Wie wurde „Geschlechtsidentität“ von einem medizinischen Fachbegriff zu einer gesellschaftlich und politisch wirkmächtigen Kategorie? Der Soziologe Rogers Brubaker zeichnet ihre institutionelle Karriere nach – und erklärt, warum die daraus entstandenen Konflikte heute mit besonderer Schärfe ausgetragen werden. Eine Rezension.

Von Till Randolf Amelung
Im November 2024 trat in Deutschland das Selbstbestimmungsgesetz in Kraft – und steht damit par excellence für Vorrang von Identität vor körperlicher Materialität. Seither dürfen Erwachsene auf dem Standesamt ohne Offenlegung der persönlichen Gründe ihren Vornamen und Geschlechtseintrag ändern. Bei Minderjährigen werden noch die Eltern hinzugezogen, aber auch hier entfällt eine Darlegung von Gründen für diesen Schritt.
Grundlage für dieses Gesetz ist die These, jeder Mensch habe eine Geschlechtsidentität, die allein entscheidet, wie Staat und Gesellschaft diesem Menschen begegnen sollen. Damit verbunden ist die Annahme, diese sei essentialistisch und von außen nicht objektiv beurteilbar. Bei den meisten Menschen stimmt in diesem Modell die Identität mit ihrem biologischen Geschlechtskörper überein, aber in den Fällen, in denen es einen Konflikt gibt, soll eine Korrektur des amtlich registrierten Geschlechtseintrags auf der Basis der Identität möglichst unkompliziert vonstattengehen.
Identität vs. Körper
Diese Auffassung sorgt nun in einigen Bereichen der Gesellschaft für Konflikte – insbesondere dort, wo der Geschlechtsbegriff auf Körper und nicht auf Identität beruht. Gerade sehr viele Frauen wollen nach Geschlecht getrennte Räume auch als Schutzräume verstanden wissen und sind nicht bereit, weibliche Identitäten mit männlichem Erscheinungsbild in Umkleiden, Sammelduschen, Toiletten und dergleichen zu akzeptieren. Mithin landen diese Interessenskonflikte gar vor Gericht.
Ebenso bedeutsam und aktuell konfliktreich ist die Setzung eines essentialistischen Verständnisses von Geschlechtsidentität bei der Behandlung von Kindern und Jugendlichen, die unter den körperlichen Merkmalen ihres biologischen Geschlechts leiden. Mit der Vorstellung, es gebe eine feststehende Geschlechtsidentität, die nur entdeckt werden muss, werden umstrittene medizinische Eingriffe wie die Gabe von Pubertätsblockern gerechtfertigt.
Geschlechtsidentität als sozial bedeutsame Kategorie
Wie ist es dazu eigentlich gekommen? Dieser Frage hat sich nun der US-amerikanische Soziologe Rogers Brubaker gewidmet, dessen bisherige Schwerpunkte auch mit Identität zu tun hatten, aber vor allem in den Feldern Nationalismus und Staatsbürgerschaft. In seinem nun auf Deutsch erschienen Bändchen „Geschlechtsidentität. Die Karriere einer Kategorie“ will er zeigen, wie „Geschlechtsidentität“ zu einer Kategorie wurde, die den Weg aus einem engen Rahmen in der Medizin in alle Gesellschaftsbereiche wie z.B. Recht, Bildung und Verwaltung fand und sich dort verankern konnte.
Brubaker schreibt in seiner Einleitung:
„Geschlechtsidentität ist eine relativ neue Kategorie, die anfangs von marginaler Bedeutung war. Der Begriff wurde Mitte des 20. Jahrhunderts im hochspezialisierten und medikalisierten Bereich psychologischer und psychiatrischer Beurteilungen von Störungen der Geschlechtsentwicklung und Transsexualität eingeführt und zunächst nur in seltenen und ausdrücklich pathologischen Fällen als relevant erachtet. Niemand hätte damals damit gerechnet, dass Geschlechtsidentität zu einer universell anwendbaren und heftig umstrittenen Kategorie werden würde.“
Während sich Geschlechtsidentität als Kategorie zunehmend institutionell weitgehend konfliktfrei etablierte, kam es vor allem in den vergangenen fünf Jahren zu öffentlich wahrnehmbarer Kritik, die vor allem durch Selbstbestimmungsgesetze und die Medikalisierung von Minderjährigen befeuert wurde. Hierbei nimmt Brubaker dann besonders die politischen Entwicklungen in Großbritannien und den USA in den Blick, die durchaus unterschiedlich verliefen. Er verweist aber auch darauf, dass die Entwicklungen von der zunächst stillen Etablierung der Kategorie Geschlechtsidentität sowie die aktuellen öffentlichen Kontroversen in vielen Ländern nahezu ähnlich verliefen.
Öffentlich unbemerkte Etablierung
Bemerkenswert für die Etablierung war laut Brubaker, dass diese sich von der Öffentlichkeit zunächst unbemerkt vollziehen konnte. Statt Druck von der Straße gab es diskreten Lobbyismus – mit Erfolg. Doch ein öffentlicher Aushandlungsprozess mit der Gesellschaft fand auf diese Weise nicht parallel mit der Etablierung der Kategorie Geschlechtsidentität statt.
