transbewegung aus der Perspektive ihrer Akteurinnen und Akteure erzählen. Ihre materialreiche Darstellung eröffnet spannende Einblicke, doch Auslassungen, fehlende Belege und ein allzu einseitiger Blick auf zentrale Konflikte trüben den Anspruch eines Buches, das als Standardwerk gelten will.

Mehrere dicht gestapelte Papierordner und Dokumentenmappen mit schwarzen Stoffbändern liegen übereinander. Die Mappen sind mit zahlreichen lose eingelegten, teils vergilbten Papierstapeln gefüllt. Das Bild vermittelt den Eindruck eines umfangreichen Papierarchivs. Symbolbild für Emanzipationshistorie mit blinden Flecken und fehlender Quellenbasis
Foto von Sear Greyson auf Unsplash

Von Till Randolf Amelung

Nora Eckert, so streitbare wie umstrittene Publizistin und Transaktivistin, möchte mit ihrem neuen Buch „Der lange Weg zur Selbstbestimmung. Eine trans*Geschichte der BRD/DDR“ Lücken schließen, um nicht weniger als eine Bewegungs- und Emanzipationsgeschichte der deutschen Transcommunity vorzulegen, wie es in der Einleitung heißt. Doch ist ihr das gelungen?

Trans und die Quellenlage

Die Autorin beschreibt ihre Ambitionen mit: „Was in der Gesellschaftsgeschichte fehlt. – Eine trans*Geschichte hat nur Sinn, wenn sie vom trans*Sein in der Gesellschaft handelt.“ Erzählen möchte Eckert ihre „trans*Geschichte“ als „Geschichte von unten“ und zugleich als Emanzipationsgeschichte, die über zunächst keine rechtliche Anerkennung zum Transsexuellengesetz und schließlich zum Selbstbestimmungsgesetz gelangt. Ihre Tour d’Horizon beginnt, mit einem kleinen Exkurs in die NS-Zeit, ab 1945 und reicht bis in die Gegenwart.

So viel sei bereits vorweggenommen: Einen großen Wurf in der Geschichtsschreibung hat Eckert nicht vorgelegt. Der konnte es nicht sein, denn die Forschung hat ja gerade erst begonnen. Auch eine systematische Quellenforschung in Archiven als Grundlage für ihr Werk ist nicht ersichtlich. So wurde eine der gut sortiertesten Sammlungen, die von Niki Trauthwein, nicht verwendet. Lapidar heißt es dazu bei Eckert, dass diese nicht mehr öffentlich zugänglich sei.

Richtig ist, dass sich diese Sammlung im 2013 von Trauthwein selbst gegründeten Lili-Elbe-Archiv befand, welches jedoch 2022 nach fast zehn Jahren wieder geschlossen wurde – aufgrund fehlender gesicherter Finanzierung. Die Archivbestände seien nach Kanada überführt worden, wie es auf der Website des Kunstprojekts „What if Berlin“ heißt.  Wahrscheinlich an das Transgender Archive der University of Victoria, der größten historischen Sammlung zu Trans weltweit. Bedauerlich, dass offenbar keine deutsche Institution für die Übernahme von Trauthweins bemerkenswerter Sammlung in Frage kam – nicht minder bedauerlich, dass der Autorin Eckert eine Recherche an der kanadischen Westküste womöglich zu mühselig war.

Zu viele Ungenauigkeiten ziehen sich so insgesamt durch ihre Darstellungen, gar fehlen auch Belege überhaupt. Großzügig ist sie vor allem mit ihren Bewertungen, an mehreren Stellen lässt sie ihre LeserInnen jedoch in Unkenntnis, warum und wie sie zu diesen Urteilen, Interpretationen und Einschätzungen gekommen ist. Dennoch enthält ihre Arbeit auch spannende, bislang kaum bekannte Aspekte.

Trans im Nationalsozialismus

Ein vorangestellter kurzer Verweis auf die NS-Zeit will die Ausgangslage für Transpersonen verdeutlichen, vor der sie nach Kriegsende standen. Strittig ist generell in der Forschung, inwieweit Transpersonen im NS systematisch verfolgt wurden. Historiker Alexander Zinn beschreibt, dass der Umgang der Nationalsozialisten mit Transpersonen in hohem Maße ambivalent war. Das Spektrum reichte von Duldung und Anerkennung bis hin zu Psychiatrisierung und strafrechtlicher Verfolgung. Ein großes Risiko für Verfolgung bestand, wenn man homosexueller Handlungen gemäß §175 verdächtigt wurde oder einer anderen Verfolgtengruppe angehörte, insbesondere jüdisch war.

