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Leihmutterschaft: Mit dem Rücktritt Spahns ist das Thema nicht durch

Der Fall Jens Spahn hat die Debatte über Leihmutterschaft neu entfacht. Doch statt über persönliche Doppelmoral zu sprechen, richtet dieser Gastbeitrag den Blick auf das System dahinter: auf eine milliardenschwere Industrie, auf rechtliche Widersprüche – und vor allem auf die Frauen und Kinder, deren Erfahrungen in der öffentlichen Diskussion meist ausgeblendet bleiben.

Symbolbild für Text zu Leihmutter: Nahaufnahme eines schwangeren Bauches, der sanft von zwei Händen gehalten wird; warme, weiche Beleuchtung vor hellen Vorhängen.
Schwangerschaft – dies ist Männer nicht gegeben und nicht bei jeder Frau erfolgreich möglich (Foto von freestocks auf Unsplash).

Von Doris Hermanns

Ein großer Aufschrei in den Medien: Der CDU-Politiker Jens Spahn, der sich vor kurzem noch gegen Mietmutterschaft ausgesprochen hatte, hat sich mit seinem Ehemann in den USA über eine Agentur ein Kind von einer Leihmutter gekauft, wie vor einiger Zeit auch bereits sein Parteikollege Hendrik Streeck. Mir geht es jedoch nicht um ihre persönliche Doppelmoral. Denn Spahn und Streeck sind keine Einzelfälle; es geht nicht um persönliche Entscheidungen von Politikern sondern um das System „Mietmutterschaft“ als Ganzes.

Die deutsche Doppelmoral

Nun wird Spahn von allen Seiten gratuliert, ein Kind sei immer eine Freude – auch von denjenigen, die sich deutlich gegen Mietmutterschaft aussprechen. Dieses widersprüchliche Verhalten kommt nicht von ungefähr, sondern zeigt sich genauso in der Rechtsprechung in Deutschland, in der die gleiche Doppelmoral zu finden ist: Bei Kindern, die von Mietmüttern in Ländern geboren werden, wo dies legal ist, wird in Deutschland – anders als beispielsweise in Italien – zum angeblichen Wohl des Kindes entschieden, dass das Kind einreisen und bei den Kaufeltern (egal ob hetero oder homo) bleiben darf. Unvorstellbar, wenn es um andere Straftatbestände geht.

Es gibt kein Recht auf ein Kind

Einige argumentieren, dass auch Schwule ein Recht auf Kinder hätten, aber es geht hierbei nicht um Schwule. Denn niemand hat ein Recht auf Kinder, weder Schwule, Lesben, Bisexuelle noch Heteros oder Heteras. Es geht Kaufeltern auch nicht darum, dass sie mit Kindern leben möchten, Verantwortung übernehmen, mit Kindern leben wollen. Das wäre auch in anderen Konstellationen denkbar, nein, wie immer wieder betont wird, geht es um das „eigene Kind“. Nur sind Kinder eben kein Besitz und das „eigene“ bezieht sich auf die Gene des Mannes, der seinen Samen zur Verfügung stellt.

Ein leibliches Kind ist es trotzdem nicht, denn Kinder werden immer von Frauen geboren, aus deren Leib. Und Mutter ist nach internationalem Recht diejenige, die das Kind geboren hat. Was einige Länder nicht davon abhält, falsche Geburtsurkunden auszustellen und die Kaufeltern dort einzutragen bzw. in Kalifornien nur die Väter. Dadurch wird es Kindern, die auf diesem Weg geboren werden, unmöglich gemacht, später ihre biologischen Mütter zu finden. Ein Problem, das von Adoptionen bekannt ist, wo inzwischen die Gesetze geändert wurden, aber das Weiterdenken bleibt aus, obwohl es schon längst Kinder aus Mietmutterschaften gibt, die versuchen, ihre leiblichen Mütter zu finden.

294 S., geb., ISBN 978-3-8353-5725-9
Preis: € 34,00 (D) / € 35,00 (A)

Redaktioneller Hinweis: In der 2024er-Ausgabe unseres „Jahrbuch Sexualitäten“ findet sich der Text „Leihmutterschaft – Zur Normalisierung eines Tabus“ des Hamburger Psychotherapeuten Dr. Michael Wunder, der nicht nur als Experte für die Aufarbeitung der „Euthanasie“-Verbrechen der Nationalsozialisten gilt, sondern auch von 2008 bis 2016 Mitglied im Deutschen Ethikrat war.

