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Aktionstag für die Buchstabensuppe

Von IDAHO zu IDAHOBITA – die Buchstabenreihe des internationalen Aktionstags zum 17. Mai wird immer länger. All diese Gruppen werden als „die Community“ zusammengebracht. Doch gerade Schwule finden sich darin kaum noch wieder.


Die immer länger werdenden Buchstabenketten im queeren Sektor werden immer weniger verstanden (Foto von Matthias Heyde auf Unsplash)


 

17. Mai 2024 | Till Randolf Amelung und Jan Feddersen

Auch dieses Wesen ruft das wichtige Zauberwort auf: Community. Nemo, siegreich beim Eurovision Song Contest voriges Wochenende in Malmö, wird in einem ESC-Forum mit der goldenen Ein-Wort-Formel zitiert: „Es macht mich unglaublich stolz“, also der ESC-Gewinn, „nicht auf mich, sondern auf unsere gesamte Community.“

Doch wer ist eigentlich mit „Community“ gemeint?  Am heutigen Freitag, dem 17. Mai, wird wieder der „Internationale Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transfeindlichkeit (IDAHOBIT)“ begangen, der inzwischen  IDAHOBITA heißt. Man fragt sich bei dem Buchstabenkürzel: Was soll es bedeuten? Das klärt in einer Pressemitteilung der Bundesverband Trans* auf: „Homo-, Bi-, Inter-, Trans*- und Asexuellenfeindlichkeit (IDAHOBITA)“.  Inzwischen ist also ein A hinzugekommen. A – wie Asexuelle.

 

Der 17. Mai als Aktionstag gegen Homophobie

Zur Erinnerung: Der 17. Mai wird seit 2005 im öffentlichen Erinnerungsdatumswesen begangen. Ursprünglich war dieser Aktionstag einer gegen Homophobie, ins Leben gerufen vom französischen Aktivisten George-Louis Tin. Das Datum wurde bewusst gewählt, denn am 17. Mai 1990 wurde Homosexualität von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von der Liste der psychischen Krankheiten gestrichen. In Deutschland spielt die Zahlenfolge zusätzlich auf den unseligen Paragraphen 175 an, der Schwule strafrechtlich verfolgt hat und erst 1994 aus dem Strafgesetzbuch entfernt wurde.

Inzwischen ist eine ganze Buchstabensammlung identitärer Art hinzugekommen. Das Datum hatte politisch einmal eine Bedeutung, weil es – nicht nur – in Deutschland stark fühlbare gesellschaftliche Vorbehalte gegen schwule Männer und lesbische Frauen gab. Es ging also nicht um sexuelle Identitäten, sondern um den Abbau dieser Vorbehalte, ob in den Arbeitsumfeldern, in Familien, in Schulen.

 

Wofür steht der Aktionstag heute?

Ein Meilenstein in dieser Hinsicht war für Lesben und Schwule schließlich das Gesetz zur „Ehe für alle“ im Frühsommer 2017.  Es blieb zwar das Gefühl, immer achtsam bleiben zu müssen, dass aber homosexuelle Sichtbarkeit nicht mehr fette Skandale stiftet. Doch inzwischen geht es nicht mehr um Anliegen um bürgerrechtlichen Sinn, sondern um Identitätspolitik, die Partikularinteressen hervorhebt. Allerdings scheinen Interessen von Lesben und Schwulen darin kaum noch vorzukommen. Favorisiert war fortan: Trans, Bi, Inter und nun auch Asexuell.

Was gerade bei Asexualität der Diskriminierungsinhalt sein könnte, ist nie so recht erklärt worden: Da ist jemand nicht triebstrukturhaft sexuell begehrend unterwegs – womöglich nicht am Körperlichen in sexueller Hinsicht interessiert?  „Na und?“ möchte man ausrufen, dann nicht. Sexuelle Appetitlosigkeit kommt in den schönsten (und ältesten) Lebenslagen vor – aber darum ein Bohei zu machen? Aus etwas Selbstverständlichem, das zum Leben gehört?  Doch wo es nur darum geht, alles Mögliche und Unmögliche mit einem Buchstaben in der Reihe sichtbar zu machen, macht sich die Frage nach der Sinnhaftigkeit selbst der Diskriminierung verdächtig.

Der  Buchstabenkürzelantidiskriminierungstag  ist zu einem Fördergeldesel verkommen, bei dem sich jeder bedienen darf, der das Identitätenspiel ohne Sinn und Verstand mitmacht. Auch in Bezug auf Bisexualität lässt sich fragen, wo genau heutzutage schwerwiegende Diskriminierungsfragen abzuräumen wären. Akut würde es höchstens, wenn man gerade von Außenstehenden als homosexuell gesehen wird.

Dieser Tag gegen Buchstabensalat-Diskriminierung ist eine Schimäre, eine Behauptung, die durch keine messbare Realität gedeckt wird. Wer Diskriminierung auf Fragen von Sichtbarkeit fokussieren will, hat möglicherweise keine gesellschaftspolitisch relevanten Probleme mehr.

 

Community als Phantasie

Aber dann bleibt ja immer noch das magische Wort „Community“. Doch wir fragen uns: Gibt es diese wirklich? Was meint jemand wie Nemo mit Community?

Immer wieder gibt es Aufrufe, „die Community“ müsse untereinander solidarisch sein oder es wird einfach von „der Community“ gesprochen und impliziert, dass alle das Gleiche denken und wollen. Dabei gibt es unterschiedliche Interessen innerhalb der Buchstabensuppe, das lässt sich mit ein wenig Feldforschung schnell feststellen. Schwule und Lesben wollen gleiche Bürgerrechte, was sie inklusive Ehegesetz erreicht haben. Sie möchten aber auch anerkannt wissen, dass ihr sexuelles Begehren einen materiellen Geschlechtskörper als Grundlage hat, der sich nicht beliebig postmodern dekonstruieren lässt. Eine biologische Frau hat nun mal keinen Penis. Doch bereits hier gibt es Konflikte mit der Gruppe von Transmenschen. Viele von ihnen möchten in Ruhe ihr Leben leben und ihren Alltag im Identitätsgeschlecht gestalten können. Nicht jede Kante oder Ecke des biologischen Geschlechts lässt sich hierbei glätten. Während die einen mit dieser Diskrepanz einen guten Umgang finden können, möchten die anderen die biologische Definition von Geschlecht radikal ändern, um eben auch einen Penis zu einem weiblichen Genital erklären zu können. Doch homosexuelles Begehren ist ohne das bisherige Verständnis von Geschlecht nicht sinnhaft zu definieren, mithin sind homosexuelle Interessen nicht zu formulieren. Doch anstatt mit diesem Interessenskonflikt zwischen Homo und Trans ehrlich und konstruktiv umzugehen, werden Lesben und Schwule, die ihn thematisieren, von queeraktivistischen Social Justice Warriors auf das Übelste beschimpft. „Community“ gibt es offensichtlich nicht für alle.

Gerade Schwules hat kaum noch Platz in dieser imaginierten Phantasie-Community. Dafür stehen nicht nur die immer endloser werdenden Buchstabenreihen des Aktionstags am 17. Mai, sondern auch die Designverbrechen an der Regenbogenflagge. Das eigentlich universelle Symbol wird mit immer mehr Symbolen von Partikulargruppen zugekleistert. Zugleich haben sich all diese Gruppen inzwischen nicht nur einen eigenen Buchstaben, sondern auch eigene Flaggen kreiert und Aktionstage gesetzt. So gibt es inzwischen zwei Aktionstage für Trans, einen für Nonbinäre, einen Pronomen-Tag, einen Tag für lesbische Sichtbarkeit, einen Tag des aromantischen Spektrums, einen Tag für Bisexuelle, für Inter und es ließen sich noch weitere Aktionstage aufzählen. Doch für Schwule gibt es keinen Aktionstag.

Nemo, sich als nonbinär und weder männlich noch weiblich definierend, nutzt die Aufmerksamkeit durch den ESC-Gewinn nun dafür, sich in der Schweiz für eine rechtliche Anerkennung für Menschen wie ihn einzusetzen. Damit im Pass nicht mehr „männlich“ oder „weiblich“, sondern auch nichts stehen könnte. Ob Nemo, biologisch männlich und mit einer Frau liiert, nun deshalb diskriminiert ist, weil es diese Möglichkeit in der Schweiz noch nicht gibt, darüber ließe sich wohl streiten. Ob Nemo aber allein durch die Herausidentifizierung aus dem männlichen Geschlecht gesellschaftliche und körperliche Dynamiken von Männlichkeit loswerden kann, führt zu einem grundsätzlichen Dilemma um den Nonbinary-Begriff.  Begrifflich verweigert sich dieser einer kohärenten Definition und zugleich bestehen die körperlichen Begrenzungen des Geschlechts fort, ebenso wie Zumutungen durch Rollenerwartungen. Und natürlich führen inkohärente Eigendefinitionen zwangsläufig zu Konflikten mit der Außenwelt. Doch inwieweit ist dies eine bürgerrechtliche Fragestellung, die einen Aktionstag und staatliche Fördermittel braucht? Und: Vielleicht ist jemand, der den ESC gewinnt, gar nicht so schlimm diskriminiert, sonst wäre dies nicht möglich gewesen. Mit Opfertum und Diskriminierungsbehauptungen lassen sich heutzutage öffentliche Prestigegewinne erzielen.

 

Aktivismus nicht für Homos

Das führt dazu, dass manche mit queerer Community nichts zu schaffen haben wollen. Vor allem viele schwule Männer und lesbische Frauen wollen einfach leben und mit buchstabensalathaftem Kuddelmuddel nichts am Hut haben. Wie der frühere Gesundheitsminister Jens Spahn: Er betont, schwul zu sein – nicht queer.

Eine besonders grässliche Verballhornung von politischem Aktivismus  für schwule, lesbische oder trans* Bürgerrechte geht von Gruppen wie „Queers for Palestine“ aus. Sie reden der Hamas das Wort und dämonisieren Israel, die einzige liberale Demokratie im Nahen Osten, wo LGBT bürgerrechtlich geschützt sind. Wahre Opfer bleiben von ihnen unerwähnt: Transpersonen, Drag Queens und Schwule die aus Gaza oder der Westbank fliehen mussten, um zu überleben.

Was aus dem einstigen sinnvollen Tag gegen Homophobie geworden ist, ist sinnlos. Anstatt die Buchstabenkette immer länger und die Regenbogenflagge immer hässlicher werden zu lassen, sollten wir ehrlicher erkunden, was tatsächliche Probleme sind, die es zu bearbeiten gilt, damit in unserem Land alle Menschen nach ihrer Fasson selig werden können. Für die reine Sichtbarkeit gibt es schließlich den CSD – und das mittlerweile nicht nur in Großstädten, sondern auch auf dem Land.

 


Till Randolf Amelung ist Redakteur des Blogs der Initiative Queer Nations.

Jan Feddersen ist Gründungsvorstand der Initiative Queer Nations und Redakteur für besondere Aufgaben bei der taz.


 


Deutscher Ärztetag kritisiert Self-ID für Minderjährige

Die Bundesärztekammer kritisiert auf dem Deutschen Ärztetag mit zwei Resolutionen die Regelungen für Minderjährige im Selbstbestimmungsgesetz und die kommende S2k-Leitlinie zu Geschlechtsinkongruenz und -dysphorie im Kindes- und Jugendalter.


Der 128. Deutsche Ärztetag fand im beschaulichen Mainz statt (Foto: lapping auf Pixabay).


 

13. Mai 2024 | Till Randolf Amelung

Vorigen Freitag, am 10. Mai 2024, verabschiedete der 128. Deutsche Ärztetag in Mainz zwei Resolutionen, die sich an die Bundesregierung richten und von Bedeutung für die weitere Debatte um die Freigabe etwa von Pubertätsblockern an Minderjährige sind: Demnach wird gefordert, diese Hormongaben zur Verhinderung eines körperlichen Erwachsenwerdens bei Geschlechtsdysphorie für unter-18-jährige auf kontrollierte klinische Studien zu beschränken und Änderungen des Vornamens sowie amtlichen Geschlechtseintrags erst ab Volljährigkeit mit einem Selbstbestimmungsgesetz zu erlauben. Diese Vorgänge sind deshalb relevant, weil der Deutsche Ärztetag die Jahreshauptversammlung der Bundesärztekammer ist. An dieser nehmen 250 Delegierte aus allen 17 deutschen Ärztekammern teil. Wesentliche Aufgaben sind u. A. das Erarbeiten von berufsrechtlichen Regelungen, auch gesundheitspolitische Positionen werden abgestimmt.