Von dieser Ambivalenz geben Eckerts Erläuterungen kaum Auskunft, biografische Beispiele – die es zur Illustration durchaus gibt – fehlen hier. So belässt sie es aber beim Beharren auf den Verfolgungsaspekt: „Trans* Personen wurden Opfer von KZ-Internierung und Zwangskastrationen, auch wenn kein systematisches staatliches Vorgehen nachweisbar ist. Ein kategorisches Nein zur Verfolgung bleibt dennoch befremdlich, weil die Logik der polizeilichen Praxis von erkennungsdienstlichen Erfassungen, die eine Überwachung erst ermöglichen, ignoriert wird.“ Hier bezieht sich Eckert auf Transvetiten-Karteien, die es bereits seit der Weimarer Republik gab.  

Insgesamt scheint es ihr bei dem dann doch zu ungenau geratenen NS-Exkurs vor allem darum zu gehen, negative Kontinuitätslinien zur Sexualwissenschaft nach 1945 zu ziehen: „Die Tonlage ändert sich nach 1945 nur graduell, indem die Sexualwissenschaft aus dem Befund ‚asoziale Haltung‘ eine Krankheitsdiagnose macht, die nun von Perversion und Abnormalität spricht.“ Im NS selbst blieb der Diskurs unabgeschlossen und damit ungeklärt, ob Transpersonen nun per se in- oder außerhalb der sogenannten „Volksgemeinschaft“ stehen.

Dementsprechend negativ eingestimmt, leitet sie die Nachkriegsjahre ein:

„Gerade trans*Menschen haben in ihrem Kampf um Anerkennung buchstäblich am eigenen Leib erfahren, wie recht Max Weber mit der Einsicht hatte, dass politische Herrschaft in erster Linie die Herrschaft der Verwaltung im Alltag bedeute. Im Umgang mit ihnen dominierte die Arroganz der Ignoranz oder anders gesagt, beherrschend blieb die Unfähigkeit, trans* als Teil der menschlichen Natur zu begreifen und die durch trans* aufgeworfenen Fragen der gesetzlichen Regulierung in einen menschenrechtlichen Kontext einzubinden.“

Was Eckert menschenrechtlich für akzeptabel hält, sind Regelungen für die Änderung des Vornamens und Geschlechtseintrags, die auf dem Selbstbestimmungsprinzip basieren. Daran lässt sie auch in ihrem anderweitigen publizistischen Schaffen nie einen Zweifel.

Fehlende Quellen bei Hertha Wind

Fehlende Belege fallen am deutlichsten im Kapitel „Jedes trans*Leben ist Aktivismus – zum Beispiel Hertha Wind“ auf. Darin skizziert Eckert kurz den biografischen Werdegang der Transfrau Hertha Wind, die es sogar während der NS-Zeit schaffte, eine Namensänderung zu einem geschlechtsneutralen Vornamen sowie geschlechtsangleichende operative Eingriffe zu erwirken. In der frühen Nachkriegszeit gelang ihr die Änderung zu einem eindeutig weiblichen Vornamen sowie weiblichen Geschlechtseintrag. Schließlich ging sie auch medial an die Öffentlichkeit.

Erstmalig ausführlich rekonstruiert wurde Winds Biografie vom Historiker Alexander Zinn, der darüber einen Beitrag im „Jahrbuch Sexualitäten 2025“ veröffentlichte. Leider findet sich kein Verweis in Eckerts Buch – womöglich, weil die Autorin mit der Nennung von Winds männlichem Geburtsnamen in Zinns Aufsatz nicht einverstanden war, was sie bereits damals in ihrer Rezension auf queer.de skandalisierte. Sollte diese Vermutung zutreffen, spräche sie nicht für einen professionellen Umgang mit Primär- und Sekundärquellen, zumal Eckert hier auch auf die Angabe anderer Quellen verzichtet.

Cover Nora Eckert Der lange Weg zur Selbstbestimmung
Nora Eckert: Der lange Weg zur Selbstbestimmung. Wallstein-Verlag: Göttingen 2026, ISBN 978-3-8353-6156-0, 250 Seiten, 20 Euro.