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Werbung ohne Ende

Übersehen wird auch, dass in Deutschland schon lange Werbung für Mietmutterschaft gemacht wird, nicht nur in Zeitungsartikeln und Fernsehsendungen mit „glücklichen Kindern und glücklichen Eltern“, sondern auch auf Messen in Köln und Berlin. Meist unter dem Titel „Wish for a baby“ fand in diesem Jahr erstmals „die umfangreichste Konferenz für schwule Männer mit Elternwunsch“ in Berlin unter dem Titel „Men having babies“ statt. Nun können wir uns viel wünschen, aber etwas als Recht einzufordern, wie hier geschieht, ist etwas völlig anderes. Männer können natürlich durchaus den Wunsch nach Kindern haben, aber sie können keine Kinder bekommen, manche Wünsche können nun mal nicht in Erfüllung gehen. Aber es geht bei diesen Messen darum, dass Agenturen Käufern ihr Angebot vorstellen: sprich Mietmutterschaft (was laut deutscher Gesetzgebung verboten ist) und wogegen die Frauenheldinnen seit Oktober 2025 straf- und verwaltungsrechtlich vorgehen.

Jens Spahn machte vor einigen Jahren bereits deutlich, was das Problem ist, als er von einem „gemieteten Mutterbauch“ sprach: Es geht in der Diskussion nicht um Frauen, sondern um einzelne Körperteile, die wem auch immer von Nutzen sind. Hauptsache, sie können es sich leisten, was wir an sich aus dem Handel mit Organen kennen. Der ist genauso verboten, aus guten Gründen, auch wenn Menschen dafür Geld bekommen. Hier von „Wahl“ oder „Entscheidung“ armer Frauen zu sprechen ist schlichtweg zynisch.

Die ignorierten Mütter

Bei alldem geht es immer um das „Glück der Eltern“, also der Kaufeltern. In der Regenbogenpresse wird ständig über berühmte Menschen geschrieben, die sich Kinder gekauft haben – Frauen wie Männer, aus den unterschiedlichsten Gründen. Worüber wir jedoch nichts erfahren, ist die Situation der Mietmütter, genauso wenig lesen wir, wie es für die Kinder ist, weder für die bereits vorhandenen jener Mütter, die in Angst aufwachsen, auch verkauft zu werden, noch was es für die gekauften Kinder bedeutet, wenn sie erfahren, dass sie gekauft wurden. Wer wissen möchte, wie sich das anfühlt, möge Oliva Maurels Buch „Wo bist du, Mama? Die Wahrheit über Leihmutterschaft“ lesen, die darin nicht allein über ihre persönlichen Erfahrungen, sondern über das ganze System schreibt – und warum sie, wie auch zahlreiche Mietmütter, sich inzwischen vehement gegen Mietmutterschaft einsetzt.

Von Leihmüttern wurde bereits einiges über ihre Erfahrungen geschrieben (zu wenig ist davon bis jetzt übersetzt worden): über die gesundheitlichen Belastungen, die Unmengen Medikamente, die diese Frauen über ein Jahr lang einnehmen müssen, ohne dass deren Nebenwirkungen bekannt sind, über die permanente Kontrolle, der sie ausgesetzt sind, bis hin zu den Entscheidungen, die Kaufeltern treffen können (wie z. B. Abtreibungen einfordern und behinderte Kinder nicht annehmen), was es heißt, ein Kind monatelang in sich aufwachsen zu fühlen, mit dem auch Zellen ausgetauscht werden, die noch jahrelang in den Körpern der anderen nachzuweisen sind (Mikrochimärismus). Für die Zeit unmittelbar nach der Geburt ist es deutlich: Die Kinder, die neun Monate lang eine enge Bindung mit ihrer Mutter aufgebaut haben, werden dem Vertrauten durch Kaiserschnitte entrissen und einer völlig neuen unbekannten Umgebung übergeben.

Ganz davon zu schweigen, dass es sich um eine Riesenindustrie mit Milliardenumsätzen handelt, ganz nach dem Motto: Alles ist zu kaufen! Aber Kinder sind keine Gegenstände.

Blickwechsel

Während ich an diesem Text schrieb, wurde der Rücktritt Jens Spahns als Vorsitzender der CDU-Fraktion im Bundestag bekannt, was in einem ARD Brennpunt damit kommentiert wurde, dass damit das Thema durch sei. Nein, das Gegenteil ist der Fall: Zumindest einige Menschen stellen sich jetzt endlich die überfälligen Fragen, was es mit Mietmutterschaft auf sich hat. Und es ist an der Zeit, dass wir nach den Auswirkungen auf Frauen und Kinder schauen und darüber sprechen.

Doris Hermanns, Autorin und Übersetzerin, u. a. des Buches von Renate Klein „Mietmutterschaft – eine Menschenrechtsverletzung“, Redakteurin der Virginia Frauenbuchkritik und des Online Magazins AVIVA-Berlin. Zahlreiche Beiträge auf dem Frauen-Biographie-Forschungs-Portal fembio.org.