 

Zwei Anträge zum medizinischen Umgang

Angesichts der bevorstehenden finalen Veröffentlichung einer neuen medizinischen Leitlinie, scheinen Fragen um den angemessenen Einsatz von medizinischen Eingriffen wie Pubertätsblocker, Hormontherapien oder Operationen bei Minderjährigen nun in breiteren Teilen der deutschen Ärzteschaft aufzukommen. Der Antrag von sieben Ärzt*innen fordert „Pubertätsblocker, geschlechtsumwandelnde Hormontherapien oder ebensolche Operationen bei unter 18-Jährigen mit Geschlechtsinkongruenz (GI) bzw. Geschlechtsdysphorie (GD) nur im Rahmen kontrollierter wissenschaftlicher Studien und unter Hinzuziehen eines multidisziplinären Teams sowie einer klinischen Ethikkommission und nach abgeschlossener medizinischer und insbesondere psychiatrischer Diagnostik und Behandlung eventueller psychischer Störungen zu gestatten.“ Damit steht dieser Antrag in Opposition zu den neuen S2k-Leitlinien, die unter der Leitung des Münsteraner Psychiaters Georg Romer erarbeitet wurden.

Die sieben Ärzt*innen, allesamt Delegierte der Landesärztekammer Mecklenburg-Vorpommern und aus unterschiedlichen Fachgebieten, begründeten ihren Antrag unter Anderem so: „Es handelt sich um irreversible Eingriffe in den menschlichen Körper bei physiologisch primär gesunden Minderjährigen, die hierfür bei fehlender Evidenz für derartige Maßnahmen kein informiertes Einverständnis geben können.“ Auch würden diese Eingriffe nicht automatisch die psychische Gesundheit der Minderjährigen verbessern. Laut dem Portal „queer.de“ wurde dieser Antrag mit 120 Ja-Stimmen gegen 47 Nein-Stimmen und bei 13 Enthaltungen angenommen. „queer.de“ kritisiert, dass die Bundesärztekammer damit die positiven Folgen der Therapie ignoriere und Pubertätsblocker als potenziell lebensrettend gälten. Doch die Evidenzlage für den Einsatz von Pubertätsblockern bei geschlechtsdysphorischen Kindern und Jugendlichen ist zu schwach, das brachte zuletzt auch der britische Cass-Report ans Licht, der die Behandlungsqualität im inzwischen abgewickelten Gender Identity Developement Service der Tavistockklinik in London untersuchte.

Zudem fordern die Ärzt*innen darüber hinaus, dass „Therapieergebnisse jeglicher Interventionen dieser Art soziologisch, medizinisch, kinder- und jugendpsychiatrisch, sozial und psychologisch über einen Zeitraum von mindestens zehn Jahren nachverfolgt werden“. Eine ähnliche Forderung stellte auch eine andere Gruppe von delegierten Ärzt*innen, die ihren Antrag dann aber zurückzogen, um sich mutmaßlich dem anderen anzuschließen.

 

Kritik an gender-affirmativer Leitlinie wächst

Mit diesen Anträgen positionieren sich die Delegierten auf dem Ärztetag auch kritisch zu der S2k-Leitlinie zu Geschlechtsinkongruenz und -dysphorie im Kindes- und Jugendalter. Bereits zuvor hat eine Gruppe von 15 Kinder- und Jugendpsychiatern verschiedener deutscher Universitäten scharfe Kritik an den neuen Leitlinien geübt. Die Gruppe fordert, dass der Leitlinien-Entwurf zurückgezogen und überarbeitet werden solle. Auch sie kritisieren, dass die Empfehlungen des Einsatzes von Pubertätsblockern, Geschlechtshormonen und Operationen der schwachen Evidenzlage nicht gerecht würden. Dabei haben andere Länder wie Großbritannien, Schweden, Finnland, Dänemark aufgrund dessen längst einen Kurswechsel vollzogen. Psychotherapie steht dort wieder an erster Stelle, anstatt schnell zu Medikamenten und Operationen zu greifen.

Die fundamentale Kritik an der S2k-Leitlinie ist indes wohl vor allem seitens der federführenden Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie unerwünscht. Derzeit befindet sich die Leitlinie in der fachöffentlichen Diskussionsphase, diese solle sich nach dem Willen der genannten Fachgesellschaft ausschließlich mit redaktionellen Verbesserungsmöglichkeiten befassen. Im Deutschen Ärzteblatt wird die Begründung wiedergegeben, dass die Aussagen der Leitlinie sämtlich mit starkem Konsens verabschiedet worden seien. Neben den 15 Kinder- und Jugendpsychiatern forderte auch die Eltern-Initiative „Trans-Teens Sorge berechtigt“ in einem Offenen Brief, die geplanten Leitlinien in dieser Form zu stoppen.

 

Auch Kritik am Selbstbestimmungsgesetz

Der zweite Antrag, über den die Delegierten auf dem Deutschen Ärztetag abstimmten, befasste sich mit dem inzwischen vom Bundestag mit seiner Mehrheit der Ampelregierungsparteien beschlossenen Selbstbestimmungsgesetz. In diesem Antrag wird gefordert, dass das Selbstbestimmungsgesetz nur für Volljährige gelten solle. Minderjährigen dürfe es nicht gestattet werden, ohne vorherige fachärztliche kinder- und jugendpsychiatrische Diagnostik und Beratung Änderungen zu ihrem Geschlecht und Personenstand im Personenregister vorzunehmen oder vornehmen zu lassen. Die Antragsteller*innen kritisieren am Selbstbestimmungsgesetz eine „fehlende Differenzierung zwischen subjektivem Zugehörigkeitsgefühl inklusive der daraus abgeleiteten Selbstkategorisierung einer Person und ihrem faktisch gegebenen körperlich-biologischen Geschlecht, die Gleichsetzung von geschlechtsbezogenem Identitätsempfinden und personenstandsrechtlicher Zuordnung im amtlichen Geburtsregister, die unzureichend vorgenommene Abgrenzung von Intersexualität/DSD („Varianten der Geschlechtsentwicklung“) zu Transsexualität.“ Für diesen Antrag gab es 110 Ja-Stimmen gegen 64 Nein-Stimmen bei 14 Enthaltungen.

Das Selbstbestimmungsgesetz wurde von der Bundesregierung in einer Hauruck-Aktion am 12. April 2024 durch den Bundestag gebracht und soll zu November 2024 in Kraft treten. Derzeit liegt das Gesetz beim Bundesrat, der jedoch nicht zustimmungspflichtig ist. Allerdings hat der Ausschuss für Innere Angelegenheiten des Bundesrats gefordert, den Vermittlungsausschuss anzurufen. Die Kritik des Ausschusses bezieht sich auf die Streichung der aus datenschutzrechtlicher Sicht umstrittenen Mitteilungspflicht der vollzogenen Änderung des Vornamens und Geschlechtseintrags an Sicherheitsbehörden. Es wird ein erhebliches Risiko für Identitätsverschleierungen von Straftäter*innen gesehen. Daher steht das Selbstbestimmungsgesetz nun für den 17. Mai 2024 auf der Tagesordnung des Bundesrats. Sollte der Bundesrat für die Anrufung des Vermittlungsausschusses stimmen, würde sich das Inkrafttreten des Gesetzes verzögern. Dieses Szenario gilt als wenig wahrscheinlich. Danach müsste nur noch Bundespräsident Walter Steinmeier das Gesetz unterzeichnen.

 

Kritik an den Beschlüssen von Transverband

Die Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität e.V. (dgti) kritisierte die Beschlüsse auf dem Deutschen Ärztetag als „politisch motiviert“ und „fachlich irreführend“. Die dgti, soviel zum Hintergrund, ist bestrebt, jede Kritik am gender-affirmativen Ansatz bei Minderjährigen als „rechtspopulistische Stimmungsmache“ abzukanzeln. Die in mehreren europäischen Ländern bereits festgestellten Schwächen bei der Evidenzbasis und Risiken für minderjährige Patient*innen werden wiederholt absichtsvoll unterschätzt. Doch die jüngsten Reaktionen aus der Ärzteschaft zeigen, dass die transaktivistischen Erklärungen nicht zu überzeugen vermögen.

Verantwortliche innerhalb der Bundesregierung habe in Bezug auf das Selbstbestimmungsgesetz womöglich geahnt, dass sich das Zeitfenster für das Durchbringen dieses Gesetzes gerade schließt. Daher wurden im Bundestag Fakten geschaffen, bevor die Debatte vor allem durch den Cass-Report innerhalb der deutschen Medizin Fahrt aufnimmt. So mögen die Beschlüsse des Deutschen Ärztetags für einige zu spät kommen, aber sie sind dennoch wichtig. Sie dokumentieren, wie die Politik Warnungen in den Wind geschlagen hat.

 


Till Randolf Amelung ist Redakteur des IQN-Blog. Im November 2023 war er als Sachverständiger im Familienausschuss zum Selbstbestimmungsgesetz angehört worden.


 


Ein Fest der queeren Sichtbarkeit – Ja zum CSD!

CSDs gehören heute in Deutschland selbstverständlich zum Sommerprogramm dazu. Immer wieder hört und liest man die Frage, ob es den CSD überhaupt noch brauche. IQN-Vorstand Jan Feddersen plädiert leidenschaftlich dafür.


Der erste CSD in Hamburg 1980 – mit Jan Feddersen (Foto: Chris Lambertsen)


6. Mai 2024 | Jan Feddersen

Ein Klick – und der CSD-Kalender für dieses Jahr ist ersichtlich. Man erkennt auf Anhieb auf dieser Agenda, dass Umzüge, Paraden oder Demonstrationen von Schwulen, Lesben, Transmenschen und ihren Freundinnen* keine Sache in großen Städten mehr ist. Berlin, Köln, Hamburg, München oder Hamburg allein auf weiter Flur, „queere“ Sichtbarkeit zu organisieren? Das war einmal. Wir sind eben überall und zeige- wie sichtbarkeitslustig.

 

Mein erstes Mal

1979 war ich Teilnehmer bei den beiden ersten CSD-Paraden in Deutschland. Ich war in Bremen dabei, in Westberlin gab es auch einen Umzug. 1980 schließlich, organisierte ich die erste Demo in Hamburg, hier sieht man mich links am Transparent. Es war aufregend, drei Jahre nach meinem Coming-Out! Mein ganzes Lebensgefühl war davon geprägt, mich und meine Art des Begehrens nicht mehr diskret zu halten.

Als politisch verstanden wir unser Tun sowieso. Schwul, öffentlich, es zeigend, das war für mich damals eingebettet in eine linksalternative Atmosphäre in meiner Heimatstadt. Ein gutes Vierteljahr später, im Herbst 1980, ollte Corny Littmann, der wahnsinnig erfolgreiche „Brühwarm“-Theatermann, Spitzenkandidat der Grün-Alternativen bei den Bundestagswahlen werden – und ein achtbares Ergebnis erzielen.

CSDs – das waren eben auch Mutproben, auch wenn ich selbst dies damals bestritten hätte: „Was? – Mutprobe? Nee, ist doch klar, machen wir.“ Dabei war es eben nicht klar für die meisten homosexuellen Männer und Frauen, auch nicht für Transmenschen: CSD – das traute man sich dann doch nicht.

 

Sind CSDs irrelevant?

Insofern ist jedes Gerede, ob wir noch CSDs brauchen, ob es nicht reine unpolitische Karnevalsveranstaltungen seien, verfehlt. Ältere Texte von mir zeigen mir, dass die Debatte etwas Patina angesetzt haben könnte. Aber: Es wird immer noch so getan, als seien Paraden von Queers konsumorientiert, pornografisch oder sonst wie irrelevant. Einige Jahre gab es sogar einen alternativen CSD in Berlin-Kreuzberg, wo man sich auf seine revolutionäre Gesinnung (Bürgerkinder durch und durch) immer viel zu Gute hielt. Ich persönlich weiß nicht, was aus diesem sogenannten Alternativangebot geworden ist, aber Freunde klärten mich auf, dass es inzwischen International Queer Pride heißt. Jedenfalls: Zuletzt, zu meiner aktiven Paradezeit, zerstritten sich die Organisatorinnen*, weil u.a. bei diesen CSDs Israelfahnen misshandelt wurden, queer-feministische und transaktivistische Positionen zur Bedingung der Teilnahme gemacht wurde  – und weil man insgesamt dann doch eher Sekte, als Bewegung blieb.