Brubaker identifiziert in seiner Analyse fünf miteinander verbundene Prozesse, die für den Erfolg der Kategorie Geschlechtsidentität wesentlich sind: Entpathologisierung, Universalisierung, Vernakulisierung und Verrechtlichung:
„Durch die Entpathologisierung konnte die Diskrepanz zwischen Geschlechtsidentität und Geschlecht als eine Form sozialer und kultureller Differenz und nicht als medizinische Störung neu konzipiert werden. Die Universalisierung ermöglichte es, dass sich die Geschlechtsidentität über verschiedene Bereiche hinweg verbreiten und als für alle und nicht nur für einige wenige relevant verstanden werden konnte. Durch die Vernakulisierung wurde die Geschlechtsidentität der Kontrolle durch Fachleute entzogen und für den allgemeinen Gebrauch verfügbar gemacht.
Mittels Formalisierung und Verrechtlichung wurde die Kategorie in organisatorische Routinen und Verfahren eingebettet, was ihr Verbindlichkeit verlieh und ihren Geltungsbereich erweiterte. Schließlich versuchten Interessenvertretungen, in verschiedenen institutionellen Bereichen die Geschlechtsidentität gegenüber dem Geschlecht in eine Vorrangposition zu befördern.“
Geschlechtsidentität in der EU
In der Praxis ist das beispielsweise in der Europäischen Union zu besichtigen, wie der von der österreichischen Politologin und ehemaligen Grünen-Politikerin Faika El-Nagashi gegründete Think Tank Athena Forum im 2025 veröffentlichten Report „Beneath the Surface: How gender identity is reshaping Europe“ darlegte. Jetzt wurde in diesem Monat eine deutsche Übersetzung herausgegeben. El-Nagashi und Athena Forum zeichnen darin Entwicklungen innerhalb der Europäischen Union und des Europarats nach und untersuchen, wie die Etablierung von Geschlechtsidentität in Sprache und Politik die geschlechtsbezogenen Rechte, den Schutz von Kindern und Jugendlichen, Daten und Statistiken auch auf nationaler Ebene in den EU-Mitgliedsstaaten beeinflusst haben.
Kritisiert wird, so Brubaker, im Kern die Idee, „dass Geschlechtsidentität immer bestätigt werden sollte; dass sie den Zugang zu geschlechtergetrennten Räumen und Aktivitäten regeln sollte; dass sie grundlegender als das biologische Geschlecht ist; und dass sie universell und grundlegend für das Selbstsein ist“.
Politische Folgen
Rogers Brubaker gelingt es, die grundlegenden Entwicklungen um Geschlechtsidentität als Kategorie und dessen Relevanz für aktuelle gesellschaftliche Auseinandersetzungen nachvollziehbar und kenntnisreich darzulegen. Erwähnenswert ist außerdem Brubakers Genauigkeit, die politischen Konflikte um Geschlechtsidentität sowie die Kritik daran, nicht allein in der rechten Ecke zu verorten – wie es transaktivistische AkteurInnen und ihre Verbündeten in oft verleumderischer Weise tun. Denn, wie der Soziologie korrekt ausführt, kommt gerade in Großbritannien der Protest von links orientierten Feministinnen, und generell gibt es international von verschiedenen Gruppen begründete Kritik an einer Vorrangstellung der Kategorie Geschlechtsidentität – neben Feministinnen kommt Kritik auch von einigen Lesben und Schwulen sowie Transpersonen selbst.
„Es handelt sich um eine komplexere Auseinandersetzung darüber, wie man Geschlecht und Gender als Wahrnehmungs- und Gliederungsprinzipien der Welt versteht: einen Kampf um das Verhältnis zwischen Geschlechtskörper (sexed body) und Gendergefühlen (gendered feelings), zwischen dem, was gegeben ist , und dem, was gewählt werden kann, zwischen Natur und Kultur. Letztendlich handelt es sich um einen Kampf um die Möglichkeiten und die Grenzen der Selbstbestimmung in einer interdependenten Welt“, beschließt Brubaker sein Werk.
Auch in Deutschland erleben wir anhand des Selbstbestimmungsgesetzes und dem Streit um die bestmögliche Behandlung von Minderjährigen mit Geschlechtsdysphorie, dass die kontroverse Auseinandersetzung um die Kategorie Geschlechtsidentität in der Gesellschaft nun nachgeholt wird. Allen, die informiert mitreden wollen, sei Brubakers Buch wärmstens empfohlen.
Rogers Brubaker: Geschlechtsidentität. Die Karriere einer Kategorie, Wien: Mandelbaum-Verlag 2026, ISBN: 978-3-99136-129-9, 208 Seiten, 20 Euro.
Till Randolf Amelung ist Redakteur des IQN-Blog und seit Juli 2024 auch Mitglied des IQN-Vorstand. Als freier Journalist veröffentlicht er mit Schwerpunkt auf geschlechterpolitischen Themen sowie in anderen Medien und in wissenschaftlichen Sammelbänden wie dem Jahrbuch Sexualitäten der IQN. Seit der Jahrbuch-Ausgabe für 2026 gehört er auch zu den Herausgebern.