Mediale Exotisierung

Spannend hingegen sind Eckerts Quellenfunde zur medialen Berichterstattung in der Bundesrepublik, in der insbesondere in den 1970er Jahren mehrere Artikel veröffentlicht wurden, in denen persönliche Schicksale einzelner Transpersonen im Mittelpunkt standen. Prägend für diese Berichterstattung sei vor allem eine „Exotisierung“ und „Medikalisierung“ gewesen. Außerdem, so Eckert, habe das Werben um Verständnis für das Individuum im Zentrum dieser Berichte gestanden und nicht „sexualwissenschaftliche Theoreme in ihrer konsequenten Pathologisierung“.

Ausgeblendet habe man in der damaligen Berichterstattung außerdem die „Tatsache, dass trans* subversiv auf eine statisch verstandene Geschlechterordnung antwortet“. Ist „Trans“ wirklich Subversion, wie Eckert es wohl gern verstanden wissen möchte? Wie haben das die damals porträtierten Transpersonen selbst gesehen? Im Kapitel über den beschriebenen Boom an Medienberichten kommt die Dialektik zwischen solchen Berichten und Auswirkungen auf mögliche Coming-outs sowie Effekte auf gesellschaftliche Toleranz zu kurz.

Durchweg schlecht kommt bei Eckert jedoch die Sexualwissenschaft weg, gilt sie ihr doch als Quelle für Pathologisierung von „Trans“ und damit auch, wie die Autorin es versteht, als Menschenrechtsverletzung. Jedoch gilt ebenso für das Verhältnis zwischen Sexualwissenschaft und Transpersonen, dass es eine dialektische Beziehung gab, da nun gerade diejenigen mit Bedürfnissen nach medizinischen Eingriffen dafür Unterstützung in Form von Legitimation durch ebenjene Sexualwissenschaft suchten.  

Legale Lebbarkeit als Emanzipationshistorie

Bis in die 1990er Jahre waren Gründungen an Netzwerken, Selbsthilfestrukturen und Interessenvertretungen von und für Transpersonen in der Zahl eher überschaubar und seien, so Eckert, begrifflich eher an sexualwissenschaftlichen Definitionen von Transsexualität und Transvestismus orientiert gewesen. Erst danach habe sich das verändert, und gerade aus Berlin habe es viele neue Impulse gegeben.

Ging es den ersten Generationen im Transaktivismus um eine Lösung, die einen legalen Weg zu einem Leben im Identitätsgeschlecht ermöglichte, die schließlich 1981 zum Transsexuellengesetz (TSG) führte, so wollten die nachfolgenden Generationen dies wieder abschaffen. Gewollt war jedoch keine rechtliche ‚Lösung‘, sondern eine, die weder Begutachtungen noch Scheidungen oder gar Operationen voraussetzte. Gerade ab den 2000er Jahren wurden hierfür Bemühungen aufgenommen, während es zuvor in erster Linie über Einzelne lief, die sich bis zum Bundesverfassungsgericht klagten.

Gründung Bundesverband Trans*

In der Darstellung des Aktivismus für eine TSG-Reform und später für ein Selbstbestimmungsgesetz lässt Eckert jedoch entscheidende Entwicklungen außen vor. Deutlich wird das in dem Teil, indem es um die Gründung des Bundesverband Trans* (BVT*) 2015 geht, der wiederum ein wegweisendes Netzwerktreffen in der Akademie Waldschlösschen bei Göttingen vorausging. Der Autor dieser Zeilen selbst war bei beiden Treffen zugegen.

So suggeriert die Autorin, vor allem die bisher ergebnislosen Bemühungen um eine TSG-Reform habe VertreterInnen verschiedener Transvereine aus ganz Deutschland 2014 ins Waldschlösschen geführt, um auch gegenüber einer im selben Jahr gegründeten und im damals SPD-geführten Bundesfamilinienministerium verankerten interministeriellen Arbeitsgruppe „Inter- und Transsexualität“ (IMAG) Beteiligung aus Betroffenenperspektive einzufordern.

Vielmehr liefen in dieser Zeit bereits andere Prozesse, wie die Entwicklung neuer Behandlungsleitlinien für Erwachsene, der S3-Leitlinie „Geschlechtsinkongruenz, Geschlechtsdysphorie und Trans-Gesundheit: Diagnostik, Beratung, Behandlung“ unter Federführung von Sexualwissenschaftler und Psychologie Timo Nieder vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Darin wurden auch VertreterInnen von Transorganisationen eingebunden, zunächst vom Berliner Verein TransInterQueer e.V. (TrIQ) und später mandatiert vom Bundesverband Trans* – Ereignisse, die in Eckerts Darstellungen leider fehlen.