Der große CSD in Berlin litt und leidet an einer Fülle von internen Zänkereien, die hier nicht weiter ausgebreitet werden sollen. Insgesamt trifft aber wohl zu: Dem – wichtigen – Fußvolk ist das alles egal. Man geht hin als lesbische Kassiererin aus Reinickendorf, als Gärtner aus Rudow oder Schornsteinfegerfachkraft aus sonstwo in der Hauptstadt, viele Touristen und Hauptstadtbesucherinnen von auswärts, schichtenübergreifend, von proletarisch-handwerkerlich bis zum höheren Angestellten. Wichtig ist, sich zu zeigen – und sich selbst ein Zeichen des Mutes zu sein.

 

CSDs als Statement

Wichtiger scheinen mir ohnehin die CSD-Feste in der Provinz, dieses Jahr, so nehme ich stark an, ziemlich parallel zu den Demokratiedemos gegen die AfD, gegen völkische Wahlergebnisse, vor allem im Osten unserer Republik. Aber wären deshalb CSDs in den Metropolen unwichtig? Könnte man sie ausfallen lassen? Ist doch sowieso nur Ballermann auf queer?

Das hielte ich für falsch. Faktisch hat sich schwules Leben weitgehend ins Internet verlagert; lesbisches Leben fand nie in einer vergleichbaren Gastroinfrastruktur ihren Ausdruck; Transmenschen haben teilweise nochmal andere Strukturen, sind aber oft angewiesen auf Bars und Diskos wie das SchwuZ oder den Südblock. Ansonsten ist ja alles, wie sagt man, „gay friendly“ bzw. queerfreundlich. Die meisten homo- und transphoben Zuständen sind hierzulande von gestern, auch wenn die alten Gefühle der Verletzlichkeit nicht verschwunden sind und jederzeit reaktivierbar sind. Alle mit Herz wissen das, ich auch.

Und weil CSDs Catwalks des öffentlichen Zeigens sind, brauchen wir sie, unter welchem Motto auch immer. Wichtig ist zu sagen: Wir bleiben nicht automatisch sichtbar. Wir müssen uns schon zeigen, sonst verschwinden wir wieder aus dem gesellschaftlichen Bewusstsein. Deshalb gilt es, gegen die Verachtung anzureden: CSDs sind Coming-Outs im Reenactment. Massenhaft, millionenfach. Gut, dass es sie gibt!

 


Ältere Texte zum CSD von Jan:


Jan Feddersen ist Gründungsvorstand der Initiative Queer Nations und Redakteur für besondere Aufgaben bei der taz.


 

 


Die Frühjahrssaison ist „woke“

Besonders in diesem Jahr wurden einige Buchtitel auf den Markt geworfen, die sich kritisch mit Identitätspolitik und „Woke“ auseinandersetzen wollen. Drei davon werden im IQN-Blog vorgestellt.


(Foto von Tom Hermans auf Unsplash)


 

1. Mai 2024 | Till Randolf Amelung

So viel Kritik an Identitätspolitik wie im Frühjahr 2024 war womöglich noch nie gleichzeitig auf dem deutschen Buchmarkt zu finden. Als vor sechs Jahren im Querverlag der kontrovers diskutierte „Beißreflexe. Kritik an queerem Aktivismus, autoritären Sehnsüchten, Sprechverboten“ erschien, der dezidiert aus einer linken und LGBT-Perspektive ein bestimmtes aktivistisches Gebaren mitunter scharf kritisierte, wurde es eher noch als Nischenthema angesehen. Inzwischen hat woke Identitätspolitik auch den gesellschaftlichen Mainstream erreicht und so steigt auch der Bedarf nach profunden Analysen und Erklärungen dieses Phänomens. Drei dieser Neuerscheinungen werden nun vorgestellt.

 

Yascha Mounk: Im Zeitalter der Identität. Der Aufstieg einer gefährlichen Idee

Der renommierte deutsch-amerikanische Politikwissenschaftler Yascha Mounk, der sich zuletzt mit der Krise der liberalen Demokratie und der Gefahren durch den Rechtspopulismus auseinandersetzte, wendet sich nun den Fehlern linker Identitätspolitik zu. Diese hätten, so der Autor, einen Anteil daran, in den USA die Gesellschaft polarisiert zu haben und dem Aufstieg rechtspopulistischer Kräfte zusätzlichen Auftrieb gegeben. Woke Identitätspolitik, die Mounk lieber „Identitätssynthese“ nennt, kommt mit dem Anspruch, gegen Diskriminierung von Minderheiten zu kämpfen. Doch Mounk zufolge richte sie sich gegen „die Werte unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung“. Menschen würden nur noch über Gruppenzugehörigkeiten gesehen, aber nicht mehr als Individuen. Es sei aber nicht das Problem, „dass sie zu radikal oder kompromisslos für hehre Anliegen wie den Kampf gegen Rassismus einstünde“. Das grundsätzliche Problem sei vielmehr, dass sie unfähig wäre, „eine Gesellschaft zu inspirieren, in der wir friedlich zusammenleben, uns wirklich ebenbürtig fühlen und einander als wahre Mitbürger erkennen“.

Yascha Mounk: Im Zeitalter der Identität. Der Aufstieg einer gefährlichen Idee, Stuttgart: Klett-Cotta 2024, ISBN: 978-3-608-98699-0, 512 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag, 28 €

Mounk geht seine Kritik an Identitätspolitik gründlich an. Zunächst macht er seine Leser_innen mit den theoretischen Grundlagen heutiger identitätspolitischer Ideen vertraut. Diese stammen von postmodernen Denker_innen, wie Michel Foucault, Gayatri Chakravorty Spivak, Edward Said oder auch Kimberlé Crenshaw und sind geprägt von einem „radikalen Skeptizismus“ gegenüber universellen Werten und objektiver Wahrheit. Ebenso zeigt Mounk die Entwicklungsschritte, die zu einer Vermengung von politischem Aktivismus und Wissenschaft führten, einschließlich der Adaptionen durch Online-Aktivismus in sozialen Medien. Aus dieser Mélange entwickelte sich das identitätspolitisch charakteristische Verhalten, wo mit einem rigiden Moralismus und Mobbingmethoden gegen Kritik und Abweichung vorgegangen wird. Ebenso wichtig für das Verständnis heutiger Probleme ist, wie identitätspolitischen Ansätze den gesellschaftspolitischen Mainstream erreichten und Schlüsselstellen in Institutionen, wie Hochschulen, NGOs und Medien erobern konnten. Der Autor übt aus einer universalistischen Grundhaltung fundierte Kritik an Identitätspolitik und wirbt für die Prinzipien des Liberalismus sowie das Festhalten am Glauben an die Verbesserungsfähigkeit von Gesellschaften.

Fazit: Wer nur ein Buch zur kritischen Auseinandersetzung mit identitätspolitischen Ideen lesen will, sollte das von Mounk wählen.

 


 

Esther Bockwyt: Woke. Psychologie eines Kulturkampfs

Esther Bockwyt: Woke. Psychologie eines Kulturkampfs, Frankfurt/Main: Westend Verlag 2024, ISBN 9783864894442, 224 Seiten, kartoniert, 18 €

Welche Auswirkungen haben woke Überzeugungen auf die psychische Gesundheit Einzelner sowie den gesellschaftlichen Umgang miteinander? Diesen Fragen widmet sich die Psychologin Esther Bockwyt. Als Kernelemente woken Denkens sieht sie insbesondere das Betonen von Gruppenidentitäten und die Annahme, dass alle Minderheitengruppen strukturell, also systematisch diskriminiert würden. Diskriminierungen seien ständig präsent und bedeutsam sei das subjektive Empfinden einer solchen. Eine objektive Realität gebe es nicht.

Der Autorin zufolge ist „Wokeness eine Ideologie, die eine zutiefst demotivierende Perspektive im Leben eines Individuums“ forciere.  Zudem unterstütze Wokeness „emotionale Fragilität und überhöhten Narzissmus“ und verhindere, dass Menschen erwachsen Verantwortung für sich selbst übernehmen. Außerdem fördere diese Ideologie Schwarz-Weiß-Denken sowie „Projektion des Bösen in andere und in die gesamte gesellschaftliche Struktur“. Bockwyt gelingt es, die psychologischen Dynamiken hinter ihren Feststellungen anschaulich und nachvollziehbar auch für psychologische Laien zu erläutern.

Fazit: Esther Bockwyts Buch fügt der Kritik an Woke mit dem psychologischen Zugang interessante und bedenkenswerte Aspekte hinzu.

 


Susanne Schröter: Der neue Kulturkampf. Wie eine woke Linke Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft bedroht

Susanne Schröter: Der neue Kulturkampf. Wie eine woke Linke Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft bedroht, Freiburg/Basel/Wien: Herder Verlag 2024, ISBN: 978-3-451-39710-3, 272 Seiten, kartoniert, 20 €

Die Frankfurter Ethnologin Susanne Schröter will in ihrem neuen Buch zeigen, wie identitätspolitische Gruppen auch in Deutschland Einfluss auf Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft nehmen, um sie in ihrem Sinne zu gestalten. Schröter kann hier viel aus ihren eigenen Erfahrungen schöpfen und tut dies in ihrem Buch auch, denn sie gilt selbst in identitätspolitisch linken Kreisen als „umstritten“. In ihrer Forschung beschäftigt sich die Ethnologin Schröter hauptsächlich mit islamischen Gesellschaften in Südostasien. Immer wieder setzt sie sich auch kritisch mit Islamismus auseinander und warnt vor der aktiven Einflussnahme durch extremistische Akteure. Dafür wird sie von woken Aktivist*innen mit Vorwürfen bedacht, sie sei eine Rassistin und „islamophob“.

Kenntnisreich zeigt Schröter in ihrem Buch auf, wie Aktivist*innen vorgehen, um unliebsame Stimmen aus dem Diskurs zu verdrängen. Ebenso zeigt sie, wie diese Aktivist*innen im Bereich Antirassismus allgemein und beim Thema „Islam“ im Besonderen dabei auch extremistischen Gruppen und Akteuren zuarbeiten. Allerdings sind die jahrelangen Angriffe, die auch auf ihre Existenz als Professorin zielten, nicht spurlos an ihr vorübergegangen. So gleitet sie ihrerseits an einigen Stellen in unsachliche Skandalisierung ab. Dies schmälert jedoch nicht ihren Verdienst, eine bündige Darstellung geliefert zu haben, wie sich Probleme mit wokem Aktivismus in Deutschland zeigen.

Fazit: Wer aus erster Hand erfahren will, wie identitätspolitischer Aktivismus in Deutschland agiert, sollte Schröters Buch lesen.

 


Till Randolf Amelung ist Redakteur des IQN-Blog. 


 


Die Kunst der Faktenfreiheit – eine Antwort an Nora Eckert

Transaktivistin Nora Eckert lobt auf dem Portal queer.de eine neue Broschüre des Bundesverband Trans*. Ihr Text gerät jedoch zu einer einzigen Schmähschrift gegen jedwede Kritik an transaktivistischen Forderungen. Auch IQN wird angegriffen, der Vorstandsvorsitzende Jan Feddersen antwortet darauf.


2022 war die Autorin Nora Eckert, die IQN nun so diffamiert, noch Gast in unserem Format „Queer Lecture“, was wir in Kooperation mit der taz veranstalten.


 

28. April 2024 | Jan Feddersen

In einem Text auf der Online-Plattform queer.de macht die transaktivistische Autorin Nora Eckert einmal mehr Front gegen alle, die ihr missbehagen. Ihr Text unter der Überschrift „Was wollen TERFs und die vereinigten Reaktionäre‘?“ zieht  gegen KritikerInnen ihrer Auffassungen zu Felde, vor allem gegen feministische AutorInnen. In der Unterzeile heißt es: „Trans Frauen sind ihr Lieblingsfeind, zu ihrer politischen Strategie gehört die Spaltung der Gesellschaft. Einige Gedanken anlässlich des Erscheinens der neuen und wichtigen Broschüre ‚Was sind TERFs?“ Der von der Redaktion zusammengefasste Tenor ihres Textes ist irreführend, denn Eckerts Reklametext im Sinne ihres Vereins Bundesverband Trans* versprüht vor allem Gift.

 

Kritik am Transaktivismus = AfD

Eckert dämonisiert die Kritik am transaktivistischen Schwurbeln, indem sie sie in AfD-Nähe rückt. Eine Partei, gegen deren Präsenz im Kuratorium der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld auch die IQN in den vergangenen Jahren gestimmt hat und auch in Zukunft stimmen wird. Man könnte boshaft schlussfolgern: Wenn auch nur ein Mensch der AfD, behauptete, 2 + 2 komme zur Summe 4, dürfte niemand bei dieser Rechnung wieder zum gleichen Ergebnis kommen, denn das wäre ja, in der Logik Eckerts, AfD-nah.

