Ein Nationalspieler betet – und schon beginnt die Gesinnungsprüfung. Der Fall Felix Nmecha bei der WM 2026 zeigt, wie schnell religiöse Sichtbarkeit im Fußball unter Verdacht gerät, wenn sie nicht ins progressive Erwartungsprofil passt.

Von Jan Feddersen
Um nicht für andere sprechen zu müssen, so nur für mich: Ich war froh, als im Frühwinter des Jahres 2022 die deutsche Fußball-Nationalmannschaft bei der Fußball-WM Katar sportlich rechtzeitig scheiterte, was auch dem ethisch-moralischen (und von außen aufgedrückten) Bekenntnisdrang der DFB-Mannschaft ein Ende setzte.
Bekenntnis für Diversität in Katar
Wir erinnern uns: Da sollten die DFB-Mannen in dem autokratisch regierten Land, auferstanden aus Abermilliarden an Euro, die aus der Ölforderung seit Jahrzehnten die staatlichen Kassen vollspülten, eine Art abgespeckte Regenbogenfahne auf dem offiziellen DFB-Trikot tragen. Irgendwie sollte das symbolisieren, dass Deutschland für Diversität ist, doch einen zeichenhaften Akt der Schwulisierung durfte es andererseits auch nicht gehen. Das kirchentagshafte Drama fand sein Finale im sportlich-katastrophalen Abschneiden, woraus manche vielleicht nicht zu Unrecht das Resümee zogen, es sei beim Turnier in Katar weniger um Fußball als mehr um die Agenda von Wokeness gegangen.
Felix Nmecha unter Verdacht
Einen Nachhall dieser Vorkommnisse findet sich jetzt in Nordamerika beim WM-Turnier: Da wird ein Spieler wie Felix Nmecha in Zweifel gezogen, weil er nach der (siegreichen) Partie der Deutschen gegen Curaçao sich mit anderen aus seinem und dem gegnerischen Team in eine Ecke des Rasens stellte und sie zu beten begannen. Die taz kommentierte durch meinen ansonsten generösen und klugen Kollegen Andreas Rüttenauer und stellte einen gewissen „Jesusfimmel“ fest. Ulf Poschardt, rasende Kommentarmaschine der Welt, erkannte hingegen in den christlichen Gebetsmoves des Nationalspielers „eine berührende Geste“.
Doch für das Onlineforum queer.de steht fest, dass Nmecha durch und durch trans- und homofeindlich ist. Bereits 2023 geißelte diese Pattform Nmechas Äußerungen entsprechend, da kickte er noch für den VfL Wolfsburg:
„In der Vergangenheit lief Nmecha bereits im Regenbogentrikot des VfL Wolfsburg auf. Ob er sich auch eine Regenbogen-Kapitänsbinde überziehen würde, wollte er aber nicht sagten: ‚In dieser Situation würde ich nur eines tun: Ich würde beten und fragen, was Gott will, dass ich tue. Ich kann es jetzt nicht sagen, weil ich es nicht weiß. Aber ich würde mir auf jeden Fall viel Zeit im Gebet nehmen und mich dann entscheiden.‘
Nmecha wirbt in sozialen Medien offensiv für den christlichen Glauben. Auf Instagram lautet sein Profiltext etwa ‚Jesus is Lord‘ – er hat auf dieser Seite 56.000 Follower*innen. Sein missionarischer Eifer wird immer wieder von Fans kritisiert. Die Wolfsburger Allgemeine Zeitung berichtete, dass Nmechas Glaube Thema beim DFB war. Der Verband habe Kontakt zum VfL Wolfsburg aufgenommen, um abzuwägen, ob Nmechas Werte mit denen des Verbandes übereinstimmten. Nmecha habe versprochen, künftig genauer hinzuschauen, wenn er Inhalte im Internet teilt.“
Irrsinn der Identitätspolitik
In beiden Passagen steckt aller Irrsinn der hiesigen Identitätspolitik. Die Frage, ob er auch eine Regenbogen-Kapitänsbinde tragen würde, enthält ohnehin die Unterstellung, dass sich Nmecha getriggert fühlen müsste, denn dieser Spieler ist ja dafür bekannt seit langem, es mit Religiösem persönlich zu nehmen, inkl. Gebeten und Bibellektüren. Ob es sich, wie kommentierend formuliert wird, um einen „missionarischer Eifer“ handelt, kommt einer Unverschämtheit gleich: Dieser Spieler hat bislang noch niemanden missioniert. Das heißt, er ging noch nie jemanden mit Christlichem jenseits seiner Jesus-Bubble auf die Nerven.
