Antisemitischer Mob bedroht jüdische Queers auf Soliparty des Dyke March Berlin

Hat der Dyke March ein Antisemitismusproblem? Ein Vorfall auf der Soliparty am 8. Juli lässt Fragen aufkommen, wie sicher die Parade für lesbische Sichtbarkeit für jüdische Teilnehmer*innen ist.

Eine Person steht mit dem Rücken zur Kamera und trägt eine Regenbogenflagge mit Davidstern.
Wie sicher sind Pride-Veranstaltungen für jüdische Queers? (Foto von Levi Meir Clancy auf Unsplash.)

13. Juli 2024 | Till Randolf Amelung

In Europa, die ehemaligen Ostblockstaaten ausgenommen, sorgen vermehrt antisemitische Vorfälle und Übergriffe seit dem 7. Oktober 2023 für Angst unter Jüdinnen und Juden, wie eine aktuelle Befragung der EU-Agentur für Grundrechte sichtbar macht. Die Reaktionen auf den Hamas-Terror haben offenbart, wie weit verbreitet Antisemitismus, getarnt als Israelhass, in vielen Teilen vor allem der progressiven Milieus ist. 

Jüngster Eklat: am Abend des 8. Juli in Berlin auf der Soli-Party des Dyke March Berlin im Kreuzberger Szenelokal „Möbel Olfe“, die, wie es sich selbst beschreibt, „Trinkhalle am Kotti“, eine Art abendliche Zentrale der queeridentitären Szene. Bei dem Dyke March Berlin handelt sich um eine Demo für lesbische Sichtbarkeit, die seit 2013 am Tag vor der großen CSD- und den anderen, kleineren Paraden stattfindet.

Mit der Soliparty in der „Olfe“ wollten die Veranstalterinnen des Dyke March Gelder für die Finanzierung ihrer Demo  sammeln, doch bereits vor Mitternacht musste die Party abgebrochen werden. Grund waren aggressive Angriffe von Pro-Palästina-Aktivistinnen auf eine kleine Gruppe jüdischer Queers und ihre Unterstützerinnen.  Auf dem Online-Magazin „Aviva“ ist ihre ausführliche Darstellung der Ereignisse zu finden. 

Zur Vorgeschichte: Ein Instagram-Posting weckt Zweifel

Einige Tage vor dem Abend entdeckten die jüdischen Queers auf Instagram einen inzwischen gelöschten Beitrag auf dem Account des Dyke March, in dem es hieß: „This year’s theme of Dyke March Berlin is LOVE DYKES – FIGHT FASCISM. This means we explicitly oppose the German, European and global rise of the far right, oppose racism, antimigration mobilizations, antisemitism, islamophobia, settler colonialism, genocide and apartheid. We stand with all the oppressed globally.“ Garniert wurde der Beitrag noch mit Wassermelonen-Emojis, die zum Symbol des antiisraelischen Pro-Palestine-Aktivismus geworden sind.

Der wieder gelöschte Instagram-Beitrag des Dyke March (Foto: Aviva).

In diesem Insta-Post zählte der Dyke March pflichtschuldig auch „Antisemitismus“ mit auf, aber die weiteren Begriffe, etwa „Siedlerkolonialismus“, „Apartheid“ und „Genozid“, mit denen die inzwischen gängige Verleumdungen gegen Israel und seinen Kampf gegen den Hamas-Terror kolportiert werden, ließen in Verbindung mit den Wassermelonen erahnen, dass sich dies als Lippenbekenntnis entpuppen könnte.

Die jüdischen Queer und ihre Begleiterinnen hatten daraufhin Sorge, dass der Dyke March für jüdische Menschen und Israelis nicht sicher sein wird, weshalb sie den Kontakt zu den Veranstalterinnen suchten. Diese hätten zugesichert, dass alle kommen und mitlaufen könnten.

Rote Hamas-Dreiecke auf der Werbung

Der Flyer für die Soli-Party

Doch nicht nur dieser Instagram-Posting hat Zweifel an der Sicherheit für jüdische Queers aufgeworfen, auch die Werbung für die Soliparty in der „Olfe“ verstärkten diese. Die umgedrehten Dreiecke neben dem Schriftzug „Möbel Olfe“ sind üblicherweise gelb koloriert. Auf der Werbegrafik waren diese Dreiecke plötzlich in rot zu sehen – und ähnelten dem auch in Berlin oft zu sehenden Dreieck der Hamas-Propaganda, mit dem zu vernichtende Ziele gekennzeichnet werden. Seit dem 7. Oktober wird es auch als Symbol der Solidarität mit dem eliminatorischen Antisemitismus der Palästinenser verwendet.

Diese problematische Symbolik wurde von den jüdischen Queers und ihren „Allies“ ebenfalls angesprochen, doch von den Veranstalterinnen als Überinterpretation abgetan. Doch auch die Werbung für den Dyke March selbst lässt aufgrund ihrer Farbgestaltung, die an die Palästina-Flagge erinnert und ein rotes Dreieck beinhaltet, Fragen aufkommen.