Man könnte auch formulieren: Um zu erreichen, dass die grüne Bundestagsabgeordnete Tessa Ganserer von allen Parteien im Parlament Beifall bekommt, muss der AfD nahegebracht werden, die Politikerin übel zu diffamieren. Die von vielen Landesämtern für Verfassungsschutz in etlichen Landesverbänden als rechtsextrem eingeschätzte Partei lebt von Polarisierung – und hat auch das empathiestimulierende Geschäft des Transaktivismus betrieben. Denn Kritik ist für diesen Aktivismus, bis in die oberste Spitze des Familienministeriums hinein, immer „rechts“, immer abwegig und gegen das Naheliegende des politisch Guten.

 

Attacken gegen IQN

Nora Eckert also, schreibt in ihrem Text nach der Zwischenüberschrift „TERF-Ideologie auch unter dem Label ‚queer‘“:

„Am Befremdlichsten erscheint mir dabei das Phänomen ‚Initiative Queer Nations‘ (IQN), die sich offenbar entschieden hat, als Spaltpilz innerhalb der Community zu agieren. Das ist in den letzten Jahren immer dann klar hervorgetreten, wenn das Thema trans auf die Tagesordnung kam und kommt – etwa in der Publikation ‚Jahrbuch Sexualitäten‘, wo die krudesten transfeindlichen Statements unwidersprochen veröffentlicht werden, als ginge es darum, TERF-Ideologie als Wissenschaft zu verkaufen.“

Hier betreibt Frau Eckert Stimmung, denn sie benennt die „krudesten transfeinlichen Statements“ nicht. Und sowieso: Warum sollten etwa Texten, wie dem der Transfrau Jessica Lynn aus dem „Jahrbuch Sexualitäten 2018“ widersprochen werden? Es handelt sich hier um ein ergreifendes Dokument einer Menschwerdung zur Transfrau. Überhaupt sind in den „Jahrbüchern“ etliche Texte zur Transfrage erschienen – aber nur weil Frau Eckert sie offenbar nicht kennt, müssen sie ja nicht gefehlt haben.

Doch es wird noch kurioser, denn sie formuliert in ihrer ‚journalistischen‘ Texterei weiter:

„Was die Initiative mit queer zu tun hat, ist mir seither ein Rätsel, und ebenso, was sie ins genderkritische, radikalfeministische Lager getrieben hat. Das ist wohl auch der Grund, dass sich queere Organisationen längst aus den Projekten von IQN zurückgezogen haben. Die Kommentare zum Selbst­bestimmungs­gesetz müssen uns da nicht mehr wundern, die von Falschbehauptungen wie bei den oben Genannten geprägt sind. Vorurteile sind jedenfalls überall Trumpf. Und dann wundert sich IQN noch, dass der Rest der Community darüber not amused ist.“

„Queere Organisationen“, wie Eckert behauptet, waren nie dem IQN-Projekt angehörig. Insofern konnte sich auch kein Verein zurückziehen, „längst“, wie diese Schreiberin suggeriert, schon gar nicht. Die IQN gründete sich 2006, mit dem Ziel, so etwas zu ermöglichen, was seit 2011 die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld ist – plural in den Auffassungen, kontrovers in den Diskursen.  „Queer“, das könnte Frau Eckert wissen, nähme sie  Quellen außerhalb ihres eigenen Gemüts wahr, verstehen wir nicht ideologisch im Sinne des Queerfeminismus. Wir sehen dieses Wort als Sammelbegriff für eine Menschengruppe, zu der schwule Männer, lesbische Frauen, Transmenschen und andere gehören, die sich den Ordnungen der Üblichkeiten nicht zurechnen.

 

Dem Konsens nicht unterworfen

Unsere Kommentare zum deutschen Selbstbestimmungsrecht, wesentlich in den „Jahrbüchern“ zu finden, doch vor allem auch durch den wissenschaftsorientierten und recherchefesten Autor Till Randolf Amelung, entsprechen keinen „Falschbehauptungen“.  Dies behauptet nur Eckert – und  liegt damit falsch. Last but not least: Die sogenannte „Community“ ist viel mehr als ein paar aktivistische Bubbles, in denen Eckert sich zu tummeln scheint. Aber gewisse Zirkel stehen eben nicht für „die“ Community, sondern nur für sich selbst.

In Wahrheit entspringt solches Denken einem totalitären Gestus. Wir, die IQN, fühlen uns einer Community zugehörig, die sich auch intellektuell und wissenschaftlich nicht identitären Gemütsaufwühlungen verpflichtet sieht. Wer andere der „Spaltung“ bezichtigt, fordert damit, sich einem gewissen Konsens zu unterwerfen. Die IQN betreibt aber keine Spaltung, sondern Diversifizierung im Diskurs zur Sache. Eckert fordert also, sich intellektuell zu unterwerfen. Dass gewisse staatssubventionierte Kreise, die sich als „Community“ verstehen, über uns „not amused“ sind, muss nicht verstören: Wer Amüsement möchte, möge einen comedyspezialisierten TV-Sender abonnieren. Hier, bei der Frage, feministische Frauen und Männer bei Verstand als TERFs zu diskreditieren, geht es um Debatten, nicht um Einverständnis mit dem Falschen.

Im Übrigen war Nora Eckert schon einmal Gast bei einem taz Queer Talk und hat die damit einhergehende Promotion für ihr Buch gern in Kauf genommen. Wir lassen eben auch Stimmen wie die einer Nora Eckert zu Wort kommen.

 


Jan Feddersen ist Gründungsvorstand der Initiative Queer Nations und Redakteur für besondere Aufgaben bei der taz.


 

 

 

 


Kein „Weiter so“ beim gender-affirmativen Ansatz!

Ein „Spiegel“-Interview mit dem Psychiater Georg Romer zeigt, dass man in Deutschland am gender-affirmativen Ansatz bei geschlechtsdysphorischen Kindern und Jugendlichen noch festhalten will, ungeachtet der Ergebnisse des britischen Cass-Reports.


(Foto von Mercedes Mehling auf Unsplash)


 

25. April 2024 | Till Randolf Amelung

Der britische Cass-Report bringt weltweit Verfechter*innen frühzeitig eingeleiteter Geschlechtsangleichungen bei Minderjährigen mit Pubertätsblockern in heftige Erklärungsnot (IQN berichtete). Kinderärztin Hilary Cass, die eine Fülle von Studien zur Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Geschlechtsdysphorie auswertete, hielt darin fest, dass die medizinische Evidenz für diesen Behandlungsansatz, der auch als „gender-affirmativ“ bekannt ist, erschreckend schwach ist. Das bedeutet, Risiken und Nutzen sind zu wenig geklärt, die Studienlage ist dafür nicht ausreichend:  Gerade die jungen Menschen, die zum Beispiel Pubertätsblocker bekommen, sind Versuchskaninchen.

 

Kritische Fragen

Auch in Deutschland musste sich nun deshalb der Psychiater Georg Romer, unter dessen Vorsitz neue nationale Leitlinien für geschlechtsdysphorische Kinder und Jugendliche erarbeitet wurden, kritischen Fragen des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ stellen. Darin verkündet Romer, dass die Erkenntnisse des Cass-Reports bereits in die deutschen Leitlinien eingeflossen seien. Die Fragen der Interviewerin und Romers Antworten machen jedoch zweierlei deutlich: Die Ergebnisse des Cass-Reports haben Gewicht, denn Romer muss sich dazu verhalten. Aber: Zu einem grundsätzlichen Hinterfragen des gender-affirmativen Ansatzes scheint Romer gegenwärtig nicht bereit zu sein.

Hilary Cass‘ Untersuchung wurde notwendig, als Englands bis dato einzige Ambulanz für geschlechtsdysphorische Minderjährige von steigenden Anfragen überrollt wurde und der von der ehemaligen Patientin und Detransitioniererin Keira Bell angestrengte Prozess lange ignorierte Warnungen vor schlechten und riskanten Behandlungen ans Tageslicht holte. Weltweit steigen Zahlen von minderjährigen Behandlungssuchenden an, vor allem unter biologischen Mädchen. Über mögliche Ursachen wird in der Fachwelt hitzig debattiert. Im Interview weist Romer für seine Ambulanz allerdings zurück, dass der Anstieg so besorgniserregend stark wäre.

 

Psychisch stark belastete Patientinnen

International hingegen stellt man fest, dass viele dieser geschlechtsdysphorischen Mädchen insgesamt unter erheblichen psychischen Problemen leiden. Der Cass-Report weist etwa auf einen erhöhten Anteil von Autistinnen unter ihnen hin. Bei einigen in Verbindung mit einer krisenhaften Entwicklung einer homosexuellen Orientierung oder schwierigen familiären Verhältnissen. Im gender-affirmativen Modell werden das erlebte Leiden an den körperlichen Geschlechtsmerkmalen oder eine transfeindliche Umgebung für psychische Erkrankungen verantwortlich gemacht. Auch Romers Antwort im Interview schlägt in diese Kerbe: „Da psychische Begleiterkrankungen häufig durch eine Geschlechtsdysphorie mitverursacht sind, wäre es aber unethisch zu verlangen, dass zum Beispiel soziale Ängste oder Depressionen immer erst geheilt sein müssen, bevor man beispielsweise eine hormonelle Behandlung anbietet.“

Der Cass-Report legt jedoch nahe, dass ein Behandlungspfad mit Pubertätsblockern, gegengeschlechtlichen Hormonen und chirurgischen Eingriffen für viele Kinder und Jugendliche Geschlechtsdysphorie nicht die erste Wahl sein sollte. Genau das hat in Großbritannien zu Fehlern und einem häufig fahrlässig zu nennenden Umgang mit den minderjährigen Patient*innen geführt. Sie wurden viel zu schnell medikamentös in Richtung Geschlechtsangleichung geleitet. Für junge Menschen, die zum Beispiel wegen einer abgewehrten homosexuellen Orientierung geschlechtsdysphorisch und in einer Pubertätskrise sind, wäre aber einfühlsame Psychotherapie nötig, anstatt Pubertätsblocker und gegengeschlechtliche Hormone. Bei den meisten Kindern und Jugendlichen löst sich die Geschlechtsdysphorie im weiteren Lebensverlauf wieder auf, das bestätigte zuletzt auch eine niederländische Studie (IQN berichtete). Bei gerade einmal zwei Prozent der untersuchten Studienteilnehmer*innen hat die Geschlechtsdysphorie bis ins Erwachsenenalter überdauert. Das untermauert eindrücklich die schiefe Güterabwägung der Befürworter*innen des gender-affirmativen Modells.

 

Gibt es nur eine Ursache für Geschlechtsdysphorie?

Ein riesiges Problem bleibt, dass Zusammenhänge zwischen Pubertätskrisen, psychischen Erkrankungen und Geschlechtsdysphorie nur monokausal, zu Gunsten von Trans erklärt werden sollen. Grund ist, dass geschlechtsangleichende Behandlungen dank erfolgreicher Bemühungen von Transaktivist*innen weltweit nur über einen menschenrechtsbasierten Zugang verhandelt werden. Das heißt, Transpersonen jeden Alters müssen ohne jede Einschränkung Zugang zu verlangten medizinischen Maßnahmen bekommen. Eine Abwägung unter medizinischen Gesichtspunkten soll nicht stattfinden. Auch ein Zusammenschluss von deutschen Kinder- und Jugendpsychiatern kritisiert diesen ideologischen Hintergrund. Dadurch wird von den gender-affirmativen Behandler*innen gar nicht in Erwägung gezogen, dass Geschlechtsdysphorie als Symptom auch andere Ursachen als Trans haben kann. So gerät die Frage aus dem Blick, für wen die doch erheblichen medikamentösen und chirurgischen Eingriffe wirklich das Richtige sind und wem besser mit anderen Mitteln geholfen ist. Verstärkt wird diese fatale Entwicklung noch durch Gesetze, die Konversionstherapien verbieten und auch Geschlechtsidentität mit einbeziehen. Eine Psychotherapie, die auch andere mögliche Wege außer einer Transition aufzeigen kann, wird von Transaktivist*innen als Konversionstherapie diffamiert. Auch in den deutschen Leitlinien werde eine verpflichtende Psychotherapie als „unethisch und obsolet“ bezeichnet, so die Gruppe kritischer Kinder- und Jugendpsychiater gegenüber der Tageszeitung „Die Welt“.

Doch der Cass-Report sollte eine Warnung sein: Medizin und Ideologie vertragen sich nicht gut. Der gender-affirmative Ansatz wird auch in Deutschland hinterfragt werden müssen.

 


Till Randolf Amelung ist Redakteur des Blogs der Initiative Queer Nations.


