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Ausgabe 2017

Herausgegeben im Auftrag der Initiative Queer Nations von Maria Borowski, Jan Feddersen, Benno Gammerl, Rainer Nicolaysen und Christian Schmelzer

Das Jahrbuch Sexualitäten ist ein jährlich erscheinendes Periodikum, das Fragen des Sexuellen in einem interdisziplinären Sinne thematisiert – etwa in den Bereichen des Gesellschaftlichen, Politischen, Kulturellen, Historischen und Juristischen, in der Medizin und den Naturwissenschaften, in Religion, Pädagogik und Psychologie.

Die Beiträge des Jahrbuchs gliedern sich in die fünf Rubriken Essay, Queer Lectures, Im Gespräch, Miniaturen und Rezensionen. Am Anfang jeden Bandes steht ein Essay, der ein aktuelles Thema aufgreift: der nun vorliegende zweite Band Jahrbuchs Sexualitäten, eröffnet mit einem Essay von Yener Bayramoğlu, Benno Gammerl und Carolin Küppers. Sie fragen unter dem Titel „Queere Fluchten“, welche emanzipatorischen Chancen die aktuellen Debatten und Dynamiken in Bezug auf Flüchtende und Geflüchtete bergen.

Alle Texte sind Originalbeiträge; sie versuchen, neu Erforschtes zu präsentieren oder zu kommentieren, auf aktuelle Debatten Bezug zu nehmen oder womöglich solche selbst anzuregen.

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Das Jahrbuch Sexualitäten 2017

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• ISBN: 978-3-8353-3093-1

Das eBook erscheint demnächst.

Aus dem Inhalt

  • ESSAY

Yener Bayramoğlu, Benno Gammerl und Carolin Küppers: Queere Fluchten | Welche emanzipatorischen Chancen bergen die aktuellen Debatten und Dynamiken?

  • QUEER LECTURES

Patrick Bahners: Marriage can’t wait | Das Grundsatzurteil des Obersten Gerichtshofs der Vereinigten Staaten zur gleichgeschlechtlichen Ehe von 2015 und der Weg dorthin

Werner Renz: Wider die Sittenwächter | Fritz Bauers Kritik am überkommenen Sexualstrafrecht der 1950er und 1960er Jahre

Clare Bielby: „An jeder Straßenecke könnte ein Mannweib mit Schlagring, Lederkleidung und rauher Stimme warten“. | Gewalt, Weiblichkeit und Sexualität in der Bundesrepublik der 1970er Jahre

Ilka Quindeau: Queering Psychoanalysis | Vom Nutzen einer queeren Perspektive für das Konzept der Geschlechtsidentität

  • IM GESPRÄCH

„Diese blinden Oppositionsklänge führen höchstens dazu, dass man sich ein bisschen progressiver fühlt“ – Jan Feddersen im Gespräch mit Patsy L’Amour laLove über die Kritik an queerem Aktivismus

  • MINIATUREN

Babette Reicherdt: Die Namensgebung des Elberskirchen-Hirschfeld-Hauses | Über Benennungspraxen und die Suche nach historischen Vorbildern in der LSBTI-Geschichte

Stephanie Kuhnen: Der lange Weg ans andere Ufer | Ein Denkmal für die erste homosexuelle Emanzipationsbewegung

Ralf Dose: Die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V. | Ein kurzer Überblick

Detlef Mücke: Schwule Lehrer | Vom Stigma des „Triebverbrechers“ zum Vorbild in der Schule 45 Jahre Antidiskriminierungsarbeit in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft

Timo Lehmann: Frühes Glück, späte Hochzeit | Eine biografische Rekonstruktion von Nomie Dubes und Vivian Boyack, deren Hochzeitsfoto (siehe Titelbild) um die Welt ging

Steffi Brüning: Verstecken, Verheimlichen, Verleugnen | Prostitution in der DDR

Noemi Yoko Molitor: Zurück in die Zukunft | Queere Erinnerung und künstlerische Praxis

  • REZENSIONEN

Christopher Ewing über Queering German History

Rainer Nicolaysen über Die Briefe der Manns. Ein Familienporträt

Juliane Jacobi über Die Grünen und die Pädosexualität. Eine bundesdeutsche Geschichte/Jürgen Oelkers: Pädagogik, Elite, Missbrauch. – Die „Karriere“ des Gerold Becker/Tabubruch und Entgrenzung – Kindheit und Sexualität nach 1968 (Sammelrezension)

Babette Reicherdt über Livia Prüll: Trans* im Glück – Geschlechtsangleichung als Chance. Autobiographie, Medizingeschichte, Medizinethik