Werbung für denn Dyke March Berlin 2024

Jüdische Sichtbarkeit sorgt für Eskalation

Die Gruppe habe beschlossen, trotzdem zur Party in die „Olfe“ zu gehen und dabei als jüdische Queers mit Unterstützerinnen sichtbar zu sein.  Dazu legten sie ein Plakat mit der Aufschrift „safe table for Jews and Israelis“ auf ihren Tisch und hängten eine Regenbogenflagge mit Davidstern auf.

Diese Sichtbarkeit sorgte dann offenbar für die weitere Eskalation, wie im „Aviva“-Bericht zu lesen ist: Es habe mit vereinzelt bösen Blicken begonnen, und im Verlauf des Abends seien immer mehr Gäste mit Palästinensertuch gekommen. Schließlich habe eine Mitarbeiterin der „Olfe“ verlangt, die Flagge wieder einzupacken, und eine weitere Person in einem weißen Hemd habe geschrien, „dass in der Möbel Olfe kein Platz“ für sie sei und das Olfe sich darüber einig sei. Eine Person aus der angegriffenen Gruppe fragte zurück: „In der Olfe gibt es keinen Platz für Juden und Jüdinnen?“ Sowohl die Mitarbeiterin der Olfe als auch die Person neben ihr hätten geantwortet, dass hier kein Raum für die offen jüdische Gruppe sei.

Man wolle in der „Olfe“ keine nationalistischen Symbole sehen. Die Gruppe trug jedoch nur die Regenbogenflagge mit Davidstern und erklärte, dass dies das Symbol für queeres Judentum sei. Hingegen seien die Personen mit den Palästinensertüchern – naheliegend als nationalistische Symbole erkennbar – nicht gebeten worden, diese einzupacken.

Weitere Eskalation

In der Beschreibung der jüdischen Queers und Allies auf „Aviva“ heißt es weiter: „Ca. 50 Personen haben sich inzwischen vor der Gruppe versammelt. Sie sagten, die Gruppe dürfe hier nicht sein. Sie wurden von der Menge als ‚Zionistenschweine‘, ‚zionist rapists‘, ‚Faschisten‘ und ‚genocide supporters‘ beschimpft, mehrfach aufgefordert zu gehen und bedrängt.“  

Eine Person habe versucht, die Regenbogenflagge mit dem Magen David vom Tisch zu reißen und das Plakat wegzunehmen. Jemand fragte die Person im weißen Hemd, ob sie die BDS-Bewegung unterstütze, worauf diese gesagt habe: „Ja, ich stehe dahinter“.

Weiter heißt es im Bericht der angegriffenen Gruppe: „Die Menge stimmte schließlich im Chor ‚Free, free palestine‘ und ‚shame on you‘ an, zwischendurch wurde die Gruppe der jüdischen Personen und Allies immer wieder als Faschisten beschimpft. Sie wurden dann schließlich von der Dyke* March Orga aufgefordert zu gehen, damit der Abend weitergehen könne. Als sie sich weigerten, wurde wieder ein ‚shame on you‘-Chor angestimmt.“

Die Party wird beendet

Schließlich habe die Veranstalterin entschieden, die Party zu beenden. Die jüdischen Personen seien wieder als Erste aufgefordert worden zu gehen, obwohl sich inzwischen auch draußen vor der Tür eine Menschenmenge angesammelt habe. Diese hätten von außen an das Fenster geschlagen und bedrohende Gesten gezeigt.

Anstatt ein sicheres Verlassen zu gewährleisten, hätten Barpersonal und Veranstalterinnen die Gruppe weiter beschimpft. Als sie auf die aufgebrachte Menschenmenge vor der Tür hinwiesen, seien sie ausgelacht und gefragt worden, ob sie denn Angst hätten. Nachdem mehrfach Hilfe verweigert worden sei, habe die Gruppe schließlich selbst die Polizei gerufen. Das „Olfe“-Personal und die Veranstalterinnen hätten der Gruppe vorgeworfen, sie hätten die Situation provoziert und seien „schuld daran, dass die Party abgebrochen werden musste“. Die Veranstalterinnen hätten außerdem noch „ihr habt uns den Abend ruiniert“, „ihr seid unsolidarisch“ gesagt. Schließlich sei die Polizei gekommen und habe die jüdischen Queers und ihre Begleitungen aus der bedrohlichen Situation befreit.

Zunächst kein Statement vom Dyke March

Während die angegriffene Gruppe die Geschehnisse von Montagabend zeitnah öffentlich zu machen versuchte, fehlte hingegen zunächst ein Statement des Dyke March. Doch nachdem das Portal „Aviva“ am 10. Juli den Bericht der angegriffenen Gruppe veröffentlichte, es bereits am Vortag in der „taz“ eine Meldung gab und der „Tagesspiegel“ schließlich auch noch berichtete, konnte die Dyke-March-Orga nicht länger versuchen, den Vorfall auszusitzen. Am 12. Juli veröffentlichten sie ein Statement auf Facebook und Instagram sowie später auf der eigenen Website. Die „Möbel Olfe“ hat hingegen bis heute keine Stellungnahme dazu veröffentlicht. Auch queere Medien schweigen dazu.