 


Todesstoß für den gender-affirmativen Ansatz in Großbritannien

Der britische Cass Review offenbart gravierende Mängel bei der Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit Geschlechtsdysphorie. Fazit: Die Evidenzbasis für den gender-affirmativen Ansatz mit Pubertätsblockern ist sehr dünn, der Umgang mit vulnerablen Patient*innen nicht sorgfältig genug gewesen.


Wie Kinder und Jugendliche mit Geschlechtsdysphorie am besten geschützt werden, darüber wird gestritten. Der Cass Review sagt etwas anderes, als queere Aktivist*innen. (Foto: Aiden Craver auf Unsplash)



22. April 2024 | Till Randolf Amelung


Der 12. April 2024 war für alle ein bemerkenswerter Tag, die sich mit den Entwicklungen um das Transthema befassen: Denn an jenem Tag wurde nicht nur in Deutschland das Selbstbestimmungsgesetz durch den Bundestag gewinkt, sondern auch in Großbritannien der Abschlussbericht des sogenannten „Cass Review“ im britischen Unterhaus besprochen. Dieser Bericht, von der Pädiaterin Hilary Cass koordiniert und verfasst, untersuchte die Behandlungspraxis von Minderjährigen mit Geschlechtsdysphorie in der Tavistockklinik, wurde am 10. April der weltweiten Öffentlichkeit vorgestellt.


Zum Hintergrund: Im Zuge des 2020 von der ehemaligen Patientin Keira Bell angestrengten Gerichtsverfahrens wurde diese Untersuchung vom staatlichen Gesundheitsdienstleister National Health Service (NHS) in Auftrag gegeben. Über mehrere Jahre gab es wiederholt Beschwerden, dass die Minderjährigen, die sich im Gender Identity Developement Service (GIDS) der Tavistockklinik vorstellten, fahrlässig behandelt würden, weil zu schnell auf den Pfad einer geschlechtsangleichenden, vor allem pharmakologischen und chirurgischen Behandlung gesetzt. Doch der NHS reagierte jahrelang genauso wenig, wie die Politik. Kritikerinnen und Kritiker wurden kaltgestellt, wie nun auch Politiker*innen im britischen Unterhaus einräumten. Labour-Politikerin Rosie Duffield sagte, es sei nun an der Zeit für Entschuldigungen.


Umstrittene Behandlungen mit Pubertätsblockern

Im Zentrum von Cass‘ Untersuchung stand der gender-affirmative Ansatz, ein Behandlungsmodell für Kinder und Jugendliche mit Geschlechtsdysphorie und Geschlechtsinkongruenz, d.h. einem tiefgreifenden Unbehagen mit dem biologischen Geschlecht und einer Diskrepanz zwischen Identität und Körper. „Gender-affirmativ“ heißt, grob zusammengefasst, die Aussage über die eigene Identität nicht zu hinterfragen, sondern zu bestätigen. Daraus folgt auch, so früh wie möglich Pubertätsblocker und gegengeschlechtliche Hormone einzusetzen und weitere verlangte medizinische Eingriffe zu ermöglichen. Doch, auch das arbeitet Cass heraus, die Evidenzlage für diesen Behandlungsansatz mit Pubertätsblockern ist bemerkenswert dünn. In Ihrer Einleitung wendet sie sich direkt an die Kinder und Jugendlichen: „Erstens müssen für euch die gleichen Standards gelten wie jeder andere im NHS, und das bedeutet, dass Behandlungen auf fundierten Erkenntnissen beruhen müssen. Ich war enttäuscht über den Mangel an Erkenntnissen über die langfristigen Auswirkungen der Einnahme von Hormoneinnahme in jungen Jahren; die Forschung hat uns alle im Stich gelassen, vor allem aber euch.“


Konzepte für den Umgang mit Geschlechtsdysphorie

Hilary Cass skizziert in ihrem Bericht zutreffend, wie sich der Umgang mit geschlechtsdysphorischen Kindern und Jugendlichen über die Jahrzehnte verändert hat:  Das erste Modell, vertreten von Dr. Susan Bradley und Ken Zucker, geht davon aus, dass kleine Kinder sozusagen formbare geschlechtsspezifische Gehirne haben , und dass die Behandlungsziele darin bestehen können, einem kleinen Kind zu helfen, das Geschlecht zu akzeptieren, das dem Geschlecht entspricht, das ihm bei der Geburt zugewiesen wurde. Das zweite Modell beruht auf der Forschung von niederländischen Ärzt*innen und besagt, dass ein Kind bereits in jungen Jahren Wissen über seine Geschlechtsidentität haben kann, aber bis zur Pubertät warten sollte, bevor es sich auf einen vollständigen Übergang von einem Geschlecht zum anderen einlässt. Das dritte Modell, das aktuell von einem internationalen Konsortium geschlechtsaffirmativer Theoretiker und Praktiker vertreten wird, sieht vor, dass ein Kind in jedem Alter seine authentische Identität erkennen und von einem sozialen Übergang in jedem Entwicklungsstadium profitieren kann.

Das dritte Modell sieht zugleich vor, dass diese selbst erkannte Identität nicht mit psychiatrischer Differenzialdiagnostik hinterfragt werden dürfe, solche Maßnahmen gelten besonders in aktivistischen Kreisen als „Gatekeeping“ bis hin zu „Konversionstherapie“.

Im GIDS  der Tavistockklinik hatte dies zur Folge, dass ein ganzheitlicher Blick auf die jungen Patient*innen fehlte – einer von Hilary Cass‘ wichtigsten Kritikpunkten. Ein ganzheitlicher Blick bedeutet, dass eine sorgfältige psychiatrische und somatische Diagnostik vorgenommen wird und auch der bisherige biografische Werdegang, die sexuelle Entwicklung, die familiären und sozialen Rahmenbedingungen in den Blick genommen werden.


Vulnerable Patientengruppen in Gefahr

Warum dies wichtig ist, zeigt eine im Cass-Report erwähnte systematische Studie zu Patientenprofilen, die an Gender-Ambulanzen überwiesen werden. Demnach gebe es nur wenige Studien, in denen ungünstige Kindheitserfahrungen berichtet würden. Diejenigen, die dieses Thema aufgriffen, hätten ergeben, dass es unter den überwiesenen Minderjährigen einen verhältnismäßig hohen Anteil mit folgenden Merkmalen gebe:

  • Vernachlässigung oder Missbrauch (11-67 Prozent)
  • körperliche Misshandlung (15-20 Prozent)
  • sexueller Missbrauch (5-19 Prozent)
  • Emotionaler Missbrauch (14 Prozent)
  • Psychische Erkrankung oder Drogenmissbrauch der Mutter (53 und 49 Prozent)
  • Psychische Erkrankung oder Drogenmissbrauch des Vaters (38 Prozent)


Auch Keira Bell, die 2020 das Gerichtsverfahren gegen den GIDS anstrebte, war eine Jugendliche mit einem Risikoprofil, sie beschrieb ihre familiären Verhältnisse als prekär. Hinzu kam, dass sie in eine Krise geriet, weil sie aufgrund ihrer sich entfaltenden lesbischen Sexualität nicht in ihr heteronormatives Schulumfeld passte. Das Erleben von Geschlechtsdysphorie ist dann nicht ungewöhnlich. Auch das ist durch frühere Forschung gut belegt. Grundsätzlich ist die Pubertät eine herausfordernde Lebensphase, für einige junge Menschen nochmal umso mehr. Gerade deshalb sollten irreversible medizinische Behandlungen nur mit äußerster Zurückhaltung überhaupt in Erwägung gezogen werden. Auch Hilary Cass hält in ihrem Report fest, dass bei den meisten minderjährigen geschlechtsdysphorischen Patient*innen Maßnahmen wie Pubertätsblocker und Geschlechtshormone nicht die geeigneten Mittel sind.

Wiederholt hat es für den GIDS Warnungen gegeben, dass junge vulnerable, das heißt seelisch labile Patient*innen gefährdet werden, weil sie zu schnell und ohne sorgfältige Differenzialdiagnostik auf einen medizinischen Pfad mit Pubertätsblockern, Geschlechtshormonen und chirurgischen Eingriffen gesetzt würden. Die Journalistin Hannah Barnes lässt in ihrem Buch „Time to think“ mehrere ehemalige Therapeut*innen zu Wort kommen, die berichteten, wie schwierig es innerhalb des GIDS gewesen sei, Kritik anzubringen.


Toxische Debattenkultur

Als „toxisch“ beschreibt Hilary Cass in ihrem Report die Auseinandersetzung um den richtigen Umgang mit geschlechtsdysphorischen Kindern und Jugendlichen: „Es gibt nur wenige andere Bereiche des Gesundheitswesens, in denen Fachleute so viel Angst haben, ihre Ansichten offen zu diskutieren, wo Menschen in den sozialen Medien verunglimpft werden und wo Beschimpfungen das schlimmste Mobbingverhalten hervorrufen. Das muss aufhören. Die Polarisierung und das Abwürgen von Debatten tragen nicht dazu bei, den jungen Menschen zu helfen, die in der Mitte eines stürmischen gesellschaftlichen Diskurses gefangen sind, und es behindert auch die Forschung, die notwendig ist um den besten Weg zu finden, sie zu unterstützen.“ Viel  dazu beigetragen habe auch eine verstärkte Einflussnahme durch aktivistische Lobbygruppen wie „Mermaids“, der gemeinnützigen Organisation für Eltern von Transkindern. Cass‘ Appell nach einer Beendigung der toxischen Debattenkultur scheint leider ungehört zu verhallen:  Am vergangenen Freitag berichtete die „Times“, dass Hilary Cass aus Sicherheitsgründen davon abgeraten worden sei, weiterhin öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen.



Reaktionen auf den Report

In Schottland setzte die Sandyford-Klinik, die auch „Tartan Tavistock“ genannt wird, die Verschreibung von Pubertätsblockern und gegengeschlechtlichen Hormonen an Unter-18-Jährige aus. In Belgien und den Niederlanden werden jetzt ebenfalls Beschränkungen für die Behandlung mit Pubertätsblockern gefordert.

In Deutschland scheint der Cass-Report direkt nach der Veröffentlichung kaum zur Kenntnis genommen worden zu sein – schon gar nicht von den Ampel-Politiker*innen, die am 12. April für das Selbstbestimmungsgesetz abstimmten. Mit dem neuen Gesetz, was im November 2024 in Kraft treten soll, können Minderjährige mit ihren Eltern den Vornamen und amtlichen Geschlechtseintrag ändern lassen, ohne fachärztliche Begutachtung. Dabei kann bereits eine soziale Transition den Weg in eine medizinische festigen. Genau darauf wies auch die Abgeordnete Sahra Wagenknecht (BSW) in ihrer Rede hin und provozierte besonders viele störende und empörte Zwischenrufe von der SPD.

Auch in den deutschen Medien findet die Berichterstattung nur verhalten statt, die Defizite sind vergleichbar, wie beim Selbstbestimmungsgesetz. Einzig die „Zeit“ und die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ brachten je einen Artikel dazu. Auf dem Portal „evangelisch.de“ hingegen durfte kürzlich der Münsteraner Psychiater Georg Romer, der der bekannteste deutsche Verfechter des gender-affirmativen Modells ist, in vollkommener Abwesenheit kritischer Verweise auf den Cass-Report weiterhin für den gender-affirmativen Ansatz werben.

Unterdessen versuchen Transaktivist*innen die Integrität der Arbeit von Hilary Cass in Zweifel zu ziehen und behaupten, dass knapp 100 Studien überhaupt nicht berücksichtigt worden seien. Cass erwiderte auf diese Kritik, dass die Forscher jede einzelne Arbeit begutachtet hatten, aber nur die Ergebnisse derjenigen herangezogen hatten, die von hoher und mittlerer Qualität waren, das waren 60 Studien von 103. Die Journalistin Helen Lewis kommentiert treffend in der US-amerikanischen Zeitschrift „The Atlantic“: „Hat der Cass-Bericht alles richtig gemacht? Die Methodik und Schlussfolgerungen ihrer Forschung sollten wie bei jeder anderen Studie hinterfragt und kritisiert werden können. Aber es ist zweifellos das Werk seriöser Menschen, die sich ernsthaft mit einem heiklen Thema befasst haben. Wenn Sie immer noch der Meinung sind, dass Bedenken hinsichtlich des medizinischen Übergangs bei Kindern nichts weiter als moralische Panik sind, dann habe ich eine Frage: Welche Beweise würden Ihre Meinung ändern?“

In Folge der Untersuchung von Hilary Cass wurde der GIDS der Tavistockklinik geschlossen, stattdessen gibt es nun regionale Ambulanzen, die den von Cass geforderten ganzheitlichen Blick auf die minderjährigen Patient*innen gewährleisten sollen. Auch international zeichnet sich ab, dass ein Festhalten an einem gender-affirmativen Ansatz ohne sorgfältige psychologische Diagnostik und Begleitung immer schwieriger wird. In Deutschland weicht man diesen Entwicklungen aus, das zeigte auch die Pressekonferenz zu den geplanten neuen Leitlinien für Minderjährige mit Geschlechtsdysphorie. Wie lange noch?