Michael Navratil über Alex Gino: George

Verlag & Bibliografische Angaben

Das Jahrbuch Sexualitäten 2017 erscheint im Wallstein Verlag, Göttingen
1. Auflage 2017
247 Seiten
14 Abbildungen
gebunden
Preis: 34,90 Euro
ISBN: 978-3-8353-3093-1

Das Editorial

Mit diesem Band legt die Initiative Queer Nations (IQN) zum zweiten Mal ihr jährlich erscheinendes, interdisziplinäres Periodikum »Jahrbuch Sexua­litaäten« vor. Es erscheint im Sommer – wie im vergangenen Jahr, als der Premieren­band am 11. Juli 2016 im vollbesetzten taz Café in Berlin in Anwesenheit vieler Autor*innen praäsentiert wurde. Seither hat das Jahr­buch seinen Platz in der Öffentlichkeit, in zahlreichen Bibliotheken im deutschsprachigen Raum und darüber hinaus, insbesondere in den USA, gefunden. Weite Kreise zogen vor allem Plaäne fuür ein »Elberskirchen­-Hirschfeld­-Haus« (E2H), wie sie im Essay des Eroöffnungsjahrbuchs in pro­grammatischer Absicht vorgestellt wurden: die Perspektive eines Forums für queere Forschung, Bildung und Kultur im Herzen Berlins. In ihrer Koalitionsvereinbarung für die Legislaturperiode 2016 bis 2021 haben die Berli­ner Regierungsparteien SPD, Linke und Bündnis 90/Die Grünen inzwischen festgeschrieben: »Berlin ist der Geburtsort der modernen Emanzipations­bewegung von LSBTTIQ*. Die Koalition bekennt sich zu dieser Geschichte und zur Wiedererrichtung des von den Nazis zerstörten Magnus­-Hirsch­feld­-Instituts. Die Koalition unterstützt die Idee eines Elberskirchen-Hirschfeld­-Hauses und wird den partizipativen Prozess seiner Umsetzung begleiten.« Am 16. Dezember 2016 veranstaltete IQN im Berliner Abge­ordnetenhaus ein ganztaägiges Kolloquium, das potenziell beteiligte Ein­richtungen, Politiker*innen und weitere Interessierte an einen Tisch lud. Mehrere jours fixes zur Diskussion über die Ausgestaltung des »Elberskirchen­-Hirschfeld­-Hauses« folgten bis zum Redaktionsschluss dieses Bandes.

Das Jahrbuch Sexualitäten 2017 entspricht in seiner Struktur dem Vor­jahresband und enthält erneut fünf Rubriken: Essay, Queer Lectures, Ge­spräch, Miniaturen und Rezensionen. Im vorangestellten Essay beschäfti­gen sich in diesem Jahr Yener Bayramoğlu, Benno Gammerl und Carolin Küppers unter dem Titel »Queere Fluchten« mit der Situation der queeren Geflüchteten in Deutschland, die etwa zehn Prozent der aktuellen Flucht­bewegung ausmachen, und zugleich mit den Veränderungen, die damit auch für die aufnehmende Gesellschaft und die hiesige LSBTI*­Commu­nity einhergehen. Die Autor*innen plädieren dafür, die Aufmerksamkeit gleichberechtigt auf die Geflüchteten und die Aufnehmenden zu richten, um die vielschichtigen Wechselwirkungen zwischen allen an der Flucht­dynamik Beteiligten in den Blick zu nehmen. Gerade dann würden auch die emanzipatorischen Chancen und Potenziale deutlich, die sich aus der Fluchtbewegung ergeben, mögen sie in einem verstärkten Einsatz gegen Diskriminierungen liegen oder in einem gemeinsamen Nachdenken darüber, wie vielfältige und diverse Gesellschaften ein verträgliches Mit­ und Gegeneinander gestalten können.

Den Kern des Jahrbuchs bilden die »Queer Lectures«, die auf Einladung von IQN gehalten und hier überarbeitet sowie annotiert veröffen licht werden. Dieser Band enthält vier Vorträge aus der Zeit von Februar 2015 bis November 2016. Alle Texte wurden von den Autor*innen für den Druck aktualisiert (Stand: Januar 2017).