Dafür äußerten sich nun andere, wie das Berliner schwule Anti-Gewalt-Projekt Maneo, die auf Instagram fordern, dass die Sicherheitskonzepte auf kommenden Pride-Events überprüft werden, „Antisemitismus darf in unseren Szenen nicht toleriert werden und keinen Platz finden“, heißt es außerdem im Maneo-Statement.

Allerdings zeigt der Vorfall auf der Soliparty, wie tief sich miefiger antisemitischer stalinistischer Sowjet-Agitprop festgefressen, queeren Aktivismus gar gekapert hatnicht nur in der Berliner Szene. Auch beim Dyke March in New York fühlen sich jüdische Lesben nicht mehr sicher und machen nun getrennte Veranstaltungen, wie das Portal „Mena-Watch“ berichtete. Die Organisatorinnen des US-Pendants solidarisierten sich offen mit antisemitischen Gruppen und sammelten gar Geld für diese.

Mangelndes Problembewusstsein für Antisemitismus

Das Statement des Dyke March Berlin zum Vorfall in der „Möbel Olfe“ zeigt, dass kein Problembewusstsein für Antisemitismus vorhanden ist. Darin wurde der jüdischen Gruppe vorgeworfen, provoziert zu haben und eine Spaltung vorantreiben zu wollen.

„Um die Sicherheit aller anwesenden Gäste zu gewährleisten hat das Dyke* March‐Orgateam in Absprache mit dem Team der Möbel Olfe die Veranstaltung beendet und alle Gäste gleichermaßen darum bitten müssen, die Bar zu verlassen. Die besagte Aktions‐Gruppe ist unserer wiederholten Aufforderung, die Bar zu verlassen lange Zeit nicht nachgekommen“, heißt es in der Darstellung des Dyke March.

Die Organisatorinnen beschweren sich auch noch, dass die Polizei gerufen wurde.  Weggelassen wird jedoch, wie bedrohlich die Situation für die kleine Gruppe war und sie die Hilfe der Polizei brauchten, um körperlich unversehrt aus der Lage zu kommen.

Weiter heißt es: „Während wir auf den Straßen Berlins demonstrieren, möchten wir unsere Solidarität mit marginalisierten, unterdrückten Gruppen weltweit bekräftigen. So verurteilen wir die derzeitigen Genozide in Palästina und anderen Teilen der Welt. […]  Wir sind gegen Kriege, gegen Propaganda und Zensur und damit gegen die Unterdrückung von individuellen Freiheiten – in Berlin, Deutschland, Europa und der Welt.“

Dieser Abschnitt zeugt in mehrfacher Hinsicht von einem gravierenden Realitätsverlust: In Gaza findet schlicht kein Genozid statt, auch wenn Pro-Palästina-Aktivistinnen diese Lüge unermüdlich wiederholen. Wer zudem individuelle Freiheiten sichern will, sollte am besten keinen Aktivismus unterstützen, der zuvörderst einer Organisation wie der Hamas dient.

Der US-amerikanische Antisemitismusforscher Jeffrey Herf beschrieb die Hamas treffend in einem Interview mit der „taz“: „Menschen, die sich selbst als links oder liberal betrachten, nehmen eine Organisation billigend in Kauf, die ihre Wurzeln in einer Mischung aus religiösem Fundamentalismus und dem Vernichtungsantisemitismus der Nazis hat. Die Hamas ist eine Bewegung der extremen Rechten: Ihre Auslegung der islamischen Religion ist islamistisch, ihre entsetzlichen Ansichten über Frauen, Queers, Juden und natürlich über die Demokratie sind rechts.“

Antisemitismus ist gefährlich

Es ist eine Sache, unterschiedliche Ansichten über den Nahost-Konflikt zu haben, wie falsch oder richtig sie auch sein mögen. Dies aber zum Vorwand zu nehmen, Jüdinnen und Juden aus allen Lebensbereichen zu drängen, sie gar zu bedrohen, ist Antisemitismus. „Wenn die Linke die Rückkehr des mörderischen Antisemitismus nicht spürt, ist das ihr Ende“, sagte Eva Illouz zum katastrophalen Umgang mit dem 7. Oktober. Man muss ergänzen: Es ist ebenfalls das Ende von Queer.


Till Randolf Amelung ist Redakteur des IQN-Blog und seit Juli 2024 auch Mitglied des IQN-Vorstand. Als freier Autor veröffentlicht er mit Schwerpunkt auf geschlechterpolitischen Themen auch in anderen Medien, zum Beispiel der Jungle World. Ebenso veröffentlicht er in wissenschaftlichen Sammelbänden wie dem Jahrbuch Sexualitäten der IQN. 2020 gab er im Querverlag den Sammelband Irrwege – Analysen aktueller queerer Politik heraus. 2022 erschien sein Essay Transaktivismus gegen Radikalfeminismus. Gedanken zu einer Front im digitalen Kulturkampf.