 


Till Randolf Amelung ist Redakteur des Blogs der Initiative Queer Nations.


 


Selbstbestimmung im Spiegel der Medien

Am 12. April 2024 verabschiedete der Deutsche Bundestag das Selbstbestimmungsgesetz. In den Medien war zwar dieses Ergebnis die Meldung des Tages, aber im Vorfeld wurde das Thema zu wenig und zu unkundig aufgegriffen. Vielen Bürger*innen ist daher die Tragweite dieses neuen Gesetzes immer noch unbekannt


Foto von Bank Phrom auf Unsplash


 

16. April 2024 | Till Randolf Amelung

Am vergangenen Freitag haben die Ampelparteien im Bundestag ihr Selbstbestimmungsgesetz verabschiedet, mit dem am 1. November 2024 das über 40 Jahre alte Transsexuellengesetz abgelöst werden soll (IQN berichtete). So weit, so bekannt: Volljährige Bürger*innen können zukünftig ihren Vornamen und ihren Geschlechtseintrag per Selbsterklärung auf dem Standesamt abgeben, ohne wie bisher zwei Sachverständigengutachten zu benötigen. Es ist kein Nachweis mehr erforderlich. Bei Minderjährigen bis zum 14. Lebensjahr geben Eltern die Erklärung über den Wechsel ab, ab dem 14. Lebensjahr tun dies Jugendliche*r und Eltern gemeinsam. Es muss bei Minderjährigen noch eine zusätzliche Erklärung abgegeben werden, dass eine Beratung erfolgt sei. Nachgewiesen werden muss dies aber nicht.  Die CDU/CSU lehnte das Gesetz ab, ihre Hauptgründe waren der Verzicht auf jede Überprüfung der Selbsterklärung durch Dritte sowie unzureichende Schutzvorkehrungen für Minderjährige.

Vergleichbare Kritik wird seit Vorstellung der Eckpunkte des nun verabschiedeten Gesetzes im Sommer 2022 vorgebracht. Gerade einige klassische Fraueninitiativen und einzelne Aktivistinnen wiesen energisch darauf hin, dass Änderungen des Geschlechtseintrags auf der Basis der reinen Selbsterklärung ein Sicherheitsrisiko für Frauenschutzräume darstellen können. Ebenso wurde immer wieder auf Risiken einer vorschnellen Bestätigung von Transitionen bei Minderjährigen aufmerksam gemacht. Einige Expert*innen aus Rechtswissenschaften und Medizin bestätigten die vorgebrachten Kritikpunkte ebenfalls. Aus der Bundesregierung wurde jedoch jegliche Kritik zurückgewiesen. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Kritikpunkten fand nicht statt – nicht mal, als CDU/CSU zu Ende 2023 eine Kleine Anfrage mit über 90 Fragen stellten, die sehr deutlich auf die Schwachstellen hinwiesen.

 

Einseitige Berichterstattung

In den deutschen Medien wurde das geplante Selbstbestimmungsgesetz bis zur erfolgreichen Verabschiedung am Freitag eher verhalten aufgegriffen. Tiefergehende Auseinandersetzungen mit den unterschiedlichen Standpunkten gab es nur wenige, auch in den öffentlich-rechtlichen Medien. Ein Tiefpunkt war ein als „Faktenfinder“ deklarierter Text von Januar 2023 im Online-Angebot der ARD-„Tagesschau“, der jedwede Kritik braun anmalen wollte.

Am Verabschiedungstag selbst war das Selbstbestimmungsgesetz allerdings Thema des Tages. In vielen Beiträgen (z.B. im „Merkur)  wurden die Beweggründe der Bundesregierung wiedergegeben sowie die Kritikpunkte der Opposition. Auffallend war, dass die Tragweite dieses Gesetzes, nämlich mit der vollständigen Entkopplung des Geschlechterbegriffs von materiellen Grundlagen, von vielen Medien gar nicht gesehen und daher auch nicht entsprechend eingeordnet wurde. Der Bericht der „Tagesschau“ schließt mit einem Zitat der Antidiskriminierungsbeauftragte des Bundes, Ferda Ataman, dass das Gesetz einer kleinen Minderheit helfe und sich für die allermeisten Menschen nichts ändere. Ähnlich unkritisch ist der Beitrag von Nina Monecke in „Die Zeit“. Zum Ende verweist sie auf andere Länder, in denen bereits eine Form des Selbstbestimmungsgesetzes gibt. „Die Anzahl der registrierten Fälle, in denen Menschen das Gesetz seither missbraucht haben, liegt Regierungsvertretern zufolge im einstelligen Bereich“, behauptet Monecke. Das weitreichende Gesetz wurde also auch in den allermeisten Medien klein geredet, um wohl von der größeren Dimension abzulenken. Denn: Allein für Spanien ist das eine falsche Angabe, dort sind es schon mindestens 41 Männer, die das dortige Selbstbestimmungsgesetz missbraucht haben. Im Deutschlandfunk wollte Kommentatorin Gudula Geuther ebenfalls keine Risiken in dieser Hinsicht sehen, allenfalls die Regelungen für Kinder und Jugendliche sah sie etwas kritischer, weil mitunter zu wenig schützend.

 

Keine kritischen Stimmen

Auch die von Transaktivist*innen vorgebrachte Darstellung, die Gutachten seien per se „entwürdigend“ und verstoßen gegen die Menschenrechte, wird nie hinterfragt. Einige Medien wie „Der Spiegel“, „n-tv“ oder die Deutsche Presse-Agentur ließen Transpersonen zu Wort kommen und eigene Erfahrungen mit dem Transsexuellengesetz schildern – interessanterweise wurden nur junge Transmännner interviewt. Stimmen von Transpersonen, die eine andere Sichtweise auf die TSG-Gutachten oder auf den grundsätzlichen Verzicht von jedweden Nachweisen für eine Personenstandsänderung haben, waren nirgends vertreten.

Auch außerparlamentarische kritische Stimmen wurden in der Berichterstattung kaum abgebildet. Die feministische Aktivistin und Autorin Isabel Rohner berichtete auf X, dass sie von einem Team für das Journal des französisch-deutschen TV-Senders Arte interviewt worden sei, dies aber im späteren Beitrag weggelassen worden wäre. Stattdessen hieß es, das Selbstbestimmungsgesetz habe in der Bevölkerung „breite Zustimmung“.

In den Medien der LGBTIQ-Community gibt es ebenfalls keine kritischen Töne, stattdessen äußern sich Transaktivistinnen wie Nora Eckert auf Queer.de, dass ihnen das Gesetz noch nicht weit genug gehe.

Einen anderen Umgang gab es hingegen allenfalls in konservativ ausgerichteten Medien wie „Die Welt“ oder die „Neue Zürcher Zeitung“. Allen voran „Die Welt“ berichtete auch über die letzten zwei Jahre hinweg ausführlicher über Kritik am Selbstbestimmungsgesetz. Das feministische Magazin „Emma“ begleitet derzeitige Themen rund um Trans schon seit Anfang 2020 kritisch. Wenig überraschend wird dort die Entscheidung des Bundestags als „Katastrophe“ gesehen.

Insgesamt hat die Medienlandschaft zu wenig getan, um eine breite, aber auch differenzierte Debatte über die Tragweite des Selbstbestimmungsgesetz zu fördern. Dies nicht nur durch Einseitigkeit, wenn denn das Thema aufgegriffen wurde, sondern auch durch Nicht-Berichten.

 


Till Randolf Amelung ist Redakteur des IQN-Blog. 


 


Selbstbestimmung im Hauruck-Verfahren

Überrumpelungstaktik der Ampelparteien beim Selbstbestimmungsgesetz erfolgreich

Ohne sorgfältige Debatte und seriösen Umgang mit Kritik wurde das Selbstbestimmungsgesetz am Freitag durch den Bundestag gebracht. Dieses Vorgehen ist eine schwere Bürde für die Akzeptanz von Transmenschen.


Der Queerbeauftragte Sven Lehmann steht man Rednerpult im Bundestag und hält seine Rede für das Selbstbestimmungsgesetz

Der Queerbeauftragte Sven Lehmann hat mit dem Selbstbestimmungsgesetz noch rechtzeitig sein wohl wichtigstes Projekt durchgebracht, nun kann er sich in der CSD-Saison feiern lassen (Foto: Screenshot).


13. April 2024 | Till Randolf Amelung und Jan Feddersen

Das Selbstbestimmungsgesetz hat am gestrigen Freitag nun auch die letzte Hürde genommen, die zweite und dritte Lesung samt Abstimmung im Bundestag. Bundeskanzler Olaf Scholz feierte das auf X: „Wir bringen trans-, intergeschlechtlichen und nicht binären Menschen Respekt entgegen – ohne anderen etwas zu nehmen. So treiben wir die Modernisierung unseres Landes weiter voran. Dazu gehört, Lebensrealitäten anzuerkennen und gesetzlich zu ermöglichen.“

Der Beitrag auf X des Bundeskanzlers vom 12. April 2024 mit zwei von vielen Reaktionen (Foto: Screenshot)

Ab dem 1. November 2024 sollen alle volljährigen Bürger*innen dieses Landes ihren Vornamen und ihren Geschlechtseintrag auf dem Standesamt ändern können, ohne dafür einen medizinischen Nachweis über Transsexualität oder Intersexualität vorlegen zu müssen. Für Minderjährige bis zum 14. Lebensjahr neben Eltern diese Änderung vor, ab dem 14. Lebensjahr Jugendliche gemeinsam mit den Eltern (IQN berichtete). Minderjährige und ihre Eltern müssen zusätzlich eine Erklärung abgeben, dass sie vorher beraten wurden. Ob und welchem Umfang eine Beratung stattgefunden hat, muss nicht nachgewiesen werden.

 

Kritik wurde ignoriert

Mit dem Selbstbestimmungsgesetz wird Geschlecht von einem objektivierbaren, wissenschaftsbasierten Geschlechtsbegriff entkoppelt.  Deshalb übten besonders einige radikalfeministische Frauen harsche Kritik, ebenso die Union. Wer kein Verständnis mehr davon hat, was eine Frau ist, kann nur schwer Zugangsbeschränkungen zu Räumen auf der Basis des Geschlechts aufrechterhalten. Auch „Bild“-Zeitungsredakteurin Maike Klebl sieht deshalb das beschlossene Selbstbestimmungsgesetz als Gefahr für Frauen.  Betroffenenverbänden wie der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität e.V. (dgti) geht das Gesetz hingegen nicht weit genug. Gerade der Hausrecht-Passus, der einzelnen Betreibern geschlechtsspezifische Angebote auf der Basis der biologischen Geschlechts ermöglichen soll, wird als Einschränkung empfunden.

Georgine Kellermann zeigt mit diesem Tweet auf X am 12. April 2024 kein Verständnis für den Beitrag von „Bild“-Zeitungsredakteurin Maike Klebl.

In Bezug auf Kinder und Jugendliche ignorieren Bundesregierung und Transaktivist*innen beharrlich die Entwicklung im Ausland, wo man mittlerweile längst weiß, dass bereits eine soziale Transition die Weichen für eine medizinische stellen kann (IQN berichtete).

 

Ampelkoalition feiert sich selbst

Transaktivist*innen und die Ampelpolitiker*innen feiern sich nun selbst frenetisch. Sie sollten in ihrem Freudentaumel aber nicht übersehen, dass die atmosphärische Grundstimmung rund um die Verabschiedung ihres Selbstbestimmungsgesetzes eine polarisierte ist. Daran ändert es nichts, dass der Queerbeauftragte Sven Lehmann (Bündnis 90/die Grünen) in seiner Rede Organisationen und Verbände aufzählte, die sich für das Selbstbestimmungsgesetz ausgesprochen haben. Insbesondere, da diese den hauptsächlich grünen Reformwünschen wohl auch deshalb Folge leisteten, weil sie allesamt von Fördertöpfen des Bundes wie zum Beispiel „Demokratie leben“ und der Länder abhängig sind. Durch die Verweigerung, eine breite Debatte zu führen und seriös auf Bedenken einzugehen, wurde sehr viel Unmut geschürt. Befürworter*innen des Selbstbestimmungsgesetzes werden auch damit in Verbindung gebracht und nicht mehr so einfach als Autorität akzeptiert werden.