Es mehrten sich dann die Signale, sowohl aus der neu gegründeten IMAG als auch aus der Leitlinienkommission, dass zur besseren Legitimation der Transperspektive ein Bundesverband erforderlich sei. Und so ging der Impuls, der zur Gründung des BVT* führen sollte, maßgeblich von Berlin aus – finanzielle Unterstützung dafür inklusive.  Die im Waldschlösschen versammelten Nicht-BerlinerInnen sahen die historische Chance zur wirkungsvollen Interessenvertretung und ließen sich auf den Prozess zur Gründung eines Bundesverbands ein.

Diese Gründung war durchaus kein leichtes Unterfangen, denn die unterschiedlichen Gruppen und Vereine hatten auch Differenzen, und bei einer Verbandsgründung muss man sich darauf einlassen, trotzdem unter ein gemeinsames Dach zu gehen. Nicht zuletzt förderten diese Entwicklungen auch die Gründung regionaler Netzwerke und parallel zur Bundesebene verstärkte sich auch auf Landesebene die Förderbereitschaft seitens der Politik hinsichtlich Trans und Inter.

Seitens der IMAG gab es einen Prozess, bei dem zu mehreren Konferenzen und Fachkonsultationen eingeladen wurde, die sich beispielsweise medizinischen und rechtlichen Fragen widmeten. Dokumentiert sind die Ergebnisse in zwölf Publikationen, die nach wie vor online einsehbar sind. Dies sind wegweisende Entwicklungen, die dem Selbstbestimmungsgesetz vorausgingen und den Anliegen des Transaktivismus einen enormen Schub versetzten, um in breite Gesellschaftsbereiche vorzudringen.

Warum benennt Eckert diese Entwicklungen nicht, wo sie doch als Aktive bei TrIQ und später auch im BVT* aus erster Hand von ihnen erfahren können? Stört staatliche Förderung etwa den Aufbau eines widerständigen Heldenepos?

Selbstbestimmungsgesetz kommt 2024

2024 wurde also das von Eckert so gefeierte Selbstbestimmungsgesetz durch die vom sozialdemokratischen Bundeskanzler Olaf Scholz angeführte Koalition aus SPD, Grünen und FDP beschlossen. Trotz erheblicher Kritik, dass hier Konflikte und Missbrauchspotenzial absehbar sind, wenn ein reiner Sprechakt ausreicht, um eine gesellschaftlich und rechtlich bedeutsame Kategorie wie den Geschlechtseintrag zu ändern.

Doch so schludrig wie die Autorin mit den Entwicklungen um die Gründung des Bundesverband Trans* umgeht, so verfährt sie auch gegen Ende ihres Buches mit unterschiedlichen Kritikpunkten am Selbstbestimmungsgesetz. Diese sind für sie ausschließlich als „trans*feindliche Haltung“ erklärbar und werden gar als „Bullshit“ abgetan.

Kritik ist Bullshit

Kritik, die speziell von Frauen kommt, wenn sie ihre single sex spaces auch für Sprechaktfrauen mit Penis zu öffnen haben, wird genauso beiseite gewischt, wie Bedenken einer zu raschen Bestätigung der Geschlechtsidentität bei Minderjährigen durch eine solche formale Änderung, auf die schließlich irreversible medizinische Eingriffe folgen. Während sich international derzeit gerade bei Minderjährigen mit Transitionsbegehren zeigt, dass dies bei vielen auf einer instabilen Basis steht, wie auch grundsätzlich die medizinische Evidenzbasis, ist dieser Umstand für Eckert keine Erwähnung wert.

Stattdessen schreibt sie mit der ihr eigenen Nassforschheit:

„Zu zeigen war hier der enorme Anteil an Irrationalismus und eine damit zusammenhängende Bunkermentalität samt dialogverweigernder Frontstellung in vermeintlich feministischen Positionen.“

Man möchte ihr nach der Lektüre ihres Buches entgegnen, dass diese Aussage mehr über sie, als über die Kritikerinnen an Selbstbestimmungsgesetz und zu voreiligen Transitionen von Minderjährigen verrät.

Till Randolf Amelung ist Redakteur des IQN-Blog und seit Juli 2024 auch Mitglied des IQN-Vorstand. Als freier Journalist veröffentlicht er mit Schwerpunkt auf geschlechterpolitischen Themen sowie in anderen Medien und in wissenschaftlichen Sammelbänden wie dem Jahrbuch Sexualitäten der IQN. Seit der Jahrbuch-Ausgabe für 2026 gehört er auch zu den Herausgebern.