Der nachgeklapperte Satz, ob mithin Nmechas „Werte mit denen des Verbandes übereinstimmten“, ist nicht minder schamlos: Als ob diese Werte auf den Ausschluss christlicher Haltungen hinauslaufen. Tun sie aber nicht. Grundgesetzlich geschützt ist jedenfalls hierzulande die Ausübung religiöser Praktiken, ebenso wie ein Glaubensbekenntnis auch öffentlich zu zeigen nicht verboten. Aber in der woke-talibanischen Welt von queer.de steht das alles unter Empörungsvorbehalt, ja, unter prinzipiell bösem Verdacht.
Im Forum queer.de gegenüber wurde nun DFB-Chef Bernd Neuendorf via RTL zitiert, als stünde Nmecha nach seiner spontanen Gebetsgruppe unter strengster Beobachtung: Nmecha, so das queere Organ, sei „streitbar“, Neuendorf hingegen „beteuerte auf Nachfrage“, an Vorwürfen zur „Homophobie“ sei nichts dran.
Fußball statt Queergida
Nun findet Nmecha, wie man lesen konnte, tatsächlich nach seinem christlichen Verständnis Dinge nicht so gut, Eltern etwa, überhaupt Kinder, die – vermutlich angestachelt durch deren Eltern – sich als trans verstehen. Selbst wenn ich alles skurril oder fragwürdig fände, was ein solcher Christ so bekundet, so ist er noch lange kein Rechter, aber das ist egal – denn auch in nichtqueerideologischen Analysen steht ja immer wieder geschrieben, wissenschaftlich fundiert, dass eine Transidentität von Kindern und Jugendlichen auch Ergebnis äußerer Beeinflussung sein kann.
Worauf es in puncto Nmecha ankommt, ist, so markiere ich den Unterschied zur Performance der DFB-Männer, die fußballerische Leistung. Nicht so ein aufgeblasenes und weltbelehrendes Ethik-Pathetik-Getue. Das wäre Queergida – und das kann ja keiner mehr wollen.
Anzunehmen, dass die Welt eine perfekte wäre, würden alle Regenbogenzeichen tragen, womöglich in der Progress-Variante, hat viel mit totalitären Phantasien zu tun. Das einzige, wo möglicherweise Nmechas Haltung eine Rolle spielen könnte, wäre, wenn er fordern würde, einen schwulen Mannschaftskameraden schlechter zu behandeln. Da es aber keine offen homosexuellen Akteure in der DFB-Équipe gibt, lässt sich dies nicht empirisch überprüfen.
Kein Gesinnungs-TÜV
Was ich also sagen will: Die gesinnungspolizeilichen TÜV-Prüfungen sind schauderhaft. Meinetwegen kann meine Nachbarin Schwule ganz widerlich finden – na und? Solange sie mein Leben nicht beeinträchtigt, kann, ja, muss mir das egal sein.
Was man sehen kann bei den Spielen in Nordamerika, auch der deutschen Mannschaft, dass migrationell bewirkte Hautfarbenunterschiede über penatencremeweiße Nuancen hinaus keinen Hund hinterm Ofen mehr provozieren. Kann sein, dass echt Völkische das bekümmert. Auch hier: na und?
Religiöses ist öfter mal Thema beim Fußball: Einige muslimisch geprägte Spieler erbringen Allah-hafte Grüße gen Himmel, wenn ihnen ein Tor gelungen ist. Antonio Rüdiger, ein echter Neuköllner aus Berlin und seit langem Star bei Real Madrid, betet offenbar auch nach islamischem Gusto. Seine Tasse Tee, nur seine.
Nmecha betonte neulich, für ihn gelte das christliche Gebot der Liebe. Das als Geste sollte uns reichen – mehr Gesinnungspolizei ist unnötig.

Über den Autor
Jan Feddersen
Jan Feddersen, Jahrgang 1957, 2005 Gründungsmitglied der IQN e.V., Redakteur der taz in Berlin, außerdem Co-Host beim Podcast „Based“. Mitherausgeber des „Jahrbuch Sexualitäten“.