Janine Wissler, Bundesvorsitzende der Partei „Die Linke“, befürwortete das Selbstbestimmungsgesetz am 12. April 2024 auf X. Auch hier gab es in den Kommentaren Widerspruch (Foto: Screenshot).

2017 bei der „Ehe für alle“ war die Grundstimmung eine andere, auch in der Union. Als die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel den Fraktionszwang bei der Abstimmung im Bundestag aufhob, stimmten auch Abgeordnete der CDU/CSU für die rechtliche Gleichstellung von heterosexuellen und gleichgeschlechtlichen Ehen: Die Ehe war quasi über Nacht zu sich selbst gekommen – ein Liebes- und Verantwortungsbund zweier erwachsenen und nicht direkt blutsverwandter Menschen. Die biologische Privilegierung der Ehe – nur heterosexuell orientierte Menschen durften sie eingehen – war getilgt. Die damalige CSU-geführte bayrische Landesregierung erwog zwar eine Verfassungsklage, um die Rechtmäßigkeit überprüfen zu lassen, sah aber später davon ab. Heute wird die Ehe für alle auch im Grundsatzprogramm der CSU anerkannt.

 

Wie entwickelt sich die Akzeptanz?

Ob sich die Akzeptanz beim Selbstbestimmungsgesetz ähnlich entwickeln wird wie bei der Ehe für alle, wird sich zeigen. Die Art und Weise, wie das Gesetz durchgebracht wurde, ist dafür allerdings eine schwere Belastung. Nun wurde es im Parlament beschlossen, jetzt bleibt abzuwarten, welche gesellschaftlichen Folgen es nach sich ziehen wird. Ebenso ist abzuwarten, ob die Gegnerinnen und Gegner dieses Gesetzes aufgeben werden. Im Vorfeld kündigten Fraueninitiativen an, dagegen klagen zu wollen. Und ob man sich in der Union mit der Niederlage im Parlament zufriedengeben wird, ist auch noch offen.

Transaktivist*innen werden in den kommenden Monaten und Jahren möglicherweise lernen, dass Akzeptanz nicht mit der Brechstange zu haben ist. Wer seinerseits weder Achtung noch Respekt für das Wohl, die Grenzen und Bedürfnisse anderer hat, braucht nicht zu hoffen, dass diese einem selbst noch Respekt und Anerkennung entgegenbringen wollen.

 


Till Randolf Amelung ist Redakteur des IQN-Blog. Im November 2023 war er als Sachverständiger im Familienausschuss zum Selbstbestimmungsgesetz angehört worden.

Jan Feddersen ist Gründungsvorstand der Initiative Queer Nations und Redakteur für besondere Aufgaben bei der taz.


 


Self-ID ist ein Fehler

Der Bundestag stimmt am Freitag über das Selbstbestimmungsgesetz ab

Kommt das Selbstbestimmungsgesetz nun doch, nach vielen Momenten der Ungewissheit? IQN-Redakteur Till Randolf Amelung hält dieses Gesetz für einen schweren Fehler, der die Akzeptanz von Transpersonen beschädigt und Frauen und Jugendliche gefährdet.


Im Deutschen Bundestag stimmen Abgeordnete am heutigen Freitag über das Selbstbestimmungsgesetz ab (Foto von hoch3media auf Unsplash).


 

12. April 2024 | Till Randolf Amelung

Was soll anders werden? Künftig können Volljährige für diese Änderungen eine Erklärung auf dem Standesamt abgeben – ohne Nachweis, ob auch wirklich Transsexualität der Grund ist. Minderjährige ab 14 Jahren sollen die Erklärung zusammen mit den Eltern abgeben. Für unter 14-Jährige liegt die Verantwortung dafür sämtlich bei den Eltern. Dazu soll bei Minderjährigen noch ein Nachweis vorgelegt werden, dass sie eine Beratung erhalten haben.

Gegen Ende vergangener Woche kamen Gerüchte auf, dass die Ampel-Koalition sehr bald einen neuen Anlauf zum Durchbringen des Selbstbestimmungsgesetz wagen wolle. Am Dienstag bestätigte es sich – die Bundesregierung will tatsächlich diesen Freitag über dieses hochumstrittene Gesetz in zweiter und dritter Lesung im Bundestag abstimmen. In einer Hauruck-Aktion wurde das Gesetz am Mittwoch mit letzten Änderungen im Familienausschuss vorgestellt und dort durchgewinkt. Die CDU/CSU ist gegen dieses Vorhaben und änderte ihre Position nicht.

Mit diesem Gesetz würde das über 40 Jahre alte Transsexuellengesetz abgelöst, welches von Transaktivist*innen als „Menschenrechtsverletzung“ gewertet wird. Der Grund sind die noch obligatorischen unabhängigen zwei Gutachten und ein Verfahren über das Amtsgericht, die Voraussetzung sind, damit man Vornamen und amtlich registrierten Geschlechtseintrag ändern lassen kann.

So viel steht fest: Transaktivist*innen und der grüne Queerbeauftragte Sven Lehmann wollten ursprünglich, dass schon 14-Jährige ohne Einwilligung der Eltern ihren Geschlechtseintrag wechseln können. Das war jedoch mit dem Koalitionspartner FDP nicht zu machen, vor allem Bedenken hinsichtlich ausreichender Schutzvorkehrungen bei Minderjährigen waren dafür ausschlaggebend. Wahrscheinlich wurde nun deshalb der Nachweis einer Beratung bei Minderjährigen ergänzt. Gerade aus FDP und SPD gab es immer wieder Bedenken, die den Fortgang bei diesem Gesetzesvorhaben seit Vorstellung der Eckpunkte 2022 immer wieder bremsten. 2023 hatte zum Beispiel Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) Bedenken des Bundeskriminalamts eingebracht, dass das Selbstbestimmungsgesetz Straftäter*innen das Untertauchen oder das ‚Verschwinden‘ in den Sicherheitsdatenbeständen ermögliche.  Daher wurde zunächst in den Entwurf reingeschrieben, dass eine erfolgte Änderung des Vornamens und Geschlechtseintrags an die Sicherheitsbehörden gemeldet werden müsse. Dies wurde nach Einwänden des Datenschutzbeauftragten und Beschwerden der Aktivist*innen wieder zurückgenommen.

 

Probleme bleiben bestehen

Die eingebrachten Änderungen am Entwurf lösen das Grundproblem am Selbstbestimmungsgesetz nicht. Volljährige dürfen weiterhin ohne jeden Nachweis ihren amtlichen Geschlechtseintrag ändern. Es gibt keine Maßgabe, wie Standesbeamten mit Selbsterklärungen umgehen können, bei denen erhebliche Zweifel an der Seriosität bestehen. Auf dieses Problem hat zum Beispiel auch die Bundesvereinigung der kommunalen Spitzenverbände in einer Stellungnahme hingewiesen. Unlängst konnte man in Spanien sehen, dass Gesetzeslücken auch tatsächlich genutzt werden. Dort gibt es seit letztem Jahr ein Selbstbestimmungsgesetz. Nun wurde bekannt, dass in der Enklave Ceuta mehrere Soldaten ihren amtlichen Geschlechtseintrag von männlich auf weiblich geändert haben, um in den Genuss von Maßnahmen zur Frauenförderung zu bekommen. Dazu gehört auch ein höheres Gehalt.

In den Niederlanden plante man ein ähnliches Gesetz, jedoch wird dieses Vorhaben jetzt offenbar fallengelassen, weil sich die Probleme mit einem rein selbstbestimmten Verständnis von Geschlecht, ohne objektivierbare, konsistente Definitionen nicht aus dem Weg schaffen lassen (IQN berichtete).

Das Problem des fehlenden Nachweises verschärft sich noch dadurch, dass der heutige Transbegriff stark verwässert und aufgeweicht ist. Wenn es nach Aktivisten geht, soll die Selbstäußerung über das Geschlecht gar nicht mehr hinterfragt werden. Ein objektivierbares, wissenschaftsbasiertes Verständnis von Geschlecht wird vehement abgelehnt, was auch die queeraktivistischen Attacken auf die Biologie immer wieder zeigen (IQN berichtete).

Rahmenbedingungen, wie ein unscharfes Begriffsverständnis machen es umso wahrscheinlicher, dass Gesetzeslücken ausgenutzt werden. Doch dies wird von Verantwortlichen aus der Ampel-Koalition und von Transaktivist*innen stets abgestritten, obwohl einige Frauen vehement auf die Risiken für ihre Schutzräume hinweisen. Insbesondere auf Bereiche wie zum Beispiel Umkleiden, Toiletten oder Pflegesituationen. Da dies so sensible Bereiche sind, reichen bereits wenige Missbrauchsfälle oder nur strittige Fälle aus, um Unruhe zu bringen und Vertrauen zu zerstören. Dadurch kann bisher erreichte Akzeptanz von Transsexuellen gefährdet werden.

 

Risiken für Minderjährige

Der ergänzte Passus des Nachweises über erfolgte Beratung zeigt, dass zumindest Risiken für Minderjährige von den Gestaltern dieses Gesetz nicht mehr in toto ignoriert werden können. Bei einer solchen Beratung muss aber sichergestellt werden, dass es eine tatsächlich ergebnisoffene und nicht nur rein affirmative Beratung ist. Dennoch bleibt der Eindruck, dass die Bundesregierung gerade die Augen davor verschließt, dass vor allem bei Kindern und Jugendlichen die internationalen Entwicklungen zu mehr Vorsicht gemahnen (IQN berichtete).

Der gender-affirmative Ansatz, der neben einer zügigen medizinischen auch eine ebensolche soziale Bestätigung der Geschlechtsidentität empfiehlt, hat eine wacklige Evidenzbasis. Am Mittwoch wurde in Großbritannien der Abschlussbericht des sogenannten Cass Reviews veröffentlicht, der sich mit dem Gender Identity Developement Service (GIDS) der Londoner Tavistockklinik befasst hat. Diese Untersuchung wurde vom National Health Service (NHS) 2020 noch während des Gerichtsverfahrens von Keira Bell beauftragt. Bell war selbst minderjährige Patientin im GIDS, durchlief eine vermännlichende Transition und stellte später fest, dass dies ihre Probleme nicht löste. Doch im GIDS wurden ihr keine anderen Möglichkeiten aufgezeigt als eine Geschlechtsangleichung.

Im Abschlussbericht des Cass Review wird die schwache Evidenz für den gender-affirmativen Ansatz nochmal hervorgehoben. Die Bundesregierung erwidert auf Kritik zwar stets, dass das Selbstbestimmungsgesetz keine medizinischen Maßnahmen regele, aber damit macht es sich die Regierung zu leicht. Der Cass Review stellt auch heraus, dass bereits die soziale Transition, zu der auch die Änderung des Vornamens und Geschlechtseintrags gehört, eine mächtige Intervention ist und die Weichen für medizinische Transitionsschritte stellt. Eine Beratung muss diese neuesten Erkenntnisse und Entwicklungen unbedingt berücksichtigen.

 

Verhinderung des Gesetzes noch möglich

Sollte der Entwurf am Freitag tatsächlich durch den Bundestag gehen, hat das Selbstbestimmungsgesetz eine wichtige Hürde genommen. Allerdings kann noch ein Normenkontrollverfahren beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe beantragt werden. Laut „Juraforum“ wird mit einem Normenkontrollverfahren die Rechtmäßigkeit von Rechtsnormen innerhalb der deutschen Rechtsordnung geprüft. Antragssteller können Gerichte, die Bundes- oder Landesregierungen sein. Ein solches Verfahren könnte das geplante Inkrafttreten zum 1. November 2024 verzögern.

Welchen Ausgang es heute auch immer nimmt: Dieses Gesetzesvorhaben hat für eine vermeidbare Polarisierung gesorgt, und es ist zu hoffen, dass sich diese nicht durch Missbrauchsfälle weiter verstärkt.

 


Im Jahrbuch Sexualitäten 2023 ist der Text „Körperloses Geschlecht – LSBTTIQ auf dem Irrweg“ von Monika Barz erschienen. Darin erklärt sie, warum sie gegen eine Entkopplung des Geschlechtsbegriffs vom Körper ist. Der Essay ist als PDF kostenlos verfügbar


Till Randolf Amelung ist Redakteur des IQN-Blog. Im November 2023 war er als Sachverständiger im Familienausschuss zum Selbstbestimmungsgesetz angehört worden.


 


Mehrheit im niederländischen Parlament für Self-ID weg

Paradigmenwechsel in den Niederlanden?

