Mit Datum vom 13. Oktober 2020 hat die Initiative Queer Nations e.V. dem projektverantwortlichen Verein Freund*innen des Elberskirchen-Hirschfeld-Hauses – Queeres Kulturhaus e.V. den vorläufigen Rückzug von IQN aus dem E2H-Projekt zur Kenntnis gebracht. Der Text der Bekanntmachung im Wortlaut.


Als initiatorische Institution des Projekts für ein Queeres Kulturhaus, politisch schon vor fünf Jahren als Queerer Leuchtturm für Berlin durch den damaligen rot-schwarzen Senat markiert, sehen wir mit großer Sorge die aktuelle Entwicklung dieses aktuell so genannten Elberskirchen-Hirschfeld-Hauses.

Die Initiative Queer Nations e.V. wurde 2005 aus der Taufe gehoben, um jenseits parteipolitischer Wünsche und Profilierungsstrategien weltanschaulich unabhängige Projekte zu ermöglichen. Wir hatten wesentlich Anteil daran, die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld ins Leben zu rufen. Danach war sie federführend beteiligt, in Berlins Mitte ein der Öffentlichkeit zugängliches und bewusst weltanschaulich offen gehaltenes Queeres Kulturhaus zu initiieren. Darüber hinaus ermöglicht sie seit anderthalb Jahrzehnten den wissenschaftlichen – akademisch wie volxkulturell – Dialog zwischen allen Strömungen in den LGBTTIQ*-Szenen (nicht nur) in Berlin. Dokumentiert wird dies durch inzwischen 100 Queer Lectures und die Herausgabe des „Jahrbuch Sexualitäten“ (Wallstein-Verlag), das inzwischen in fünfter Ausgabe erschienen ist.

Wir haben stets insofern unsere Unabhängigkeit betont, als wir etwa in unseren Queer Lectures keiner ideellen oder diskursiven Richtung in der LGBTTIQ*-Community den Vorzug gaben oder je geben wollten. Im Gegenteil: Wir möchten den respektvollen und fairen Diskurs befördern, um miteinander eine gemeinsame Sprechfähigkeit zu erlangen. Gerade als queere Menschen sind wir überzeugt, dass Vielfalt – auch der Argumente und Überzeugungen – einen Wert in sich hat und geschützt und befördert werden muss.

Ausschließende oder gar feindselige Grundhaltungen

Dies scheint uns auch deshalb in jüngerer Zeit umso dringlicher geraten, als rechtspopulistische, teils homophobe, oft auch transphobe Stimmen in unserer Gesellschaft wieder stärker Raum beanspruchen und leider auch gewinnen. Als queere Personen können wir ein Beispiel setzen in einem Umfeld, das indes auf Diskursverengung zielt und seine gesellschaftszersetzende Kraft dadurch gewinnt, dass es Gegensätze ausspielt statt sich um eine Kultur der Toleranz und des Respekts zu bemühen. Diversität ist unser Charisma.

Die Initiative Queer Nations e.V. bedauerte sehr den Rückzug der queeren Archive – Magnus Hirschfeld Gesellschaft, Lesbenarchiv Spinnboden, das feministische Archiv FFBIZ sowie das Lili Elbe Archiv – aus unserem Projekt vom Queeren Kulturhaus.

Wie die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld möchten auch wir uns als IQN e.V. bis auf weiteres vom E2H-Projekt zurückziehen. Wir beobachten generell ausschließende oder gar feindselige Grundhaltungen gegenüber anderen Gruppen. Offener kontroverser Diskurs: ja, Diskriminierung: nein. Wir erinnern daran, dass ein Queeres Kulturhaus nur dann Sinn macht, wenn in diesem beispielsweise auch Trans- und Inter-Initiativen und -Gruppen und deren Kulturen ihren Platz finden können.

Eine Kultur von Sicht- und Sagbarkeit

Wir wünschen uns im Queeren Kulturhaus eine inklusive und offensive Willkommenskultur. Wer „anders als die anderen“ ist, soll hier ein Zuhause finden. Dazu gehört auch, weitere Bereiche queerer Lebensrealität zu integrieren, historisch wie aktuell und perspektivisch – oder wenigstens perspektivisch zu denken. Sensibel zu bleiben für Anliegen, die sich noch nicht laut artikulieren konnten, ist ein zentraler Bestandteil queerer Verantwortung.

Zu diesen Themen gehören zum Beispiel Geschichte und Gegenwart der People Of Colour (nicht nur) in Deutschland sowie der Menschen, die als sogenannte „Gastarbeiter:innen“ nach Deutschland (und andere Länder Mittel-, West- und Nordeuropas) kamen und deren LGBTTIQ*-Erfahrungen bislang kaum berücksichtigt werden; denen Erzähl-Räume ebenso fehlen wie Zuhörer:innen von allen Seiten: So verstehen wir eine Kultur von Sicht- und Sagbarkeit.

Als queere Menschen teilen wir die Erfahrung, unsichtbar bleiben zu sollen. Darum ist es uns als Initiative Queer Nations e.V. ein besonderes Anliegen, nicht einzelnen Teilgruppen der queeren Community besondere Sichtbarkeit zu ermöglichen, und seien sie geschichtlich noch so sehr begründet. Es gilt dazu beizutragen, alle Sexualitäten und Identitäten sichtbar und hörbar zu machen – seien sie im queeren Spektrum nun schwul, lesbisch, trans oder inter.

Dass es noch nicht zu spät ist, möchten wir glauben – bitten zunächst aber darum, dass unser Logo wie auch unser Name bis auf weiteres von der Website des E2H entfernt wird. Eine Rückkehr ins E2H-Projekt wünschen wir uns, indes nur mit den genannten queeren Archiven und der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld.

Vorstand der IQN e.V. – Clemens Schneider, Manuel Schubert, Markus Bernhardt und Jan Feddersen

Berlin, 13.10.2020