Eröffnet werden die »Queer Lectures« mit einem Beitrag des langjäh­rigen Feuilletonchefs der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« Patrick Bah­ners über das bahnbrechende Grundsatzurteil zur gleichgeschlechtlichen Ehe, das der Oberste Gerichtshof der USA im Juni 2015 gefällt hat: Kein US-­Bundesstaat darf demnach Homosexuellen das Heiratsrecht vorenthal­ten – denn dieses Recht folge zwingend aus der Verfassung. Der Autor ana­lysiert die Vorgeschichte dieser Entscheidung, den langen Weg der Gerichts­prozesse über die Homosexuellenehe, an dessen Ende das höchste Gericht der Vereinigten Staaten das genaue Gegenteil von dem verkündete, was die Gerichte bei ihrer ersten Befassung mit dieser Frage 1972 verbindlich fest­gestellt hatten. Bahners charakterisiert diese Entwicklung als eine Revolu­tion in mehreren Etappen und die sich allmählich ändernde Verfassungsin­terpretation als Lernprozess, dessen Ergebnis sich in dem Maße verfestigen wird, wie gleichgeschlechtliche Ehen künftig zahlreicher und alltäglicher werden – selbst in Zeiten der Präsidentschaft von Donald Trump.

Im zweiten Beitrag der Lectures beschäftigt sich Werner Renz – bis zu seinem Ruhestand wissenschaftlicher Mitarbeiter des Fritz Bauer Instituts in Frankfurt am Main – mit dem Justizjuristen Fritz Bauer, der als Gene­ralstaatsanwalt in den Auschwitz­-Prozessen bekannt geworden ist. Renz schildert Bauer als einen Juristen, der zeitlebens für eine Humanisierung des Rechts eingetreten ist, und beleuchtet gerade jene Bereiche, die auch in der biografischen Forschung zu Bauer bisher erheblich zu kurz gekommen sind: insbesondere dessen Kritik am überkommenen Sexualstrafrecht der 1950er und 1960er Jahre. Für die Abschaffung des § 175 StGB war Bauer seit Anfang der 1950er Jahre kontinuierlich eingetreten. Zur umstrittenen Frage, ob Fritz Bauer selbst homosexuell gewesen sei, bezieht Renz ein­deutig Stellung: Anhand von Quellen zeigt er, dass Bauer im dänischen Exil wegen homosexueller Handlungen verhört und überwacht worden ist und sich ansonsten aufgrund der Gesetzeslage in Deutschland im Ausle­ben seiner Homosexualität größte Zurückhaltung auferlegt hat: In dieser Hinsicht sei Bauer zu einem unfreien Leben verurteilt gewesen.

Die an der University of York lehrende britische Germanistin Clare Bielby untersucht in ihrem Aufsatz die diskursiven Verknüpfungen von Weiblichkeit, (insbesondere lesbischer) Sexualität und Gewalt in der Bun­desrepublik der 1970er Jahre und verortet diese in einer langen Tradition, die bis zu den sexologischen und kriminologischen Diskursen des 19. Jahrhunderts zurückreicht. Dabei nutzt Bielby den Fokus auf das Thema Gewalt auch, um das komplizierte Verhältnis zwischen homo-­ und hete­rosexuellen Frauen innerhalb der lesbisch­feministischen Bewegung der 1970er Jahre zu beleuchten: Einerseits habe der Gewalt-­Diskurs eine so­lidarische Einigkeit zwischen allen Frauen erzeugt und dazu beigetra­gen, weibliche Homosexualität innerhalb der Neuen Frauenbewegung zu enttabuisieren; andererseits hätten sich aber gerade bei der Auseinander­setzung mit dem Thema Gewalt Divergenzen gezeigt, die die übergrei­fende lesbisch­feministische Inklusivität in Frage stellten.

Den Bereich der Lectures beschließt der Beitrag der Frankfurter Psycho­analytikerin und Professorin Ilka Quindeau. In »Queering Psychoanaly­sis« stellt sie die Frage, was die gegenwärtige Psychoanalyse von den queer studies lernen könne, und knüpft damit an Sigmund Freud an, dem sie aus heutiger Sicht durchaus queere Ansätze attestiert. Von diesen habe sich die Psychoanalyse nach ihm allerdings weit entfernt. Quindeau schlägt »ein of­fenes, fluides und biologisch (im Körper) verankertes Geschlechterkonzept« vor, das die dichotome Zweigeschlechtlichkeit überwindet. Zudem bestimmt sie das Konzept des Ödipuskonflikts neu, indem sie dem identitären Zwang die Entwicklung einer Ambiguitätstoleranz entgegenstellt: Demnach gelte es, Differenzen und Mehrdeutigkeiten nebeneinander stehen zu lassen. Geschlechtsidentität und sexuelle Orientierung könnten in jedem Lebensalter aktualisiert werden und zu neuen Lösungen führen.