Auch in den Niederlanden scheint es in der Transfrage einen Kurswechsel zu geben: Anfang April 2024 wurde bekannt, dass die politische Zustimmung zu einem Selbstbestimmungsgesetz schwindet. Und das hat mit einer neuen Studie zu tun, die zeigt, dass Verunsicherungen mit der eigenen Geschlechtsidentität im Teenageralter häufiger sind als bisher bekannt.


Blick vom Binnenhof auf das niederländische Parlamentsgebäude in Den Haag.

Blick vom Binnenhof auf das niederländische Parlamentsgebäude in Den Haag (Foto von Marjoline Delahaye auf Unsplash)


7. April 2024 | Till Randolf Amelung

Unser Nachbar die Niederlande, hat den Ruf, in vielen gesellschaftspolitischen Fragen liberaler als die deutsche Gesellschaft zu sein. Zum Beispiel war Homosexualität dort schon im frühen 20. Jahrhundert weitgehend straffrei. Doch nun berichtete das niederländische Nachrichtenportal „AD“ am 3. April 2024, dass es wohl kein Selbstbestimmungsgesetz in den Niederlanden geben wird.  Die Partei Nieuw Sociaal Contract (NSC) möchte einen Antrag im Parlament für die (transaktivistisch motivierte) Änderung der niederländischen Version des Transsexuellengesetz (TSG) zurückziehen. Mit der Gesetzesänderung wollte man die Transpersonen die Änderung des Vornamens und amtlichen Geschlechtseintrags erleichtern. Wäre der Plan aufgegangen, hätte jeder ab 16 Jahren gegenüber den Behörden erklären können, dass er männlich oder weiblich ist, ohne ein ärztliches Attest vorlegen zu müssen. Nach den derzeitigen Regelungen ist ein ärztliches Attest noch Pflicht. Minderjährige unter 16 Jahren hätten mit der geplanten Reform für die Änderung ihres Geschlechtseintrags die Erlaubnis eines Gerichts gebraucht.

 

Abkehr von Self-ID

Der jetzige Rückzug der NSC von diesem Reformvorhaben ist durchaus bemerkenswert, immerhin stand diese Partei einem Selbstbestimmungsgesetz mal positiv gegenüber. Nach den letzten Parlamentswahlen gibt es keine Mehrheit mehr für eine Reform. Abgeordnete in der NSC sind auch nicht mehr von einer Lösung nach dem Selbstbestimmungsprinzip überzeugt. „Wir sind absolut nicht gegen eine Geschlechtsangleichung“, sagte die Abgeordnete Nicolien van Vroonhoven gegenüber „AD“. „Aber es sollte auch nicht zu einfach sein. Es gibt reale Risiken für die Sicherheit von Frauen. In England zum Beispiel sieht man, dass Männer plötzlich Zugang zu Frauengefängnissen bekommen. Das sollten wir nicht wollen.“

Kritiker*innen halten dies für Schauermärchen. „Das Repräsentantenhaus könnte eine konservative Wende einschlagen“, sagte der D66-Abgeordnete Joost Sneller laut „AD“, „und das Streben nach individueller Freiheit, das für die Niederlande charakteristisch ist, aufgeben. Anscheinend sind die Rechte aller niederländischen Bürger nicht mehr garantiert.“

 

Das „Dutch Protocol“ in der Kritik

Nicht nur in Bezug auf ein Selbstbestimmungsgesetz hat sich die Lage in den Niederlanden geändert. Es gibt auch zunehmend Kritik an einem Behandlungskonzept für Minderjährige mit Geschlechtsdysphorie, also einem tiefgreifenden und andauernden Unbehagen mit den körperlichen Geschlechtsmerkmalen, welches seinen Ursprung in der Amsterdamer Universitätsklinik hat. Dieses Konzept, was als „Dutch Protocol“ bekannt ist, sieht nach gesicherter Diagnostik, dass ein junger Mensch mit hoher Wahrscheinlichkeit Trans ist, den Einsatz von Pubertätsblockern und Geschlechtshormonen vor. Damit soll ihnen Leid durch eine als falsch empfundene Pubertät erspart und ein reibungsloseres Leben im Identitätsgeschlecht ermöglicht werden. Doch das „Dutch Protocol“ steht in der Kritik. In mehreren Ländern haben Untersuchungen gezeigt, dass die medizinische Evidenzbasis schwach ist und Risiken ungeklärt sind. Transaktivist_innen befürworten das „Dutch Protocol“ und verbinden mit diesem einen gender-affirmativen Ansatz. „Gender-affirmativ“ meint, dass die Äußerung eines Kindes oder Jugendlichen über die eigene Geschlechtsidentität von Beginn an bestätigt und nicht hinterfragt wird.

 

Unbehagen mit dem Geschlecht

Nun wurde im Februar dieses Jahres eine Studie veröffentlicht, die zeigt, dass Verunsicherung mit der eigenen Geschlechtsidentität unter Jungen und Mädchen in der Pubertät häufig vorkommt – besonders oft bei Heranwachsenden, die nicht homosexuell sein wollen. Ein Team von Psycholog*innen der Universität Groningen untersuchte die Entwicklung der Unzufriedenheit mit dem Geschlecht, von der frühen Adoleszenz bis zum jungen Erwachsenenalter, und deren Zusammenhang mit Selbstkonzept, Verhaltens- und emotionalen Problemen sowie der sexuellen Orientierung. In die Studie wurden Daten von 2772 Jugendlichen einbezogen, davon waren 53 Prozent biologisch männlichen Geschlechts.

Wichtige Erkenntnisse aus dieser Studie: Personen mit einer zunehmenden geschlechtsspezifischen Unzufriedenheit waren häufiger weiblich und sowohl eine zunehmende als auch eine abnehmende Entwicklung war mit einem geringeren Selbstwertgefühl, mehr Verhaltens- und emotionalen Problemen und einer nicht-heterosexuellen sexuellen Orientierung verbunden. Während die Unzufriedenheit mit dem Geschlecht im frühen Jugendalter häufig vorkommt, nimmt sie im Allgemeinen mit zunehmendem Alter ab und scheint mit einem schlechteren Selbstbild und einer schlechteren psychischen Gesundheit während der gesamten Entwicklung verbunden zu sein.

Die Daten legen nahe, dass Unbehagen/Unzufriedenheit mit dem eigenen biologischen Geschlecht in der Pubertät durchaus häufiger auftritt, weshalb Medikamente wie Pubertätsblocker kein Mittel der ersten Wahl sein sollte. Auch sollte das Unbehagen zunächst ergründet werden, am besten mit kompetenter psychotherapeutischer Begleitung. Dies dürfte gerade Transaktivist_innen sehr missfallen, da sie jedes Hinterfragen als „Konversionstherapie“ und „Gatekeeping“ abkanzeln.

 


Till Randolf Amelung ist Redakteur des Blogs der Initiative Queer Nations.


 


Die Verschlimmbesserung des Regenbogens

Die Progress Pride Flag zerstört die universelle Bedeutung der ursprünglichen Regenbogenflagge. Daher sollte sie so schnell wie möglich wieder verschwinden.


Zwei kleine Ansteck-Buttons liegen nebeneinander. Der linke Button hat die klassischen Regenbogenfarben, der rechte den Progresskeil eingefügt

Die alte und die neue Pride Flag nebeneinander. Foto von Marek Studzinski auf Unsplash


 

6. April 2024 | Till Randolf Amelung

Screenshot vom Tweet des Londoner Bürgermeisters mit dem Foto der kritisierten Flagge

Der Tweet von Sadiq Khan am Transgender Day of Visibility

Zum Transgender Day of Visibility, der jedes Jahr am 31. März begangen wird und dieses Mal auf Ostersonntag fiel, postete der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan auf dem offiziellen X-Account „Mayor of London“ ein Foto mit einer neuen Version der Progress Pride Flag – und bekam ordentlich Gegenwind. Vielen Usern, die diesen Beitrag kommentierten, scheint die Flagge nicht zu gefallen. „Können wir die Flagge bitte wieder in einen Regenbogen verwandeln? Der Regenbogen repräsentiert bereits alle Menschen und stellt somit das gesamte Farbspektrum dar. Jede einzelne Gruppe einzeln hinzuzufügen ist überflüssig und ein schlechtes Flaggendesign “, kommentierte zum Beispiel ein User per Retweet. Die von Khan verbreitete Flagge zeigte nicht mehr nur einen Keil, sondern zwei. Auf der gegenüberliegenden Seite besteht der Keil aus zwei schwarz-braunen Streifen und der Bi Pride Flag.

 

Die Veränderung der Pride Flag

Die ursprüngliche Regenbogenflagge aus dem Jahr 1978 von Gilbert Baker, die weltweit zum ikonischen Symbol der LGBTIQ-Bewegung wurde, hat seit 2018 einen neuen Look. Daniel Quasar, sich als nicht-binär verstehende*r US-amerikanische*r Designer*in, fügte dem Regenbogen einen Keil hinzu, der aus zwei schwarz-braunen Streifen sowie der Transgender Pride Flag besteht. Es gibt noch nachfolgende Abwandlungen, bei denen der Keil weitere Pride Flags integriert, zum Beispiel die für Intergeschlechtliche Menschen oder nun die Londoner Variante. Mit dem neuen Design wollte Quasar Solidarität mit Gruppen zeigen, deren Kampf um gleiche Rechte noch nicht erfolgreich zu Ende geführt ist.

 

Universelle Symbolik

Mit dem zusätzlichen Keil schrumpft der Regenbogen optisch ein, sieht sich gar von zwei Seiten bedrängt. Die hinzugefügten Flaggen stehen allesamt für konkrete Gruppen und Identitäten – im Gegensatz zur ursprünglichen Regenbogenflagge. Baker ordnete jeder Farbe eine bestimmte Bedeutung zu: Rot für Leben, Orange für Heilung, Gelb für Sonnenlicht, Grün für Natur, Indigo für Gelassenheit und Violett für Geist. Damit verkörperte die Flagge universelle Werte und wurde wahrscheinlich genau deshalb ein weltweit bekanntes Symbol mit hohem Wiedererkennungs- und Sympathiewert auch bei Heteros.

Die Regenbogenflagge inspirierte andere, sich ebenfalls Symbole zu schaffen, so zum Beispiel Monica Helms, die die Transgenderflagge kreierte. Immer mehr Subgruppen entwickelten ihre eigene Flagge. Als schließlich vor zehn Jahren insbesondere in Onlineblasen sich als queer verstehende Identitätsbezeichnungen rasant zunahmen, passierte dies auch mit Flaggen. Doch nun scheint es nicht mehr zu genügen, sich eigene Flaggen zu gestalten, mit der man sich als etwas Besonderes herausstellen kann. Jetzt will man sich offenbar an die Popularität der Regenbogenflagge klemmen. Das identitätspolitische Zukleistern des Regenbogens mit anderen Flaggenfarben schert sich nicht einmal um Ästhetik. So wird ohne Not ein erfolgreiches Symbol zerstört.

 

Identitätspolitik zeigt Flagge

Mehr noch: Die Regenbogenflagge gilt inzwischen als veraltet und transausschließend – was sie aber nicht ist. Und wie so oft, kam diese Kritik mit deren Folgen „Top-Down“ zum Ausdruck: Beim Queer Pride vor drei Jahren im schwedischen Malmö war die halbe Stadt mit der verfälschten Flagge geschmückt. Die Anordnung ging von den kommunalen Gleichstellungsbehörden aus. Gruppen, die auf die klassische Regenbogenfahne beharrten, kamen nicht in die Gunst von finanzieller Unterstützung.

Screenshot von Tweet mit Kommentar zur Londoner Prideflag

Ein Userkommentar zum Londoner Design auf X.

Der Politikwissenschaftler Yascha Mounk sieht in Identitätspolitik einen Angriff auf universelle demokratische Werte, weil es ihr nicht gelingt „eine Gesellschaft zu inspirieren, in der wir friedlich zusammenleben, uns wirklich ebenbürtig fühlen und einander als wahre Mitbürger erkennen.“ Die Progress Pride Flag ist eine traurige, grässlich anzusehende Manifestation dieses Irrwegs. Auch ein User kommentierte die Londoner Version der Progress Flag daher treffend auf X: „Was für eine schöne Illustration für den zentralen Fehler der Identitätspolitik.“

Bevor noch weitere Designverbrechen an der Regenbogenflagge begangen werden, sollten wir uns lieber auf gemeinsame, universelle Werte besinnen. Am besten schon in dieser CSD-Saison.

 

 


Till Randolf Amelung ist Redakteur des Blogs der Initiative Queer Nations.