In der Rubrik »Im Gespräch« interviewt Jan Feddersen in diesem Jahr Patsy l’Amour laLove, Geschlechterforscherin, Doktorandin und Polit­-Tunte in Berlin. Anlass bot der kurz vor dem Gesprächstermin im März 2017 erschienene, von l’Amour laLove herausgegebene Band »Beißreflexe« zur Kritik an queerem Aktivismus, autoritären Sehnsüchten und Sprech­verboten. Im Gespräch erzählt l’Amour laLove auch von ihrer eigenen Ge­schichte, vor allem aber begründet sie ihre grundsätzliche Ablehnung ge­genüber dem autoritären Teil der queeren Szene. Dessen Kampf gegen »Homonormativität«, gegen »Homonationalismus« und für »Safe Spaces« charakterisiert sie als wirklichkeitsfern, destruktiv und extrem einengend. Ihre eigene Position beschreibt l’Amour laLove »auf der Seite des Subjekts« – mit dem Wunsch nach einem schönen Leben und Lust für alle, ohne Unterdrückung und Bevormundung.

Der vierte Teil des Jahrbuchs besteht aus sieben Miniaturen, einer Sammlung knapper, ganz unterschiedlicher Beiträge. Babette Reicherdt diskutiert den Namen »Elberskirchen-­Hirschfeld­-Haus« und erörtert grundsätzliche Probleme bei Benennungen nach »Vorbildern«, mit de­ren immer auch vorhandenen Ambivalenzen kritisch­konstruktiv umge­gangen werden sollte. Stephanie Kuhnen schildert den langen Weg zum »Denkmal für die erste homosexuelle Emanzipationsbewegung« (kurz: »Magnus Hirschfeld Denkmal«), das im September 2017 in Berlin der Öf­fentlichkeit übergeben wird. Nach den Beiträgen über Institutionen aus dem LSBTI*­Zusammenhang im ersten Jahrbuch stellt Ralf Dose in die­sem Jahr die 1982 von ihm mitgegründete Magnus­-Hirschfeld-­Gesellschaft in einem kurzen Überblick vor. Verknüpft mit seiner persönlichen Erfahrung beschreibt Detlef Mücke die jahrzehntelange Antidiskriminierungsarbeit schwuler Lehrer, die sich in den 1970er Jahren dem Stigma des »Triebver­brechers« ausgesetzt sahen und später zum Vorbild in der Schule werden konnten. Timo Lehmann hat die Geschichte der beiden über 90­jährigen Nonie Dubes und Vivian Boyack aufgeschrieben, jenes lesbischen Paares, das nach 72 Jahren des Versteckens im September 2014 in Iowa heiratete. Das Bild ihrer Trauung ging um die Welt; wir haben es für die Umschlag­gestaltung dieses Jahrbuchs ausgewählt. In einer weiteren Miniatur gibt Steffi Brüning unter dem Titel »Verstecken, Verheimlichen, Verleugnen. Prostitution in Ost­-Berlin« Einblicke in ihr Promotionsthema »Prosti­tution in der DDR in den Jahren 1968 bis 1989«. Im abschließenden Bei­trag dieser Rubrik präsentiert Noemi Yoko Molitor ihr künstlerisches Erinnerungsprojekt »How to Bring Yourself Up Gay«: eine wachsende Sammlung von Kindheitsfotografien, biografischen Erzählungen und he­teronormativem Spielzeug. Molitors Suche nach queeren Zeichen aus der Kindheit wird mit drei ihrer Fotografien illustriert.

Im fünften und letzten Abschnitt veröffentlicht das Jahrbuch wieder Rezensionen zu ausgewählten Neuerscheinungen, darunter eine Sammel­besprechung zum Bereich Pädosexualität sowie zwei Besprechungen zu Büchern mit trans*­Themen. Der Rezensionsteil bietet keinen Überblick über das Feld neuer Publikationen insgesamt; vielmehr sollen hier einzelne Veröffentlichungen ausführlicher vorgestellt und in einem größeren Forschungszusammenhang verortet werden.

Das Spektrum der Themen und Theorien, der Zugänge und Ansätze, der Autor*innen und Textsorten ist in diesem Jahrbuch Sexualitäten 2017 wiederum bewusst weit angelegt und möge zur Diskussion anregen. Einen Ausblick auf das Jahrbuch 2018 gibt die Vorschau am Ende des Bandes.

Berlin/Hamburg, im März 2017

Maria Borowski, Jan Feddersen, Benno Gammerl, Rainer Nicolaysen, Christian Schmelzer